Die „Junge Freiheit" rüstet die Rechte intellektuell auf


08.03.08
TopNewsTopNews, Kultur, Antifaschismus 

 

Eine Buchbesprechung von Stefan Gleser

Er ist sprachmächtig und komisch. Darum war der Unmut gross, als der Schriftsteller Eckhard Henscheid, dessen „Trilologie des laufenden Schwachsinns" die Bibel der aufgeweckten WGs war, und der das Satiremagazin „Titanic" aus der Taufe hob, der strammrechten Wochenzeitung Junge Freiheit (JF) zwei Interviews gab. Den Groll seiner Bewunderer muss er gespürt haben. In dem Aufsatz „Ich , der rechtsradikale Hitlerattentäter", zitiert er den Teilnehmer einer Wikipedia-Diskussion: „Im Vergleich zu Henscheids sonstiger Karriere sind die JF-Interviews doch lediglich eine Fußnote. Die Bedeutung des Ganzen wird maßlos überschätzt (weil nämlich die JF maßlos überschätzt wird)."

Welchen Einfluss die „JF" tatsächlich hat, wollten Stephan Braun und Ute Vogts, beides sozialdemokratische Landtagsabgeordnete aus Baden-Württemberg, genauer wissen. Mit zahlreichen Mitstreiter, darunter den als Experten für Rechtsradikalismus ausgewiesenen Journalisten Anton Maegerle und den Politologen Wolfgang Gessenharter, haben Programm, Inhalt, Verfasser und Kunden genauer unter die Lupe genommen.

Letztes Jahr sprach die „JF" selbst von 15800 verkauften Exemplaren , davon 13000 Abonnementen. Allerdings sind diese Zahlen nicht unabhängig, etwa von der IVW, geprüft. Ferner hängst sie am Tropf von Spendern. Chefredakteur Dieter Stein bedankte sich bei dem Verleger Herbert Fleissner (Verlagsgruppe „Langen-Müller Herbig Nymphenburger") für dessen Unterstützung und drückte ihm den "Gerhard-Löwenthal-Ehrenpreis für Publizistik" in die Hand.

Nicht „zimperlich" ist die „JF" bei Anzeigen, wie Gabriele Nandlinger heraus fand. Die Liste der Inserenten liest sich wie das Who `s Who? des Rechtsextremismus. Als treue Kunden zeigen sich beispielsweise der Germania Verlag mit der Biographie „Der nicht mit den Wölfen heult" des früheren NPD-Bundesvorsitzenden Günter Deckert, der „Verlag Deutsche Militärzeitschrift" mit dem Holocaust Leugner David Irving und der von dem „Volk ohne Raum" Verfasser Hans Grimm gegründete Klosterhaus Verlag. Unter den Zeitschriften sind „Nation und Europa" und „Mensch und Maß" der Ludendorff-Anhänger vertreten. Die rechtsextreme „Junge Landsmannschaft Ostpreußen" rief in einer Anzeige zu einer Demonstration auf ; die Redaktion mobilisierte brav mit. Mehr als 4000 Rechtsradikale freuten sich. Schon ein merkwürdiges Bild: Die selbsternannten, nonkonformistischen, konservativen Edelfedern stehen bis zum Hals im braunen Reklamesumpf.

Die JF ist Meisterin der Tarnung. Ein Instrument dafür sind Interviews, wie das eingangs erwähnte Gespräch mit Eckhard Henscheid. Der Eindruck soll erweckt werden: Wenn selbst der und der mit der JF redet, kann sie so rechts nichts sein. Prominente Sozialdemokraten gaben sich die Klinke in die Hand. Der Brandt-Vertraute Egon Bahr, der frühere Bundesgeschäftsführer Peter Glotz und der ehemalige Staatsminister im Auswärtigem Amt, Christoph Zöpel. Der bei Fleissner verlegte Satiriker Ephraim Kishon, dessen Familie ein Opfer des Völkermordes wurde, und Charlotte Knobloch vom Zentralrat der Juden hauchten dem Ethnopluralismus ein bisschen Liberalität ein. So übertünschten viele den „braunen Kern" (Sebastian Edathy, Vorsitzender des Bundestagsinnenausschusses) der JF.

