Arbeiterklasse versus Personenkult
von Reinhold Schramm (Bereitstellung)
Die historische Rolle der Führer der Arbeit- erklasse in der sozialistischen Revolution
»Jede Klasse bringt ihre großen Führer und Denker hervor. Ideologen des revolutionären Proletariats wurden Karl Marx und Friedrich Engels; sie waren die Begründer einer neuen, proletarischen Partei, des Bundes der Kom- munisten; sie waren die Organisatoren der I. Internationale – des Weltbundes der Arbeiter; ihre wissenschaftlichen Entdeckungen haben welthistorische Bedeutung.
Die Entwicklung der dialektisch-materialistischen Philosophie, die Schaffung der Theorie des Mehrwerts, die Entdeckung einer neuen revolutionären Klasse, des Proletariats, die wissenschaftliche Begründung seiner welthistorischen Mission – jede dieser großen Ent- deckungen hätte für sich ausgereicht, um den Namen Karl Marx im Gedächtnis der Menschen für alle Zeiten zu verewigen.
Mitunter wird gefragt, ob der wissenschaftliche Sozialismus auch ohne Marx hätte entstehen können. Die Geschichte des menschlichen Denkens hat gesetzmäßig zur Schaffung des wissenschaftlichen Sozialismus geführt.
Engels bemerkte dazu:
„Wenn Marx die materialistische Geschichtsauffassung entdeckte, so beweisen Thierry, Mignet, Guizot, die sämtlichen englischen Geschichtsschreiber bis 1850, dass darauf angestrebt wurde, und die Entdeckung derselben Auffassung durch Morgan beweist, dass die Zeit für sie reif war und sie eben entdeckt werden musste.“ [17]
Engels hob also die historische Gesetzmäßigkeit der Entstehung des Marxismus hervor, setzte jedoch dabei in keiner Weise die Bedeutung des Genius seines Begründers herab:
„Marx stand höher, sah weiter, überblickte mehr und rascher als wir andern alle ... Ohne ihn wäre die Theorie heute bei weitem nicht das, was sie ist. Sie trägt daher auch mit Recht seinen Namen.“ [18]
Das Beispiel der geschichtlichen Rolle von Marx zeugt nicht nur davon, was ein Genie zu leisten vermag, sondern auch davon, was auch die großartigsten Persönlichkeit nicht leisten kann, wenn die Bedingungen ihrer Wirksamkeit Grenzen setzen. Wie groß und gewaltig die revolutionäre Tätigkeit von Marx und Engels auch gewesen ist, die sozia- listische Revolution war zu ihrer Zeit noch nicht voll heran gereift.
Zu ihrer Durchführung waren noch nicht alle objektiven Bedingungen vorhanden. Auch die Arbeiterklasse war noch nicht völlig bereit, ihre historische Mission zu erfüllen. Wenngleich Marx und Engels auch die allgemeinsten Gesetze der sozialistischen Revolution und ihre Triebkräfte entdeckt hatten, die praktische Realisierung dieser Entdeckung blieb der Zukunft vorbehalten, blieb eine Aufgabe der folgenden Epoche.
Das historische Schicksal der Lehre von Marx hätte sich auf viele Jahre hinaus anders gestalten können, wenn es nicht die Tätigkeit Wladimir Iljitsch Lenins gegeben hätte, seinen Kampf für einen revolutionären Marxismus, gegen Revisionisten und Dogmatiker. Lenin hat als Schöpfer des Leninismus, des Marxismus unserer Epoche, als Gründer der Partei der Bolschewiki, als Führer der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution und als Begründer des ersten sozialistischen Staates den Verlauf der Geschichte tief geprägt.
Wenn die notwendigen materiellen Bedingungen für den Untergang einer alten Gesellschaftsordnung reifen, wenn sich die Widersprüche innerhalb dieser Ord- nung hinlänglich zuspitzen, wenn sich die gesellschaftlichen Kräfte formieren, die fähig sind, diese Widersprüche auf revolutionären Wege zu lösen, dann spielt – wie die Geschichte beweist – der subjektive Faktor eine große Rolle: die Tätigkeit revolutionärer Organisationen oder Parteien sowie das Wirken erfahrener Führer und Leiter, die genügend Autorität und Weitblick besitzen und fähig sind, die Massen zu organisieren und zu kühnen revolutionären Taten zu begeistern.
