Ungerechtigkeit im Treibhaus


Bildmontage: HF

20.08.18
ÖkologiedebatteÖkologiedebatte, Umwelt, Debatte 

 

Von Jürgen Tallig

Unsere „Imperiale“ Wirtschafts- und Lebensweise enteignet die Armen und Schwachen dieser Welt und alle kommenden Generationen. Sie überlastet und destabilisiert das Klima- und Erdsystem und gefährdet damit den Fortbestand des Lebens auf der Erde und das Überleben der Menschheit.

Unsere derzeitige Wirtschafts- und Lebensweise bedroht das Leben der Armen und Schwachen dieser Welt und das der vielen Milliarden Menschen, die noch nach uns auf der Erde leben wollen.

Sie ist parasitär und lebensfeindlich und überlastet die Biosphäre und das Erdsystem um ein Vielfaches.

Unsere Lebensweise ist eine „Imperiale Lebensweise“ (U.Brand/ M.Wissen, Imperiale Lebensweise, 2017), die auf der Ausplünderung und Ausbeutung des Planeten beruht und die Folgen, in Form von Abfällen und Treibhausgasen  exportiert bzw. externalisiert,-  ohne Rücksicht auf Verluste. Die treten ja bisher vor allem im Süden und in der Zukunft auf und werden deshalb nicht wirklich wahrgenommen.

Es gilt zur Kenntnis zu nehmen, dass die Belastung des Planeten durch den Menschen etwa 10-mal zu hoch ist und dass insbesondere die westlichen Industrieländer einen stofflichen und energetischen Verbrauch haben, der durch die damit einhergehenden Treibhausgasemissionen die Fortexistenz des Lebens und der Menschheit auf der Erde bedroht.

Unsere derzeitige verschwenderische Wirtschafts- und Lebensweise ist angesichts der drohenden Gefahren,

völlig absurd, unsittlich, ja verbrecherisch. Sie ist Ausdruck einer erschreckenden Gleichgültigkeit gegenüber der Zukunft und einer völligen Missachtung und Verkennung des Eigenwertes  des vielfältigen Lebens auf der Erde, seiner Bedeutung und  seiner Rechte.

Sie beruht auf falschen Annahmen und Voraussetzungen und ist nicht zukunftsfähig, sondern längst ein „Todesprojekt“, das die Fähigkeit des Systems Erde, lebensfreundliche Umweltbedingungen aufrecht zu erhalten, gerade endgültig zerstört.

Die Leistungen der Natur machen aber das Leben auf der Erde überhaupt erst möglich, doch dieser Tatsache scheinen wir uns nicht  mehr hinreichend bewusst zu sein, so sorglos nehmen wir ihren  Verlust  in Kauf.

Die Frage der Gerechtigkeit hat angesichts der drohenden Vielfachkatastrophe (G. Brandt) eine zentrale Bedeutung, wenn auch viel weiter gefasst als bisher.

Gerechtigkeit bedeutet gleiche Menschenrechte für alle, -das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit gilt auch für die Armen und Schwachen dieser Welt und für alle kommenden Generationen. Sie haben dasselbe Recht zu leben und  die Güter und Leistungen der Erde in Anspruch zu nehmen, wie wir.

Eine so verstandene Gerechtigkeit würde bedeuten, dass wir nicht das Recht haben, die Rechte der anderen,

zu beeinträchtigen und der uns eigentlich zustehende gerechte Anteil nur ein Bruchteil dessen wäre, was wir uns bisher aneignen und bisher angeeignet haben. Unser Energie- und Stoffumsatz müsste sich schnellstmöglich um etwa den Faktor 10 reduzieren. Nicht nur um Gerechtigkeit herzustellen, sondern um das überlastete  Klima- und Erdsystem überhaupt noch stabilisieren zu können.

Gerechtigkeit auf Erden würde so betrachtet gleichzeitig die Zukunft sichern und die ökologische Frage lösen.

Doch der übermächtige fossil- monetär- globalistische Machtkomplex in den westlichen Industrieländern blockiert seit 25 Jahren das notwendige, grundlegende Umsteuern und will auch jetzt noch einfach weitermachen wie bisher.

Das ist nicht nur verantwortungslos und ungerecht, sondern ein Verbrechen,- begangen ohne Not. Wir entscheiden gerade irreversibel über Leben und Tod der kommenden Generationen und der Schwachen und Armen dieser Erde,  die zwar das Recht, aber nicht die Möglichkeit haben, unsere Entscheidung gegen das Leben anzufechten und rückgängig  zu machen (siehe F. Ekardt, Rechtsgutachten zum Parisabkommen).                                            

Durch unser Nichthandeln versäumen wir gerade die letzte Möglichkeit für eine Begrenzung der Klimakatastrophe und nehmen das Risiko einer sich selbst verstärkenden Aufheizung in Kauf, die die Erde für viele tausend Jahre weitgehend unbewohnbar machen würde.

