„Mitbürger!“ – „Sorgt für Ruhe und Ordnung!“
von Reinhold Schramm (Bereitstellung)
Aus dem Aufruf des Vorstands der SPD vom 4. November 1918, die Verhandlungen über die Abdankung des Kaisers nicht durch Kampfhandlungen zu stören
»Arbeiter! Parteigenossen!
Durch unterschriftslose Flugblätter und durch Agitation von Mund zu Mund ist an euch die Aufforderung ergangen, in den nächsten Tagen die Betriebe zu verlassen und auf die Straße zu gehen. Wir raten euch dringend, dieser Aufforderung nicht zu folgen [...]
Wie ihr alle aus den Zeitungen wisst, hat Genosse Scheidemann im Einvernehmen mit der Partei dem Reichskanzler empfohlen, er möge dem Kaiser raten zurückzutreten. Über diese Frage schweben in diesem Augenblick noch wichtige Verhandlungen.
Arbeiter, Parteigenossen!
Wir fordern euch auf, diese Verhandlungen nicht durch unbesonnenes Dazwischentreten zu durchkreuzen.«
Vgl. Dokumente zur deutschen Geschichte, 1917 – 1919 / Dokumente und Materialien zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, II/2, 289 f.
Aufruf Friedrich Eberts vom 9. November 1918 zur Wahrung von „Ruhe und Ordnung“
»Mitbürger! Der bisherige Reichskanzler Prinz Max von baden hat mir unter Zustimmung der sämtlichen Staatssekretäre die Wahrnehmung der Geschäfte des Reichskanzlers übertragen. Ich bin im Begriff, die neue Regierung im Einvernehmen mit den Parteien zu bilden, und werde über das Ergebnis der Öffentlichkeit in Kürze berichten.
Die neue Regierung wird eine Volksregierung sein. Ihr Bestreben wird sein müssen. Dem deutschen Volke den Frieden schnellstens zu bringen und die Freiheit, die es errungen hat, zu befestigen.
Mitbürger! Ich bitte euch alle um eure Unterstützung bei der schweren Arbeit, die unser harrt. Ihr wisst, wie schwer der Krieg die Ernährung des Volkes , die erste Voraussetzung des politischen Lebens, bedroht.
Die politische Umwälzung darf die Ernährung der Bevölkerung nicht stören.
Es muss die erste Pflicht aller in Stadt und Land bleiben, die Produktion von Nahrungsmitteln und ihre Zufuhr in die Städte nicht zu hindern, sondern zu fördern. Nahrungsmittelnot bedeutet Plünderungen und Raub, mit Elend für alle! Die Ärmsten würden am schwersten leiden, die Industriearbeiter am bittersten getroffen werden.
Wer sich an Nahrungsmitteln oder sonstigen Bedarfsgegenständen oder an den für ihre Verteilung benötigten Verkehrsmitteln vergreift, versündigt sich aufs schwerste an der Gesamtheit.
Mitbürger! Ich bitte euch alle dringend: Verlasst die Straßen!
Sorgt für Ruhe und Ordnung!«
Vgl. Dokumente zur deutschen Geschichte, 1917 – 1919. VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1975. / Dokumente und Materialien zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, II/2, S.333. Berlin 1966.