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Die SPD der Bourgeoisie und das Scheitern der europäischen Arbeiter- und Befreiungsbewegung.

von Reinhold Schramm (Bereitstellung)

»Wohl über keinen historischen Vorgang wird so viel gelogen wie über die deutsche Revolution von 1918.«

Sebastian Haffner: »Gewiss gab 1918 eine Matrosenmeuterei den Anstoß zur Revolution, aber eben nur den Anstoß. Das Außerordentliche war eben dies: dass eine bloße Matrosenmeuterei in der ersten Novemberwoche 1918 ein Erdbeben auslöste, das ganz Deutschland erschütterte; dass das gesamte Heimatheer, die gesamte städtische Arbeiterschaft, in Bayern überdies noch ein Teil der Landbevölkerung sich erhob. Diese Erhebung aber war keine bloße Meuterei mehr, sie war eine echte Revolution. {...} Worum es ging, das war der Sturz einer herrschenden Klasse und die Umgestaltung eines Staats. Und was ist eine Revolution, wenn nicht genau dies?

Wie jede Revolution stürzte auch diese eine alte Ordnung {...} Sie war nicht nur zerstörerisch, sie war auch schöpferisch. Ihre Schöpfung waren die Arbeiter- und Soldatenräte. Dass dabei nicht alles glatt und ordentlich zuging, dass die neue Ordnung nicht sofort so reibungslos funktionierte wie die gestürzte alte, dass auch Unschönes und Lächerliches mit unterlief – in welcher Revolution wäre das anders gewesen? {...}

Das ist in keiner Revolution der Geschichte anders gewesen.

Dagegen muss man sogar als einen besonderen Ruhmestitel der deutschen Novemberrevolution von 1918 ihre Selbstdisziplin, Gutmütigkeit und Menschlichkeit verbuchen, die um so bemerkenswerter ist, als die Revolution fast überall das spontane Werk führerloser Massen war. {...} Als revolutionäre Massenleistung steht der deutsche November 1918 weder hinter dem französischen Juli 1789 noch hinter dem russischen März 1917 zurück.{...}

Wer die Revolution niedergeschlagen hat, daran gibt es keinen Zweifel. Es war die Führung der SPD, es war Ebert mit seiner Mannschaft. Auch daran gibt es keinen Zweifel, dass die SPD-Führer, um die Revolution niederzuschlagen zu können, sich zunächst an ihre Spitze gestellt hatten, dass sie sie also verrieten. In den Worten des unbestechlichen sachverständigen Zeugen Ernst Troeltsch: Die SPD-Führer „adoptierten um der Wirkung auf die Massen willen die Revolution, die sie nicht gemacht hatten und die von ihrem Standpunkt aus eine Fehlgeburt war, als ihr eigenes, lange verheißendes Kind.“

Hier gilt es genau zu sein; hier zählt jedes Wort. Es trifft zu, dass die SPD-Führer die Revolution nicht gemacht und nicht gewollt hatten. Aber es ist ungenau, wenn Troeltsch sagt, dass sie sie nur „adoptierten“. Die Revolution wurde von ihnen nicht nur „adoptiert“, sie war wirklich ihr eigenes, lange verheißendes Kind. Sie hatten sie wirklich fünfzig Jahre lang gepredigt und Versprochen. Auch wenn „ihr eigenes, lange verheißendes Kind“ für die SPD jetzt ein unerwünschtes Kind geworden war: Sie war und blieb seine leibliche Mutter, und als sie es tötete, war das Kindstötung.

Wie jede Kindesmörderin sich auf eine Totgeburt oder Fehlgeburt herauszureden versucht, so auch die SPD. Das ist der Ursprung der zweiten großen Legende über die deutsche Revolution: dass sie nicht die von den Sozialdemokraten seit fünfzig Jahren proklamierte Revolution gewesen sei, sondern eine bolschewistische Revolution, ein russischer Importartikel {...}.

