Friedrich Ebert – und als Deutschland wurde, wie es ist
von Reinhold Schramm (Hervorhebung)
Aus der Zeugenaussage Wilhelm Groeners im Münchner Dolchstoßprozess von 1925 über die Vereinbarungen zwischen der Obersten Heeresleitung (OHL) und Friedrich Ebert vom 10. November 1918.
»Zeuge: [...] Wir haben uns verbündet zum Kampf gegen die Revolution, zum Kampf gegen den Bolschewismus [...]
An eine Wiedereinführung der Monarchie zu denken war meines Erachtens vollkommen ausgeschlossen. Der Zweck unseres Bündnisses, das wir am 10. November abends geschlossen hatten, war die restlose Bekämpfung der Revolution, Wiedereinsetzung einer geordneten Regierungsgewalt, Stützung dieser Regierungsgewalt durch die Macht einer Truppe und baldigste Einberufung einer Nationalversammlung. Das war das Ziel.
R[echts]-A[nwalt] Dr. Hirschberg: Ich darf also dann die Äußerung, die der Herr Zeuge bei seiner zusammenhängenden Vernehmung gemacht hat, dass der Abgeordnete [Friedrich] Ebert mit ihm zusammen die Revolution habe bekämpfen wollen, mit Ihrem Einverständnis dahin interpretieren, dass er Bolschewismus und Chaos bekämpfen wollte.
Zeuge: Bolschewismus und Chaos und die damals noch im Gang befindliche Revolution [...]
Am 10. November stand die Oberste Heeresleitung vor der Entscheidung, was sie tun solle. Ich habe dem Generalfeldmarschall den Rat gegeben, nicht mit den Waffen in der Hand zur Zeit die Revolution zu bekämpfen, weil zu befürchten sei, dass bei der Verfassung der Truppen eine solche Bekämpfung mit den Waffen scheitern werde. Ich habe ihm vorgeschlagen: Ich halte es für notwendig, dass die Oberste Heeresleitung sich mit der Mehrheitssozialdemokratie verbündet. Es gibt zur Zeit in Deutschland nach meinem persönlichen Dafürhalten keine Partei, die Einfluss genug im Volk, insbesondere bei den Massen, hat, um eine Regierungsgewalt mit der Obersten Heeresleitung wiederherstellen zu können. Die Rechtsparteien waren vollkommen verschwunden, und mit den äußersten Radikalen zu gehen war natürlich ausgeschlossen. Es blieb nichts übrig, als dass die Oberste Heeresleitung dieses Bündnis mit der Mehrheitssozialdemokratie schloss. Selbstverständlich war das dem alten Feldmarschall durchaus nicht eine sympathische Lösung. Aber da er immer, wo er auftrat, Einsicht genug hatte, um auch persönliche Stimmungen zurücktreten zu lassen, so hat er sich dazu bereit erklärt [...]
Was konnten wir zunächst für Ziele haben? Das erste war, dass das Heer aus der Atmosphäre der Revolution möglichst herauskam. Ob das gelingen würde war natürlich sehr fraglich. Am 10.abends haben wir uns zunächst verständigt für die nächsten Tage. Wir haben immer abends zwischen 11 und 1 Uhr telefonisch miteinander verkehrt, zwischen der Reichskanzlei und dem Großen Hauptquartier, immer im Einvernehmen mit dem Generalfeldmarschall, und haben von Tag zu Tag, je nach der Entwicklung der Dinge, uns besprochen. Wir hatten einen getrennten Draht, der nicht durch die Telefonzentrale ging – das war am 23. Dezember sehr wichtig –, sondern verkehrten, ohne dass ein anderer dabei mithörte. Zunächst hat es sich darum gehandelt – und das war mein Gedanke und das nächste Ziel –, in Berlin die Gewalt den Arbeiter- und Soldatenräten zu entreißen. Zu diesem Zwecke wurde eine Unternehmung geplant, der militärische Einzug von zehn Divisionen in Berlin. Der Volksbeauftragte Ebert war durchaus damit einverstanden. Ein Offizier wurde nach Berlin geschickt, der über Einzelheiten darüber verhandeln sollte, auch mit dem preußischen Kriegsminister, der natürlich nicht ausgeschaltet werden konnte. Es gab da eine Reihe von Schwierigkeiten. Ich darf nur darauf hinweisen, dass von seiten der unabhängigen Regierungsmitglieder, der sogenannten Volksbeauftragten, aber auch von seiten, ich glaube von Soldatenräten – ich kann das im einzelnen so aus dem Stegreif nicht sagen – gefordert wurde, dass die Truppen ohne scharfe Munition einrücken. Wir haben selbstverständlich dagegen sofort Front gemacht, und Herr Ebert hat selbstverständlich zugestimmt, dass die Truppen mit scharfer Munition in Berlin einrücken.
Wir haben für diesen Einmarsch, der zugleich Gelegenheit bringen sollte, wieder eine feste Regierung in Berlin aufzustellen – ich muss jetzt unter meinem Eid aussagen, die Herren haben mich gefragt, infolgedessen muss ich in Gottes Namen reden, was ich bisher immer aus guten Gründen nicht getan habe –, ein militärisches Programm ausgearbeitet für die Einzugstage. In diesem Programm war tageweise enthalten, was zu geschehen hätte: Die Entwaffnung Berlins, die Säuberung Berlins von Spartakisten usw. Das war auch durch den Offizier, den ich nach Berlin geschickt hatte, mit Herrn Ebert besprochen worden. -
Ich bin Herrn Ebert dafür besonders dankbar und habe ihn auch wegen seiner absoluten Vaterlandsliebe und restlosen Hingabe an die Sache überall verteidigt, wo er angegriffen wurde.«
Vgl. Dokumente zur deutschen Geschichte, 1917 – 1919. VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1975. / Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung in acht Bänden, Bd. 3, S. 488 ff., Berlin 1966