Grain Report: Weltgetreidereserven schwinden


08.03.08
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"Neue Aera des Hungers" - US-Regierung will Hilfsprogramm kuerzen

Getreide - Globaler Konsum größer als Produktion

- Neue Ära des Hungers - Lebensmittelpreise steigen weltweit an

- Weltgetreidereserven auf niedrigstem jemals registrierten Stand

- US-Regierung setzt Prioritäten und wird Länder oder bedürftige Regionen aus ihrem Hilfsprogramm USAID herausstreichen

Wenn die Nahrungsmittel nur gerecht verteilt würden, dann gäbe es keinen Hunger in der Welt, lautet eine weit verbreitete Vorstellung. So wünschenswert es auch ist, wenn alle Menschen wenigstens theoretisch genügend zu essen hätten, diese Vorstellung lässt sich immer weniger mit den globalen Getreide-Produktionszahlen in Einklang bringen. Seit Jahren übersteigt der weltweite Verbrauch an Getreide die erzeugte Menge, was zur Folge hat, dass immer mehr Menschen hungern und die Reserven schrumpfen. Diese haben inzwischen den niedrigsten Stand seit fast 50 Jahren erreicht.

Würde die Menschheit von heute auf morgen keinerlei Ernten mehr einfahren, so besäße sie nur noch für zwölf Wochen Getreide, dann wäre alles aufgebraucht. Bei Weizen sind die Reserven bereits auf neun bis zehn Wochen, bei Mais auf rund sieben Wochen geschrumpft. Bei Reis und anderen Getreidesorten sieht es nicht viel besser aus, und ein Ausweichen auf Nahrungsmittel wie Fleisch, Fisch, Gemüse, Algen oder Pilze ist aus verschiedenen Gründen nicht möglich. So hängt die Herstellung von Fleisch, Eiern und Milchprodukten letztlich wiederum vom Getreide ab; Gemüse ist ähnlich wie Getreide von klimatischen Bedingungen abhängig und kann dieses nicht ersetzen; viele Speisefische sind überfischt oder bereits verschwunden; Algen und Pilze vermögen zwar den Speiseplan hier und da zu bereichern, aber sie eignen sich nicht als Grundnahrungsmittel für größere Menschenmengen.

Eine Bilanz der gegenwärtigen Welternährung sieht somit düster aus. Der jüngste "Grain Market Report" (Nr. 374, 24.1.2008)[1] des International Grains Council[2] bringt die existentielle Not, die aufgrund des Getreidemangels beziehungsweise der rasant gestiegenen Getreide- und Lebensmittelpreise im vergangenen und diesem Jahr in vielen Ländern Einzug gehalten hat, in nüchternen Zahlen zum Ausdruck. In der Abschätzung für die Saison 2007/08 steht einer weltweit produzierten Weizenmenge von 603 Mio. Tonnen ein Verbrauch von 611 Mio. Tonnen gegenüber, beim Mais ist das Verhältnis 765 Mio. Tonnen Produktion zu 770 Mio. Tonnen Verbrauch. Dabei wandert ein beträchtlicher Teil der Ernte nicht in den Nahrungssektor, sondern in die Herstellung von Biosprit und in die Tierfütterung.

Die jüngste Abschätzung das International Grains Council für die globale Getreideproduktion des laufenden Berechnungsjahrs in Höhe von 1,657 Mrd. Tonnen liegt aufgrund der geringeren Maisernte in den USA und des trockenem Wetters in Argentinien um zwei Millionen Tonnen unterhalb der Prognose vom November 2007. Aber selbst der damalige Wert hätte nicht genügt, um den globalen Verbrauch von 1,676 Mrd. Tonnen Getreide zu decken.

Wie sind diese Zahlen zu bewerten? Die globalen Getreidereserven schmilzen zusammen, trotz einer Steigerung der Ernten. Die Europäische Union hat bereits eine dramatische Entwicklung durchlaufen. Sie musste aus preisregulatorischen Gründen ihre Getreide-Interventionsbestände von vierzehn Millionen Tonnen auf den Markt werfen und hat inzwischen weniger als eine Million Tonnen zur Verfügung.

Wenn heute mehr als 850 Millionen Menschen weltweit Hunger leiden, so würde diese Zahl spätestens ab dem Zeitpunkt, an dem die Weltreserven aufgebraucht sind, exponentiell steigen. Was nicht bedeutet, dass bis dahin die Not der Menschen gleich bliebe. Verschiedene Entwicklungen lassen darauf schließen, dass sich die Menschheit in diesem Jahr an der Schwelle zu einer Massenverelendung befindet. Es hängt wohl von den nächsten Ernteergebnissen ab, in welchem Ausmaß der Hunger in der Welt zunehmen wird. Die Frage lautet nicht, ob er überhaupt zunimmt. Selbst wenn die Ernte in diesem Jahr gut ausfallen sollte, würde das das Wachstum des globalen Getreidemangels nur verzögern, nicht beheben. Die Weltgetreidevorräte werden vermutlich nie wieder den früheren Stand von 18, 24 oder noch mehr Wochen erreichen.

Das Welternährungsprogramm (WFP) der Vereinten Nationen, das die weltweit größte Hilfsorganisation ist, die Lebensmittel verteilt, hat in der vergangenen Woche eine Krisensitzung einberufen, da sie für die bereitgestellten Spendengelder immer weniger Lebensmittel einkaufen kann.