Hätten die Armen und Schwachen dieser Welt und all die kommenden Generationen Macht und Stimme bei der Entscheidung über die Zukunft des Planeten , dann wären die Verantwortlichen für den zerstörerischen  Kurs der letzten Jahrzehnte längst abgelöst und müssten sich vor einem Klimatribunal wegen Genozid und Ökozid verantworten. Und es gäbe  eine sofortige Vollbremsung bei den Emissionen.

Der Stand der Dinge

Die fossilen Wachstumsgesellschaften überlasten und destabilisieren das System Erde in vielfältiger Weise, wie die Wissenschaft nahezu einhellig mit einer überwältigenden Faktenfülle belegt. In nun schon fünf Sachstandsberichten hat der Weltklimarat die Öffentlichkeit und alle Entscheidungsträger über diese bedrohlichen Entwicklungen informiert.  Der Befund ist eindeutig und sogar eher noch zu vorsichtig formuliert, wie neuere Entwicklungen und Forschungsergebnisse zeigen:

Der Fortbestand des Lebens und der Menschheit sind existentiell bedroht.

Die Hauptbedrohung resultiert aus der exzessiven Nutzung fossiler Brennstoffe und der damit verbundenen Aufheizung des Planeten. Deshalb hat sich die Weltgemeinschaft im Pariser Klimavertrag völkerrechtlich verbindlich verpflichtet, die Erderwärmung auf 1.5 bzw. weit unter 2 Grad (etwa 1.8 Grad) zu begrenzen und die Emissionen entsprechend zu senken.

Die Erde ist aber möglicherweise jetzt schon dabei, in einen lebensfeindlichen Systemzustand überzugehen und die Schwelle zur Heißzeit unwiderruflich zu überschreiten.

Eine im August 2018 erschienene, internationale Klimastudie hat schwindende CO2- Senken und Rückkopplungen im Klima- und Erdsystem berücksichtigt und weist eindringlich auf die Gefahr eines Abrutschens in eine verselbständigte, sich selbst verstärkende Erderwärmung hin, die selbst bei Einhaltung der Verpflichtungen des Pariser Klimaabkommens drohen könnte. Es sei deshalb eine viel schnellere, entschlossene Minderung der Treibhausgasemissionen und die Sicherung und Erweiterung der biologischen CO2- Speicher, sowie Kohlendioxidrückholung notwendig, sonst sei die Gefahr eines dauerhaften Supertreibhausklimas mit 4- 5 Grad höheren Temperaturen und einem Meeresspiegelanstieg um bis zu 60 Metern, sowie  weiteren verheerenden Folgen, nicht auszuschließen (W. Steffen, J.Rockström et al, Trajectories of the Earth System on the Anthropocene, 2018).

Es gibt offensichtlich einen untrennbaren Zusammenhang zwischen unseren Treibhausgasemissionen und den Veränderungen des Systems Erde, - man kann diese zwei Seiten einer Medaille nicht getrennt betrachten oder hier gar eine künstliche Entgegensetzung konstruieren. Diese erdsystemischen Veränderungen und ihre Auswirkungen auf die Erderwärmung hat die Studie deutlich gemacht.

Vor allem die immer weiter abnehmende Kapazität der natürlichen Kohlenstoffsenken (schwindende Wälder und zu warme und versauerte Ozeane) limitiert weitere Emissionen zusätzlich und treibt zusammen mit den zunehmenden natürlichen Emissionen (auftauender Permafrost, verrottende, brennende Biomasse, auftauende unterseeische Methanhydrate)  den CO2- Gehalt der Atmosphäre in die Höhe, der längst den natürlichen Schwankungsbereich zwischen 250 und 300 ppm verlassen hat und mit 410 ppm so hoch ist, wie seit etwa sechshunderttausend Jahren nicht mehr.

Die derzeit von der Menschheit verursachten Treibhausgasemissionen dürften inzwischen bei insgesamt über 80 Gt CO2- Äquivalent liegen (für 2010 gibt O. Edenhofer bereits 67 Gt an, siehe Atlas der Globalisierung, 2015), das ist etwa 15 bis 20 mal so viel, wie beim schnellsten natürlichen Klimawandel der Erdgeschichte, dem Paläozän Eozän Temperatur Maximum vor 55,5 Millionen Jahren.

Die unverändert viel zu hohen Treibhausgasemissionen der Menschheit durchbrechen die „Planetaren Leitplanken“ und führen zum Überschreiten weiterer Kipppunkte im Klima- und Erdsystem und destabilisieren es immer weiter. Wenn Kippprozesse bestimmte Punkte überschreiten, kann man das nicht wieder rückgängig machen, dann kippt letztlich das ganze System. Und die Kipppunkte sind laut Prof. Schellnhuber vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (PIK), viel näher, als bisher gedacht.

