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09.02.08
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Wiglaf Drostes neues Buch „Will denn in China gar kein Sack Reis mehr umfallen?

Eine Buchbesprechung von Stefan Gleser

Vor mir liegt Wiglaf Drostes Aufsatzsammlung „Will denn in China gar kein Sack Reis mehr umfallen?" auf dem Schreibtisch und möcht` besprochen sein.

Droste ist ein Beobachter des Medienmülls. In „Vom schlanken Staat und Gourmetainment" notiert er „Angestellten oder Beschäftigten wird nicht gekündigt, und gefeuert oder rausgeworfen werden sie schon gar nicht – sie werden ´freigesetzt`, das gibt vor allem dem Rausschmeißer ein besseres Gefühl. Selbst `Personalabbau` klingt nicht schlecht – wird da nicht über oder unter Tage Personal abgebaut, also gefördert?" Mein Lieblings-Entlassungseuphemismus ist `abschmelzen`; `abgeschmolzen` wird die `Personaldecke`."

Droste impfte einem damals vor Rotwelsch á la, „Nokia formt Bochum zum Silicon Valley des Ruhrgebietes oder Nokia und die sozialwache skandinavische Unternehmensphilosophie" und schützt heute vor den Krokodilstränen der Politiker.

Zwei Einwände erheben sich gegen Droste. Seine Texte seien an den Tag gebunden und er führe sich auf wie ein Oberlehrer, dem die Schüler fehlen, und der deshalb in den Schriften der Kollegen mit Rotstift schmiere.

Manchmal rettet Droste Schlagzeilen ins Zeitlose. In den nicht unbedingt bärenstarken Berichten über Bruno und Knut sieht er eine abstoßende Mischung: eine Art infantiler Roheit seitens der Presse: Tiere haben gefälligst als Plüschknäuel oder reißende Bestien aufzutreten. Drostes Buch ist eine schlichte Bitte. Ein Künstler soll sein Handwerk verstehen, statt stylishe Bekenntnisse rauszublöken.

Mit anmutiger und leichter Hand schüttet er sein Lob über ehemalige „Titanic"-Kollegen aus. Allen voran und verdientermaßen huldigt er dem verstorbenen Zeichner Bernd Pfarr. Dieser ermalte sich mit Sondermann, Negerradio und TNT-Schulze ein eignes Universum der Hochkomik. Dass nach dem Katastrophenmagnet Sondermann keine Universitäten, Strassen und IC-Züge benannt sind, belegt den bedenklichen geistigen Zustand der Republik.

Es ist nicht verwunderlich, dass Drostes Favoriten ihre legendären Werke vor der Wende schufen. Eckhard Henscheids „Vollidioten", dessen von Hans Zischler gelesenen Hörbuchausgabe er vorstellt, und F.W. Bernsteins „Die schärfsten Kritiker der Elche / waren früher selber welche" bedürfen des Müssiggangs und der, wenn auch geringen Asche. Arnold Hau war nicht zufällig Privatier. Ein Teil der Gesellschaft muss so aufgeweckt sein, dass sie im stets durstigem Wirrwarr der „Laber- und Leberwesen" an der Theke mehr Wahrhaftigkeit verspürt als im dröhnendem Tiefsinn und dies zu honorieren bereit ist.

Umso unverständlicher ist mir, dass ein empfindsamer Kopf wie Droste Wilhelm Busch umstandslos abfeiert. Noch verschwommen und blass in Erinnerung, wie die Erwachsenen Busch zu lesen empfahlen, weil er lustig sei. Dabei aber doch die leise Ahnung empfunden, dass sich hinter den Bilder etwas Unheimliches befände. Gregor v. Rezzori bestätigte es mir später in seinem großartigen Roman „ Ein Hermelin in Tschernopol" Die Bildergeschichte „Plüsch und Plum" des ewig schmunzelnden, des durch alle Zeiten anerkannten Buschs bedrängt den kindlichen Icherzähler und seine Alterskameraden: ".Wir verachteten diese bekehrten Knaben, für die der Lohn der eingeprügelten Tugend darin bestand, dass sie freudig zuschauen durften, wie ihre Lieblinge für recht viel Geld an den spleenigen Engländern verkauft werden." Schon die Schar seiner Anhänger sollte Busch verdächtig machen. Einmal „Plisch und Plum" unvoreingenommen lesen, ist es dann nicht das Handbuch für Offiziersanwärter, das Hohe Lied der Dressuranstalt, die autoritätsfromme Abrichtungsorgie, die jeden Eigensinn abtötet?." Hat je ein Kind sein letztes, bisschen Taschengeld für ein Wilhelm-Busch-Buch geopfert?

Droste beherrscht eine heitere Lakonie. Eine einzige Stelle, die ich nicht bewundert habe. Über Heine schreibt er: „Die schlesischen Weber sind guter harter, wahrer Stoff.". Guter, harter, wahrer Stoff, so äusserst sich ein rhetorisch mäßig begabter Schnapsrepräsentant über Doppelkorn.

Bis zum Uferrand mit flirrend-verführerischer Schwersterotik abgefüllt sind Sachsens Seen. Was Brehm, offensichtlich aus falsch verstandener Prüderie sozusagen unter die Algen kehrte, entdeckt Droste: Rektalrochen, Vulvawels, Schwanzsprotten nebst Partyplötze umwerben ihn und necken ihn. Inspiriert, dafür ist ein Buch da, wie nur einer, sprang ich in die pfälzische Lauter wurde aber nur vom plumpaufdringlichen Hühneraugenhuchen beläsigt.

In Bestform täuscht Droste gefälligen und glatten Auftritt vor und zwingt unbemerkt zum Aufpassen Droste ist angenehme gesellschaftliche Unterhaltung, bei der man gar nicht merkt, dass man zur Kritik erzogen wird. Unter der flaumfederzarten Form tarnt sich Wut auf den Schleim, der aus Radio, Fernsehen, Zeitung kriecht. Weltgericht am Beispiel einer Fünf-Zeilen-Notiz. Er tut leichthin und trifft das Ziel. Zuweilen wirkt er tröstender noch als eine Heimniederlage unserer Nationalelf.

Will denn in China gar kein Sack Reis mehr umfallen?

Edition Tiamat , Berlin

HC, Critica Diabolis 150

Schutzumschlag mit Lesebändchen, 264 Seiten

16.00 Euro, 27.80 SFr.

ISBN: 3-89320-116-5







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