Mein Traum: Ich bin NRW-Landesvorstand Die Linke


Bildmontage: HF

28.05.10
LinksparteidebatteLinksparteidebatte, NRW, TopNews 

 

von Bernhard Gestermann

Ich träume nachts oft - wirres Zeug, aber auch ordentlich strukturiertes, selten Alpträume, die Männerträume der jungen Jahre sind längst vorbei. Was ich in kurzen Wachphasen nach meinen Träumen noch ziemlich genau weiß, habe ich am Morgen meist bis auf wenige Fragmente vergessen. Nur noch diffuse Erinnerungen, dass ich durch dunkle Straßen hetzend aufgeregt meinen Hund gesucht und nicht gefunden, oder Gysi getroffen habe und mit ihm über innerparteiliche Demokratie in der Linkspartei oder mit Frau Merkel über die DDR diskutiert und von beiden nur hohle Phrasen und Halbwahrheiten gehört habe. Oder mit Leuten, die meinen, noch Hoffnungen darauf haben zu können, dass die SPD wieder zu einer „sozial“demokratischen Partei und aus der Linkspartei noch eine konsequent antikapitalistische Partei werden wird und alles, was dagegen spricht, vorgebracht habe und sie nichts entkräften konnte und doch bei ihrer Meinung blieb. Wiederholungen meiner deprimierenden Alltagserfahrungen also. Und dennoch sind diese Träume psychoanalytisch gesehen wohl Entlastungsvorgänge des Ichs, damit es mich am Morgen danach wieder wohlgemut aufstehen und den Tag angehen lässt.

Dem Vergessen bin ich bei dem Traum, von dem ich jetzt erzählen will, zuvorgekommen. Ich bin sofort aufgestanden und habe ihn niedergeschrieben.

Also ich bin der Papst und nicht Deutschland, sondern NRW-Landesvorstand der Linkspartei und sitze am Schreibtisch meines Büros in der Landesgeschäftsstelle. Ungeduldig warte ich auf die Post. Die Medien haben schon am Vortag angekündigt, dass Frau Kraft und Frau Löhrmann sich mit uns zu einem Sondierungsgespräch über die Möglichkeiten einer Zusammenarbeit zum Wohle unseres Landes treffen wollen. Natürlich belassen es die meisten Redaktionen nicht bei dieser dürren Nachricht, sondern fügen, ihrer Pflicht zur Meinungsbildung nachkommend, hinzu, dass die Beiden in Kenntnis der chaotischen Verhältnisse im NRW-Landesvorstand der Linkspartei mit wenig Hoffnung auf ein positives Ergebnis in ein solches Gespräch gehen werden. Bevor man überhaupt die Details erörtere, verlange man von der Linken die eindeutige Aussage, dass die DDR ein Unrechtsstaat war. Auf welchem Wege wird uns die Einladung zugestellt werden? Auf traditionellem Weg der Briefpost? Per Email? Durch Eilboten? Etwas nervös und unkonzentriert erledige ich einige Anrufe und liegengebliebene Post. Den Email-Posteingang habe ich schon mehrmals kontrolliert. Bis 10 Uhr 15 nichts! Dann, kurz vor halb Elf, kommt Pia, unsere junge, hübsche und freundliche Halbtagsbürokraft, die heute Dienst hat, schon an der Türe mit einem ungeöffneten weißen Briefumschlag wedelnd in mein Büro und reicht ihn mir heiter-ironisch mit den Worten „Es sind wohl die gnädigen Frauen, die hier zu Tisch bitten“.

Ich lächle kurz, bedanke mich und öffne eilig den Umschlag. In acht dürren Zeilen, zwischen denen schon die Geringschätzung unübersehbar hervorquillt, wird uns mit Nennung von Ort, Datum und Uhrzeit der Wunsch mitgeteilt, dass man die Möglichkeiten ausloten wolle, ob SPD, Grüne und Die Linke zum Wohle Nordrhein-West-falens zusammenarbeiten können. Eine unabdingbare Voraussetzung dafür sei jedoch, dass wir ohne Wenn und Aber erklären „Die DDR war ein Unrechtsstaat!“ Also doch, geht es mir durch den Kopf, erst auf die Knie, dann vielleicht auch noch die Füße küssen und am Ende, um der Demütigung die Krone aufzusetzen, dennoch keine Absolution. Ich informiere die Mitglieder des Landesvorstandes und unserer neuen Landtagsfraktion und lade sie zu einer Sitzung am späten Nachmittag ein.