Überzeugend, weil an zahlreichen Beispielen verdeutlicht, wird der Angriff von rechts auf das Internet-Lexikon Wikipedia dargestellt. Bislang stand ich Wikipedia freundlich und vertrauensselig gegenüber. Seine basisdemokratische Einstellung, die Gleichheit von Laien und Fachleuten und die kostenlose Benutzung schätzte ich. Genau diese Vorzüge wurden ausgebeutet. Frank Liebermann, Erstunterzeichner einer Unterstützung für den aus CDU ausgeschlossenen Martin Hohmann forderte schon 2005: „Bei Wikipedia müssen die Konservativen stärker aktiv werden." Margret Chatwin schildert nun spannend den Kampf um den Kampf um jeden Eintrag. Die „Junge Freiheit", Stephan Braun und Christop Butterwege wurden zu Schlachtfeldern erklärt. Man selbst posierte als gemässigt konservativ, der zum Feind erklärte Diskutant wurde pauschal als linksextrem verfemt; jedes Wort wurde verbissen erobert. Die Kultur als Machtfrage. „Wikipedia erweist sich als die ideale Plattform, die erklärte Kulturrevolution von rechts durch eine Umdeutung der Begriffe Schritt für Schritt durchzusetzen und schließlich so zu einer Deutungshoheit durch ein Internet-Medium gelangen, welches ausserordentlich hohe Zugriffe vorweisen kann."

Die JF beruft sich oft und gerne auf Vertreter der „Konservativen Revolution" in den zwanziger Jahren. Kultstatus genießt Carl Schmitt. Der „Kronjurist" des Dritten Reiches bezeichnete die Nürnberger Rassengesetze als „Verfassung der Freiheit" und sah in den Menschenrechten „unveräusserliche Eselsrechte". Ideen, die den Nationalsozialismus intellektuell verbrämten, ihm den Weg bereiteten, werden vom Müllplatz geholt und als das Allerneueste zur Lösung von Problemen verscherbelt.

Historische Essays der „JF" schrammen oft und knapp am Geschichtsrevisionismus vorbei. Deutschland ist die „verfolgende Unschuld" (Karl Kraus), das Opferlamm. Die Wehrmacht trägt keine Verantwortung am Hungertod von Millionen sowjetischer Kriegsgefangenen; Polen war der aggressivste Staat in der Zwischenkriegszeit. Deutsche Kriegsopfer werden noch einmal k.v. geschrieben, damit sie für die Aufrechnung stramm stehen können..

Die JF werde „maßlos überschätzt". Dass sie unterschätzt wird, liegt an ihrer Formulierungsunkunst. Unter Schreiben verstehen viele JF-Autoren, ihr Gymnasium Gassi zu führen. Der Stil der JF ist eine kleinbürgerlich-pfäffische Bildungsprotzerei. Der neureiche Kulturspiesser hat Abitur, greift gerne zum guten Buch, schätzt Hausmusik und seine reine Seele wird vom neumodischen Schnickschnack wie RTL super belästigt. Es ist der verquaste christlich-abendländische Muff der fünfziger Jahre, der wieder beatmet wird. Deshalb und wegen ihren geringen Auflage wird die JF nicht so ernst genommen. Dabei ist sie in der Lage medienwirksame Kampagnen durchzuziehen und unterhält beste Beziehungen zu Burschenschaften und Vertriebenenverbänden.

Margaret Chatwin hat den Charakter der JF in einem Satz konzentriert.: „Hier zeigt sich die Raffinesse `neurechter` Gruppierungen, die mit einer (fast) perfekten politischen Mimikry, durch verbale Tarnung und Verwirrspiele Anziehungskraft weit über ihr eigenes Lager zu entfalten vermögen."

Der ausserordentlich sachliche, unaufgeregte Ton und die Belegbarkeit jeder Behauptung sollten konservative Demokraten überzeugen, sich Hilfstruppen mal genauer anzuschauen.

Die JF droht nicht mit Springerstiefel und Glatzenschnitt. Sie tritt in Nadelstreifen und Laptop auf. Hannah Arendt sah im Nationalsozialismus das Bündnis von Mob und Elite. Heute schaut´s so aus: Unten Baseballschläger, oben Ernst- Jünger-Zitate und die JF unterm Arm.

Hrsg.: Braun, Stephan / Vogt, Ute

Die Wochenzeitung "Junge Freiheit"

Kritische Analysen zu Programmatik, Inhalten, Autoren und Kunden

2007. 358 S. Mit 6 Abb. Br.

ISBN: 978-3-531-15421-3

VS-Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden

Preis: 39,90 EUR







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