Interview mit Camila Cirlini

09.03.21
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  1. Camila, wer bist du und wie bist du politisch aktiv geworden?

Ich bin ein Kind der 68ér Generation. Politisiert durch meine älteren Schwestern und von Kind an in einem Umfeld politischer Aktivität groß geworden. 1960 kam mein Vater nach Deutschland, rekrutiert von Thyssen. Ich hatte, solange ich mich erinnern kann, den Wunsch mit Tieren zu arbeiten und wollte später Tiermedizin studieren. Das wurde aber nichts, nachdem ich mitbekommen hatte, was man für diesem Beruf alles tun musste. Vom Schlachthofpraktikum bis zur Begleitung von Tierversuchen für die kosmetische und pharmazeutische Industrie, war das Abschreckungspotential erheblich. Durch die Sozialisation in meiner familiären Umgebung die durch meine älteren Geschwister von der 68er - Bewegung inspiriert waren, war ich seit meinem 12. Lebensjahr politisch aktiv.

  1. Warum kandidierst du ausgerechnet für ein Bundestagsmandat für die Partei DIE LINKE?

Die LINKE, der ich seit 2016 angehöhre, ist nicht unbedingt die erste Wahl für TierschützerInnen, könnte man denken. Entscheidend sind für mich jedoch der antikapitalistische Aspekt und die klare und kompromisslose Friedenspolitik. Ohne die Analyse von Karl Marx ist für mich keine Gesellschaft denkbar, in welcher Menschen, sowohl in ihren sozialen Verhältnissen und als Teil der Natur zu einem gedeihlichen Miteinander finden können. Ein Bundestagsmandat würde ich dazu nutzen, meine vielfältigen Bewegungsaktivitäten und parlamentarische Arbeit zusammenzubringen. Den Kapitalismus werden wir nur überwinden, wenn wir die parlamentarischen und außerparlamentarischen Kämpfe besser miteinander verbinden.

  1. Wenn du ein Bundestagsmandat hättest, wofür würdest du dich besonders engagieren?

  • Reichensteuer … Die Ungerechtigkeiten bei der Verteilung von Lasten sind für mich schier unerträglich. Sowohl die Kosten zum Eindämmen der Klimakatastrophe als auch die Kosten der Pandemie auf die arbeitenden Menschen abzuwälzen ist skandalös. Hier muss der Schulterschluss von Gewerkschaften, Bewegungen und einer LINKEN Fraktion einfach mehr Aktion „auf die Straße bringen“.

  • Ökosozialistische Wende … Wir stehen nicht kurz vor einem Abgrund, sondern schweben bereits mit einem Fuß darüber. Sofortige Veränderung ist keine Frage des Diskutierens mehr. Es ist lebensgefährlicher Unsinn, wenn die Bundesregierung Ziele setzt, die offensichtlich keinerlei Verbindlichkeit besitzen. Wir müssen aufhören den Kapitalismus für fähig zur Veränderung zu halten, wie z.B. die Grünen oder die SPD. Wir müssen jetzt ordnungspolitisch tätig werden. Diese Regierung wird es nicht tun. Die LINKE wird die einzige Kraft sein, die hier durch die Verbindung mit der Klimagerechtigkeitsbewegung ausreichend Druck entwickeln kann. Der künstliche Scheinwiderspruch von Arbeitsplätzen versus Klimaschutz muss endlich als das entlarvt werden, was er ist: Eine Lüge, die sich nur unter kapitalistischen Vorzeichen, wenn auch dürftig, argumentieren lässt. Die „parlamentarische Lautstärke“ mit der diese existenziellen Aspekte in die Auseinandersetzung gebracht werden müssen, kann noch deutlich gesteigert werden. Ein Ausstieg aus der industriell betriebenen Landwirtschaft, insbesondere der Tierproduktion muss jetzt beginnen. Da fehlen noch Konzepte. Die Förderkulisse für konversionswillige Landwirte ist völlig unzulänglich. Wer jahrzehntelang mit immensen Mitteln die Industrialisierung der Landwirtschaft gefördert hat, der kann auch das Gegenteil fördern. Das s. g. holländische Modell bietet zum Beispiel Schweinezuchtbetrieben Fördermittel unter der Voraussetzung, dass sie aus der Massentierhaltung aussteigen. Was hindert die Bundesregierung eigentlich ähnliches zu tun? Wir müssen sofort raus aus der Kohle und allen anderen fossilen Brennstoffen. Insofern ist auch die vom Bundesparteitag beschlossene Klimaneutralität für 2035 für mich noch nicht zufriedenstellend.