Die Stärke Lenins als proletarischer Führer bestand in seiner Fähigkeit, die Theorie mit der revolutionären Praxis, seinen gewaltigen schöpferischen Geist und Willen mit dem revolutionären Handeln zu vereinigen.
Lenin war ein unübertroffener Stratege und Organisator der proletarischen Revolution. Er vermochte, auf eine marxistische Partei neuen Typus gestützt, die Entwicklung der Ereignisse, überraschende Wendungen im Lauf der Geschichte wissenschaftlich voraus- zusehen. Er war fähig, das Verhalten der Gegner, schwankender Elemente im voraus zu erkennen und die revolutionäre Armee zusammenzuschweißen sowie dem Proletariat Verbündete zu gewinnen. Lenin vertraute auf die unerschöpflichen Kräfte der Arbeiterklasse und des Volkes.
Wie Marx, lehnte auch er jedweden Personenkult ab und betrachtete ihn als dem Geist und dem Wesen ihrer Lehre zutiefst widersprechend.
Am Beispiel von Lenins Leben und Wirken kann man die große historische Rolle der Leiter und Führer des Proletariats und der werktätigen Massen ermessen. Eben weil diese Rolle so groß ist, führt die Bourgeoisie gegen die kommunistische und Arbeiterbewegung und ihre Führer einen so hartnäckigen Kampf. Sie ist vor allem bestrebt, diese Bewegung ihrer Führung zu berauben. Denken wir nur an die Ermordung von Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg, Ernst Thälmann und anderen.
Verfeinerte Methoden dieses Kampfes der Bourgeoisie sind moralischer Terror durch Presse, Rundfunk, Fernsehen und andere Propagandamittel, sind Beste- chung einzelner Führer der Arbeiterbewegung, denen hochbezahlte Pöstchen angeboten werden, sind schließlich Schmeichelei und Lob für jene Führer, die auf irgendeine Weise von den Prinzipien des revolutionären Marxismus abweichen, in Nationalismus und Revisionismus verfallen und auf diese Weise geeignet sind, die Bourgeoisie in ihrem Bemühen zu unterstützen, die Einheit der internationalen kommunistischen Bewegung zu untergraben.
Bereits August Bebel, einer der Führer der deutschen Sozialdemokraten zu Beginn des 20. Jahrhunderts, warnte die Arbeiterklasse vor dieser Taktik der Bourgeoisie. Lob von seiten der Feinde sollte jedem standhaften Führer der Arbeiterklasse Anlass sein, sein Verhalten zu überprüfen und nach Fehlern zu suchen. Obwohl die Bourgeoisie ihre Taktik gegenüber den Führern der Arbeiterklasse variiert, hat sich an ihrer Zielsetzung nichts geändert: die Arbeiterbewegung ihrer revolutionären Führung zu berauben. Deshalb ist dieser Hinweis Bebels heute genauso aktuell wir vor siebzig [hundertzehn] Jahren.
Einen besonders scharfen Kampf hatte die bürgerliche Propaganda gegen die sozialistischen Staaten, aber auch gegen die kommunistischen und Arbeiter- parteien und ihre Führer, im Zusammenhang mit der Kritik der KPdSU am Personenkult um Stalin entfaltet. Sie bemühte sich, den Personenkult als eine der sozialistischen Ordnung immanenten Erscheinung darzustellen, die sich aus den Prinzipien des Leninismus, aus seiner Lehre von der Partei ergebe. -
Diese Behauptung hat jedoch mit der Wahrheit nichts gemein. Personenkult, untertäniges Verhalten gegenüber hervorragenden Persönlichkeiten, deren Vergötterung hat es zu verschiedenen Zeiten gegeben – sowohl in ferner Vergangenheit als auch in der Gegenwart. Zum Beispiel wird in dem Buch „Theorie und Politik“ von M. Verret davon gesprochen, dass es in Frankreich im Verlaufe von 160 Jahren wiederholt Personenkult gegeben hat, der mit Namen wie Napoleon Bonaparte, Napoleon III., de Gaulle und anderen zusammenhing. Deshalb bedarf das Auftreten von Personenkult zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Ländern einer konkret-historischen Erklärung.
Die KPdSU und ihr Zentralkomitee haben den Personenkult um Stalin scharf kritisiert, und zwar als eine Erscheinung, die dem Wesen des Sozialismus, den Prinzipien des Marxismus-Leninismus zuwiderläuft, als eine Abweichung von den Leninschen Normen des innerparteilichen Lebens. Eine wissenschaftliche Erklärung der Umstände, unter denen der Personenkult zustande kam, wurde in einem Beschluss des ZK der KPdSU gegeben.
