Wendl Ikonoklastus

01.05.10
LinksparteidebatteLinksparteidebatte, Bayern, TopNews 

 

Von Dagmar Henn

Die Antworten des Michael Wendl verwirren zunehmend. Es scheint fast, als befände er sich auf einer heiligen Mission; es sei seine ureigenste höchste Berufung, alle Bilder herabzustoßen, die ihm nicht in sein Konzept passen. Wend, der Bilderstürmer.

Historisch betrachtet, liegt die Bilderstürmerei vor allem jenen am Herzen, die einen alten Glauben durch einen neuen ersetzt haben. Sie halten es für nötig, alle Spuren des Gewesenen zu tilgen; darin unterscheidet sich der Eifer derer, die nach 1989 alle Marx-Denkmäler abräumten, in nichts von dem der Cromwellianer im England der Glorious Revolution. Die Beharrlichkeit Wendls, mir 1. einen Glauben, und 2. auch noch den falschen anhängen zu wollen, scheint demselben Quell zu entspringen.

Es ist ausgesprochen mühsam, auf diese Aufwallungen vernünftig zu reagieren. Schließlich ist es mir zuwider, aus einzelnen Worten der Argumentation meines Gegenüber einen Popanz zu konstruieren, den ich dann öffentlich mit Schmutz bewerfe. Eine sinnvolle Debatte sollte zumindest für die Lesenden nachvollziehbar, also belegt sein; sie sollte einen Dialog darstellen, also ein Aufnehmen (und gegebenenfalls Widerlegen) der Argumente des Anderen, nicht eine beständige Wiederholung derselben Behauptungen; und sie sollte von einem zumindest abstrakten Respekt geprägt sein, selbst wenn man einander nicht riechen kann. Diese persönliche Abneigung ist nämlich für das Publikum nicht nur ohne Interesse; sie nötigt die Leser zudem in die Rolle eines Voyeurs.

Vielleicht ist es hilfreich, zu erläutern, woher ein Teil dieses Zorns stammt, den Wendl da so öffentlich ergießt und in den er nun gleich die größte Strömung der bayrischen Linken mit hineinzieht: es war unter Anderem die Antikapitalistische Linke, die Wendl den Triumphzug verweigert hat, den er sich bei seiner Wahl zum Landessprecher wohl erhoffte. Nun schmollt er und wirft mit Lehm. Seine Texte werden davon nicht besser.

Es hätte viele Passagen in "Wendl, wohin" gegeben, auf die ich eine Antwort erwartet hätte. So wäre es für einen Landessprecher der Linken nahe liegend gewesen, meinen Vorwurf, er beziehe sich mit seiner Formulierung vom Eintritt der Arbeiterbewegung in die Politik im Jahre 1918 positiv auf Noske, empört von sich zu weisen. Auf ein Missverständnis zu plädieren. Oder zu versuchen (so sehr das die Anatomie auch überfordern mag), sich auf beide Traditionslinien gleichzeitig zu beziehen. Statt dessen - Schweigen. Nur im Subtext findet sich der Vorwurf, auch ein Bezug auf Rosa Luxemburg sei die Anbetung einer Ikone.

Auch auf die Frage einer sozialistischen Wirtschaftssteuerung hätte ich eine Antwort erwartet. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Problemen, die damit verknüpft sind. Eine solche Debatte wäre für die gesamte Partei so spannend wie nützlich. Statt dessen - Schweigen.

Der Vorwurf des Glaubens basiert vor allem darauf, dass ich auf Lenin hingewiesen habe. Das genügt für die Behauptung, Heiligenverehrung zu betreiben. Ich gebe zu, ich habe auch die Bibel gelesen, auch das Bolivianische Tagebuch und ebenso Zettels Traum oder die Tagebücher des Henkers von Paris. Welchem Glauben gehöre ich nun deswegen an? Und warum reagiert Wendl mit so disproportionaler Vehemenz, dass er gar zu der Unterstellung greift, ich würde die Thesen Noltes teilen?

Dreh- und Angelpunkt ist folgende Passage (ein Grundmotiv, das wir schon von den vorhergehenden Folgen kennen): "Ich habe dagegen zu erklären versucht, dass es gerade durch das "Eintreten" der Arbeiterbewegung in die Politik nach 1918 zu einer "institutionellen Einhegung" des Kapitalismus gekommen ist, an der nach 1945 wieder angeknüpft werden konnte und die zur Durchsetzung eines "Sozialstaatskapitalismus" geführt hat, der nach der kapitalistischen Wirtschaftskrise 1973-75 schrittweise zur Disposition gestellt worden ist (...)". Übergehen wir mal die Frage der Position, die der Autor sich in diesem entfernten Dialog zuschreibt, und beschränken uns auf den Inhalt. Ich bin ja bisher davon ausgegangen, der Zusammenhang zwischen der Existenz zweier deutscher Staaten und der Entstehung der bundesdeutschen "sozialen Marktwirtschaft" (so etwas wie Wendls goldenes Zeitalter) sei Konsens weit über den Kreis linker Historiker hinaus. Leider habe ich übersehen, dass Wendl hier eine völlig andere Meinung vertritt. Seiner Überzeugung nach hat die galoppierende Schwindsucht, die dieses Gesellschaftsmodell erfasst hat, nichts, aber auch gar nichts mit 1989 zu tun. Eine zweite deutsche Republik scheint es nie gegeben zu haben. Wie die Beziehung dieser zweiten Republik zur deutschen Arbeiterbewegung aussieht (wo ja nach Wendls Definition dann der zweite Teil der Arbeiterbewegung 1949 in die Politik eingetreten sein müsste), welche Lehren womöglich aus ihrem Scheitern gezogen werden sollten, all das ist nicht existent. Man kann darüber ja völlig unterschiedlicher Meinung sein, aber diesen Teil der Geschichte als einen Teil der Geschichte unseres Landes wahrzunehmen und sich damit auseinanderzusetzen, ist doch ein zentraler Punkt im Gründungskonsens der LINKEN. Wie oft und in welcher Form ich dieses Thema anspreche, die Antwort ist immer - Schweigen.

