Die Zigarrenfabrikarbeiterinnen von Hallein
Buchtipp von Dieter Braeg
Das Buch zählt zu den österreichischen Pionierstudien der Oral History und rekonstruiert im Dialog mit einer heute historischen, noch vor dem Ersten Weltkrieg geborenen Arbeiterinnen-Generation ein eindrückliches Stück Frauengeschichte, Sozial- und Alltagsgeschichte, Gewerkschafts und Industriegeschichte.
In den Blick kommen die selbstbewussten, gewerkschaftlich gut organisierten, protestbereiten und solidarisch agierenden Zigarrenarbeiterinnen aus dem österreichischen Salinenort Hallein, der nahe der bürgerlichen Festspielstadt Salzburg liegt. „Die Zigarrenfabriklerinnen sind berühmt gewesen …“, heißt es dort noch heute.
Die Bezeichnung „Tschikweiber“ hat ihnen der intensive Tabakgeruch eingetragen, der sich in ihrer Arbeitskleidung festsetzte und schon von Weitem wahrzunehmen war, wenn sie zu Hunderten die Fabrik verließen.
Die Historikerin Ingrid Bauer hat in den 1980er-Jahren ausführliche lebensgeschichtliche Gespräche mit diesen Frauen geführt: über ihre Erfahrungen in der Kindheit, die alltägliche Routine der Kargheit und wie Arbeiten von klein auf gelernt wurde. Über ihre Rechtlosigkeit „im Dienst“, Leben und Überleben in der Provinz und erste Ausbruchsversuche. Über die begehrten, weil gut bezahlten Frauen- Arbeitsplätze in der staatlichen Zigarrenfabrik und die damit verbundene Hoffnung, endlich einmal zu jenen zu gehören, denen es besser geht. Über Arbeitsstolz, Solidarität und andere subversive Versuche, die Belastungen des Akkords zu unterlaufen. Über den hohen gewerkschaftlichen Organisierungsgrad in der Fabrik und widerständige Strategien, der „Falle Mutterschaft“ zu entgehen.
Es sind starke Geschichten, die in diesem Buch lebendig werden und unter der Oberfläche des regionalen Fallbeispiels Grundsätzliches erzählen: über Festlegungen und Spielräume, Zwänge und Hoffnungen, Anpassung und Widerstand von Frauen/Arbeiterinnen, deren Lebensgeschichten verwoben sind mit den beiden Weltkriegen und der Zeit – des Hungers und der Trümmer – danach, mit Inflation, Weltwirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit der Zwischenkriegszeit, mit der Herrschaft der Austrofaschisten und Nationalsozialisten.
Und: Es sind Geschichten, die auch in der Gegenwart, in einer Zeit, in der es in vielen gesellschaftlichen Bereichen neuer Formen von Solidarität, wachem Widerstandsgeist und konstruktiven Einsprüchen bedarf, anregend bleiben.
Die Buchmacherei 􀕴
Erweiterte Neuausgabe, 326 Seiten, 37 Abbildungen, 20 Euro.
ISBN 978-3-00-049940-1.Die Buchmacherei, Berlin 2015.
Dem Buch ist eine Daten -DVD beigelegt. Sie enthält das Textbuch zum Theaterstück „Tschikweiber“ (Text & Regie: Gerd Hartmann/Christa Hassfurther, 2001).
Dazu umfasst sie zwei Dokumentarfilme: „Nicht stillhalten, wenn Unrecht geschieht“ (Uwe Bolius/Robert Angst, 2002) und „Festveranstaltung zum 100. Geburtstag“ (Helfried Hassfurther). Die Filme widmen sich dem Leben der Halleiner Zigarrenarbeiterin, Betriebsrätin und Widerstandskämpferin Agnes Primocic.
BUCHVORSTELLUNG und Filmvorführung mit Frau Prof. Dr. Ingrid Bauer am 4.12.2015 um 20 Uhr in der ARGEkultur Salzburg, Ulrike-Gschwandtner-Straße 5, 5020 Salzburg, im Rahmen der
"Kritischen Literaturtage Salzburg" vom 4. bis 6. Dezember 2015.
Einzelbestellungen und Buchhandelsbestellungen aus Österreich werden schon jetzt entgegengenommen. Die Auslieferung erfolgt direkt aus Österreich. Mehr Infos und Bestellung unter:
„www.diebuchmacherei.de“.