Zur Lage der Linken und der LINKEN


Bildmontage: HF

23.05.12
LinksparteidebatteLinksparteidebatte 

 

von Manfred Sohn

Die lange schwärende Krise der Partei DIE LINKE ist mit der Erklärung Oskar Lafontaines, nicht zum Parteivorsitzenden zu kandidieren und künftig keine bundespolitischen Aufgaben – also auch nicht die eines Kandidaten für den Deutschen Bundestag – zu übernehmen, offen ausgebrochen.

Die Tragweite dieser Entscheidung wird vielen Mitgliedern und mit dieser Partei Sympathisierenden erst nach und nach ins Bewusstsein träufeln. Marxismus ist vor allem eine historische Wissenschaft, die gelernt hat und lernt, dass nichts an aktuellen Entwicklungen erklärbar ist ohne einen Blick in die Geschichte, die zu ihnen geführt hat. Dieser Blick aber erhellt: Der Ausbruch der parteiförmig organisierten Linken diesseits von SPD und GRÜNEN fällt nicht nur zeitlich, sondern ursächlich zusammen mit der Erklärung Lafontaines, wenn sich WASG und PDS einigen würden auf eine neue Partei, wäre er dabei und würde für sie antreten. Die Sonderbedingungen, die zum Aufschwung dieser Partei geführt haben, sind mit der Erklärung von Dienstag Nachmittag erloschen. Es ist naives Hoffnungsgebrabbel, zu glauben, dass würde die Entwicklungsmöglichkeiten dieser Partei nun nicht nur nicht gravierend beeinträchtigen, sondern verbessern.

Bevor wir uns der Frage widmen, in welcher Lage sich nach dieser Entscheidung die Linke – die kleingeschriebene, wichtigere, die mehr ist als eine Partei – und DIE LINKE befinden, halten wir kurz inne. Denn auch das gehört zu dem, was wir uns künftig gemeinsam leisten sollten: Oskar Lafontaine ist zu danken für das, was er für die Linke getan hat und ihm ist zu danken für das Angebot, sich auf die 70 zugehend noch einmal für die Partei dieses Namens vor den Karren zu spannen. Wenigstens die Nachdenklicheren derjenigen, die ihn aus dem Geschirr gespuckt haben, werden, sich gegen die Speichen des Karrens, der jetzt im Dreck hängt, stemmend noch über manche Erklärung, die da in die Mikrophone geschnoddert wurde, ärgern. Wer von „Erpressung“ geredet hat, redet ehrlicherweise künftig auch empört darüber, dass ihn jeden Morgen sein Bäcker erpresse, weil er ihm die Brötchen nur liefere, wenn er dafür auch Geld bekäme – und dann auch noch in der Höhe nicht einmal verhandelbar.

Also, Oskar Lafontaine: Große Arbeit, großer Dank und nun eine schwere Bürde.

Dreierlei ist zunächst bei der Sichtung der Lage zu betonen.

Erstens: Parteien überschätzen sich regelmäßig selbst. Fraktionen sind in dieser Hinsicht übrigens meist die Potenzierung dieser Selbstüberschätzung. In der Regel sind sie nur in seltenen Situation wirklich geschichtsmächtig. Vor allem sind sie ein Reflex auf gesellschaftliche Entwicklungen und Kräfteverhältnisse, denen sie einen organisatorischen und – in bürgerlich verfassten Gesellschaften – parlamentarischen Ausdruck geben. Folglich sind nicht sie das Entscheidende, sondern immer die sie tragende gesellschaftliche Konstellation und Bewegung. Das bedeutet für unsere Lage: Bei der Frage der Perspektive der Partei DIE LINKE muß der Hauptblick nicht der Partei, sondern der sie tragenden linken Bewegung insgesamt gelten. So wie das Original immer wichtiger ist als sein Spiegelbild, so ist das außerparlamentarische immer wichtiger als das parlamentarische und so ist die außerparlamentarische Linke immer wichtiger als die in Parteiform und in Parlamenten wirkende LINKE. Sie wird so oder so weiterbestehen.

Die Partei DIE LINKE hat es nicht vermocht, das ihr – auch durch Lafontaine – verliehene Anfangsmomentum zu nutzen, um über die schnell errungenen parlamentarischen Positionen hinaus ein Wurzelwerk aus aktiven Parteigruppen in Wohngebieten und Betrieben zu schaffen und sich von diesen ausgehend eng mit außerparlamentischen Bewegungen zu verweben.

Zweitens: Schon das Kandidaturangebot Lafontaines war kein Zeichen von Stärke dieser Partei, sondern ein Ausdruck ihrer Schwäche. Ein Motor, der ständig neue Impulse vom Anlasser braucht, macht nicht wirklich Freude.