▪ › Wie in dem Beschluss des ZK der KPdSU vom 30. Juni 1956 gezeigt wurde, können zur Entstehung von Personenkult sowohl bestimmte objektive Umstände als auch subjektive Faktoren beitragen. Zu den objektiven Umständen gehören zum Beispiel die Schwierigkeit und Kompliziertheit der Aufgaben, die bei der Überwindung der Rückständigkeit des Landes zu lösen waren, die Schärfe des Klassenkampfes innerhalb des Landes und auf internationaler Ebene, welche strengste Zentralisierung der Führung und eine eiserne Disziplin in der Partei verlangen. Dabei war es notwendig, zu einigen Einschränkungen der Demokratie zu greifen.
Das Sowjetland lag in technisch-ökonomischer Hinsicht etwa 50 bis 100 Jahre hinter den führenden kapitalistischen Ländern zurück. Diese Rückständigkeit musste überwunden werden und dazu in kürzester Frist. Es war notwendig, die Industrialisierung und Elektrifizierung des riesigen Landes mit eigenen Mitteln durchzuführen, die rückständige Landwirtschaft voranzubringen und auf der Basis des Sozialismus umzugestalten, sie mit moderner Technik auszurüsten. -
In einem Lande, in dem bis zur Revolution 72 Prozent der Gesamtbevölkerung Analphabeten waren, musste die Kulturrevolution durchgeführt werden.
Die Lage wurde noch dadurch kompliziert, dass es erforderlich war, innerhalb der Partei gegen antileninistische Stimmungen zu kämpfen. Zu dieser Zeit hatte die Opposition in der Partei, an ihrer Spitze Trotzki, behauptet, das Bestreben, den Sozialismus in einem einzelnen Lande, dazu noch in einem rückständigen, vor den Augen des konservativen Europa aufzubauen, sei ein hoffnungsloses Unterfangen. Die rechten Opportunisten wandten sich gegen das schnelle Tempo der Industrialisierung, gegen die Bekämpfung der Kulaken; sie traten für eine spontane Entwicklung der Landwirtschaft ein.
Was wäre aus dem Sowjetland geworden, wenn sich in der Partei die theoretische und politische Plattform Trotzkis und Bucharins durchgesetzt hätte? Das hätte den Untergang der Sowjetmacht und des Sozialismus bedeutet. Die KPdSU musste den Trotzkismus und rechten Opportunismus theoretisch und politisch zerschlagen und das für den sozialistischen Aufbau notwendige Tempo wissenschaftlich begründen. Von großer Bedeutung war auch der Kampf gegen nationalistische Abweichungen, der Kampf für den Internationalismus.
Der Personenkult um Stalin entstand auf dem Boden der in den dreißiger Jahren durch die Partei und das Land erzielten Erfolge. Diese Erfolge waren beispiellos. Sie demonstrierten den gigantischen Sprung vom hölzernen Pflug und von der Petroleumlampe zu erstklassigen Traktoren, Kraftwagen und Wasserkraftwerken. -
In diesen Jahren hatte sich Stalin in der Partei und im Volk große Autorität erworben. Diese Autorität begann jedoch auf einer bestimmten Etappe in Personenkult umzuschlagen. Alles, was Ergebnis der Arbeit des Volkes und der Partei war, wurde zu Unrecht als Verdienst eines einzelnen Menschen ausgegeben. -
Hierbei spielten zweifellos subjektive Momente eine große Rolle, nämlich eine Reihe negativer Charaktereigenschaften Stalins, auf die Lenin Ende 1922/Anfang 1923 in seinem Brief an den Parteitag hingewiesen hatte – Grobheit, mangelnde Loyalität gegenüber den Genossen, Intoleranz gegenüber Kritik, Mangel an jener Bescheidenheit, die die Begründer des Marxismus-Leninismus ausgezeichnet hatte.
