Zwei-Diktaturen-Theorie glorios gescheitert

11.10.08
TopNewsTopNews, Antifaschismus, Berlin 

 

Fazit eines Berliner Straßennamensstreits

von Antonín Dick
       
Fast farcenhafte Züge scheint jetzt ein staatlich verordneter Anti-Antisemitismus anzunehmen, wenn die Bezirksbürgermeisterin des Berliner Stadtbezirks Marzahn-Hellersdorf Dagmar Pohle (Die Linke) den Antisemitismus-Vorwurf von mir, den ich gar nicht erhoben habe, „mit aller Schärfe“ zurückweist, nur weil ich es wagte, die Rückbenennung der Peter-Huchel-Straße in Alexander-Abusch-Straße zu fordern.

Der Reihe nach: Im Juni 2007 reichte ich beim Petitionsausschuss der Bezirksverordnetenversammlung von Marzahn-Hellersdorf eine siebenseitige wissenschaftliche Expertise ein, um den deutsch-jüdischen Antifaschisten, Résistancekämpfer und engagierten Schriftsteller Alexander Abusch zu rehabilitieren, weil dessen Ansehen schwer beschädigt wurde, als man seinen Namen aus dem Berliner Straßenverzeichnis gestrichen und die ihm 1986 wegen seines antifaschistischen Einsatzes zugesprochene Straße ausgerechnet nach Peter Huchel, einem Kapp-Putschisten und NS-Verstrickten, umbenannt hatte. Das Bezirksamt von Marzahn-Hellersdorf weist im September 2007 die Petition zurück. Gegen diese Verletzung von Artikel 17 Grundgesetz interveniert der Petitionsausschuss des Abgeordnetenhauses von Berlin. 

Mit Erfolg? Es presst eine vom Bezirksamt eingesetzte Kommission die Petition durchs Raster der Zwei-Diktaturen-Theorie (DDR gleich Naziregime), um die von mir geforderte Diskussion über Huchels und Abuschs Verhalten während der Nazizeit durchfallen zu lassen und verwandelt diesen, entkleidet seiner exponierten Teilnahme an den Klassenkämpfen der zwanziger Jahre, seines Verfolgungsschicksals sowie seines Wirkens im antifaschistischen Widerstand, in einen unpolitischen Juden, während sie jenen zum politischen Opfer eines abermals Verwandelten, eines bösen Kommunisten,  hochstilisiert. Schiedsspruch der Kommission im September 2008: Keine Rückbenennung. Begründung: „Nach den jetzigen Erkenntnissen der Kommission Gedenkorte wurde die Umbenennung der Alexander-Abusch-Straße nicht deswegen vorgenommen, weil Alexander Abusch Jude war, sondern weil es sich bei ihm um einen hohen SED-Kulturfunktionär handelte. Die dafür vorgenommene Benennung nach Peter Huchel wurde offensichtlich als eine Art ‚Wiedergutmachung’ verstanden, da Alexander Abusch an der Verdrängung von Peter Huchel aus seinem Amt als Chefredakteur der Zeitschrift ‚Sinn und Form’ maßgeblich beteiligt war.“ Also Revanche, maskiert als Wiedergutmachung? Apropos Wiedergutmachung: Verlor nicht auch der jüdische Westemigrant Abusch zeitweilig alle seine Ämter in der DDR und wurde daraufhin zu niederen Diensten gezwungen? Und wie kommt es, dass sich die Kommission über den von mir  zur juristischen Untermauerung eines berechtigten  Anliegens herangezogenen Artikel 139 Grundgesetz, über den Staatsvertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und dem Zentralrat der Juden sowie über das Gesetz der Französischen Republik zur Anerkennung der Kämpfer der Résistance hinwegsetzt?  Gekrallt vom Augurengemurmel aus den neuen Palästen?  Und die  Herrschaft des Rechts? Eine Illusion? Nein? Aber warum drückt dann der Petitionsausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses im Bescheid an den unbequemen Petenten,  zu dem zufällig ich aufgestiegen bin, sein Bedauern aus, dessen „Erwartungen nicht in allen Punkten erfüllen zu können“?

Zurück zur durchgefallenen Diskussion: Alexander Abuschs Verdienste im internationalen Befreiungskampf gegen den Hitlerfaschismus, die überragende Bedeutung seines literarisches Schaffens im Exil sind unbestritten. Aber was war mit Peter Huchel, der in Nazideutschland geblieben war und bislang als ein mit der Aura eines inneren Emigranten umstrahlter Dichter bestechen konnte?

Der 1903 geborene Peter Huchel ist, wie in der Petition nachzulesen, der literarische Ziehsohn des nur um ein Jahr älteren deutsch-jüdischen Schriftstellers Hans Arno Joachim, bei dem später auch Brecht und Seghers in die Lehre gehen. Joachim fördert Huchel systematisch, redigiert seine Gedichte und Erzählungen, schreibt sie streckenweise im Interesse ihrer Veröffentlichungsfähigkeit regelrecht um, verschafft ihm für das literarische Debüt die notwendigen Kontakte zu Zeitungen und Zeitschriften.

1933 fliehen alle Freunde und Förderer von Huchel, bei denen er zeitweilig sogar gewohnt hat -- Hans Arno Joachim, Alfred Kantorowicz, Ernst Bloch und Fritz Sternberg -- , als Linksintellektuelle und Juden ins westliche Ausland, doch er, vor die Wahl gestellt, zu seinen gefährdeten Freunden oder zu Nazideutschland zu halten, entscheidet sich für letzteres und setzt im "entjudeten" Rundfunk zu einer steilen Karriere an. 1936 strahlt der Reichssender Berlin in der Sendereihe

"Horchposten" Huchels erstes Hörspiel aus, ein gegen die politische Emigration gerichtetes Werk, und mit Entfachung des Hitlerschen Weltbrandes stellt Huchel, wie der englische Literaturwissenschaftler Stephen Parker nachweist, seine literarische Arbeit in den Dienst der Kriegspropaganda Nazideutschlands.

Sechzig Jahre nach seiner Distanzierung von seinen jüdischen Freunden und Förderern avanciert Huchel, wie Parker resümiert, "zum Symbol der deutschen Einheit." Auf der Strecke geblieben und vergessen: sein Freund und Lehrer Hans Arno Joachim, in Auschwitz ermordet. Auf der Strecke geblieben und vergessen: sein literarischer und politischer Kontrahent Alexander Abusch, in Berlin entehrt.

Die ehemalige SED-Kreisleitungsmitarbeiterin und jetzige Bezirksbürgermeisterin Dagmar Pohle interessiert sich nach eigenem Bekunden für Politik, Garten, Natur und Naturheilkunde. Nicht für Zeitgeschichte. Und schon gar nicht für die die geistig-politische Krise unserer Gesellschaft auslösenden gesellschaftlichen Kräfte von damals, die nach Aufarbeitung geradezu schreien. Wir gehen jetzt ins Jahr 1929. Die drei in der Bezirksverordnetenversammlung von Marzahn-Hellersdorf "mit allerSchärfe" für Recht und Ordnung kämpfenden Neofaschisten feixen.







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