Linker "Januskopf" an der Galeere

08.07.11
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Von Horst Hilse

Kornelia Möller hat hier auf "scharf - links" einige wichtige Überlegungen zum Inhalt des Arbeitsbegriffs eingebracht.

Sie verweist auf einen Arbeitsbegriff jenseits der kapitalistischen Ausbeutung . Sie zeigt auf, welche Fallstricke in  systemkonformen  Lösungsvorschlägen verborgen liegen. Eine umfassende Mitarbeiterbeteiligung z.B. würde die Belegschaften noch enger an die Betriebe fesseln, was ihre eigene Selbstausbeutung verstärken würde  - sie wären noch enger an den Krisenzyklus der Marktwirtschaft gefesselt. Zu Recht weist sie darauf hin, dass die DGB-Forderung  "Gute Arbeit"  eine Arbeit unter Ausbeutungsbedingungen beinhaltet. 
Strukturell verändert sich dadurch an der Klassengesellschaft und an der Stellung  einzelner Sektoren der Ausgebeuteten dadurch weder national noch international etwas. - am allerwenigstens an den traditionellen Geschlechterrollen.
Die mittlerweile entbehrliche Arbeit könnte z.B. statt in Arbeitslosigkeit auch in eine drastische Arbeitszeitverkürzung umgesetzt werden. Nur würde das eine Schlacht um Denktraditionen in betrieblichen Rentabilitätskriterien beinhalten.
Dass der heutige Stand der Produktivkräfte (wozu auch die arbeitenden Menschen zählen) ganz andere gesellschaftliche Möglichkeiten eröffnen könnten, wird an vielen Phänomenen deutlich:
- Man denke an die facebook parties,  Computermessen, die virtuellen Lebenswelten, die spielerischen Generierungen von neuen Spielen, die zunehmende Verwischung von Phantasie und Wirklichkeiten, der bei vielen anzutreffende kreative Umgang mit der eigenen Lebensgestaltung, Körperpainting, Improvisationen auf Musikfestivals, wachsende  Ästhetikansprüche an Industrieprodukte, interaktive Medien etc.

Kornelia Möller verweist zu Recht auf eine notwendige Klärung linker Forderungen.

"Marxisten" haben ganz aus dem Auge verloren, dass für Marx der von Ausbeutungsbedingungen befreite Mensch, ein spielender Mensch ist. 
Denn nur im Spiel betätigt und entwickelt der Mensch seine körperlichen und geistigen Kräfte ohne äusseren Zwangsrahmen sowie im eigenen Interesse bei gleichzeitiger Kooperation.
Marx hat dieser Definition Fr. Schillers, die ja auf Kant beruht, bereits ausdrücklich zugestimmt.
Dazu jedoch bedarf es eines nicht mehr entfremdeten Menschentyps, der sich seiner körperlichen und geistigen Wesenskräfte bewusst ist und einer Umwelt, in der Spiel ernst und der Ernst zum Spiel wird.
Für eine materialistische Analyse auf der Höhe ihrer Zeit wäre eine Benennung dieser  Tendenzen sowie ihrer unter heutigen Lebensbedingungen notwendigen Deformationen  dringend angebracht. Damit würde die Einsicht in den Gang der  "unter unseren Augen ... sich vollziehenden Bewegung "  (Komm. Manifest)  erweitert. 
Aus dieser Analyse ergäben sich andere politische Herangehensweisen an die Forderungen, als die heute üblichen.  Im Vordergrund der Arbeit mit Menschen stünde dann die Entfaltung dieser Potenzen in den Kämpfen, d. h. die Selbsttätigkeit und dadurch bewirktes Selbstbewusstsein der Klasse stünde im Vordergrund linker Politik.

Kornelia Möllers Ansinnen leidet an dem Widerspruch, in einer linken Organisation tätig zu sein, die diese Fragen längst stillschweigend "geklärt" hat, bzw. deren Brisanz gar nicht zu erkennen vermag.
Mehr noch, die Grundlagen der Arbeitsteilung - der Kritiker "kritisiert", -der Parlamentarier "regiert" und die Partei "konkurriert" -  ist eine stillschweigend akzeptierte, nie diskutierte  Geschäftsgrundlage der Linkspartei.  

An diesem  Zustand eines etablierten Politbetriebes setzt die Kritik von Wolfgang Huste in seinem Beitrag zum 3 Säulen-Modell  an. Huste bemerkt, dass die Partei in der Gefahr schwebt, eine "kleine SPD" zu werden und er warnt davor.

Er sieht auch die Notwendigkeit dass sich die Forderungen in erster Linie auf Massenhandeln beziehen sollten und klagt  " eine - "originär "linke"  (antikapitalistische; sozialistische/kommunistische; ökosozialistische, Basis orientierte) Programmatik"- ein.
Die Tatsache, dass in der Linkspartei Strömungen mit unterschiedlichem Politikverständnis agieren, gerinnt ihm zur "janusköpfigen" Parteidarstellung.  Das übersieht jedoch völlig, dass diese Partei  eine auf Wahlen ausgerichtete Organisation darstellt, deren Schwerpunkt  auf Betätigung in den Parlamentsfraktionen liegt (-  wo sie ihre Sache oft sehr gut macht!)