Ein Preisanstieg von beispielsweise 40 Prozent für Weizen bedeutet nämlich, dass für die gleiche Summe entsprechend weniger Getreide eingekauft wird. WFP-Direktorin Josette Sheeran sprach in diesem Zusammenhang von einer neuen Ära des Hungers. Man sei erstmals einem Notfall ausgesetzt, ohne dass dieser durch Dürre, Krieg oder Naturkatastrophen ausgelöst worden sei. Mit anderen Worten, der Nahrungsmangel ist von systemischer Natur.

Agrarökonomen rechnen zwar damit, dass die Bauern in diesem Jahr zusätzliche Flächen bewirtschaften, weil es einen besonderen Anreiz darstellt, wenn die Getreidepreise hoch sind, aber im weltweiten Maßstab wird das nicht den wachsenden Bedarf ausgleichen. Zudem sind einer Ausweitung der landwirtschaftlichen Flächen natürliche Grenzen gesetzt. Es sei denn, die Menschheit würde sämtliche Regenwälder abholzen, aber das wäre alles andere als empfehlenswert, weil das wiederum Einfluss auf das Klima hätte und die Erderwärmung beschleunigte. Der mögliche Nutzen wäre jedenfalls von kurzfristiger Natur. Schon heute gibt es Verschiebungen im Niederschlagsregime des Amazonas-Regenwalds, was Experten unter anderem auf die Abholzung zurückführen. Neben weiteren Faktoren hat dies in den letzten Jahren zu ausgewachsenen Dürren und der Notwendigkeit, im "immerfeuchten" Regenwald Notbrunnen zu bohren, geführt. Auch Hochgebirge, Wüsten, Mangroven und andere bislang unbewirtschaftete Flächen lassen sich nicht so einfach in eine agraische Nutzung überführen. Im Weltmaßstab ist die landwirtschaftliche Fläche nicht nennenswert zu vergrößern. Zahlreiche Regierungen haben in jüngster Zeit Maßnahmen ergriffen, um den heimischen Getreidemangel zu kompensieren. So hat die Europäische Union die Importzölle für fast alle Getreidesorten aufgehoben und das System der Flächenstillegung außer Kraft gesetzt. Umgekehrt hat China Ausfuhrzölle auf Getreide, Weizenmehl und Sojabohnen verhängt. Russland hat die Ausfuhrzölle für Getreide auf 40 Prozent angehoben, Indien die Reisausfuhr unterbunden. Und die Hilfsorganisation der US-Regierung USAID (U.S. Agency for International Development) hat vor wenigen Tagen mitgeteilt, dass sie ihre Hilfslieferungen wegen der hohen Nahrungsmittelpreise in diesem Jahr drastisch zurückschrauben wird (Washington Post, 1.3.2008).[3]

Jeff Borns, Direktor des Programms Food for Peace, das die Hilfslieferungen für USAID koordiniert, erklärte, dass man zur Zeit Land für Land durchgehe und prüfe, welches in welchem Umfang weiter versorgt werden solle und welches nicht. Fast vierzig Länder erhalten derzeit Unterstützung durch USAID, darunter Äthiopien, Honduras, Irak, Somalia und die westsudanesische Provinz Darfur. USAID erwägt nicht, Budgetnachforderungen wegen des voraussichtlichen Verlustes von 200 Millionen Dollar, der in diesem Jahr wegen der gestiegenen Lebensmittelpreise entstehen wird, zu stellen. Nach welchen Kriterien die US-Regierung künftig weiterhin Nahrungsmittelhilfe verteilt, ist unklar, aber es liegt auf der Hand und hat sich auch in der Vergangenheit gezeigt, dass die Nahrungsversorgung politisch instrumentalisiert wird. In missliebigen Ländern wie Simbabwe oder Sudan beispielsweise läuft die US-Nahrungsmittelhilfe nicht über die Regierung.

Annähernd zeitgleich mit der Meldung des WFP vor gut einer Woche, dass ihm aufgrund des rapiden Preisanstiegs die Mittel ausgehen und man sich gezwungen sehen könnte, die Essensrationen für die Bedürftigen zu reduzieren oder aber Menschen total aus der Versorgung herauszustreichen, wurde im ewigen Eis der norwegischen Insel Spitzbergen eine Saatgutbank in Betrieb genommen, die einmal die größte der Welt werden soll.[4] Sie wurde angelegt, damit im Falle einer Katastrophe eine Vielfalt an Samen zur Verfügung steht, aus denen vom Aussterben bedrohte oder ausgestorbene Pflanzen gezüchtet werden könnten.

Die aktuelle Entwicklung auf dem Getreideweltmarkt erweckt den Anschein, als sei eine Katastrophe etwas anderer Natur längst eingetreten. Die Menschheit befindet sich zwar ebenfalls in einer Phase eines rapiden Artenschwunds unter den Nutzpflanzen, aber akut mangelt es vor allem rein quantitativ an Getreide. Angesichts dessen mutet das Sichern von Saatgut im Innern eines Bergs in einer unzugänglichen polaren Weltregion, die als Grenzgebiet zwischen Ost und West einem militärisch dichten Überwachungsnetz unterliegt, durchaus symbolträchtig an. Der Menschheit steht allem Anschein nach eine schwere Hungersnot bevor.

4. März 2008

Quelle: http://www.schattenblick.de/infopool/umwelt/redakt/umre-086.html







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