  • Feminismus … Ich finde es großartig, dass die LINKE in Zukunft von zwei Frauen angeführt wird. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal. Frauen werden in unserem Land noch immer stärker ausgebeutet als Männer. Quoten für Führungspositionen auch in der Wirtschaft sind für mich ein probates Mittel, das zu ändern. In der Tierschutzbewegung erlebe ich deutlich mehr Aktivistinnen als z.B. in Parteien. Hier hat unsere Partei noch einen Riesenbedarf und gewaltig Luft nach oben. Die Festlegung s.g. kultureller Normen, wie z. B. die Gewohnheit, Frauen im sozialen Sorgebereich massenhaft kostenlos arbeiten zu lassen muss deutlich radikaler angegriffen werden, als wir das bisher tun. Eine Grundsicherung wäre hier zum Beispiel ein guter Anfang, um die Benachteiligung von Frauen zu reduzieren. Der familiäre Mehraufwand z. B. wird nach wie vor größtenteils von Frauen erbracht.

  • Welchen Stellenwert hat für dich die traditionelle linke Parole von der internationalen Solidarität heute?

Die Kraft dieser Losung ist für mich nach wie vor groß. In den 70igern und auch noch in den 80iger Jahren bin ich dadurch politisch stark angesprochen worden. Die Realität dieser Solidarität, z.B. unter linken Parteien in Europa stimmt mich eher etwas nachdenklich. Internationale Solidarität ist eine gewaltige Kraft für die linken Bewegungen weltweit gewesen und muss es wieder werden. Natürlich müssen wir mit Solidarität vor der eigenen Haustür anfangen.

  1. Welchen Stellenwert hat aus deiner Sicht die Klimapolitik?

Die Ursache für die Klimakrise sind die kapitalistischen Zwänge zum „immer mehr“ und der Zwang zur Profitmaximierung. Auch die Politiker, die dem neoliberalen Weltbild verfallen sind, sind hier Täter im eigentlichen Sinne. Ein Abwälzen der Verantwortung auf die „bösen Konsumenten“ halte ich für zynisch. Marktwirtschaftliche Regulationen gehen immer zulasten der Verbraucher, insbesondere der wirtschaftlich benachteiligten Menschen. Tier- und Naturschutz ist interessanterweise ein hervorragender Hebel, um zu Veränderungen zu kommen. Damit werden die Rahmenbedingungen geändert, was sofort zu einer klimafreundlicheren Landwirtschaft führen würde. Die Übernutzung unseres Planeten liegt nicht daran, dass es viele Menschen gibt, sondern daran, dass unser gesamtes System auf einer Profitwirtschaft aufgebaut ist. Der Zwang massenhaft Billigfleisch zu produzieren ist eine kapitalistische Regel. Wenn wir Nahrungsmittel an Tiere verfüttern ist das eine gewaltige Verschwendung von Ressourcen. Es hungern nach wie vor 690 Millionen auf dieser Welt. Weitere 2 Milliarden leiden unter Mangelernährung. Alles das wird durch den Klimawandel drastisch verschärft. Je mehr Naturräume zerstört werden, desto wahrscheinlicher werden auch Pandemien. Die Übertragung von zoonotischen Erregern (70% aller Infektionskrankheiten sind Zoonosen), wie COVID 19 vom Tier auf den Menschen ist eine Folge der naturzerstörerischen Wirtschaftsweise, die auch auf der Ausbeutung von Tieren beruht. Ein ehrlicher Umgang mit diesen Zusammenhängen ist längst überfällig. Die Ozeane sind unser wichtigster Klimaregulator…aber du merkst, zu diesem Thema reicht der Platz nicht aus (lacht).

