Libertäre Medienmesse: “Anarcho-Kapitalisten segeln unter falscher Flagge”
von Ronja Mercedes Nabert ruhrbarone - Gastautorin
Zwischen dem 29. und 31. August wird in der Zeche Karl in Essen die dritte libertäre Medienmesse stattfinden.
In unserem Interview erklärt Hans, einer der Veranstalter, warum. Und nebenbei ein bisschen, was Anarchismus bedeutet.
Das Internet ist so etwas wie die größte Messe der Welt. Mit Anhängern des Primitivismus oder Öko-Anarchismus ist bei der LiMesse doch bestimmt nicht zu rechnen. Um was geht es Euch?
Im Internet gibt es zwar schon sehr viel, aber noch gibt es doch zahlreiche weitere Medien. Eben diesen wollen wir eine Plattform geben. Natürlich ist das nicht alles. Das wichtigste an einer Messe ist ja der persönliche Kontakt. Das Ziel der ersten Libertären Medienmesse, nämlich zu helfen eine effektive Selbstorganisation von Medienschaffenden mit an zu stoßen, haben wir ja damals leider nicht erreicht. Inspiriert durch die Messe entstand zum Jahreswechsel 2010/11 die Gǎi Dào als neues anarchistisches Monatsmagazin, das gleich mehrere Medien nutzt. Jetzt, auf der dritten Libertären Medienmesse stellt sich auch die tatsächlich entstandene “Anarchistische Föderation Rhein/Ruhr” vor. Neben einer dreimonatigen Kampagne mit dem Titel “Zeit für Plan A” (Winter 2013) haben sie aktuell im August 2014 auch noch eine Kampagne mit dem Titel “Heute wie vor hundert Jahren: Krieg dem Krieg!” veranstaltet.
Seit der ersten Libertären Medienmesse ist die Öko-Anarchistische Fraktion übrigens mindestens durch die Graswurzelrevolution (GWR) vertreten. Auch dieses mal hat die GWR einen eigenen Stand. Darüber hinaus wird es aus dem Öko-Anarchistischem Spektrum auch Veranstaltungen auf der Messe geben.
Wenn Ihr gerade keine Medienmessen veranstaltet, veranstaltet Ihr Büchermessen. Werden Bücher heute noch gelesen?
Ja. Und ich glaube das liegt nicht nur daran das sich ein Buch in der Hand einfach immer noch besser anfühlt als eBook, Pad oder Smartphone. Noch ist es so, dass die Akkulaufzeit eines Buches einfach unschlagbar ist. Außerdem kann man selbst bei größter Sonneneinstrahlung lesen und auch der Winkel spielt im Bereich von bis zu 180° so gut wie keine Rolle. Unschlagbar auch die Funktion “Seite, die ich zuletzt gelesen habe, wieder finden”. Viele Bücher liefern diese Funktion direkt kostenlos mit. Im Ausnahmefall kann man diese aber jederzeit upgraden. Und, im Gegensatz zu den anderen Lesegeräten, ist die Startzeit, sollte man es mal ganz ausgeschaltet haben, bei weit unter einer Sekunde!
Das Gerücht, dass “Anarchie gleich Chaos” sei hält sich in Deutschland hartnäckig. Von Menschen die herrschaftsfreie Strukturen anstreben solle man sich besser fernhalten und niemand weiß dagegen so recht etwas zu unternehmen. Zieht die LiMesse üblicherweise nur Genossen an oder kommen auch Menschen aus Interesse vorbei?
Unserer Erfahrung nach ziehen wir ein breites Publikum an. In den letzten Jahren ist ja, aus verschiedenen Gründen, das Interesse an “Anarchie” weltweit wieder gestiegen. Das merken wir natürlich auch auf den Messen. Es kommen Menschen aller Altersklassen, die sich zum Teil zum ersten Mal in ihrem Leben mit dem Thema auseinandersetzen (wollen). Ihnen, wie auch den langjährigen Aktivist*innen wollen wir den Zugang zu den verschiedenen Medien ebenso erleichtern, wie einen Raum zum Kennenlernen und Vernetzen bieten.
Die diesjährige Veranstaltung ist geziert von den Schlagworten “Frauen.Arbeit.Migration” und auf Ihrer Website ist dabei die Rede von einem Themenkomplex. Wird der Schwerpunkt dieses Mal schlicht die Mehrfachdiskriminierung weiblicher Migranten auf dem Arbeitsmarkt sein? Oder was ist der Zusammenhang?
Die Idee hinter dem Themenkomplex “Frauen.Arbeit.Migration.” ist der, das jedes dieser Schlagworte schon ein umfassendes Thema für sich ist. Bei uns im Ruhrgebiet, treffen diese drei Themenkomplexe aber auf verschiedenste Art und Weise immer wieder neu zusammen. Die dreifache Diskriminierung als Arbeiterin, Frau und Migrantin könnte so durchaus ein Thema auf der Messe sein. Bei der Themenwahl lassen wir aber ein möglichst weites Feld offen. So können auch Vorträge, Workshops, Lesungen usw. usf. angeboten werden, die sich nur mit einem dieser drei Komplexe beschäftigen, die zwei von ihnen frei kombinieren, die alle drei miteinander verbinden oder gar noch einen vierten oder fünften Komplex mit einbringen.