Die heutige Erwärmung der Erde läuft jetzt schon mit erdgeschichtlich beispielloser Geschwindigkeit ab, nämlich mindestens 100mal so schnell wie natürliche Klimaänderungen. Diese, nach erdgeschichtlichen Maßstäben blitzartige Erwärmung, macht eine Anpassung der Biosphäre faktisch unmöglich, was das fast vollständige Aussterben des Lebens und der Menschheit zur Folge haben könnte. Die dramatischen Veränderungen des Systems Erde würden mehrere Tausend oder gar Zehntausend Jahre andauern und sich weiter verstärken, wobei es völlig ungewiss ist, ob sich das System überhaupt jemals wieder stabilisieren kann.

Menetekel allerorten-  doch es herrscht Ruhe im Land

Wer sehen kann und will, wird weltweit die Zeichen des Unheils erkennen:

nicht nur die diesjährige Hitzewelle und Dürre, mit austrocknenden Flüssen und verheerenden Waldbränden und Unwettern und die immer schneller schmelzenden Gletscher, sondern auch die sich weiter rasant erwärmende Arktis, die wohl bald im Sommer ganz eisfrei sein wird, die immer schneller schmelzende Antarktis, das bereits zu einem Drittel abgestorbene Great Barriere Riff sprechen eine überdeutliche Sprache…

Doch es geht einfach alles so weiter, als wäre nichts, als könne man weiter jährlich weltweit über 80 Millionen Autos bauen, als könne man das Problem weitere 25 Jahre „auf die lange Bank schieben“, als würde das System Erde nicht bereits heute „auf der Kippe stehen“.

„Es herrscht Ruhe im Land“, - trotz Hitzewelle und Extremdürre. Es gibt offenbar keine revolutionäre Situation in den reichen westlichen Industrieländern und auch nicht in den expandierenden Schwellenländern. Das globale Bruttoinlandsprodukt hat sich seit 1992 verdreifacht und eine globale Mittelschicht entstehen lassen, die die westliche Lebensweise übernommen hat. Zu viele partizipieren vom wachsenden Wohlstand und nehmen die wachsenden ökologischen Zerstörungen und Bedrohungen als unvermeidliche Begleiterscheinung des „Fortschritts“ in Kauf, ohne sich die mögliche irreversible Weltzerstörung vorstellen zu können und zu wollen. Ein hinreichend starkes revolutionäres Subjekt einer ökologischen Wende ist nicht erkennbar, weshalb ein Warten auf die Weltrevolution eine, aus Zeitgründen eher nicht geeignete Strategie gegen die Klimakatastrophe sein dürfte. Noch haben die Industrieländer genug Potential, um selbst mit einer extremen Dauerdürre und Hitzewelle fertig zu werden. Das wird sich mit fortschreitender Erderwärmung ändern. Spätestens mit der ersten Hungersnot  dürfte auch eine revolutionäre Situation eintreten: Die Herrschenden können nicht mehr wie bisher und das Volk will nicht mehr wie bisher (und kann auch nicht mehr, bei Hitze,  Extremwetter und Mangelversorgung). Allerdings wäre dann die Klimakatastrophe bereits ein Selbstläufer und nicht mehr zu stoppen,- es wäre zu spät dafür, „die Kuh noch vom schmelzenden Eis zu bekommen“.

Es muss also vorsorgend und vorausschauend gehandelt werden, was eine enorme bewusstseinsmäßige Weiterentwicklung der Menschheit und das Primat einer vernunftgeleiteten Politik erfordert, um die notwendigen Reformschritte und grundlegenden Änderungen noch rechtzeitig  durchzusetzen.

Ökologischer Imperialismus

Dass die Industrieländer um den Faktor 10 über ihre natürlichen Verhältnisse leben, war in den 90ern schon einmal Allgemeinwissen. Auch das Kyoto- Protokoll verpflichtete ja die Industrieländer ihre Treibhausgasemissionen  bis 2050 um 90 %, also den Faktor 10 zu reduzieren.

Zum Beispiel liegen die deutschen CO2- Emissionen bei weit über 800 Millionen Tonnen jährlich, -der deutsche Wald kann allerdings nur 80 Mill. t absorbieren. Selbst wenn man die schmutzigen Zulieferungen und die globalen Aktivitäten seiner Konzerne und all deren CO2- Rucksäcke nicht berücksichtigt, verursacht Deutschland  also das 10 fache dessen, was seine eigenen CO2-Senken aufnehmen können, externalisiert also weitgehend kostenfrei über 90% seiner Emissionen und nimmt gratis die globalen Leistungen der Biosphäre in Anspruch. Das ist ökologischer Imperialismus.

