"Germanische Neue Medizin": Brauner Flügel der Esoterik eröffnet den Nazis neue Räume


Holocaustrelativierung auf GNM-Demonstration


Hamers Autobiographie: Nazi-Schrift und antisemitischer Inhalt

23.02.08
TopNewsTopNews, Antifaschismus 

 

Von Edith Bartelmus-Scholich

Zitat Hamer:"..Es geht ja wirklich nur darum: Ist die Neue Medizin richtig oder die dumme alte jüdische Schulmedizin mit ihren 5000 Hypothesen?.." (1)

Die "Germanische Neue Medizin" ist ein Hybrid zwischen einer Organisation und einer Bewegung. Seit 1981 glaubt der ehemalige Arzt Ryke Geerd Hamer den Schlüssel zu Krebs und allen anderen  Krankheiten gefunden zu haben. Sein früh verstorbener Sohn hat ihm angeblich die Kernaussagen von 5 universellen biologischen Gesetzen in Träumen offenbart. Seitdem vertritt Hamer, dass es eigentlich keine Krankheiten gebe, d.h. er definiert sie weg. Er kennt nur "sinnvolle biologische Sonderprogramme"  von "Mutter Natur" zur Bewältigung von traumatischen Konflikterlebnissen. Er rät  in "Sinnvolle Biologische Sonderprogramme" möglichst nicht einzugreifen. Insbesondere lehnt er Schmerzmittel ab, da der Schmerz ein "sinnvoller Mechanismus der Natur" sei. Schwerkranken Menschen rät er sich wie die Tiere zurückzuziehen und ihre traumatischen Konflikterlebnisse aufzulösen; denn danach würde ihre Krankheit verschwinden. Hamers Lehre ist von Grund auf inhuman: Kranke sind zunächst selbst Schuld, dass sie erkranken. Versterben sie, sind sie auch selbst Schuld; denn sie konnten offensichtlich ihren Konflikt nicht auflösen.

Natürlich sehen die Anhänger Hamers dies alles ganz anders. Für sie ist Hamer ein verkanntes und verfolgtes Genie. Seine Erkenntnisse werden für eine "biologische Revolution" gehalten, die durchgesetzt werden soll. Kritisches Hinterfragen seiner Thesen stößt auf Unverständnis. Bis dahin unauffällige Gesprächspartner werden zu Fanatikern, sobald Zweifel an Hamers Thesen laut werden. Trotz vieler Menschen, die unter unerträglichen Schmerzen gestorben sind, weil sie Hamers Lehre folgten, finden sich immer neue Anhänger. Derzeit gibt es in Deutschland ca. 3 - 4000 AnhängerInnen der "Germanischen Neuen Medizin".

Dies liegt hauptsächlich an zwei Faktoren: Einmal ist die "Germanische Neue Medizin" aufgestellt wie ein professioneller Multi-Level-Vertrieb. Schaltzentrale der Organisation ist Helmut Pilhar  (www.pilhar.com ) in Österreich. Er steuert sowohl den Vertrieb der Bücher und Filme, als auch die Organisation von Vorträgen, Seminaren, Studienkreisen und Stammtischen der "Germanischen Neuen Medizin". Derzeit gibt es in der BRD ca. 60 Stammtische. Auf der Homepage von Pilhar findet sich für die Betreiber der Stammtische die Vorschrift nie so zu werben, dass der Stammtisch im Internet oder in anderen Medien gefunden werden kann. Teilnehmer sollen nur über persönliche Ansprache gefunden werden. Auch auf Seminaren und Vorträgen darf nicht fotografiert werden. Die Preisliste der "Germanischen Neuen Medizin" weist aus, dass der Anhängerschaft reichlich Geld abgenommen wird.

Zum anderen hat sich die "Germanische Neue Medizin" in den letzten Jahren in der rechtsextremen Szene gut verankert, Seminare werden auch über die NPD und deren Frauenrorganisation "Ring Nationaler Frauen" angeboten.  Hamer selbst stellte sich einer "kommissarischen Reichsregierung"  als Kandidat für das Amt des "Reichspräsidenten" zur Verfügung. Seine Anhänger führten eine Kampagne "Meine Stimme hat er" durch. Im Oktober 07 wurde z.B. auf einer Seite der NPD-Bayern für zwei Stammtische der "Germanischen Neuen Medizin" geworben. Die rechtsextreme Frauenorganisation "Gemeinschaft Deutscher Frauen" (GDF), rühmt sich damit, bei "einem Regionaltreffen im Raum Berlin einen Gastreferenten" eingeladen zu haben, der in seinem Vortrag Hamers Buch "Einer gegen alle" (siehe Bild) vorstellte. "In diesem Buch, welches zugleich eine Autobiographie von Dr. Hamers Leben darstellt, werden sämtliche Namen der politischen Gegner genannt", lobt die GDF. Und das Fazit der Veranstaltung: "Nur ein gesundes Volk - gesunder Körper und gesunder Geist - kann seine Stärke beweisen. Und wir brauchen noch eine Menge davon!"

