Kombikraftwerk – die Lösung aller Energieprobleme?

09.04.10
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von Matthias Nomayo

So sehr ich die Verleihung des „goldenen Brennstabes“ an die Bundeskanzlerin für angemessen halte und das Prinzip „Kombikraftwerk“ für einen gedanklichen Schritt in die richtige Richtung halte, so sehr warne ich vor den damit transportierten Blümchenträumen, die da allenthalben in Schrift und Bild aufkeimen.
Wer sich auf die Seite www.kombikraftwerk.de begibt und einfach mal schaut, aus welchen Energieträgern in diesem Modell der elektrische Strom gespeist wird, dem wird nicht entgehen, welch maßgebliche Rolle dort Biomasse und Wasserkraft (aus Speicherkraftwerken) spielen.

Genau diese lassen sich aber nicht einfach hoch skalieren: Die Kapazitäten für Wasser-Speicherkraftwerke sind in unserem Land weitestgehend ausgeschöpft. Eine wesentliche Steigerung wäre mit erheblichen Eingriffen in alpine und Mittelgebirgslandschaften verbunden. Die Perspektiven für einen künftigen hohen Biomasseanteil an der Elektrizitätsversorgung sind gleich Null, angesichts des Umstandes, dass wir weltweit allein für den Ersatz des nicht-energetischen Bedarfs an fossilen Energieträgern durch regenerative Rohstoffe rechnerisch die Weltanbauflächen verdreifachen müssten – somit die Schließung des industriellen Kohlenstoffkreislaufs durch stoffliches Recycling absoluten Vorrang vor der energetischen Nutzung regenerativer Rohstoffe haben muss, nebst dennoch nötiger gewaltiger Einsparungen in diesem Sektor.

Die genannten möglichen Druckluftspeicher liegen bei Speicherwirkungsgraden um die 40%, also auch nicht besser als die effektiven Speicherwirkungsgrade von Lithiumakkumulatoren, Brennstoffzellen und Co. (namentlich, wenn man jeweils auch den außerordentlich hohen Energieaufwand für die Herstellung dieser Speichersysteme berücksichtigt).

- Wer es nicht glaubt: Man lese den Kordesch, „Brennstoffzellen“, aus den 80er-Jahren, mache sich mit den Details vertraut und betrachte dann die erschreckend geringen Fortschritte, die seit einem Vierteljahrhundert danach gemacht wurden, bevor man das Problem als marginal abtut (und daran haben ausnahmsweise mal nicht die bösen Energiekonzerne schuld – die wären an effektiven, kompakten und leicht transportablen Speichern für elektrische Energie äußerst interessiert, um für ihren Atomstrom in weitere Energiesektoren vordringen zu können).

Für einen maximalen Anteil an regenerativer Energie ausschließlich aus der eigenen Region bedarf es einer erheblichen Pufferkapazität durch flexible Wärmekraftwerke, die, wenn man es hoch skaliert, übergangsweise im Wesentlichen durch Erdgas befeuert werden müssen. Dies ist auch einer der ganz wesentlichen Gründe, warum Kernkraftwerke und zentrale Kohle-Grundlastwerke nicht eine Brücke, sondern einen Bremsklotz für einen höheren Anteil an regenerativer Energie darstellen – weil sie bereits diese Übergangslösung verhindern, indem sie die Kapazität der flexiblen Kraftwerke für den Ausgleich der eigenen mangelnden Bedarfsgerechtigkeit benötigen und damit in Konkurrenz zu regenerativen Energieträgern stehen.

Für eine Vollversorgung mit regenerativer Energie – einschließlich Verkehr, industrieller Energiebedarf etc. - muss über die Übergangslösung und damit über den schmalen Tellerrand des heimischen Kombikraftwerks deutlich hinaus gedacht werden. Hierzu gehört in erster Linie die Einbeziehung des Erntefaktors, der angibt, wie viel Nutzenergie ein Energiewandler (aus welchem Primärenergieträger auch immer) erzeugt, im Verhältnis zu der Nutzenergie, die zu seiner Herstellung / Wartung / Reparatur benötigt wird.

Dieser mag für unser „Kombikraftwerk“ noch einigermaßen akzeptabel sein, solange hierfür keine Speicherkapazitäten für hochwertige Energie (Elektrizität, chemisch gespeicherte Energie) erforderlich sind, rauscht aber in den Keller, wenn genau diese für den weiteren Ausbau regenerativer Energien erforderlich werden sollten (man bedenke, dass die „Erstausstattung“ mit solchen Einrichtungen mit Hilfe fossiler Energieträger hergestellt werden muss, während die „Ernte“ regenerativer Energie z.B. bei Photovoltaik sich auf einen Zeitraum von ca. 30 Jahren verteilt – je kleiner der „Energie-ROI“ eines regenerativen Energieträgers, desto größer die benötigte Menge an fossiler Energie bis zur vollständigen Umstellung).

Aus meiner Sicht (ich habe dazu hier schon geschrieben) werden wir uns an einem Projekt: „Energie aus der Wüste / Wasser für die Wüste“, in welcher Form auch immer, nicht vorbei „mogeln“ können, auch wenn ein solches Projekt sehr zentral gesteuert und damit gar nicht „hippieh“ sein wird.

Eine autarke nationale Problemlösung wird es nicht geben.

Das „sanfte Energiehandbuch“ hatte Anfang der 80er Jahre seinen Sinn und war ein notwendiger Meilenstein, um in der Bevölkerung überhaupt einmal einen Ansatz in Richtung Energiepolitik zu entwickeln – mehr nicht. Wir sollten also das „globale Denken“ nicht den Sozialdarwinisten überlassen, sondern uns daran erinnern, dass ein linker Standpunkt immer auch ein internationalistischer Standpunkt sein muss.
Das gilt – man sollte es nicht glauben – sogar für die Probleme, die die Menschheit als Ganzes betreffen.

Viva la Revolucion!

Matthias Nomayo


VON: MATTHIAS NOMAYO


WECF - der Goldene Brennstab des Monats April 2010 für Angela Merkel - 08-04-10 21:43




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