 Könnten die westlichen Industrieländer nur Ihre eigenen CO2- Senken nutzen, dann wäre ihr fossiles Wachstumsmodell schon längst nicht mehr möglich.

Unter dem Aspekt der Klimagerechtigkeit hätten die westlichen Industrieländer sowieso schon kein Recht mehr auf irgendwelche Treibhausgasemissionen. Deutschland zum Beispiel hat bereits mehrere hundert Millionen Autos auf die Welt losgelassen und damit sein Mobilitätsbudget längst ausgeschöpft.

Eigentlich dürften die Deutschen nur noch Fahrrad fahren oder zu Fuß gehen.

Längst weiß das viele CO2 nicht mehr wohin,  längst sind die natürlichen Senken überlastet und drohen zu kollabieren. Die Fähigkeit der Wälder und Ozeane, diese  Leistungen zu erbringen ist bereits stark beeinträchtigt und nimmt durch Hitzestress und Übersäuerung immer weiter ab,- längst ist der Amazonas- Regenwald dabei, zur Steppe zu werden, längst schwindet das Plankton in den warmen und sauren Meeren. Und was nun? Selbst wenn die Emissionen sofort auf Null reduziert würden, würde sich die Erde um mindestens 0.6 Grad weiter erwärmen und die Ozeane sind bereits jetzt durch Erwärmung und Versauerung für Jahrtausende geschädigt.

Der Preis des Lebens

Die Nutzung der Erde hat Grenzen und ihren Preis. Das ist der Preis des Lebens sozusagen, der die Endlichkeit und die Belastbarkeitsgrenzen des Planeten zum Ausdruck bringen müsste, der also so hoch sein müsste, dass der Natur nicht zu viel entnommen und ihr nicht zu viel zugemutet wird und die Selbsterhaltungsfähigkeit der Ökosysteme und der gesamten Biosphäre gewährleistet bleibt,- das nennt man Nachhaltigkeit. Wenn man den wirklichen Wert der Natur berechnen und einen realen Preis für ihre Güter und Leistungen festlegen will, muss man ihre eventuelle Unersetzlichkeit und die berechtigten Ansprüche aller nach uns kommenden Generationen berücksichtigen. Der Wert der globalen Ökosystemleistungen müsste angesichts ihrer Gefährdung sehr viel höher eingestuft werden als bisher und in entsprechenden Preisen und Kosten für die Nutzung und Belastung der Natur seinen Ausdruck finden. Soll dauerhaft menschliches Leben auf der Erde möglich bleiben, dann müssen die Energie und Rohstoffpreise sehr bald diese zehnfache Übernutzung der Natur widerspiegeln. Wenn Fliegen billiger ist, als mit der Bahn zu fahren, dann stimmt etwas nicht. Wenn ein Bund Radieschen aus Spanien, noch dazu neuerdings in einem Plastikbecher, mit den einheimischen Anbietern konkurrieren kann, dann stimmt auch etwas nicht. Das zeigt  auch die kaum noch einzudämmende Plastikflut. Was zu billig ist, wird verschwendet und hat scheinbar keinen Wert. Und die fossilen Brennstoffe und viele Rohstoffe waren und sind viel zu billig, denn die Folgekosten, Nebenwirkungen und Risiken sind nicht in den Preisen enthalten.

Auch das Emittieren von CO2 ist nachwievor viel zu billig, obwohl es uns und die Generationen nach uns so teuer zu stehen kommen wird und seine begrenzte Aufnahme durch die Natur sich längst als die eigentliche Wachstumsgrenze erweist.

Den wahren Preis des Lebens haben wir bisher nicht bezahlt, was uns nun, da die globalen Ökosystemleistungen immer weiter abnehmen und bald nicht mehr erbracht werden, teuer zu stehen kommt.

Ungerechtigkeit im Treibhaus

Mit unserem exzessiven Energie- und Rohstoffverbrauch haben wir seit der Umweltkonferenz in Rio 1992 weiter ungeheuren Schaden angerichtet und von der Substanz gelebt und damit eigentlich unbezahlbare Schulden (z.B. in Form Treibhausgasemissionen) zu Lasten unseres Heimatplaneten, der Armen dieser Welt und der kommenden Generationen aufgehäuft. Unsere Verschwendung von Energie und Rohstoffen und die Tatsache, dass wir nicht den wahren, realen Preis für die Leistungen der Natur bezahlen, wird langfristig möglicherweise Milliarden Menschen das Leben kosten und zur weitgehenden Auslöschung des Lebens auf der Erde führen.

