Ernst Vollbehr, ein vielseitiger Künstler und Propagandist des „Dritten Reiches“
Rezension von Michael Lausberg
Konrad Schubert legt in diesem Buch eine monumentale Biographie des „umstrittenen “ (S.7) Malers Ernst Vollbehr nach „Recherchen in mehr als 250 Archiven, Museen, Bibliotheken und Vereinen sowie Kontakte zu über 500 Zeitzeugen, Historiker, Kunsthistorikern, Sammlern und Vollbehr-Verwandten“ (S. 715) vor. Wegen seiner nationalsozialistischen Vergangenheit „ist er heute fast völlig der Vergessenheit anheimgefallen. Nur noch Fachleute auf den Gebieten der Geographie, Ethnografie, Kolonialgeschichte, Architektur oder Militärhistorie wissen das umfangreiche Oeuvre des Malers zu schätzen.“ (S. 7) Erwähnungen Ernst Vollbehrs in der jüngeren Zeit reduzieren ihn allzu oft auf seine „problematischen Seiten und Lebensjahre.“ (S. 715)
Er will hier stattdessen eine „seriöse Beschäftigung mit seiner Person“, die „Persona non grata im Nachkriegsdeutschland“ gewesen war. Die Hauptcharakteristika des Lebens und Werkes Vollbehrs sieht der Autor in zwei gegensätzlichen Polen: „der in der Hölle zweier Weltkriege ebenso unbeirrt seinem Handwerk nachging wie im Paradies der bezaubernden Tropenlandschaften Afrikas, Asiens, Australiens und Südamerikas“ (S. 10) Die Auseinandersetzung muss aber komplexer geführt werden.
In seiner frühen Entwicklungsphase war er Reise- und Landschaftsmaler mit künstlerischen Themen aus den damaligen deutschen Kolonien. Mit exotischen Darstellungen aus diesen Gegenden wurde er dann bekannt im deutschen Kaiserreich. Seine Bilder sind nicht explizit rassistisch, sondern Abbildungen von schönen Landschaften und indigenen Personen. Aber es ist bezeichnend, dass die rassistische und imperialistische Herrschaftspraxis sowie der Völkermord an den Herero und Nama in keiner Weise thematisiert wurden.
Im Ersten Weltkrieg war er Kriegsmaler mit Kontakten zu Kaiser und militärischen Eliten. In der Weimarer Republik malte er vorwiegend aus der Not heraus Industrie- und Landschaftsbilder und Reisepanoramen aus Hawaii, Japan, den Phillippinen, der Sahara sowie dem damalige Niederländisch Indien.
Unter der nationalsozialistischen Herrschaft kommt es zum Ankauf seiner Weltkriegsbilder durch Hitler persönlich. Vollbehr trat in die NSDAP ein und wird zu einem der führenden Propagandisten für die NSDAP auf dem Gebiet der Malerei. Er malte unter anderem „Reichsautobahnen“, die Olympischen Spiele 1936 in Berlin, diverse NSDAP-Reichsparteitage sowie militärische heroische Szenen aus dem 2. Weltkrieg.
Nach der Befreiung von der Nazi-Herrschaft „verdrängt, verklärt und verschleiert er seine jüngste Vergangenheit“. (S. 717) In der unmittelbaren Nachkriegszeit kam es tatsächlich trotz seiner Nazi-Vergangenheit einige Ausstellungen seiner Werke in Preetz, Köln und Österreich. Bezeichnend für die ungenügende „Entnazifizierung“ war auch, dass er nicht wegen seiner Propagandatätigkeit für das NS-Regime ins Gefängnis musste, sondern ein freier, wenn auch beruflich nicht mehr gefragter Mann blieb. Die Ausstellung seiner „Eingeborenen-Porträts“ in Marburg im Jahre 1956 unter unkritischen Vorzeichen ist kein Ruhmesblatt für die frühe BRD.
Der Autor schlägt mit Recht eine „Organisation einer Werkausstellung“ zum 60. Todestag Vollbehrs im Jahre 2020 vor. Doch anstatt der Präsentation von „Kolonial-, Kriegs- und Technikgeschichte (…) sowie Landschaften, Länder und Menschen einer vergangenen Zeit“ (S. 718) sollte eine kritische Auseinandersetzung mit den Werken und der Person Vollbehrs mit antikolonialistischen und antifaschistischem Charakter erfolgen.
Insgesamt gesehen ist die dringend notwendige Aufarbeitung des Lebens und Werks Ernst Vollbehrs zu loben. Die sehr ausführliche Beschäftigung und monumentale Fleißarbeit des Autors verdienen Respekt und Anerkennung. Die Folgerungen und Blickwinkel Schuberts sind jedoch insgesamt nicht kritisch genug. Vollbehr ist kein „umstrittener“ Maler, sondern ein typischer Vertreter des deutschen Kolonialismus und Imperialismus und ein künstlerischer Propagandist des „Dritten Reiches“ mit Verbindungen zu Hitler, der weder in der Weimarer Republik noch in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg sich mit der Demokratie anfreunden konnte und wollte. Daher ist das Buch nur mit einer kritischen Lesart der Thesen des Autors zu empfehlen.
Rezension zum Buch: Konrad Schubert: Ernst Vollbehr. Maler zwischen Hölle und Paradies, Mitteldeutscher Verlag, Halle an der Saale 2017, ISBN: 978-3-95442-722-6