"Wir weigern uns Feinde zu sein"


26.03.08
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Erster Besuch auf dem Gaza Streifen. Eine unmögliche Situation für die 1,5 Mio Palästinenser. Wirtschaft zusammengebrochen

Von Rupert Neudeck,  www.gruenhelme.de

Die Bedingungen zum Überleben auf dem Gaza Streifen sind für die 1,5 Millionen Palästinenser noch schlechter geworden, nachdem Israel in der Zeit der Regierung von Ariel Scharon seine Siedlungen abbaute und die etwa 8000 Siedler nach Israel bzw. in die Westbank versetzte. Ich habe mit dem journalistischen Kollegen Johannes Zang die Möglichkeit gehabt, einen ganzen Tag mich in Gaza Stadt zu informieren. Wie immer in ganz Palästina, so gab es auch in dem erschütterten Gaza Zeichen überwältigender Gastfreundschaft, wir hätten dort bleiben können. Eine Freundschaft, die mich als Deutschen immer sehr beschämt. So auch an diesem 19. März 2008, als ich mit Johannes Zang mich auf den Weg machte, mich über den einzigen Zugang Erez durch die hermetisch geschlossene Grenze (die dort auch eine Mauer ist) in das Monstrum Gaza aufmachte.
Die beiden wichtigsten Felder für humanitäre Hilfe sind abgedeckt: Die Grundnahrungsmittel kommen über die UNRWA nach Gaza hinein, und über das IKRK (Internat. Komitee des Roten Kreuzes) auch bedingt die Grundmedikamente. Aber eben alles andere nicht. Wie schon nicht mehr die Bücher und Hefte für die Schulen. Es gibt drei Zugänge für diese Materialien.

Total zusammengebrochen ist die Wirtschaft im Gaza Streifen. Durch die totale Blockade, die auch schon vor dem betörend verbrecherischen Raketen Beschuss auf Sederot begonnen hat, sind 3900 Betriebe und Werkstätten von insgesamt 4000 auf dem Gaza Streifen blockiert und haben alle Angestellten und Arbeiter entlassen müssen. Einzelne Familienväter erzählten uns am Rande der von der Hamas Regierung organisierten Fahrt durch den Gaza Strip: Sie wollen nur wieder mal leben, sie wären keine Mörder, sie möchte wieder arbeiten und auch sich in ihrem Lande und vielleicht auch mal nach außerhalb bewegen.

Die medizinische Versorgung ist nicht die große Katastrophe, aber es gibt keine Entwicklung. In dem neu errichteten Onkologie-Gebäude dem "Prince Najef Radiotherapy Centre" stehen zwei funkelnagelneue modernste Geräte von Siemens (finanziert von Saudi Arabien), die nicht angeschlossen sind, weil einige Chemikalien fehlen.

Die Gaza - Geschäftsleute waren für uns die eindrucksvollen Partner. Sie sind pragmatisch, sie möchten wieder etwas tun. Es berichtete uns ein Fabrikant, dass er 20 Container mit Materialien für seinen Betrieb seit Wochen an der Grenze stehen hat, die Materialien seien schon bezahlt, man lasse aber nichts herein. Ja, man sei gegen Raketen und Bomben von beiden Seiten. Aber er müsse jetzt Lager und Standgebühren dafür zahlen, dass man die von ihm bezahlte Ware nicht in den Gaza Streifen hineinlässt.

Wir Grünhelme können erst etwas tun, wenn es einen wirklichen freien "humanitären Korridor" gibt für den Gaza Streifen. Sonst würden wir unsere Mittel (von Spendern eingeworben, denen wir ja Rechenschaft ablegen müssen) und unsere Mitarbeiter nur in einer endlosen Kette von Frustration verschleißen.

Dafür kann Anfang Juni das Projekt mit dem Daoud Nassar starten. Fabian Jochem wird zu Daoud Nassar auf den Berg Daher gehen und die Anlage einrichten und anschließen, für die Daoud Nassar mit seinen zwei deutschen Zivis und anderen Volontären die technischen Voraussetzungen schon gebaut hat. Er ist weiter gefährdet auf seinem Berg, die Israelische Militärverwaltung hat ihm sieben Strafanzeigen geschickt. Ein Palästinenser darf ja nicht bauen. Er müsse entweder zahlen oder die sieben Para-Gebäude abreissen, als da sind: Ein Hühner- und ein Ziegen-Stall, zwei Zeltplätze, die nur eben für die Zeltstangen ein Fundament haben, zwei Sonnendächer vor dem Haus und einen aus Steinen angelegten Platz. Auf dem Platz haben wir das Solarpanel gestellt, das ich Daoud Nassar als erste Morgengabe und Garantie unseres Projektes überreichen konnte: Eine Solarlampe. Wir werden für die Solar Anlage und die Wasser-Versorgung ganz sicher kalkuliert mehr als 75.000 Euro brauchen.

Es wird auf dem großen Berg, auf dem Daoud zwei weitere Höhlen entdeckt und ausgebraut hat, sicher noch eine größere Unterbringungsnotwendigkeit geben. Auch der Theaterplatz muss verbessert werden, wo 2006 schon einmal "Romeo und Julia" von Schülerinnen und Schülern aus Palästina und Israel gespielt wurde. Wir hatten die Idee eines großen Schülerinnen und Schüler - Festivals 2008 oder 2009 mit der Aufführung von Max Frischs Theaterstück "Biedermann und die Brandstifter".

Als wir uns auf den Weg zurück machen nach Bethlehem und Jerusalem, fällt unser Blick auf das Schild, das eine Schülergruppe mal hier auf dem berg produziert hat, und das eigentlich die schönste Lösung des Konfliktes zwischen deb beiden streitenden parteien sein würde, wenn jedes der beiden Völker, Juden wie Palästinenser sich darauf einigen könnten, was diese Schüler in fünf Worten hier geschrieben haben:
"We refuse to be enemies!",
"Wir weigern uns, Feinde zu sein!"

Auf dem Flug zurück aus Israel-Palästina las ich die prophetisch schönen Worte von Albert Schweitzer kurz vor seinem Tode am 4. September 1965, dem Pilgervater aller humanitären Projekte, die aus Europa in solchen Ländern betrieben werden, um Menschen den Glauben an die Menschheit zu erhalten:

"Alle gewöhnliche Gewalt in dieser Welt schafft sich selber eine Grenze, denn sie erzeugt eine Gegengewalt, die ihr früher oder später ebenbürtig oder überlegen sein wird. Indem sie Gütigkeit weckt, verstärkt sie sich selber. Unsere törichte Schuld ist, dass wir nicht ernst zu machen wagen mit der Gütigkeit. Wir wollen immer wieder die große Last wälzen, ohne uns dieses Hebels zu bedienen, der unsere Kraft verhundertfachen kann. ‚Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdenreich besitzen.' Die Ehrfurcht vor dem Leben gebietet uns, den Hilfsbedürftigen Völkern in alles Welt Hilfe zu bringen".
Rupert Neudeck

 







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