Verkaufte Arbeiterklasse 1933 und sozialdemokratische Bewusstseinsspaltung
von Reinhold Schramm
...im Kapitalfaschismus, gestern wie heute
Viele Gewerkschafter, so schreibt Franz Jung, Autor und Grenzgänger des Sozialismus, in seinen biographischen Aufzeichnungen über den ‘letzten Aufmarsch’ am Maifeiertag 1933, hätten „den Abend vorher im stillen Abschied gefeiert, von der Gewerkschaft, von der Partei, vom Sozialismus, mit Bier und Korn, in den Stammlokalen.“ [1]
Die Selbstaufgabe der sozialdemokratischen Gewerkschaftsführung, die zu keiner Verteidigung ihrer Linien gewillt gewesen war und die nicht einmal mehr die Kraft fand zu einer defensiven Strategie, einer Verweigerung und des Widerstands [2], lähmt die Mitglieder und untergräbt ihre Bereitschaft zum wirksamen Einstehen gegen die kapitalfaschistische Staatsmacht. [3]
Erst als sich der Eindruck verfestigt, dass die sozialdemokratische Arbeiterbewegung unfähig zum kollektiven Widerstand, dass sie politisch isoliert und als Handlungsgröße paralysiert ist, entschließt sich das kapitalfaschistische Regime zum Generalangriff auf die sozialdemokratischen „freien“ Gewerkschaften. -
Die ADGB-Gewerkschaften demonstrierten fortgesetzt ihre politische Schwäche durch Verzicht auf aktiven Widerstand gegenüber der kapitalfaschistischen Staatsmacht und durch einen Verhaltensmodus, den Beier im Hinblick auf den sozialdemokratischen Vorstand des ADGB eine „Politik der ideologischen Anbiederung“, gekrönt durch eine „Praxis der erfolgreichen Anpassung“ nennt. (Vgl.) [4]
(Eine notwendige Modifikation, vgl.)
Anmerkungen
1 Franz Jung: Der Weg nach unten. Aufzeichnungen aus einer großen Zeit. In: Schriften. Bd. I. Hrsg., zusammen mit Klaus Behnken, von Petra und Uwe Nettelbeck. Salzhausen 1981, S. 616. / Siehe hierzu: Eberhard Heuel, Der umworbene Stand. Die ideologische Integration der Arbeiter im Nationalsozialismus 1933-1935. Vgl. I. Die Feier des 1. Mai 1933: Vom ‘Internationalen Kampftag der Arbeiterklasse’ zum ‘Feiertag der nationalen Arbeit’, S. 42.
2 Zur Strategie der Anpassung in den (sozialdemokratischen) Führungsgremien des ADGB siehe Teil II. Kap. 1., in: E. Heuel, Der umwobene Stand. Die ideologische Integration der Arbeiter {...}. Am 15. April 1933 begrüßt der (sozialdemokratische) Bundesvorstand des ADGB den 1. Mai 1933 in seiner staatlich organisierten (kapitalfaschistischen) Form; am 19. April 1933 ruft der (sozialdemokratische) Bundesausschuss des ADGB die Mitglieder zur aktiven Teilnahme an den kapitalfaschistischen („nationalsozialistischen“) Maifeiern auf. -
Später kommentierte der (kapitalfaschistische) Chronist den Anpassungskurs des (sozialdemokratischen) ADGB zum 1. Mai 1933 mit beißendem Spott: „Der bisherige Träger der marxistischen Klassenkampfmaifeiern, der A.D.G.B., also der verschworene Gegner des deutschen Maifeiertages von 1933, hat in ekler Würdelosigkeit auch seinerseits zur Beteiligung an diesem demonstrativ gerade gegen ihn gerichteten Tag ‘aufgerufen’!“ Vgl.: Die Befreiung des deutschen Arbeiters. 2. Mai 1933. Ein Rechenschaftsbericht der N.S.B.O.. Im Auftrage der Obersten Leitung der P.O. (N.S.B.O.) hrsg. und bearb. von Oskar Krüger. München 1934.
3 Vgl. Eberhard Heuel: Der umworbene Stand. Die ideologische Integration der Arbeiter {...}, S. 42/43 und Anmerkungen.
4 Gerhard Beier: Das Lehrstück, 1975, S. 29. Siehe E. Heuel: Der umworbene Stand. Die ideologische Integration der Arbeiter {...}. Vgl.: II. Die Zerschlagung der Gewerkschaften und der Aufbau der deutschen Arbeitsfront, S. 192/193 und Anmerkungen.
Vgl. Quelle: Der umworbene Stand. Die ideologische Integration der Arbeiter im Nationalsozialismus 1933-1935. Autor: Eberhard Heuel. – Frankfurt/Main; New York: Campus Verlag 1989 (Campus Forschung, Bd. 636) Zugl.: Marburg, Univ., Diss., 1988. / Die Dissertation unter dem Titel: »Der umworbene Stand. Akzeptanzprobleme nationalsozialistischer Arbeiterpolitik und ihre ideologischen Bewältigungsversuche 1933-1935« Zur Veröffentlichung wurde die Arbeit gekürzt.
[1] 'Vorwärts' - 16.2.1933 Verbotsmitteilung
http://archiv.spd-berlin.de/geschichte/alben/zeitungen/#preview_row_0
www.kritisches-netzwerk.de/forum/spd-erwaegt-selbstaufloesung-um-massenaustritten-zuvorzukommen