Eindrücke von einer Gedenkfeier - Reflektionen auf Michael Schumann


Michael Schumann; Bild: RLS

05.12.15
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Von René Lindenau

Ich erinnere mich an einen Parteitag, wo sich Kandidaten für den neuen Bundesvorstand vorstellten. Eingangs bezeichnete er sich als inzwischen altes Vorstandsmöbel. Nun war er – Prof. Michael Schumann – selbst Gegenstand einer Gedenkfeier im Landtag. Fünfzehn Jahre nach seinem tragischen Tod - am 2. Dezember 2000.

Weggefährten aus der PDS mit Gregor Gysi, Dietmar Bartsch, Heinz Vietze erinnerten sich an ihren „Micha“. Ihnen gleich taten dies Peter-Michael-Diestel (CDU) und die Landtagspräsidentin Britta Stark (SPD) auf dem Podium. Gesehen wurden auch viele damals und heute amtierende Minister und Landtagsabgeordnete.

Uvergleichliches hat Michael Schumann geschaffen und speziell einer linken Nachwelt hinterlassen. Das wurde an diesem Abend wieder deutlich. So ungemein wichtig, war das Referat „Wir brechen unwiderruflich mit dem Stalinismus als System“, das heute als Gründungskonsens der PDS gilt – vorgetragen auf dem Außerordentlichen SED-Parteitag im Dezember 1990. Unschätzbar Schumanns Verdienste um die Erneuerung der Partei. So wertvoll waren seine Anteile an einer kritischen, wie auch, einer immer auch nach vorn gerichteten Geschichtsarbeit. Ich hatte das Privileg ihn mit einem klugen Schusswort auf der Konferenz „Realsozialistische Kommunistenverfolgung: Von der Lubjanka bis Hohenschönhausen (21. Juni 1997) zu hören. Von ebenso großer Bedeutung war seine Fähigkeit zu strategischen Denken. Bleibend wird sein immenser Anteil an der Erarbeitung einer der modernsten Landesverfassungen sein, zu der er im Verfassungsausschuss beitrug. Wesentlich durch M. Schumann, dürfte die brandenburgische PDS damals zu einer verfassungsgebenden Partei geworden sein.

Zu seinem Erbe gehört nach wie vor wegweisendes, hochaktuelles, brisantes. Ob nun die Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus, zur Geschichts- und Programmarbeit der Partei oder zur Landespolitik. Was würde Schumann z.B. heute zu ROT-ROT sagen, kümmerte ihn doch damals schon die Frage; Sind wir schon zum Regieren bereit, hätten wir genug Leute? Ja, kluge vorausschauende Fragen zu stellen und darüber zum Nachdenken aufzufordern, zeichneten den Professor auch aus.

Frau Stark, früher Kollegin von ihm im Innenausschuss des Landtages, würdigte seine Leidenschaft, sein Streiten um die Sache. Zudem war er für sie ein brillanter, sehr kluger Kopf. Ähnlich begann Diestel. Er sprach bei seinem ehemaligen Landtagskollegen von einer „rabiaten Intelligenz“. Doch nicht deswegen erklärte der letzte DDR-Innenminister, neidisch auf die LINKE zu sein. Er wäre neidisch, dass sie eine solche Persönlichkeit hatte, der sie noch immer gedenkt. Für ihn war Schumann der beste Redner im Landtag jener Zeit. Andersdenkende habe er geachtet und nie beleidigt. Bartsch wandte dazu später ein, er war wahnsinnig tolerant gewesen, aber Dummheit ärgerte ihn. Zuhören konnte er auch, wie erzählt wurde. Unbestritten ein Markenzeichen des demokratischen Sozialisten: Michael Schumann. Übereinstimmend berichteten Podiumsteilnehmer von seinem unendlichen Humor und von seiner Trinkfestigkeit.

Gysi hob wie andere auch, seine hohe Bildung hervor. Er war hochpolitisch, jedoch nie verbissen. Es war eine Mischung aus Humor, Intelligenz und Zuverlässigkeit, die ihn auszeichnete. Ohne ihn wäre manches nicht durchzustehen gewesen. Gar nicht vorstellbar, Gysi meinte, ihm Schumann, konnte er nicht aufhören zuzuhören.

Bartsch, damals Schatzmeister, bekannte, im Parteivorstand sei er eine große Stütze gewesen. Während des Hungerstreiks (Vermögensstreit, 1994) wären beide richtig zusammengewachsen. Im anfangs gezeigten Beitrag des ORB-Fernsehens über seinen Tod, sagte sein „Chef“ Bisky über Schumann, der so „herrlich antiautoritär“ war: „Manche Menschen sind nicht zu ersetzen“.

Zwischen bemerkt, inzwischen muss man auch über Biskys Ersetzbarkeit nachdenken.

Doch zurück zu Schumann. Für Bartsch war er, „ein feiner Mensch“.

Im Konferenzband zur „Realsozialistischen Kommunistenverfolgung...“(Utopie kreativ-Dezember 1997) schrieb Wolfram Adolphi ,bezogen auf das Tagungsthema, von einer Chance zu weiterem Augenöffnen. “Sie hat dem trauernden Nachdenken neuen Raum gegeben, und sie kann der PDS (heute LINKE) ein weiteres Stück Zukunftsfähigkeit verschaffen“- so Adolphi.

Nun bot der Potsdamer Landtag den Raum zum trauernden Nachdenken, wo nichtsdestotrotz auch viel gelacht wurde. Doch die Behauptung alter und die Eroberung neuer Stücke der Zukunftsfähigkeit einer linken Politik muss nun ohne Schumann stattfinden. Wie sehr er dabei fehlt, das dürften die Gäste der Gedenkfeier gespürt haben.

 

René Lindenau

Link zum Grundsatzreferat "Wir brechen unwiderruflich mit dem Stalinismus als System": http://archiv2007.sozialisten.de/partei/geschichte/view_html/n53/bs51/zid3375



Leserbrief zu "Eindrücke von einer Gedenkfeier für Michael Schumann" - 07-12-15 14:31




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