Woher kommt diese Schwäche? Es ist Lügerei in die eigene Tasche, dies auf Personalquerelen zurückzuführen und nun zu glauben, weil doch der Streit der alten Männer mit dem Rückzug des Älteren vorbei sei, sei der Weg in eine goldene Zukunft aufgestoßen. In der Regel sind bei Organisationen – Unternehmen, Gewerkschaften, Vereinen, Parteien – Personalstreitigkeiten nicht Ursache, sondern Folge von Schwächephasen. Daran ändert die Tatsache nichts, dass sie die Schwäche dann noch lebensbedrohlicher machen als sie ohnehin schon ist. Aber die Reihenfolge ist regelmäßig: Erst drohende Schwäche, dann Personalstreit – so war das auch bei der Partei DIE LINKE.

Diese Schwäche hat aus meiner Sicht zwei Hauptursachen.

Die tieferliegende ist, dass wir nicht an der Peripherie, sondern im Zentrum des von Deutschland beherrschten europäischen Imperiums leben. Deren Peripherie wird zur Zeit von diesem Zentrum bzw. seine dort agierenden großen Banken und Konzerne ausgeplündert. Das erklärt sowohl die an Aufstände grenzende Neigung zur Rebellion der Peripherie (Griechenland, Italien, Spanien, in der Perspektive auch Frankreich) als auch die relative Ruhe im Zentrum. Deren herrschende Klasse zweigt einen Teil ihrer Profite ab zur Beruhigung der Kerngruppen der hiesigen Arbeitenden und gibt sie beispielsweise als Boni für AutomobilarbeiterInnen oder eine 4%ige Lohnerhöhung im Metallbereich nach unten ab – weitgehend kampflos, wie die jüngste Tarifrunde gezeigt hat. Das Ergebnis ist (trotz der 30.000 von Frankfurt) das Ausbleiben von Massenbewegungen und stattdessen Ruhe an der Heimatfront. Wo aber die von Löhnen und Lohnersatzleistungen Abhängigen sich nicht in Bewegung setzen, verkümmert und siecht eine von ihrer Bewegung abhängige linke Partei.

Dazu kommt – das ist gesellschaftsanalytisch eine Ebene höher zu verorten – eine Umgruppierung innerhalb der Parteien, die die politischen Geschäfte dieses westdeutschen Kapitalismus verwalten, also (in bunter Reihe, weil sie austauschbar sind) SPDCDUGRÜNEFDP. Das Ausscheiden erst der GRÜNEN, dann der SPD aus der Regierungsverantwortung hat sie in die Lage versetzt, verbal nach links zu rücken und – ohne Aufgabe ihrer alten Positionen zur Rente mit 67, Auslandseinsätzen, Hartz IV und anderen – die Entfaltungsräume jeder Partei links von ihr enger zu machen. Auf diese Umgruppierung hat DIE LINKE außer „Abwarten“ keine schlüssige Antwort gefunden.

Drittens ist zu beachten: DIE LINKE war von Anfang an ein in Parteiform gegossenes Linksbündnis mit für solche Bündnisse ungewöhnlich weiter Spanne. Es reicht von Kommunistinnen und Kommunisten bis hin zu Mitgliedern vor allem im Osten der Republik, die in vielen westlichen SPD-Ortsverbänden nicht auf deren linken Flügel sitzen würden.

Durch mehrere besondere Effekte hat diese Formationen bei Wahlen Menschen auf sich orientiert, die von bisherigen linken Formationen vor allem im Westen, aber auch im Osten nicht angezogen wurden. Das hängt zum einen mit den Schandtaten von SPD und GRÜNEN in ihrer Regierungszeit zusammen und zum anderen mit dem Sondereffekt, den der Übertritt des ehemaligen SPD-Vorsitzenden, Ministerpräsidenten usw. vorübergehend ausgelöst hat. Das führte zu der Illusion, Stimmen für DIE LINKE seien per se linke Stimmen. Spätestens das Aufkreuzen der Piraten am Horizont hat klargemacht, dass ein erheblicher Teil der Wähler der LINKEN sich selbst gar nicht für links hielt und hält, sondern vor allem denen da oben mal kräftig die Arschkarte zeigen wollte. Jetzt gibt’s halt eine Karte, mit der das noch effektiver und lustvoller geschehen kann und so schrumpft die Partei im Westen auf das Format, das der Kern von bewussten SozialistInnen und Linken dort jetzt wenigstens hat – die 1,5%, die wir dort jetzt auch unter ungünstigen Bedingungen erzielen und die immerhin mehr sind als das halbe Prozent aus der Zeit der Organisationen links der SPD in den 60er, 70er und 80er Jahren. Im Osten bleiben als Kern über diese traditionslinke Potential hinaus die, deren Anerkennung sich die dortige Partei durch ihre bienenfleißige und bürgerInnennahe Kommunalpolitik erworben hat. Aller Illusionsspeck aber wird uns gegenwärtig abgefackelt.