Sofort beginne ich, über meine angemessene Antwort nachzudenken und diese niederzuschreiben. Nach relativ kurzer Zeit habe ich folgende Antwort formuliert:

„Wir bedanken uns für Ihre Einladung. Auch wir sind an der Prüfung interessiert, was wir gemeinsam für unser Land, das heißt für uns in erster Linie, für die Benachteiligten unseres Landes, tun können. Da das allgemeine Interesse, wer was möchte bzw. nicht möchte, in welchen Fragen man auf einen gemeinsamen Nenner kommt und in welchen nicht, sehr groß sein wird, wollen wir diese Gespräche in aller Öffentlichkeit führen. Das heißt, sie sollten in einem Raum stattfinden, in dem möglichst viele Menschen, Journalisten und Fernsehteams unkontrollierten freien Zugang haben. Möglichst viele politisch interessierte Bürgerinnen und Bürger sollten sich unvermittelt durch die Medien ein Bild darüber machen können, was uns verbindet und was uns trennt.

Zu Ihrer Forderung, Die Linke in NRW müsse sich, bevor man überhaupt in Koali-tionsverhandlungen einsteige, dazu bekennen, dass die DDR ein Unrechtsstaat war, schlagen wir vor, Sie bringen legen zum vorgeschlagenen Treffen Ihre allgemeine Definition von „Unrechtsstaat“ vor und wir sagen dann, ob wir der Meinung sind, die DDR sei in diesem von Ihnen definierten Sinne ein Unrechtsstaat gewesen. Ihnen ist gewiss bekannt, dass der Begriff „Unrechtsstaat“ nicht eindeutig definiert ist, weder juristisch und politisch, sondern ein vom rechten Rand der CDU erfundener Kampfbegriff ist, der Nazideutschland und DDR auf eine moralische, politische und rechtliche Stufe stellt. Wir hoffen natürlich, dass sich sozialdemokratische und grüne Sicht auf die DDR von der der CDU unterscheidet und sich dies in Ihrer Definition von Unrechtsstaat niederschlägt.

Zu dem Gesinnungstest, den Sie offenbar für notwendig halten, bevor wir uns der Frage zuwenden, ob z. B. die unsozialen und bildungsfeindlichen Studiengebühren abgeschafft werden können, möchten wir bemerken, dass wir von Ihnen, Frau Kraft, nicht verlangen - wozu wir große Lust hätten, was wir aber eben aus dem Grund, weil eins mit dem anderen nichts zu tun hat, unterlassen - sich zu der von der Geschichtsforschung mittlerweile eindeutig nachgewiesenen Verwicklung Ihrer Parteiführer Ebert, Scheidemann und Noske in die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht im Januar 1919 zu bekennen …“


Da werde ich wach. Lara, meine Gordon-Setter-Hündin und Licht meiner alternden Augen, liegt auf ihrem großen, weichen Lager vor meinem Bett und träumt auch, zuckt rhythmisch mit den Pfoten und bellt verhalten. Sie ist wohl wieder auf der vergeblichen Jagd nach einem der vielen Häschen in dem Revier, in welchem wir es uns täglich wohl gehen lassen. Auch sie braucht wohl die nächtliche Entlastung ihres Gemüts von der Vergeblichkeit des Tages, damit sie wieder fröhlich den neuen Tag angehen kann. An ihr wird mir immer wieder klar, was es bedeutet, wenn symbolisch davon gesprochen wird, der Mensch sei, weil er im Gegensatz zu den Tieren ein Bewusstsein habe, damit aus dem Paradies vertrieben. Tiere sind wie sie sind, ohne doppelten Boden, nicht gut und nicht schlecht. Und sie lieben Dich ohne Wenn und Aber, ob du schön oder hässlich, reich oder arm, gesund oder krank bist. Kein vollständiger Ersatz für die Widrigkeiten der Welt, aber doch ein gewisser Trost.

Schade, dass ich meinen Traum nicht zu Ende träumen konnte. Gerne hätte ich erlebt, ob meine GenossInnen sich hinter meine Antwort und wie Frau Kraft und Frau Löhrmann und die Medien, die ja auch über unsere Antwort informiert worden wären, sich zu ihr gestellt hätten.

Oder sollte ich froh sein, dass das Ende im Traum offen geblieben ist?

Aber gibt es da wirklich viel Raum für Vermutungen?

Nun aber raus aus dem Bett! Das alles muss sofort aufgeschrieben werden, bevor es wieder in die unendlichen Tiefen der Gehirnwindungen versunken ist.


VON: BERNHARD GESTERMANN


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