Die Indianer haben die Folgen ihres Tuns bis in die 7. Generation bedacht. Wir haben uns dagegen bisher das Zehnfache dessen genommen, was uns zugestanden hätte,- weil es so billig war und haben entsprechend viele Abfälle und Treibhausgase verursacht. Wenn wir nur die Rechte und Ansprüche der nächsten drei Generationen  beachten würden, dann dürften wir nur noch ein Viertel des Jetzigen verbrauchen und emittieren und Energie und Rohstoffe müssten  viermal so teuer sein.

Viele Regelkreise der Erde und ihre Fähigkeit, ausgeglichene Bilanzen aufrecht zu erhalten, sind bereits weitgehend zerstört. Ohne Eisbären können wir überleben, doch ohne den Amazonasregenwald möglicherweise nicht. Viele Leistungen der Natur sind nun einmal einfach unersetzlich, - durch ihren Verlust sind „die Lebenserhaltungsfunktionen der natürlichen Umwelt gefährdet, und ihre Erosion kann durch technologische Innovationen nicht aufgefangen werden (F. Luks, 2001)°.

Elementare, grundlegende Leistungen des Systems Erde sind bedroht, wie die CO2-Aufnahme, die Temperaturregulierung und die Sauerstoffproduktion, die die bisherigen lebensfreundlichen Umweltbedingungen auf der Erde ja überhaupt erst ermöglichten. Auch die Bereitstellung lebensfreundlicher Umweltbedingungen durch die Natur, also z.B. erträglicher Temperaturen, ausreichender Niederschläge und langfristig eines ausreichenden Luftsauerstoffgehalts wird bald nicht mehr gratis für alle erfolgen, sondern ein eures, exklusives Gut, dass sich nur noch wenige leisten können (siehe Götz Brandt, Leben in der Vielfachkatastrophe, 2013).

Neben der Destabilisierung vieler biogeochemischer Regelkreise des Systems Erde, droht ja auch ein vielfacher Peak Everything, nicht nur beim Öl, sondern z.B. auch bei Wasser, Böden und Phosphor, der ein weiter so wie bisher, schon bald unmöglich machen wird.

Indem wir ihre Leistungsfähigkeit zerstören und ihre Ressourcen verbrauchen, entwerten wir die Natur, womit wir gleichzeitig die Schwachen und ohnehin Armen dieser Welt und alle kommenden Generationen enteignen.

Entwertung und Enteignung

Der Klimawandel gerät zudem immer mehr außer Kontrolle und erweist sich zusehends als Klimakatastrophe. Was kostet es uns, wenn immer mehr große Ökosysteme destabilisiert werden und möglicherweise unersetzliche Leistungen der Biosphäre verloren gehen? Kann man die Folgen der Klimakatastrophe auch einfach „bezahlen“ oder gar rückgängig machen, nach dem bisherigen Motto: Was kostet die Welt?

Wie ersetzt man das Eis der Arktis, das vielleicht schon in 10 Jahren, im Sommer ganz verschwunden sein wird, wer rettet die Kleinlebewesen in den Ozeanen, die wegen der Versauerung keine Kalkschalenskelette mehr bilden können, wer ersetzt den Amazonas- Regenwald, der seit 2005 schon fünf schwere Dürren und den Verlust von Milliarden Bäumen ertragen musste und wie ersetzt man die austrocknende Taiga? Diese Verluste betreffen die Menschheit existentiell, denn hier reduzieren sich elementare, grundlegende Leistungen der Biosphäre. Das heißt, die Reproduktion der Lebensgrundlagen ist zunehmend gefährdet und entscheidende Regelkreise des Systems Erde, wie der Kohlenstoffkreislauf, geraten vollends aus dem Gleichgewicht.

Der Erde  droht damit der viel zu schnelle Übergang in den lebensfeindlichen Systemzustand einer Heißzeit.

Und eine Klimakatastrophe ist letztlich unbezahlbar, denn sie kostet nicht weniger als das Leben, das bei einer unbegrenzten, nach erdgeschichtlichen Maßstäben blitzartigen, Erderwärmung völlig zur Disposition steht.

Es erfolgt aber nicht nur eine fast vollständige Entwertung und Zerstörung des Naturkapitals, sondern durch den Ausfall der Leistungen der Natur steht auch die menschliche Zivilisation vor einem beispiellosen Niedergang, der sich durch technische Mittel nur beschränkt und befristet aufhalten lassen wird.

Wir werden bald feststellen, dass  der Ausfall vieler Leistungen der Biosphäre nicht wieder gutzumachen sein wird. Ohne intaktes Leben, also ohne eine funktionierende, die Lebensvoraussetzungen aufrechterhaltende Biosphäre, ist die weitere dauerhafte Existenz der Menschheit nicht möglich.