Diese Legende, von den Sozialdemokraten erfunden, wird von den Kommunisten, gewollt oder ungewollt, gestützt: Denn sie nehmen das ganze Verdienst an der Revolution für die KPD oder ihre Vorgängerin, die Spartakusgruppe, in Anspruch und bestätigen also ruhmredig, was die Sozialdemokraten als Rechtfertigung für sich selbst und Anklage gegen die Revolution vorbringen: dass die Revolution des November 1918 eine kommunistische (oder „bolschewistische“) Revolution gewesen sei.

Aber auch wenn Sozialdemokraten und Kommunisten ausnahmsweise einmal das gleiche sagen, wird es dadurch noch nicht wahr. Die Revolution von 1918 war kein russischer Importartikel, sie war deutsches Eigengewächs; und sie war keine kommunistische, sie war eine sozialdemokratische Revolution {...}

Und diese Führer benutzten, nachdem sie sich von der Revolution die Staatsgewalt hatten übertragen lassen, diese Gewalt, um die Revolution – ihre eigene, lange verheißene, endlich Wirklichkeit gewordene Revolution – blutig niederzuschlagen. Sie richteten die Kanonen und Maschinengewehre auf ihre eigenen Anhänger. Was der Kaiser vergeblich versucht hatte – das zurückkehrende Feldheer auf die revolutionären Arbeiter loszulassen –, das versuchte von Anfang an auch Ebert. Und als ihm dies ebensowenig gelang, zögerte er nicht, noch einen Schritt weiterzugehen und die extremsten Anhänger der militanten Gegenrevolution, die Feinde der bürgerlichen Demokratie, ja seine eigenen Feinde, die Vorläufer des Faschismus in Deutschland, zu bewaffnen und gegen seine arglosen Anhänger zu mobilisieren.{...}

Es macht Ebert und Noske nicht sympathischer, dass sie keine Schurken größeren Formats waren, sondern Biedermänner. Das Monströse ihrer historischen Tat findet keine Entsprechung in ihrem privaten Charakter. Wenn man nach ihren Motiven sucht, findet man nichts Dämonisches oder Satanisch-Großartiges, nur Banales: Ordnungsliebe und kleinbürgerliches Strebertum. {...} dass gar der Kaiser und Hindenburg eine gnädige Herablassung bezeigten, dass alle diese einst Gefürchteten und Beneideten in ihrer Not jetzt Ebert und die Seinen als ihren letzten Rettungsanker anerkannten – das erzeugte in den so Geehrten eine warme Woge zutraulicher und stolzer Loyalität, der sie jedes Opfer brachten, auch tausendfache Menschenopfer. Sie opferten diejenigen, die ihnen folgten und vertrauten, freudig denen, von denen sie sich begönnert fanden. Das Scheußliche wurde mit treuherzig aufblickendem Biedersinn getan. {...}«
(Sebastian Haffner: Drei Legenden. Vgl.: Zwecklegenden. Die SPD und das Scheitern der Arbeiterbewegung.)

Evelyn Anderson: „Im Januar 1919 begann in Deutschland [...] ein verkorkster, ein perverser Bürgerkrieg, in dem die sozialdemokratische Regierung reaktionäre und antidemokratische Offiziere herbeirief, um radikale Arbeiter zu unterdrücken, mit dem Ziel, Deutschland für die Demokratie zu sichern! Es war in jenen Tagen, dass Deutschland präpariert wurde für den schließlichen Sieg Adolf Hitlers.“ (aus: „Hammer oder Amboss“, Frankfurt 1981)

Vgl.: Sebastian Haffner, Stephan Hermlin, Kurt Tucholsky u. a.: Zwecklegenden. Die SPD und das Scheitern der Arbeiterbewegung. Verlag 1900 Berlin. Juli 1996.

„Es ist ein Unglück, dass die SPD Sozialdemokratische Partei Deutschlands heißt. Hieße sie seit dem 1. August 1914 Reformistische Partei oder Partei des kleineren Übels oder Hier können Familien Kaffee kochen oder so etwas – vielen Arbeitern hätte der neue Name die Augen geöffnet ...“
(Kurt Tucholsky)