Ob dieses in Parteiform gegossene Linksbündnis die jetzige Krise, die Sahra Wagenknecht zu Recht als ihre bisher schwerste bezeichnet hat, überlebt, ist offen. Eine Spaltung ist unwahrscheinlich – der schlimmste Fall wäre wohl eher, wie die „Süddeutsche“ am 23. Mai schreibt, das Siechtum. Ob trotz dieser tiefen Krise eine Aufwärtsentwicklung eingeleitet werden kann, wird auf dem Göttinger Parteitag vorentschieden und bis zu den Wahlen in Niedersachsen am 20. Januar 2013 erkennbar sein. Das ist die Zeitspanne, in der sich herausstellen wird, ob der Patient, der da zur Zeit auf der Intensivstation liegt, das alles überlebt oder ob er Chancen hat, bis zur Bundestagswahl im September 2013 wieder auf die Beine zu kommen. Schafft er es bis dahin nicht, ist der wahrscheinlichste Fall eine Zurückschrumpfung auf eine Ost-LINKE, die sich mehr und mehr mit der dortigen SPD verwebt und eines Tages in ihr aufgeht und eine West-Linke, die sich wieder ihren bewährten Traditions-Sandkästen widmet.

Programmatisch ist seit Erfurt scheinbar alles klar: Zweimal über 95 Prozent Zustimmung für ein Parteiprogramm mit klar sozialistischer Orientierung, Analyse unserer Gesellschaft als Klassengesellschaft, Hereinrücken der Eigentumsfrage in das Zentrum aller politischen Aufgaben und Betonung der Notwendigkeit von Brüchen mit revolutionärer Tiefe. Die Geschichte der SPD aber lehrt: Nachdem Programmschlachten von Marxisten gewonnen wurden, haben andere Kräfte die Personalentscheidungen gewonnen. Weil aber Menschen immer wichtiger sind als das Papier, das sie beschreiben, sind entscheidend die Personalentscheidungen. Insofern ist die Weichenstellung von Erfurt erst vollbracht, wenn Göttingen sie bestätigt. Die dort anstehende Entscheidung ist einfach: Wählt diese Partei eine Führung, die entschlossen ist, das Erfurter Programm Schritt für Schritt in die politische Wirklichkeit dieses Landes hineinzukämpfen oder eine, die irgendwann zuerst intern, dann auch eines Tages in einer Talkshow anfängt, sich dieses Programms in seiner Entschiedenheit zu schämen und Wege sucht, sich des Programms zu entledigen?

Diese personelle Entscheidung ist die einzige, die wichtig ist auf diesem Parteitag.

Nebenbei: Alle Leitanträge sind überflüssig wie ein Kropf. Was soll ein Leitantrag ein halbes Jahr nach Verabschiedung eines Programms? Entweder er besteht aus dem Satz: Alles wichtige steht in unserem frisch beschlossenen Parteiprogramm. Oder er ist eine Relativierung des gerade beschlossenen Programms. Dieser Leitantrag nützt nichts und niemanden und lenkt ab von der Hauptaufgabe: Eine Parteiführung wählen, die für das Erfurter Programm kämpft.

Das wird nach dem Rückzug von Lafontaine sehr, sehr schwer. Die Wahl von Dietmar Bartsch, der bereits erklärt hat, das Programm gehöre jetzt auf einen „Prüfstand“ wäre das Abrücken von Erfurt und wahrscheinlich Ausdruck der Entschlossenheit dieser Partei, sich dem Abdämmern in ein politisches Siechtum hinzugeben.

Es führt kein Weg dran vorbei: Die marxistischen Teile der Partei müssen für einen der beiden Vorsitzposten, die immer eine in Personenform gekleidete Fahne der Partei sind, einen Kandidaten oder eine Kandidatin – da gäbe es eine Idealbesetzung – präsentieren, die oder der deutlich macht: Diese Partei ist und bleibt Hoffnung und Heimat der marxistischen Linken dieses Landes. Diese Partei ist und bleibt Hoffnung derer, die kompromisslos die drohende Kriegsgefahr bekämpfen und fest an der Seite der vom deutschen Kapital ausgeplünderten Völker Europas stehen – weil nur in europäischer Solidarität der Raubzug gestoppt werden kann, der früher oder später auch die Lohnabhängigen, Rentner und von Lohnersatzleistungen abhängigen Menschen dieses Landes heimsuchen wird.

Darum geht es in Erfurt. Handeln müsst Ihr, Marxistinnen und Marxisten in dieser Partei!

Hannover, 23. Mai 2012

 

 

 


VON: MANFRED SOHN


Leserbrief von Hans-Dieter Wege zum Artikel: 'Zur Lage der Linken und der LINKEN' - 24-05-12 14:01




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