Die Armen sterben zuerst

Noch können wir uns für das Leben entscheiden,- aber  wenn wir weiter machen wie bisher, entscheiden wir uns für den Tod. Nicht für unseren eigenen, wozu wir ja das Recht hätten, sondern für den Tod sehr vieler Menschen in den armen Ländern und für den Tod, besser das nicht mehr leben können der künftigen Generationen und für den Tod des Planeten Erde, der möglicherweise in einen leblosen Zustand übergehen wird. Dazu haben wir kein Recht, das ist ein Verbrechen!

Ein amerikanischer Professor verkündet in National Geografic der Herren eigenen, sozialdarwinistischen Geist:

„Durch den Klimawandel wird sich die Weltbevölkerung um 3-4 Milliarden Menschen verringern, -dann haben wir kein Klimaproblem mehr!“ Das menschenverachtende 20. Jahrhundert war offensichtlich nur ein Vorspiel.

Allerdings ist das eine doppelt falsche Einschätzung, denn einmal verursachen nicht die afrikanischen, asiatischen und südamerikanischen Kleinbauern die Klimakatastrophe und zum anderen würde eine irreversible, sich selbst verstärkende Erderwärmung, auch die Villa des Professors erreichen.

Nicht Elend und Not von 2/3 der Menschheit, sondern Verschwendung und Gier von einem Drittel sind die Hauptursache der planetaren Krise. Gandhi sagte: „Die Erde hat genug für den Hunger aller Menschen, aber nicht genug für die Gier einiger.“ Doch die Armen sterben zuerst.

So werden laut einer Studie des Massachusetts Institut of Technology (MIT) mehrere hundert Millionen Menschen in Indien, Pakistan und Bangladesch bis zum Ende des Jahrhunderts ihre Heimat verlieren, weil diese nicht mehr bewohnbar ist. Man stirbt beim Aufenthalt im Freien aufgrund der Hitze und der hohen Luftfeuchtigkeit. Die Bauern können also ihre Felder nicht mehr bewirtschaften und haben die Wahl zwischen Verhungern und  Hitzschlag, da sie sich eine Umsiedlung nicht leisten können. Weite Landstriche werden darüber hinaus durch den Anstieg der Meere unbewohnbar werden (Bangladesch). Das weltweite Abschmelzen der Gletscher gefährdet zudem die Wasserversorgung von vielen hundert Millionen Menschen in Asien, Südamerika, aber auch in Europa.

Der Weltklimarat schreibt zu den Folgen der Klimakatastrophe:“In reicheren Gesellschaften (ein Fünftel der Menschheit verfügt  über 85% des weltweiten BIP), geht es eher um den Verlust ökonomischer Werte,

in ärmeren, um starke Beeinträchtigungen der Gesundheit und den Verlust des Lebens…“

Nach Angaben der UNO sind alleine in Afrika  700 Millionen von 1.1 Milliarden Einwohnern durch den Klimawandel in ihrer Existenz gefährdet.

Die Menschen, die kaum zum Klimawandel beigetragen haben, können ihm nicht entkommen und sich nicht vor ihm schützen und sterben zuerst, -wie ungerecht.

Dass die reichen Länder, Elend und Tod von zig Millionen Menschen als Kollateralschaden ihres „Way of life“ in Kauf nehmen, sollte der vielbeschworenen „Weltgemeinschaft“ wenigstens bewusst sein. Doch Macht bricht Recht und ignoriert  selbst die Naturgesetze. Die westlichen Herrschaftseliten meinen offenbar tatsächlich, den Krieg mit der Natur gewinnen zu können. Schon jetzt baut man die Deiche höher und auch die Grenzen.

Man will die Klimakatastrophe, aber auch ihre Folgen aussperren, -das Elend und die Not von 2/3 der Menschheit, obwohl man sie selbst verursacht hat. Der Stacheldraht der neuen Klimaapartheid verläuft an den EU-Außengrenzen und  zwischen den USA und Mexiko. Aber sowohl der Kapitalismus, als auch die Klimakatastrophe sind kein Schicksal, beide wurden und werden von Menschen gemacht.

Die Verantwortlichen gehören vor ein Klimatribunal

Die letzten 25 Jahre der Globalisierung haben dem Planeten möglicherweise den Todesstoß versetzt.

Statt den Umbau Richtung Nachhaltigkeit in Angriff zu nehmen, wurde in einer Art totalen Mobilmachung, an allen Fronten expandiert. Mehr Autos, mehr Transporte, mehr  Müll und vor allem mehr CO2. Mit Vollgas wurde nochmal richtig durchgestartet, allerdings in die falsche Richtung,  „Wachsen oder Weichen“ war das Motto!   Regionale, nachhaltige  Lebens-und Wirtschaftsweisen blieben da massenhaft auf der Strecke.