Wie nachhaltig die Folgen des Personenkults im Zusammenhang mit der Verletzung der Kollektivität in der Führung, mit der Verletzung der innerparteilichen Demokratie und der sowjetischen Gesetzlichkeit auch gewesen sein mögen – den Charakter der sozialistischen Gesellschaftsordnung vermochten sie nicht zu verändern, den Bestand des Sozialismus haben sie nicht erschüttert. Alle großen historischen Umgestaltungen konnten nur mit dem Heroismus der Massen, mit dem Heroismus und dem beispiellosen geschichtlichen Schöpfertum des gesamten Volkes unter Führung der KPdSU bewältigt werden. ‹ ▪
Mit der Überwindung der negativen Folgen des Personenkults hat die KPdSU alle Voraussetzungen zur Weiterentwicklung der innerparteilichen Demokratie und der sozialistischen Demokratie geschaffen. Die Leninschen Normen und Prinzipien der Kollektivität der Führung, die eine übermäßige Machtkonzentration in den Händen einzelner Personen sowie die Möglichkeit ausschließen, dass diese Personen der Kontrolle durch Partei und Volk entzogen sind, wurden wiederhergestellt. -
Die allseitige Entwicklung von Kritik und Selbstkritik, von unten nach oben, unbeschadet der Person, ist gleichfalls eine Garantie gegen die Entstehung von Personenkult.
Das Beispiel der KPdSU zeigt, dass nur eine marxistisch gestählte Partei in sich selbst die Kraft zur Überwindung des Personenkults und seiner negativen Folgen finden kann. Die Erfahrungen und Lehren des Kampfes für den Sozialismus in der UdSSR und in anderen Ländern sind ein Beweis dafür, dass die Grundlage für den Sieg die Treue zu den Prinzipien des Marxismus-Leninismus, zu seiner Lehre von den objektiven Gesetzen der Revolution und des sozialistischen Aufbaus und den Prinzipien des sozialistischen Internationalismus sind. Ein Abweichen von diesen Prinzipien, eine Schmälerung der Rolle der Partei und der Bedeutung der Leninschen Normen der kollektiven Führung führt früher oder später zu ernsthaften Fehlern und ist, wie die Entwicklung in China zeigt, eine große Gefahr für die Sache des Sozialismus.
Die marxistisch-leninistische Lehre von der Rolle der Volksmassen und der Persönlichkeit in der Geschichte lehrt die Kommunisten, sich in ihrer gesamten Tätigkeit auf die [werktätigen] Volksmassen zu stützen und diese vorwärts zu führen. Sie verlangt von Ihnen die Fähigkeit, die Initiative der Massen allseitig zu fördern sowie gegen alles anzukämpfen, was diese Initiative unterdrücken könnte. -
Sie verpflichtet schließlich alle leitenden Kader auf allen Ebenen dazu, nüchtern und objektiv die eigene Rolle einzuschätzen, bescheiden zu sein und sich beharrlich jenen Arbeitsstil zu eigen zu machen, für den Lenin das Beispiel gegeben hat.
Als Lenin die Lehren des Kampfes um die Gewinnung der Volksmassen, die Lehren der Führung der werktätigen Massen durch die Partei verallgemeinerte, schrieb er:
„V e r b i n d u n g m i t d e n M a s s e n.
Im Arbeiterleben verwurzelt sein.
Die Stimmung kennen.
A l l e s kennen.
Die Masse verstehen.
Verstehen, an sie heranzukommen.
Ihr absolutes Vertrauen gewinnen.
Die Führer dürfen sich nicht von der zu führenden Masse, die Vorhut nicht von der gesamten Armee der Arbeit loslösen. Der Masse nicht schmeicheln, sich nicht von der Masse loslösen.“ [19]
Mit diesen knappen Worten hat Lenin die wichtigsten, das Wechselverhältnis zwischen Massen, Klassen, der Partei und ihren Führern betreffenden Prinzipien des Marxismus-Leninismus formuliert. «
Anmerkungen
17 Engels an W. Borgius, 25 Januar 1894. In: Marx/Engels: Werke, Bd. 39, S. 207.
18 Friedrich Engels: Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie. In: Marx/Engels: Werke, Bd. 21, S. 292, Anm.
19 W. I. Lenin: Pläne zu den Thesen „Über die Rolle und die Aufgaben der Gewerkschaften unter den Verhältnissen der neuen Ökonomischen Politik“. In: 5. russische Ausgabe der Werke, Bd. 44, S. 497/498.
Quelle: Grundlagen der marxistisch-leninistischen Philosophie. Vgl. XX. Kapitel: Die Rolle der Volksmassen und der Persönlichkeit in der Geschichte. 4. Die historische Rolle der Führer der Arbeiterklasse in der sozialistischen Revolution. Dietz Verlag Berlin 1972.
Russischer Originaltitel: Основы маркснстско-ленинской Филоеофии / Die deutsche Ausgabe wurde besorgt von einem Kollektiv des Zentralinstituts für Philosophie der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin.