Die Linke lahmt

14.12.11
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von Arno Klönne

Noch nie seit vielen Jahren ist die "Wirtschaftsordnung", wie sie in den Lehrbüchern genannt wird, so sehr öffentlich angezweifelt worden wie jetzt, von ganz des Radikalismus unverdächtigen Mitmenschen, sogar von Prominenten der gutbürgerlichen Intelligenz.

Die Mehrheit der Bevölkerung auch in der Bundesrepublik, in einem Land also, das beim finanzkapitalistischen Ranking (noch) eine Vorzugsposition einnimmt, hält das herrschende Ökonomiemuster mit seinen Auswirkungen auf die lohnabhängigen, steuerzahlenden oder auf sozialen Transfer angewiesenen BürgerInnen für höchst unordentlich.

Der Kapitalismus hat sich selbst um sein Prestige gebracht. Da er aber keineswegs daran denkt, abzudanken, sondern im Gegenteil seine Machtinstrumente verschärft einsetzt, eine geschichtliche Chance für die linke gesellschaftliche Opposition, Aufwind für linke Parteien und Organisationen, Zugewinn an Aufmerksamkeit für deren Argumente und Medien, Zustrom auch für ihre Angebote bei Wahlen?

Hierzulande ist davon nichts zu bemerken. Lebendiger ist es geworden bei den Initiativen und Demonstrationen neben dem organisierten politischen Raum, die "Bewegung" sein wollen, es hoffentlich werden; und töricht wäre es, ihnen herablassend zu begegnen, weil sie nicht jene programmatische Deutlichkeit oder gar "Disziplin" aufweisen, die sich manche linken Altaktivisten wünschen.

Aber die in irgendeiner Weise "verfaßte" Linke, womit nicht nur die Partei gemeint ist, die sich als "Die" Linke bezeichnet? Da schaut es lahm aus, eher nach Rückläufigkeit, nicht nur die erwähnte Partei hat einen Verlust an Mitgliedern zu beklagen.

Woran mag das liegen? Nur an der Geschicklickeit derjenigen, die lange Erfahrung darin und medienmächtige Hilfe dabei haben, die bösen Kommunisten zu verteufeln und selbst biedere Gesinnungs-Sozialdemokraten (die ja nicht unbedingt Mitglieder der SPD sind) als kommunistisch infiziert darzustellen?

Dies allein kann nicht die Ursache linken Lahmens sein, und es empfiehlt sich, wenn man eigene Schwächezustände feststellt, darüber nachzudenken, ob sie vielleicht selbstverursacht sind.

Versucht man das, ist der Rückblick auf die großen historischen Vorgänge keine leicht zu erledigende "Pflichtsache", sondern eine längst noch nicht abgeschlossene, notwendige Anstregung -  in Deutschland zum Beispiel auf die langzeitig nachwirkende Niederlage der Arbeiterbewegung gegenüber dem aufkommenden und zur Macht greifenden Faschismus.

Oder zeitlich näher - auf den Zusammenbruch staatlicher Systeme, die beanspruchten, sich auf dem Weg zum Kommunismus zu befinden. Auch auf die scheußlichen Irrwege, die dabei gegangen wurden. Aber ebenso auf das Scheitern der Sozialdemokratie bei dem Versuch, den Kapitalismus reformerisch in ein anderes, wohlfahrtsstaatliches Modell zu verwandeln.

All dies belastet selbstverständlich die Linke auch in der Gegenwart, keineswegs nur im deutschen Terrain. Aber davon soll an dieser Stelle nicht die Rede sein, zu prüfen sind auch Fehler oder Defizite der Linken in ihrer gegenwärtigen Gestalt, in ihren aktuellen Verhaltensweisen, unterhalb der geschichtlichen Dramatik, auf die eben verwiesen wurde.

Mal angenommen, ein über die Verheerungen, die der Kapitalismus jetzt alltäglich anrichtet, erboster Mensch, in politischer Aktivität noch unerfahren, nähert sich der Linken, gedanklichen Austausch und gemeinsame Handlungsmöglichkeiten suchend, was findet er dort vor?

Als überregionales, organisatorisch stärkstes Angebot eine Partei. Diese unterscheidet sich in ihren Regeln und Konventionen nicht von den Parteien, die er (zu Recht) im Verdacht hat, daß sie es mit jenen Wirtschaftsmächten sich nicht verderben wollen, deren Einfluß auf die Politik er für verderblich hält. Gewiß, die Partei Die Linke hat andere Ziele - aber hat sie eine andere Methodik als die regierenden oder aufs Mitregieren hinarbeitenden Christ-, Frei-, Sozial- und Gründemokraten?

Unser Politnovize war erzünt darüber, daß der übliche Parteien- und Parlamentsbetrieb sich weit entfernt hat von den bedrängenden Problemen im sozialen/asozialen Alltag, daß auch die gesellschaftlichen Weichenstellungen dort gar nicht zur Debatte stehen. Das Politikgeschäft, so sein Gefühl, diene praktisch in erster Linie dem Erlangen von Ämtern und Pfründen, und innerparteilich der personellen Konkurrenz. Die Profipolitiker, so seine Beobachtung, sind vor allem damit beschäftigt, Medienaufmerksamkeit zu finden und so ihren Rang in der eigenen Partei und bei der wählenden Kundschaft zu verbessern.

Und nun die Partei Die Linke - wer wollte erwarten, daß sie von allen politmenschlichen Schwächen frei wäre; aber versucht sie wenigstens, die Gewohnheiten dieser "Postdemokratie" zu durchbrechen, kritisch gegenüber den Bräuchen im Parteienkartell (wer weiß,was aus den Piraten noch wird...) politisches Engagement neuen Typs zu entwickeln?

Vermutlich fehlt auch die Zeit für solche Schritte in ein noch nicht erschlossenes Terrain - mehr noch als in anderen Parteien sind "Funktionsträger" der Partei DIE LINKE damit beschäftigt, personelle Rivalitäten auszutragen. Und so vergehen die Tage mit einem linken Insiderspiel, das für die Beteiligten spannend zu sein scheint, weil die Medien gern darüber berichten.
Eine Welt für sich - für wen anziehungsfähig?

Verwunderlich wäre es nicht, wenn der Interessent, den wir uns da vorstellen, nach erstem Reinschnuppern starke Zweifel an der Alternativität dieser linken Partei bekäme.
Aber er ist ja nicht auf die PDL angewiesen, es bestehen andere, kleinere linke Parteien, parteiähnliche oder parteivorbereitende Organisationen und Organisatiönchen, Auswahl ist da durchaus gegeben. Der Zugang zu ihnen ist jedoch sehr beschwerlich. Wie soll der Mensch, der etwas gegen den Kapitalismus tun will, hier den richtigen Platz für sich finden?

Erst mal all die konkurrierenden Programmpapiere durchackern, die feinen Unterschiede theoretischer Ableitungen erhoffter politischer Praxis studieren, wie sie nicht nur zwischen den Organisationen, sondern auch innerhalb derselben existieren und Energie in Anspruch nehmen?

So etwas kann Vollbeschäftigung bedeuten, das kann sich der Interessent erst im Rentenalter leisten.
Also gibt er die Suche nach einer attraktiven organsierten Linken auf. Und wartet ab, ob sie denn doch mal in Erscheinung tritt. Ohne sein Dazutun? Durch einen Wundertäter? Sozusagen ein dialektisches Thema.





VON: ARNO KLÖNNE






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