„Queerfront“? Diskriminierung reloaded!
Von Renate Schiefer
Ein Vorwort
Anlässlich heftiger politischer Auseinandersetzungen um eine Veranstaltung mit Ken Jebsen in Aachen im März 2016, an denen auch ein Politikwissenschaftler, der regelmäßig in der Jungle World schreibt, beteiligt war, wurden wir neugierig. Welche politische Stoßrichtung hat die Jungle World inzwischen? Die Ausgabe 8/16 vom 25. Februar 2016 enthielt fünf Artikel zum Syrienkrieg. Die Lektüre brachte es an Licht: Alle haben die eindeutige Tendenz, jede Kritik an der Kriegsführung des Westens lächerlich zu machen. Diese letzlich bellizistische Position wird freilich nicht offen vertreten, sondern polemisch-arrogant als Demontage von Antikriegsargumenten transportiert. Unser Eindruck: So bemüht sich die Jungle World um das Image eines unorthodoxen, intelektuellen, kritisch-linken Organs.
Nun ist in der erwähnten Ausgabe auch der Artikel 'Queerfront der Partikularitäten' zu lesen (http://jungle-world.com/artikel/2016/08/53556.html). Klingt erst mal nur nach einem Wortspiel mit Querfront - und assoziiert damit die Auseinandersetzung um/mit dem Phänomen Jebsen. Wer sich durch den Wust an Szene-Vokabular gearbeit hat, erkennt: Auch hier ist die Zielscheibe alles Linke und Emanzipatorische, die Diskreditierung oder Ursupation linker Begriffe. Deshalb ist es wichtig, hier folgende Analyse zu veröffentlichen:
“Queerfront”? Diskriminierung reloaded!
Ein Kommentar von Renate Schiefer
In dem Artikel “Queerfront der Partikularitäten” polemisiert die Jungle-World-Autorin Melanie Götz in akademischer Diktion gegen die so genannte dritte Welle der Frauenemanzipation.
Was ist „Queer-Theorie“?
Seit den 90er Jahren wendet sich die Queer-Theorie gegen die Festlegung auf binäre Geschlechterrollen (Mann, Frau, schwul, lesbisch), also auch gegen die Identitätspolitik des (weißen) Feminismus und will radikal universalistisch das Ausgeschlossene inkludieren. Damit sind nicht nur alle Formen von Transgender, sondern auch Mehrfachdiskriminierungen wie schwarz, Frau, arm, lesbisch, behindert etc. gemeint.
Die Queer-Theorie wendet sich gegen jede Form der Unterdrückung und wirft dem "alten" Feminismus der zweiten Welle à la Alice Schwarzer vor, eurozentristisch ein Feminismus der weißen besitzenden Frau zu sein. Er dekonstruiert soziale und kulturelle Geschlechterrollen und postuliert als allein gültig die individuelle (aber nicht beliebig änderbare) Selbstdefinition. Judith Butler nennt das "subversive Performanz".
Linke Kritik an der Queer-Theorie
Der Queer-Theorie ist vorgeworfen worden, neoliberale Individualisierung zu betreiben. Ein Gegenargument lautet, dass Frauenrechte auch imperialistisch instrumentalisiert werden und das kritische Potenzial der Queerbewegung keineswegs ausgeschöpft ist. Eine sehr lesenswerte Analyse aus linker Sicht findet sich hier: http://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/Utopie_kreativ/156/156_woltersdorff.pdf
Und die Jungle-World-Kritik an der Queer-Theorie?
Queere Theorie hat besonders in Deutschland einen antifaschistischen und antirassistischen Schwerpunkt. Genau das weckt die polemische Leidenschaft der Autorin des Jungle-World-Artikels. Sie fährt schwere Geschütze mit großer Streuung auf, um die Queerbewegung als antisemitisch und antizionistisch zu diskreditieren. Fassbare, gewichtige Argumente von Melanie Götz gegen den von ihr so genannten "Postfeminismus" muss frau schon akribisch suchen und wohlwollend formulieren:
1. er sei interventionistisch, das heißt punktuell und strategielos
2. betreibe Kulturalisierung des Sozialen, diskursive Herstellung von Kultur, Geschlecht und Identitäten
Unbelegt und unbegründet wirft sie dem "neuen" Feminismus vor
1. im akademischen Millieu eine reine „Lifestyle“-Erscheinung und „gehypt“ zu sein
2. ohne Geschichtsbewusstsein und Gesellschaftskritik gesellschaftliche Zusammenhänge auszublenden
3. im Schulterschluss mit dem islamischen Feminismus - der koran- und schariakompatibel sei - partikular statt universalistisch zu sein
4. dadurch Kulturrelativismus zu betreiben
Allein das Wort "Kulturrelativismus" lässt bei mir sämtliche Alarmglocken läuten, das bedeutet schick formuliert „Leitkultur“ und Polemik gegen „Multikulti“ auf CSU-Niveau.
Und das eigentliche Ziel der Jungle-World-Kritik?
Ziel der Polemik ist wieder mal der Islam, hier Neoislamismus genannt, auf unsere gesellschaftliche Realtität bezogen also die Fremden, die muslimischen Zuwanderer. Aber so leicht will Götz sich nicht fassen lassen. Als Anlass dient ihr der "Silvester-Terror", auf den der "neue Feminismus" (Götz) z.B. mit dem Twitter-Blog der LINKEN-Aktivistin Anne Wizorek http://ausnahmslos.org/ geantwortet hat: "Gegen sexualisierte Gewalt und Rassismus. Immer. Überall. #ausnahmslos".
Das findet Götz "handzahm und wirkungslos". Weil die "neuen" Feministinnen zusammen mit kopftuchtragenden Frauen demonstrieren, weil sie vor der Instrumentalisierung für Rassismus der Kölner Vorfälle gewarnt haben und weil sie gegen "weiß-westlich-imperialistischen, klassistische, cis-sexistischen oder besonders islamophoben Feminismus" (Götz) sind, wirft Götz ihnen vor "unter dem Banner der Hyperprogressiven alles (zu) integrieren, was an leidenschaftlich antiunversalistischem, antiwestlichem und folgerichtig antizionistischem (!!! RS) Potenzial vorhanden ist". Wo der unvermittelte Schluss zu Antisemitismus und Antizionismus die Absicht verrät, wird „Folgerichtigkeit“ behauptet. Weibliche Emanzipation als Waffe gegen das Fremde und Identitätsstifterin für den „Westen“.
Götz bemüht als eine Kronzeugin Alice Schwarzer, die die Islamisten als Drahtzieher der Kölner Übergriffe sieht, denn deren Hauptangriffspunkt sei die Brechung der emanzipierten weißen Frau und die Störung der deutschen Willkommenskultur ( zum Beispiel hier http://www.aliceschwarzer.de/artikel/ist-jeder-muslim-ein-sexualverbrecher-331455).
Und endlich wird Jungle-Worlds-Sehnsucht offenbar: "Bruch mit jener sich progressiv und links gerierenden Queerfront der Partikularitäten aus Pseudofeminismus, Antiimperialismus, Islamismus und Antisemitismus". Im Umkehrschluss als lieber reaktionär geoutete Abgrenzung des Mainstreams aus Alice-Schwarzer-„Feminismus“, Imperialismus, Antiislamismus und Unterstützung israelischer Besatzungspolitik gegen alle Andersdenkenden und –lebenden?!
Ärgerlich: Statt Analyse nur eine Vereinnahmung linker Begriffe
Dieser Artikel ist infam und macht richtig wütend, weil er linke Begriffe - "emanzipatorisch, geschichtsbewusst, gesellschaftskritisch, Dialektik, Herrschaftsstrukturen, Revolution" - für sich in Anspruch nimmt, der angegriffenen Seite vorwirft, all dies eben nicht zu sein oder zu können. Das Gegenteil ist richtig. Götz macht nicht die geringste Andeutung einer Analyse der herrschenden Machtverhältnisse zwischen Mann und Frau, reich und arm, Kapitalist oder Lohnabhängiger hierzulande, nicht ein Wort über Kapitalismus und imperialistischer Unterdrückung muslimischer Staaten durch den Westen, nicht ein Wort über die kapitalistische Ausnutzung der Migranten, um zusätzlich Druck auf schon hier ansässige Arbeiter auszuüben.
Und völlig verlogen ist die Gleichsetzung von neuem Feminismus, " Pseudo- oder Antifeminismus", mit Antisemitismus, von Antiimperialismus mit Islamismus.
So geht Verleumdung. Es zieht bei naiven oder unkundigen Leser*innen natürlich nur, wenn fortwährend begriffliche Nebelbomben geworfen worden.
Mit dem allerdings raffinierten Wortspiel von der "Queerfront der Partikularitäten", wird das Queer-Thema, das im „Silvesterthema“ gar keine Rolle spielt, tatsächlich aber gerade universalistisch ist, desavouiert, und zugleich der "Querfrontvorwurf", der derzeitige Inbegriff der Diffamierung, okkupiert. Der Titel ist wirklich schlau. Identitär wird emanzipatorisch und „queer“ wieder pervers (die ursprünglich Bedeutung des englischen Wortes „queer“, das die queere Bewegung provokativ besetzt und befreiend umgedeutet hat).
Tja, so funktioniert das. Und dagegen mit redlicher Aufklärung anzukämpfen, ist mühsam.
Unter dem Namen „Götz“ schreibt sie übrigens - aber zahmer - auch in der Taz. Wie schön, wir wüssten gerne mehr über sie - aber leider ist nirgends etwas zu finden.