Die Hierarchie der Armut – und die Sorge und die Herrschaft über das Essen


Bildmontage: HF

11.06.09
Sozialstaatsdebatte 

 

Von Ingo Groepler-Roeser

In Deutschland gibt es über 800 Tafeln. Selbstverständlich engagieren sich laut Bericht der jungen Welt vom 11.6.2009 etwa 40.000 ehrenamtliche Mitarbeiter dafür, daß nicht verkommene Lebensmittel aus Supermärkten und aus der Nahrungsmittelindustrie Empfänger bekommen, bevor diese Lebensmittel vergammeln.  Doch ab wann beginnt das Recht, sich von der Tafel helfen zu lassen?

Im Reichtums- und Armutsbericht der Bundesregierung 2008 wird dieses soziale und ehrenamtliche Engagement ausdrücklich gewürdigt und seine Notwendigkeit angesichts wachsender Armut in Deutschland gepriesen und aufgrund des wachsenden Bedarfs auch sozialpolitisch-oppositionell immer mehr bevorzugt. So notwendig es also erscheint, die Essensverteilung ehrenamtlich zu zentralisieren, so sehr auch wird klar, daß die Politik offenbar verantwortungslos bleiben will.

Während dessen man also aufgrund der Folgen von Armut für den kapitalen Gemütszustand der Gesellschaft über Privatisierung debattiert und allerlei Alternativen in den öffentlichen Streit über die öffentliche Daseinsfürsorge einführt, regt sich andererseits eine Diskussion über die permanent zu würdigende ehrenamtliche Leistung von Tafelmitarbeitern und Organisatoren. Die dramatische Gegenwart mag den Vertretern einer solchen engagierten Aufmerksamkeit wohl Recht geben, gleichwohl soll damit der Systemfehler kaschiert werden, den die überaus unfreien, weil im Besitz von Einzelnen stehendern, Lebens- und Nahrungsmittel-Märkte überhaupt erst einmal hervorrufen.

Aus dieser Situation müßte neben der tatsächlich notwendigen vorübergehenden Lösung, die mit viel Demütigung, Nachlaß und Einschnitten verbunden ist, beiderseits eine übergreifende politische Forderung resultieren, die logischer, als etwa die Rekommunalisierung von Energieverkäufern und Lieferanten nicht sein könnte:

Die umgehende teilweise Verstaatlichung des Lebensmittel (verteilungs) sektors für den dritten Teil der Gesellschaft durch ein gesetzliches Verbot der Einlagerung von Nahrungsgüter-Mehrwerten unterhalb des Haltbarkeitszeitraumes zugunsten einer Verteilung an die inzwischen dramatisch steigende Zahl real hungernder Menschen.

Man kann diesen dritten Teil weder wegdenken, noch kann man ihn ständig mit der Hoffnung auf Arbeit und fairen Lohn Hungers vertrösten, wenngleich diese Forderungen folgerichtig aus der gescheiterten AGENDA-Politik sind! „Hier muß keiner verhungern“ bezieht sich auf eine inzwischen nicht mehr haltbare Theorie des Sozialstaates, wie er so nicht mehr existiert.

Alle Parteien versprechen in der Wahlzeit irgendwelche Verbesserungen und dennoch pfeifen es die Spatzen von den Dächern, daß es weder für Arbeit und faire Beschäftigung, noch für gerechten Lohn eine zeitnahe, den aufkommenden Hunger beseitigende Garantie geben wird. Über eine globale Hungerkatastrophe nachzudenken ist politisch sinnvoll und immens wichtig. Nur hilft der ständige Verweis auf den theoretischen Sozialbauch der 1970er Jahre den faktisch Hungernden, darunter Alleinstehende, Alleinerziehende, Familien, Kinder nicht zuletzt aber exponiert, über die Not nicht weg. Als Hartz-IV-Empfänger kann man heute nur entscheiden, ob man die Rechnung für Irgendetwas bezahlt oder Essen einkauft. Tafeln sind auch nicht für alle Menschen zu erreichen und auf dem Land sieht es schon spärlicher mit der Versorgung aus.

Also hätte sich die Politik darum zu kümmern, daß nebst der zugelassen Gabe (Almosen) aus vollgestopften Supermärkten eine Verteilungsstrategie entwickelt und auch nachhaltig unterstützt wird, die der einer regionalen Verteilungsstruktur der Kaufmärkte entspricht.

Ansonsten, das wird wohl kaum zu bestreiten sein, entwickeln sich Gewohnheiten in dieser Verteilungsstruktur, die für den klassischen Fall einer Krise noch gefährlicher werden können. Man bedenke, daß bisweilen alte, kranke und anderweitig verhinderte Menschen keine Beschaffungsenergien mehr aufbringen können, wenn die Solidarität um sie herum versagt. Und das ist im immer enger werdenden Subraum der Fall, den Politiker wegzureden glauben, indem sie eifrig Programmpassagen an Kritik anpassen. Mit Begriffsveränderungen, wie „Eingeschränkte“ oder „Senioren“ reagiert man zwar höflich auf deren Selbstempfindung, aber man regelt darüber auch die sprachliche Barriere für Begriffe wie „Hilfe“ und  „Hungersnot“, die nicht von einer Gruppe kollektiv, sondern ganz einsam empfunden werden und in aller Regel auch so gelöst werden müssen. Es ist gewiß ein Unterschied, ob staatlich tatsächlich geholfen wird oder ob man sich darauf verlassen könnte.

Im Gefolge solcher Hoffierung ehrenamtlichen Engagements kommt es zwangsläufig zu einer sich Bahn brechenden Beliebigkeit bei den Verteilungskriterien, nachdem der ohnehin schwierige Weg zur Lokalität geschafft ist. Für Einige mag es verwunderlich klingen, daß man vielen Menschen das Essen näher bringen muß. Doch die können es sich noch leisten, weil ihnen Arbeit gegeben wird. In wenigen Monaten könnte das anders aussehen. Im junge-Welt-Bericht von Reimar Paul und Peter Wolter ist von einer Verdoppelung des Verteilungsaufkommens an Bedürftige die Rede. Das bedeutet, daß recht bald 260.000 Tonnen Lebensmittel jährlich ausgereicht werden. Und sehr schnell könnte es sich nicht mehr nur um „überschaubare“ Zahlen drehen, während dessen auf nicht wenige Lebensmittel im Regal kein Käufer wartet, sondern umgekehrt und aus reiner Gier nach Profit.







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