Statt zu löschen, hat man all die  Jahre seit der Umweltkonferenz in Rio 1992 weiter Öl und Benzin ins Feuer geschüttet und die weltweiten Emissionen haben sich verdoppelt. Und nach dem Pariser Klimagipfel geht auch einfach alles weiter wie bisher. Man will es scheinbar auf die Katastrophe ankommen lassen, um dann sagen zu können: Jetzt ist es eh schon zu spät!

Wir verprassen also nicht nur gerade in einer beispiellosen Verschwendungsorgie, was tausende von Jahren reichen sollte, für alle noch kommenden Generationen; -nein damit nicht genug, wir zerstören irreversibel die Reproduktionsfähigkeit der natürlichen Lebensgrundlagen, also die Fähigkeit der Biosphäre, die Temperatur zu regulieren, Sauerstoff zu produzieren und Biomasse, als Grundlage der Nahrungsketten.

 Wir sind dabei, aus dem Paradies Erde eine Hölle zu machen, doch wir haben offenbar  noch nicht einmal begriffen, was auf dem Spiel steht.  Die nach uns Kommenden werden uns verfluchen!

Wer spricht für sie, wer vertritt das Recht der nächsten 100 Generationen?

Wir haben nicht das Recht, zig Milliarden noch Ungeborener zu Elend und Tod zu verurteilen!

Und wir haben nicht das Recht, das Wunder des Lebens auf  dem Altar des Mammons zu opfern.

Man muss es mal beim Namen nennen: was hier gerade ins Werk gesetzt wird, ist kein unvermeidbares Unglück, sondern der größte Massenmord der Geschichte, denn sie wissen, was sie tun.

Es gilt, die Verantwortlichen in Öl- und Energieunternehmen, Auto- Luftfahrt - und Rüstungskonzernen, in Banken und Regierungen beim Namen zu nennen und anzuklagen.

Moralisch diskreditiert haben sich z.B. die Autokonzerne ja schon selbst. Es handelt sich hier nicht um Kavaliersdelikte, sondern um Schwerverbrechen größten Ausmaßes - den künftigen Tod von Millionen oder gar Milliarden Menschen - ganz zu schweigen vom Ökozid an der Erde. Trotz des enormen Ausbaus der erneuerbaren Energien, haben sich die Treibhausgasemissionen Deutschlands seit neun Jahren nicht verringert.

Der fossilistische Machtblock in Wirtschaft und Politik muss vor allem auch juristisch unter Druck gesetzt werden. Die Verantwortlichen verletzen nicht nur gröblichst ihre Vorsorgepflicht, sondern auch nationales und internationales Recht ( F.Ekardt, Klimaklagen, 2018). Es gilt, nicht nur „Schaden vom deutschen Volke abzuwenden“, sondern auch „eine gefährliche Störung des Klimasystems“ zu vermeiden (Klimarahmenkonvention) und der Pariser Klima- Vertrag ist eine völkerrechtlich verbindliche Verpflichtung.

Die Umweltverbände beispielsweise, müssten durch Klagen beim Verfassungsgericht, beim Europäischen Gerichtshof und einem künftigen Klimagerichtshof, die Einhaltung dieser Verpflichtungen rechtlich erzwingen, um so, ein noch rechtzeitiges Umsteuern einzuleiten.

Die westlichen Verschwendungsgesellschaften  müssen juristisch, ökonomisch, aber auch moralisch von den Zivilgesellschaften und  der Weltgemeinschaft unter Druck gesetzt und zu einem Kurswechsel gezwungen werden. Ein regelmäßig tagendes Klimatribunal, ähnlich dem Vietnam-Kongress könnte die Öffentlichkeit informieren und aufrütteln. Notwendig ist eine, Parteien und Länder übergreifende Koalition der Vernunft, eine Weltbürgerbewegung für die Rettung des Klimas und den notwendigen grundlegenden gesellschaftlichen Umbau. Notwendig ist eine, in der Tat, Große Transformation der Gesellschaften, um eine lebensbedrohliche Transformation des Systems Erde noch zu verhindern.

Die tödliche Falle

Die Erde befindet sich auf dem Weg in eine beispiellose Klimakatastrophe, mit Folgen, deren Ausmaß wir bisher nur ansatzweise überblicken und die weder beherrschbar, noch  rückgängig zu machen sein werden.

Alle Konten sind überzogen, alle Senken überlastet, jeder Kredit bei der Natur ist aufgebraucht.

Weitere Neuverschuldung und ein Abwälzen des Schuldendienstes auf den Rest der Welt und die Zukunft wäre unverantwortlich, denn eine Tilgung wird unmöglich sein und der ruinöse Bankrott des ganzen Systems Erde wäre dann schon sehr bald unvermeidlich.