Diese Orientierung war  m.E. mit der manipulativ abgelaufenen Fusion mit der WASG sowie mit der "Eckpunkte"  Erklärung bereits  eindeutig erkennbar.

Genossinnen wie Kornelia  und Genossen wie Wolfgang  werden sich mit der einsamen Rolle bescheiden müssen, sowas wie das "schlechte Gewissen" der Partei zu verkörpern.

Sie werden als  Mahner, Warner und innovative Diskutanten  sicherlich immer einen Platz in dieser Partei haben - nur interessiert das die "Macherfraktionen" herzlich wenig. Sie haben "ihre Grundlagen"  längst geklärt: Ihr Kredo ist die Sorge darum, dass die "kleinen Leute" nicht unter die Räder kommen und  an "der Demokratie" zu "beteiligen" sind.  Sie werden mit allen Tricks und Winkelzügen die Partei für diese Rolle einspannen, sich selbst als "Anwalt der  kleinen Leute" stilisieren und sich fragen, was solche Menschen wie Kornelia und Wolfgang eigentlich "praktisch" wollen. 
Die Vorstellung, dass wir uns  heute weltweit in einer Phase sich rasant verschärfender  Klassenkämpfe befinden  und man das eigene und gegnerische Handeln aus den Notwendigkeiten dieser Situation ableiten müsse,  kann von ihnen nur mit unverständlichem Kopfschütteln quittiert werden. 
Die "Janusköpfigkeit" (Wolfgang) der Linkspartei ergibt sich aus der dort zelebrierten Arbeitsteilung zwischen den "vernünftigen Mitgestaltern"  und denen, die strukturelle Veränderungen ins Auge fassen, und von den bürgerlichen Medien unisono mit den eigenen Genossen der "Macher" zum  "Chaotenlager der Fundis" stilisiert werden. Es geht darum, wer über die Praxis der Organisation zu verfügen hat  und wer nicht.  In diesem Machtkampf scheut man auch übelste Diffamierungen keineswegs, wie die "Antisemitendebatte" zeigt. 
Würde es allen Beteiligten dabei wirklich um das Schicksal  der Menschen im Nahen Osten gehen, so hätte die Partei aus dieser Debatte einen großen Gewinn ziehen können, indem sie als erste Partei in Deutschland eine öffentliche Konferenz über deutschen Faschismus, Zionismus, Staatsräson, Antisemitismus  organisiert hätte. -  und warum nicht mit Folgekonferenzen...? 
Aber diese üble Auseinandersetzung wird aus reinen Machtgründen instrumentalisiert, um die  Ausrichtung der Partei zu gewährleisten, indem linke Kritik niedergemacht wird.
 Kurz, - würden  größere Teile der Partei den Überlegungen von Kornelia und Wolfgang auch  entsprechende praktische  Konsequenzen folgen lassen, so wäre die Ausrichtung der Partei  als Wahlvereinigung gefährdet und man hätte plötzlich mit unzufriedenen, nörgelnden Menschenmassen, statt mit Wählerstimmen zu tun.  Dem wäre die Partei nicht gewachsen, bzw. es bräuchte dann einer anderen Parteistruktur.
Da solche "interessanten Stichwortgeber" wie Kornelia oder Wolfgang  jedoch für die Partei wichtige Funktionen nach innen und außen erfüllen, werden sie weiter ihre Rolle als einsame Rufer in der  Parteiwüste erfüllen. -  es wird auf absehbare Zeit also beim "Januskopf" bleiben, solange ein Kopf denkt und einer lenkt.  Den "kleinen Leuten" ist in diesem Spiel ihre Rolle als "Wählerpotential"  zugeschrieben, das es zu "erweitern" gilt .
Je mehr diese jedoch merken, dass auch die "neue" Linke ihnen diese traditionelle subalterne Rolle abverlangt,  umso mehr werden sie sich auch dementsprechend  verhalten. Sie werden sich also die Frage stellen, ob sie mit dem "Angebot  Linkspartei"  mehr als mit anderen Parteien "ihre  Sorgen" erleichtern könnten.
Ich vermute stark, sie werden die  SPD  als "kompetenter"  betrachten oder aber jeder Wahl fernbleiben. Auch werden die unentwegt rebellischen vielleicht  jene wählen, die "wirklich ernst machen mit der Systemalternative", also die Faschos.
Wetten, dass dann die linken "Realpolitiker" für dieses Desaster eines einst hoffnungsvollen linken Projektes die "linken Chaoten" verantwortlich machen werden?

h.hilse (SOKO -Köln) 



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