Wie das Programm am Ende genau aussehen wird, könnt ihr in den nächsten Tagen auf unserer Homepage erfahren. Ab Ende Juli wollen wir so nach und nach die Veranstaltungen bekannt geben.
Auf diese drei “Sorgenkinder” konzentrieren sich sehr viele „Linke“. Gibt es Ansätze, diese Probleme staatlich bzw. minarchistisch dauerhaft unter Kontrolle zu kriegen?
Zum einen würde ich diese Felder nicht als “Sorgenkinder” bezeichnen wollen. Zum anderen bezweifle ich, das sich wirklich “viele Linke” darauf konzentrieren. Vielmehr denken wir, dass diese Themen schlussendlich viel zu wenig in der öffentlichen Debatte präsent sind. Unserem libertären Anspruch verpflichtet, suchen wir auch keine staatlichen Lösungen (auch keine minarchistischen). Wir leisten uns den Luxus in die Fähigkeiten der Menschen zu vertrauen, sich selbst organisieren zu können. Unsere Messe, die ja auch zu 100% selbstorganisiert ist, ist nur ein Beispiel dafür, dass dies tatsächlich geht. Viele andere Beispiele, wie die Fabrik Vio.me in Griechenland, sind unter diesem Aspekt sicher viel spektakulärer. Die Tendenzen zur Selbstorganisation sind aber natürlich nicht neu. Sie haben historische Vorläuferinnen und wir finden diese nicht nur in Europa. Auf der Messe werdet ihr u.a. auch zu diesem Themenkomplex viele interessante Medien finden.
Dass der Diskussionsstoff nie ausgeht und die Ideen immer weiter gestrickt werden, ermöglicht Euch die Zeche mit einem derartigen Konglomerate an Informationen zu füllen. Wo, beim Freiheitsbegriff, ist Euer Konsenz?
Die Ablehnung jeder Form der Ausbeutung und Unterdrückung des Menschen durch den Menschen ist das, was wir ablehnen.
Positiv ausgedrückt, sind wir für den freien Zusammenschluss auf föderaler Basis, also ohne ein Zentrum zu bestimmen, sondern als Netzwerk. Das könnte man so als unseren kleinsten gemeinsamen Nenner bezeichnen.
Darüber hinaus haben wir im Detail sicher alle sehr verschiedene Ansätze, wie das ggf. zu realisieren ist oder was davon und wie schon heute machbar ist. Einige von uns beziehen auch andere Tiere mit in ihre Überlegungen mit.
Ich sah kürzlich, völlig überraschend, auf Facebook das Logo der LiMesse bei einer Fürsprecherin dieser sich selbst als Friedensbewegung bezeichnenden Initiatoren der neurechten Montagsdemonstrationen.
(Lacht) Das ist ja nun keine Frage. Aber ich ahne worauf du eventuell hinaus willst. Mit der Entscheidung, unsere Werbematerialien im Internet zu veröffentlichen, haben wir natürlich auch ein Stück weit die Kontrolle darüber abgegeben. Jede und jeder kann sich die entsprechenden Daten von unserer Homepage holen und benutzen. Da ich nicht weiß, um wen es sich dabei konkret handelt, gehe ich mal davon aus, das es eine Person ist, die vielleicht noch schwer auf der Suche nach Alternativen zu dem als “falsch” Erkannten ist. Bei einer solchen Suche könne viele Irrwege beschritten werden, vor allem dann, wenn man noch über keine Richtschnur verfügt.
Ich wollte Euch ganz einfach die Möglichkeit geben, Euch von diesen Menschen zu distanzieren, was Du hiermit getan hättest. Die Begriffe Anarchismus und Libertarismus vereinen unter sich zahlreiche Strömungen und Streitpunkte.
Gibt es anarchistisch-geprägte Ausrichtungen, mit deren Vertretern Ihr keinen Störtebecker-Kaffee trinken würdet?
An dieser Stelle will ich darauf hinweisen das wir nichts (!) mit dem sogenannten “Libertarimus” zu tun haben. Wir verwenden den Begriff “libertär” in seiner ursprünglichen Bedeutung als Synonym für “anarchistisch”. Dabei bedeutet für uns “Anarchie” ganz klar die Ablehnung jeder Form der Ausbeutung und Unterdrückung des Menschen durch den Menschen. Sogenannte “Anarcho”-Kapitalisten fallen da eindeutig aus der Definition heraus, da sie so überhaupt kein Problem mit der Ausbeutung von Menschen haben. Sie segeln unter Falscher Flagge, wie auch die selbsternannten “Anarcho-Stalinisten” (die zugegebener Maßen seit ein paar Jahren ausgestorben zu sein scheinen) und die leider immer noch existierenden “Anarcho”-Nationalisten. Alle drei begehen einen leicht zu durchschauenden Etikettenschwindel. Sie sind aber einfach nur Kapitalisten, Nationalisten oder Stalinisten und manchmal mischen sie sich auch noch.
Um jetzt aber noch kurz deine Frage zu beantworten: Es gibt keine anarchistische Strömung, die wir ausgrenzen würden.
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