  1. Wie verstehst du das Verhältnis von MandatsträgerInnen zur Parteibasis?

Ich verstehe mich als aktivistische „Parteibasis“. Mandatsträger sollten so etwas wie der verlängerte Arm einer aktiven Basis sein. MandatsträgerInnen sollten diese Veränderungsenergie ins Parlament tragen. Das sehe ich als ihre Hauptaufgabe. Demokratie erschöpft sich nicht, indem wir alle vier Jahre Plakate aufhängen und um Stimmen werben. In der Kampagne gegen Tönnies hat „die Straße“ erreicht, dass z.B. die Werkvertragsmogelei aufhört. Die Partei ist nicht für die Fraktionen da, sondern die Fraktionen für die Partei und die verbundenen Bewegungen. Der Kampf gegen die Zustände bei Tönnies lief jahrelang ohne dass es nennenswerte Unterstützung durch Parlamente gab. In diesem Sinne würde ich als Parlamentarierin auch handeln.

  1. Wie stehst du zu einer der „Gretchenfragen“ in der LINKEN – Regierungsbeteiligung eher JA oder eher NEIN?

Ich sehe keine inhaltliche Basis für eine Regierungsbeteiligung mit den Grünen und der SPD. Die Sozialdemokraten machen seit Jahrzehnten unsoziale Politik und die Grünen wollen einen grün angestrichenen Kapitalismus. Im notwendigen Kampf gegen die großen weltbeherrschenden Player wie Amazon, Microsoft etc. gibt es ebenfalls keine brauchbaren Anknüpfungspunkte. Die Sozialdemokraten haben bisher alles getan, um der CDU hinterherzulaufen. Kurzarbeitergeld, sozialer Wohnungsbau, ein anständiger Mindestlohn, Maßnahmen gegen die zunehmende Altersarmut, alles das wären Handlungsfelder gewesen. Nichts davon hat die SPD umgesetzt.

Das Grüne an den Grünen verstehe ich so wie das „C“ bei der CDU – also als fromme Lüge. Baerbock und Habeck haben sehr deutlich gezeigt, dass in der Frage der Friedenspolitik keine Vereinbarung möglich ist. Eine starke Opposition tut uns besser, als eine schwache Regierungsbeteiligung.

  1. Wo liegen, deiner Meinung nach, die größten Chancen, wo die Risiken für DIE LINKE in den nächsten vier Jahren?

Die Chancen sehe ich ganz klar in einer klugen Bündnispolitik mit den erstarkenden Bewegungen. Das kann unsere Partei in zweierlei Hinsicht stärken: Erstens können wir politische kämpfende Menschen für die Partei gewinnen und zweitens Wähler erschließen, die unser Programm gut finden, aber mit der Partei hadern. Ich glaube wir haben mehr Rückhalt in der Gesellschaft mit unseren politischen Ideen als sich in den Wahlergebnissen widerspiegelt. Kompromisslosigkeit im Kampf gegen rechts, konsequenter Antirassismus und die Entlarvung der kapitalismusbedingten Hintergründe für fast alle aktuellen, existenziellen Fragen, sind wichtige Mittel, die nicht aufgeweicht werden dürfen. Bewegungen und Partei zusammenzubringen, das sollte eine Leitlinie der Strategie sein.

Die Risiken liegen in einer zunehmenden Entfremdung zwischen Bewegungen und Partei. Dann verlieren wir den Kontakt zum veränderungswirksamen Potential. Ein weiteres Risiko sehe ich in schwachen oder unklaren Positionen zur Klimapolitik. Wenn ich jedoch die Signale des letzten Bundesparteitages richtig lese, bewegen wir uns in die richtige Richtung, vor allem in den klimapolitischen Forderungen.

Für 'scharf-links' stellte Udo Hase die Fragen.







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