In seiner Schweinshaxe hielt er eine Peitsche


Bildmontage: HF

21.12.14
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von Mike Wright 

Eines Tages im Herbst befahl Schwatzwutz H-W den Schafen, ihr zu folgen, und sie führte sie hinaus auf ein Stück Brachland am anderen Ende der Stadt, aber immer noch innerhalb des Landesverbandes Thüringen, das von jungen Birken überwachsen stand.

Die Schafe verbrachten den ganzen Tag dort und weideten sich unter Schwatzwutz H-Ws Aufsicht an den Blättern der Bild. Sie selbst kehrte am Abend zur Geschäftsstelle zu- rück, den Schafen jedoch riet sie, angesichts des warmen Wetters, dort zu bleiben, wo sie waren.

Es endete damit, dass sie eine volle Woche dort blieben, während die anderen Tiere sie nicht zu Gesicht bekamen. Schwatzwutz H-W war die meiste Zeit bei ihnen. Sie lehre sie, so sagte sie, ein neues Lied zu singen, wozu es der Ungestörtheit bedürfe.

Es war just nach der Rückkehr der Schafe, an einem lauen Abend, als die Tiere ihre Ar- beit beendet hatten und sich auf dem Rückweg zum Land befanden, da ertönte vom Parkplatz der Geschäftsstelle das entsetzte Wiehern eines Pferdes. Verblüfft blieben die Tiere stehen. Es war Rosas Stimme. Abermals wieherte sie, und alle Tiere galoppierten los und stürmten in die Stadt. Dann sahen sie, was Rosa gesehen hatte.

Es war ein Schwein, das auf den Hinterbeinen lief.


Ja, es war Schwatzwutz H-W. Ein wenig unbeholfen, als wäre es ihr noch ungewohnt, ihren ansehnlichen Wanst in dieser Position aufrechtzuhalten, doch mit perfekter Bal- ance, so schlenderte sie über den Hof. Und einen Augenblick später kamen aus den Türen der Staatskanzlei und Landesgeschäftsstelle zwei lange Reihen von Schweinen, die allesamt auf den Hinterbeinen liefen.

Einige machten es besser als andere, ein paar schwankten sogar ein Spürchen und sahen so aus, als hätten sie sich gerne auf einen Stock gestützt, doch jedes von ihnen schaffte es, einmal erfolgreich den Hof zu umrunden. Und schließlich erscholl ungeheu- res Hundegebell und ein schrilles Krähen des schwarz-roten Junghahns Andreas und des grünen Huhnes, und heraus trat Napoleon, bekannt als Rambo, persönlich, in majestä- tisch aufrechter Haltung, und verschoss nach allen Seiten hochmütige Blicke, wobei ihn sein Hund umsprang.

In seiner Schweinshaxe hielt er eine Peitsche.

Es herrschte tödliches Schweigen. Verblüfft, entsetzt, dicht aneinander gedrängt beo- bachteten die Tiere, wie die lange Schweinereihe langsam um den Hof herummarsch- ierte. Es war so, als wäre die Welt auf den Kopf gestellt. Dann kam ein Augenblick, als der erste Schock abgeklungen war und in dem sie trotz allem – trotz ihres Entsetzens vor den Hunden und trotz der in langen Jahren erworbenen Gewohnheit, sich nie zu beschweren, nie zu kritisieren, egal was geschah – vielleicht ein Wort des Protestes geäußert hätten, ausgenommen war Mike, der schnell von Alex gerügt wurde, dass nur anerkennende Anmerkungen erlaubt waren. Und gerade in diesem Augenblick brachen alle Schafe wie auf ein Signal hin in das ungeheure Geblöke aus -

»Vierbeiner gut, Zweibeiner besser! Vierbeiner gut, Zweibeiner besser!«


Und so ging es fünf Minuten lang pausenlos weiter. Und als die Schafe sich beruhigt hatten, war die Chance zum Protest verpasst, denn die Schweine waren zurück in die Staatskanzlei und Landesgeschäftsstelle marschiert, und Birgit trug den ersten Teil ihrer dritten Million Euro in einem großen Sack zur Bank.

Karl fühlte, wie ihn eine Nase an der Schulter stupste. Er sah sich um. Es war Rosa. Ihre alten Augen blickten trüber denn je. Wortlos zupfte sie ihn sanft an der Mähne und füh- rte ihn zum Ende der großen Scheune, wo die Sieben Gebote angeschrieben standen. Sie verharrten dort eine oder zwei Minuten lang und schauten auf die geteerte Wand mit den weißen Buchstaben.

»Mein Augenlicht lässt nach«,
sagte sie schließlich. »Selbst als ich noch jung war, habe ich nicht lesen können, was da geschrieben stand. Aber mir scheint, dass diese Wand irgendwie anders aussieht. Sind die Sieben Gebote noch dieselben wie einst, Karl?«

Dies eine Mal fand sich Karl dazu bereit, mit seiner Regel zu brechen, und er las ihr vor, was auf der Wand geschrieben stand. Jetzt war da bloß noch ein einziges Gebot.
Es lautete:

ALLE TIERE SIND GLEICH, ABER MANCHE SIND GLEICHER

Danach erschien es nicht weiter befremdlich, als am nächsten Tag die Schweine, die die Parteiarbeit beaufsichtigten, Peitschen in den Haxen trugen.
Es erschien auch nicht weiter befremdlich zu erfahren, dass sich die Schweine ein Mik- rofon gekauft hatten, Schritte unternahmen, den Anschluss eines Telefons zu verwan- zen und die Zeitschriften der 'Welt', 'Economist' und denen der Wirtschafts-Politik von Schäuble abonniert hatten.

Es erschien nicht weiter befremdlich, als man 'Rambo' mit einer Pfeife im Maul im Staats- kanzleigarten schlendern sah – nein, nicht einmal, als das Schwein Fr. Lieber-Freiherr Garderobe aus dem Kleiderschrank holte und Kleider von den grünen Bourgeoisie-Schw- einen geborgt und sich angelegt hatte.

'Rambo' präsentierte sich in einer schwarzen Null, gelbbraunen Neoliberalismus und einer Schulden-Bremse, wohingegen sich seine Lieblingssau in einem moirierten Seidenkleid sehen ließ, das Frau Ferkel an Sonntagen zu tragen gepflegt hatte.

Mike Wright – Hochachtungsvoll in Erinnerung an George Orwell*

http://rote-reporte.de/2014/12/manche_sind_gleicher

* George Orwell:
https://de.wikipedia.org/wiki/George_Orwell
Farm der Tiere:
https://de.wikipedia.org/wiki/Animal_farm


VON: MIKE WRIGHT






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