Gesamthafenbetrieb: „100 Jahre Sozialpartnerschaft !“ – Wie bitte?
von Institut für Arbeit - ICOLAIR
Info Nr. 196
Geschichtsfälschungen und glatte Lügen zum GHBV Bremen und Bremerhaven –
Was sagt die Gewerkschaft Ver.di?
Das ist schon bemerkenswert:
Seit dem 30.3.2014 soll nach Auffassung des Gesamthafenbetriebs Bremen/Bremerhaven in den Unterweserhäfen 100 Jahre „Sozialpartner- schaft“ existieren. So jedenfalls verlautete es auf einer Feier, die soeben im Bremer Rathaus zugunsten dieses angeblichen Jubiläums stattfinden durfte. Nun ist eigentlich klar, was das ist oder sein soll: „Sozialpartnerschaft“.
Nämlich mindestens:
Gleiche Augenhöhe von Gewerkschaften und Unternehmern. Ohne anerkannte freie Gewerkschaften und ohne Tarifverträge und Tarifautonomie keine „Sozialpartnerschaft“. Und es ist allgemein bekannt, dass am Vorabend des Ersten Weltkrieges und mitten in der sog. Kaiserzeit Gewerkschaften weder politisch noch rechtlich anerkannt waren. Und Bremen und Bremerhaven bildeten da weiss Gott keine Ausnahme.
Mit der Gründung des sog. Hafenbetriebsvereins, auf den sich Geschäftsführer Peter Marx bezieht, wurden weder „feste Löhne und soziale Absicherung der Hafenarbeiter“ eingeführt (wie soeben in den lokalen Medien zu lesen war) noch nahmen bremische Hafenunternehmer „aus der sozialen Verantwortung heraus“ Verbesserungen der Arbeitsbedingungen der Hafenarbeiter vor. So aber Herr Marx, der laut Weser-Kurier sogar meint, dass man das angebliche Jubiläum „ohne wenn und aber“ als 100jährige Sozialpartnerschaft bezeichnen könne.
Gewerkschaften wurden in Deutschland erst durch eine Verordnung des Rats der Volks- beauftragten nach der sog. Novemberrevolution im Jahre 1918 anerkannt. Der GHB selbst wurde erst 1935 gegründet, allerdings zu einer Zeit, in der Gewerkschaften wieder ganz verboten und viele Gewerkschafter in KZ’s interniert waren. Erst 1950 – also nach der Befreiung Deutschlands vom Faschismus – kam es zur Gründung des Gesamthafenbetriebs wie wir ihn heute kennen und zwar auf der Grundlage einer Vereinbarung der Gewerkschaft ÖTV und der Hafeneinzelbetriebe.
Der Hafenbetriebsverein des Jahres 1914 diente lediglich den Interessen der Hafen- arbeitgeber. Die Zentralisierung des sog. Arbeitsnachweises hatte sogar den Zweck, die Kontrolle über missliebige Hafenarbeiter und Gewerkschafter zu erleichtern (wie man in der in wenigen Wochen erscheinenden Geschichte der Hafenarbeit von Rolf Geffken in der Bremer Edition Falkenberg nachlesen kann). Gerade die bremischen Hafenunter- nehmer und Reedereien taten sich noch im Kaiserreich als besonders gewerkschafts- feindlich hervor, führten sog. 'Schwarze Listen' und wehrten sich entschieden gegen die Einführung der Koalitionsfreiheit für die Hafenarbeiter.
Es stellt sich deshalb die Frage, weshalb die GHBV Geschäftsführung solche Behaup- tungen offenbar unwidersprochen in der Bremer Öffentlichkeit aufstellen und ein Jubi- läum meinte feiern zu können, das nichts mit der eigentlichen Geschichte des GHB und der Geschichte der Sozialpartnerschaft in Deutschland zu tun hat.
Wir befürchten, dass dies etwas mit dem mangelnden Geschichtsbewusstsein zu tun hat, das eben auch die maritime und Hafenszene kennzeichnet. Wir werden gegen diese Geschichtslosigkeit mit unserer in wenigen Wochen erscheinenden Hafengeschichte ein Zeichen setzen.
Das Buch erscheint in der Bremer Edition Falkenberg und stellt gerade die Hafenarbeit und die Geschichte der Hafengewerkschaften in den Mittelpunkt. Dessen ungeachtet wünschen wir uns von der Gewerkschaft ver.di eine Erklärung, wie es zu einer solchen Feier kommen konnte, zumal Ver.di massgeblich in den Gremien des GHB vertreten ist.
Hinweis: Am 26.7. findet im Museum am Modersohn-Haus in Worpswede zunächst die Präsentation des neuen Rilke-Buches von Rolf Geffken statt.
Cui Can, M.A.
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