A. Holberg zu Edith Bartelmus-Scholich’s Debatten-Beitrag „Linke Irrwege – Weder Gesine Lötzsch noch Inge Viett zeigen Wege zum Kommunismus auf“

13.01.11
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von A. Holberg

Bei den nachfolgenden Überlegungen handelt es sich ausdrücklich nicht um eine Kritik an den Positionen von G.Lötzsch und I.Viett, sondern, von der Annahme ausgehend, dass E.Bartelmus-Scholich Positionen der Genannten korrekt wiedergegeben hat, um eine Kritik der aus ihrer Kritik ersichtlichen Positionen von E.B-Sch.

Ihrer Kritik an G.L. ist m.E. nichts Wesentliches hinzuzufügen. Anders ist es aber mit ihrer Kritik an den referierten Positionen von I.V.. Obgleich E.B-Sch.

Im letzten Teil ihres Beitrages eine Sicht der Rolle einer revolutionären sozialistischen (bzw. kommunistischen) Partei durchblicken lässt, der in dieser Allgemeinheit nicht zu widersprechen ist, wendet sie sich zuvor expressis verbis sowohl gegen die „Avantgardepartei“ als auch die Notwendigkeit von „Klandestinität“.

Das Konzept der Avantgardepartei ist m.E. jedoch unvermeidlich mit dem der „revolutionären Arbeiterpartei“ identisch.
Der Grund dafür ist ungeachtet des größten Teils der Erfahrungen mit sogenannten proletarischen Avantgardeparteien (insbesondere solchen „stalinistischer“ Provinienz) in erster Linie ein logischer.
Die Arbeiterklasse, die als potentielles revolutionäres Subjekt der Ersetzung der kapitalistischen Produktionsweise durch eine sozialistische und schließlich durch eine kommunistische klassenlose Gesellschaft betrachtet wird, ist sozial und ideologisch vielfach gespalten. '

Das Bewusstsein ihrer Angehörigen kann nur nicht nur verschieden sein, sondern muss auch unterschiedlich weit entwickelt sein. Es gibt Angehörige der Klasse, die die Ideologie der herrschenden Klasse völlig verinnerlicht haben, andere, die diese Ideologie weitgehend überwunden und ein ausgeprägtes, d.h. revolutionäres Klassenbewusstsein haben, und schließlich das irgendwo dazuwischen oszillierende Gros der Klasse.

Die Aufgabe der revolutionären Arbeiterpartei besteht darin, eine wachsende Zahl von Angehörigen der Klasse (und in der Folge auch andere ausgebeutete und unterdrückte soziale Gruppen) durch gemeinsamen Klassenkampf, dessen Theoretisierung und deren Propagierung zu einem revolutionären Bewusstsein zu führen. Logischerweise kann eine solche Aufgabe nur von einer Organisation bewältigt werden, die über ein hohes Maß dieses Bewusstseins bereits verfügt.

Da ein revolutionäres Bewusstsein in jeder Gesellschaft normalerweise nur das einer Minderheit sein kann (sonst fänden ja permanent Revolutionen statt, aber wir wissen, dass diese in der Geschichte überaus selten und noch seltener erfolgreich waren und sind), ist diese Organisation also eine „Avantgardeorganisation/partei“.

Eine Massenpartei hingegen, die wie etwa die PDL - in ihrem Selbstverständnis – Revolutionäre und Reformisten vereint, kann die erwähnte Aufgabe nicht erfüllen, denn die – gewissermaßen gesetzmäßige – Mehrheit der Reformisten ist gerade dieser Aufgabe und diesem Ziel (der Kommunismus) feindlich gesonnen.

Das zeigt sich möglicherweise weniger, wenn es ohnehin keine militanten oder gar revolutionären Klassenkämpfe gibt, aber spätestens dann. Eine solche Partei, die ja gegebenenfalls nicht nur Menschen mit unterschiedlichen und letztlich sogar nicht miteinander zu vereinbarenden Zielen vereint, sondern auch solche mit einem hohen politischen Kenntnisstand und ausgeprägtem Streben nach Systematisierung ihres Denkens mit Vertretern dessen, was man vielleicht annähernd als Wald- und Wiesendenken bezeichnen könnte, kann im übrigen auch nicht wirklich demokratisch funktionieren, falls sie überhaupt funktionieren will.

Eine Partei wie die PDL ist deshalb de facto ein Schirm für verschiedene Parteien, die die Schirmorganisation als Rekrutierungsmilieu betrachten und auf ihre Chance warten, die Konkurrenten zu marginalisierung und schließlich zu unterwerfen und auszubooten.

Wenn es zu den soeben erwähnten Klassenkämpfen kommt, ist im übrigen auch der Zeitpunkt nahe, wo jede herrschende Klasse, falls sie dazu noch die Kraft besitzt, allen Ballast der von ihr bis dahin eventuell laut propagierten und für bestimmte Perioden auch weitgehend realisierten demokratischen Rechte und Freiheiten über Bord wirft und im Interesse ihrer Machterhaltung zu jedem als notwendig erachteten Mittel greift. „Klandestinität“ ist in solchen Zeiten für die Revolutionäre unverzichtbar, falls sie keinen christlichen Märtyrerkomplex haben und freiwillig im Circus Maximus vor die Löwen antreten wollen.

Dass sowohl das Konzept der Avantgardepartei wie auch das der Klandestinität Gefahren birgt, auf die E.B.-Sch. hinweist, ist offensichtlich. Insbesondere in Zeiten fehlender Klassenkämpfe und das heißt der fehlenden organischen Verbindung der revolutionären Organisationen mit der Klasse, deren politische und geistige Vorhut sie sein wollen und sollen führt das wie die Erfahrung zeigt fast unvermeidlich zu Sektierertum, das im übrigen mit einiger Regelmäßigkeit Hand in Hand mit dem Opportunismus geht.

Aber, was kann man denn auf den obligatorischen Hinweis auf Gefahren antworten? Na klar! Aber nur ausgetretene Pfade sind ungefährlich.

Der Weg oder die Wege zur Revolution können keine ausgetretenen, d.h. seit langem von den Massen erfolgreich beschrittenen sein, denn das Ziel des Sozialismus/Kommunismus ist bislang einerseits nur ein alter Menschheitstraum („Paradies“) und in dieser Gestalt unrealistisch, weil durch das absolute Fehlen von Widersprüchen und damit von Bewegung, durch Tod also, gekennzeichnet, und andererseits in Hinblick auf seine Realisierungsmöglichkeit bislang nur ein Projekt logischen Denkens.

Der Weg zum Sozialismus ist somit mindestens genau so gefährlich wie die Fahrt von Columbus nach Indien. Wie wir wissen, hat er Indien gar nicht erreicht, stattdessen aber immerhin Amerika. Dass er aber sinnvoller Weise diese lebensgefährliche Reise überhaupt unternehmen und sie dann auch bestehen konnte, entsprach nur der von ihm akzeptierten Logik der Erde als Kugel.

Wie gesagt: die Gefahren sind unverkennbar, aber sie dürfen nicht dafür herhalten, unvermeidliche Konzepte wie das der Avantgardepartei über Bord zu werden. Dass wir heute in einer Situation leben, in der diese Fragen überaus akademisch klingen, sollte nicht verhindern, sich schon heute um notwendige Klärungen, die unter Umständen unerwartet plötzlich praktisch relevant werden können, zu bemühen.





VON: A. HOLBERG


Dienen, nicht führen - 25-01-11 23:12
Linke Irrwege - 09-01-11 21:26




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