Also zwischen 1918 und 1933 war der Kapitalismus "institutionell eingehegt". Dann muss er zwischen 1933 und 1945 gewissermaßen aus dem Gehege entkommen sein. Nach 1945 haben ihn dann brave Hirten (ich schätze, das war für Wendl wieder mal die SPD, und sie alleine) wieder eingefangen und ins Gehege zurückgeführt haben, wo er dann bis 1973 friedlich äste, dann aber wieder bockig wurde und anfing, die Umzäunung zu attackieren.
Ganz so einfach und positiv ist allerdings die Geschichte des westlichen Sozialstaats auch nicht. Das beginnt damit, dass der Entwurf für die "soziale Marktwirtschaft" nicht erst 1945 entstand, sondern schon 1942, als unter Naziägide erarbeitetes Modell einer Nachkriegsgesellschaft. Entsprechende Forschungsergebnisse fanden sich schon in den 1980ern in der Konkret. Es setzt sich damit fort, dass viel offenere Ansätze auch in den Westzonen (man denke nur an das Ahlener Programm der CDU, das für Wendl auch ikonenlastig sein dürfte) bald massiv unterdrückt wurden (ausgerechnet München ist eine der Städte im Westen, in der tatsächlich eine Gründung der SED stattfand, auch wenn sie schnell wieder zerschlagen wurde); dass große Teile des Staatsapparates vor 1945 ab 1953 wieder in Amt und Würden saßen, und dass 1956 gegen massiven Widerstand die Remilitarisierung durchgesetzt wurde. Die Geschichte der westlichen Republik ist unter demokratischen Gesichtspunkten mindestens bis 1968 höchst zweifelhaft. Der Preis für den "Sozialstaatskapitalismus" war ein tief eingeschriebener Antikommunismus.
Dieser Antikommunismus hat natürlich über die Jahrzehnte hinweg sein Gesicht verändert, und die Hauptargumentationslinien haben sich vom dumpfen Vorwurf "Sowjetagent" wegbewegt. Ein beliebtes Muster der jüngeren Zeit ist der Vorwurf, das sei doch alles überholt. Auf dieser simplen Schiene bewegt sich eigenartigerweise auch der Vortrag Wendls. Er setzt sich nicht mit konkreten Argumenten auseinander (etwa mit der Frage globaler Gerechtigkeit, oder dem zunehmend schärfer werdenden Nationalismus hierzulande), sondern nur mit der Erwähnung des Namens Lenin in diesem Zusammenhang. Allein, dass dieser Name dort steht, erübrigt seiner Meinung nach jede konkrete Erwiderung. Ob die Beobachtungen, die dieser Erwähnung vorausgehen, zutreffen oder nicht, ob sich hier tatsächliche Gefahren einer zukünftigen Entwicklung abzeichnen, alles Banane. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, hier handelt es sich um einen Fall von simplem Antikommunismus. Wobei ich es der geneigten Leserin überlassen will, ob das Anti hier sein Ziel trifft.
In seinem ersten Text hat Wendl allerdings schon die Frage nach der Position zum Sozialismus als inquisitorisch zurückgewiesen. Jetzt war ja bisher meine Überzeugung, die LINKE sei als Partei offen für alle linken Strömungen, die ein sozialistisches Ziel haben. Schließlich war es dieses Ziel, das die beiden Teile der Arbeiterbewegung gemein hatten, dieses Ziel, das eine gemeinsame Partei über die ehemalige Staatsgrenze hinweg ermöglicht, unter der Bedingung, dass unterschiedliche Vorstellungen von konkreter Ausgestaltung und konkretem Weg dahin akzeptiert werden. Das hat allerdings zwei Voraussetzungen - dass dieses Ziel geteilt wird, und dass der alte bundesdeutsche Antikommunismus zumindest innerhalb der Partei kein Spielfeld erhält. Mittlerweile habe ich die Befürchtung, dass Wendl sich weder eine andere Gesellschaft als die kapitalistische vorstellen kann, noch dass er den Antikommunismus hinter sich lassen konnte. Für unsere Partei ist das schweres Gepäck.

 



Erfolgreiche Zwischenbilanz - 03-05-10 23:13




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