Prof. Rahmstorf: „Es geht dabei (den notwendigen Maßnahmen J.T.) nicht um Umweltschutz, auf dem Spiel steht der Fortbestand der menschlichen Zivilisation.“

Wenn wir uns nicht schnellstens den Spielregeln des Planeten anpassen, dann werden wir den Planeten bald so verändert haben, dass wir uns nicht mehr anpassen können.

Mehr ist dazu eigentlich nicht zu sagen.

„Seiendes ist nur, als den Gesetzen des Seins Unterworfenes.“ (G.W.Leibniz).

Da wir die Gesetze des Seins auf der Erde missachten und die Regelkreise des Systems destabilisieren,  transformieren wir das Sein, also das Leben ins Nichts.

Die Erde ist unser einzig möglicher Handlungsrahmen und ihre Stabilität und ihr Funktionieren sind die Grundlage des Lebens und also auch des menschlichen Lebens. Insofern sind wir ihren Gesetzen unterworfen und können sie nicht beliebig verletzen, bei Strafe des Nicht Seins.

Insofern ist wahre Freiheit, Einsicht in diese Notwendigkeit. Der wirkliche Preis des Verlustes des Lebens ist letztlich der Tod, im Großen wie im Kleinen, für die Erde, wie für den Menschen, für das Individuum, wie auch für die Gattung.

Die einzig mögliche Realpolitik angesichts der drohenden Klimakatastrophe ist eine sofortige, entschlossene Rettungspolitik für die Erde und damit für die Menschheit, zumal wenn eine Stabilisierung des Klima- und Erdsystems  nur noch kurze Zeit möglich ist. Diese Rettungspolitik muss zuallererst eine Politik der Gerechtigkeit  und des Ausgleichs sein und gleiche Lebenschancen für alle respektieren. Das bedeutet nicht nur kein weiteres expansives, fossiles Wachstum auf Kosten des Südens und der kommenden Generationen, sondern Wiedergutmachung, soweit überhaupt noch möglich.  Frieden mit und auf der Erde wird es nur geben, wenn wir unsere Schuld und unsere Schulden eingestehen und wieder gut machen und der Erde, den Armen und den kommenden Generationen zurückgeben, was wir ihnen genommen haben.

Der Westen muss seine historische Klimaschuld abarbeiten, sei es bei der notwendigen globalen Aufforstung in der Größenordnung von mehreren Millionen Quadratkilometern, aber auch beim Katastrophenschutz und Infrastrukturumbau, bei Maßnahmen von Geoengeneering und durch Ausgleichsmaßnahmen für ärmere Länder usw.usf. Vor allem die Expansion der weißen Zivilisation  hat im Verlauf der bisherigen Geschichte, bereits mehr als ein Drittel des Waldbestandes des Planeten vernichtet, vielleicht sogar schon die Hälfte.

Wenn wir leben wollen, müssen wir Bäume pflanzen, statt Autos zu bauen.

Wir werden erdsystemkompatibel sein oder wir werden nicht sein. Wir werden uns mit dem begnügen, was uns zusteht oder maßlos alles verspielen.  Wir werden gerecht sein oder dem Sein nicht gerecht.

„Nur Gerechtigkeit führt zum Frieden mit der Natur und zum Frieden unter den Menschen.“ (Indianisch).

Wir werden nur leben, wenn wir leben lassen…

 

Jürgen Tallig                      2017/ 2018                            tall.j@web.de

 

https://earthattack-talligsklimablog.jimdofree.com/

 

Literatur:

U.Brand/M.Wissen, Imperiale Lebensweise, 2017

F.Ekardt, Paris- Abkommen, Menschenrechte und Klimaklagen, 2018

Götz Brandt, Leben in der Vielfachkatastrophe, 2013

W. Steffen, J.Rockström et al, Trajectories of the Earth System on the Anthropocene, 2018

David Wallace-Wells, „Der Planet schlägt zurück“ (dt. im „Freitag“,20.07.2017)

S. Rahmstorf, Können wir die globale Erwärmung rechtzeitig stoppen?, KlimaLounge,11.04.2017

WBGU, Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation, Hauptgutachten 2011

WBGU, Zivilisatorischer Fortschritt innerhalb planetarischer Leitplanken, 2014

WBGU, Klimaschutz als Weltbürgerbewegung, Sondergutachten 2014

WBGU, Entwicklung und Gerechtigkeit durch Transformation, Sondergutachten 2016

Naomi Klein, „Kapitalismus vs. Klima“, 2015

J. Tallig,  „Rasante Zerstörung des Blauen Planeten“ Umwelt aktuell  12.2016/01.2017

                „Die tödliche Falle“ in Umwelt Aktuell 11/2017

Umweltbundesamt, Nachhaltiges Deutschland, 1997

Vandana Shiva, „Erd-Demokratie“, 2005

 







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