Die Nazi-Verbindungen sind kein Zufall. Von Anfang an verbreitete Hamer seine Lehre zusammen mit antijüdischen, antisemitischen und auch holocaustleugnenden Aussagen. Die Belege dafür finden sich in seinen Büchern, auf Webseiten von ihm und seinen Anhängern, und in Interviews oder Ansprachen bei Seminaren. Eine besondere Rolle kommt seinen offenen Briefen zu. In diesen tritt sein Antisemitismus am deutlichsten zu Tage und fast alle seine offenen Briefe sind im Internet nachzulesen. Viele der Briefe sind bei seinem engsten Anhänger Pilhar zu finden, auch wenn in den letzten Jahren der Zugriff nur noch mit Wayback-Suchmaschinen möglich ist,  da Pilhar die offensichtlichsten Belege für den Antisemitismus von Hamer inzwischen gelöscht hat. http://web.archive.org/web/20040307100326/pilhar.com/Hamer/Korrespo/2003/20030103_Hamer_an_Denoun.htm Seit 2007 läuft ein Ermittlungsverfahren wegen Volksverhetzung der Staatsanwaltschaft Cottbus gegen Hamer .

Hamers Anhängerschaft stört sich an der antisemitischen und deutschtümelnden Ideologie wenig. "Man müsse zwischen dem Antisemiten Hamer und dem genialen Arzt Hamer unterscheiden und sich wertneutral mit seinem Werk befassen," erklärt der Leiter eines Stammtisches für "Germanische Neue Medizin" aus einer Mittelstadt in NRW und empfiehlt weiter Bücher, Schriften und Webseiten, in denen sich antisemitische Verschwörungstheorie und medizinische Thesen Hamers untrennbar verbinden. Die voraussetzungslose Toleranz gegenüber dem Antisemitismus stellt sich als ideale Bedingung für die Rechtsentwicklung und die Integration der "Germanischen Neuen Medizin" in das Nazi-Spektrum dar. Dabei wirken die Hamer-Anhänger zunächst überhaupt nicht wie Rechtsradikale.

Auf Demonstrationen sieht man nicht etwa überwiegend martialisch gekleidete Glatzköpfe, sondern in die Jahre gekommene Alternative. Diese allerdings intonieren dann überraschend auch schon einmal: "Dass "Germanien wieder frei werde, wie es früher gewesen sei", oder singen:

"Nichts kann uns rauben, Liebe und Glauben zu unserm Land.
Es zu erhalten und zu gestalten sind wir gesandt.
Mögen wir sterben, unseren Erben gilt dann die Pflicht
es zu erhalten und zu gestalten: Deutschland stirbt nicht!
Nichts kann uns rauben Wissen und Glauben an die G-N-M.
Sie zu verbreiten, für sie zu streiten ist uns Gebot.
Mögen wir sterben, unseren Erben gilt dann die Pflicht
sie zu verbreiten, für sie zu streiten, die G-N-M stirbt nicht!
(Melodie von Heinrich Spitta 1935)"

So, auf der Demonstration im Frühsommer 05 in Tübingen, über die ein Berichterstatter des Evangelischen Gemeindedienstes Tübingen wie folgt berichtete: "Auffällig war, dass die persönliche Kränkung Hamers, nämlich die Ablehnung seiner Theorie als "unwissenschaftlich" durch die Universität, die Aberkennung seiner Approbation und die strafrechtlichen Folgen, Hauptthema der Demonstranten waren. Die Liedtexte und die Reden waren, neben der bedingungslosen Verehrung Hamers, geprägt von Nationalismus und von einem Verschwörungsdenken, nach dem sich die "Eliten" (eine immer wiederkehrende Bezeichnung für die Feinde) gegen das Volk verschwören, um Gesundheit und Freiheit von ihm fern zu halten. Aus ihrer Sicht kämpfen die Anhängerinnen und Anhänger Hamers für das Leben, für die Gesundheit als Ausdruck des Lebens, und gegen die Unterdrücker, die das Leben abwürgen und Menschen ihr Lebensrecht nehmen.
Folgende Deutung bietet sich an: Hinter dem Fanatismus der Anhängerschaft stehen die Lebensängste und Deprivationen des konservativen Kleinbürgertums, das sein Wertegebäude in Frage gestellt sieht, das durch Krankheit und die Auslieferung an anonyme Organisationen (nicht nur das Gesundheitssystem) seine Ohnmacht erlebt, und das diese Befindlichkeit in der Lebensgeschichte des Fanatikers und Verschwörungsdenkers Hamer symbolisch ausdrücken kann - allerdings um den Preis sektiererischer Isolierung von der Gesellschaft."

Edith Bartelmus-Scholich, 23.2.08

(1) http://esowatch.com/index.php/Ryke_Geerd_Hamer_und_Antisemitismus


VON: EDITH BARTELMUS-SCHOLICH

ebs@scharf-links.de




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