Neuer Höhepunkt der Ausgrenzung linker Opposition in der Partei DIE LINKE


Bildmontage: HF

22.10.08
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Klaus Ernst und Thomas Händel erheben Einspruch gegen den Beitritt der SAV-Spitze zur Partei DIE LINKE.

Von Edith Bartelmus-Scholich

Vor etwa drei Wochen geschah, worauf viele ehemalige Mitglieder der Berliner WASG schon vor Monaten gewettet hatten: Die SAV-Führung, allen voran Lucy Redler,  trat der Partei DIE LINKE bei. Sie tat dies in Berlin, der Hauptstadt der Armut, des Lohndumpings, des Abbaus von Arbeitnehmer- und demokratischen Rechten, alles mitgestaltet und als alternativlos verkauft von der Regierungspartei DIE LINKE. Bei diesem Schritt gilt offensichtlich: "Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern.", denn die SAV räumt selbst ein, dass sich die von ihr früher als Beitrittshindernis genannte Regierungspolitik der Partei DIE LINKE in Berlin nicht verändert hat. Verändert hat sich die Haltung der SAV-Spitze zu dieser Regierungspolitik. Alle Todsünden des rot-roten Senats gegen Beschäftigte und Erwerbslose wiegen nun weniger schwer als die bundesweite Wahrnehmung der Partei DIE LINKE als Opposition und die Chance an wichtigen Debatten in der Partei teilzunehmen. Die SAV ist nun wieder eine kleine Propagandatruppe in einer sozialdemokratischen Partei, wie bis Anfang der neunziger Jahres des vergangenen Jahrhunderts, als sie Entrismus in der SPD und den JUSOS betrieb. Mit diesem Konzept braucht die Berliner PdL sie nicht wirklich fürchten. Und zudem muss die pluralistische Partei DIE LINKE auch offen für bekehrte Fusionsgegner und marxistische Kritiker sein. Folglich erklärte der Sprecher der Berliner Linkspartei, Klaus Lederer sinngemäß, er werde die Auseinandersetzung mit Redler und der SAV aushalten.

Eine grundlegend andere Auffassung von Pluralismus in der Partei DIE LINKE offenbarten wieder einmal die ehemaligen Bundesvorstände der WASG Klaus Ernst und Thomas Händel. Sie widersprachen der Aufnahme von Sascha Stanicic und Lucy Redler sowie von zwei weiteren Genossen der SAV in die Partei. In einer Stellungnahme der SAV heißt es zu den Gründen: "Insbesondere wird von Klaus Ernst argumentiert, dass die Fusion von WASG und Linkspartei.PDS ein politischer Grundsatz der neuen Partei ist und die ablehnende Haltung, die von uns zu einer bedingungslosen Fusion der beiden Parteien eingenommen wurde, daher einen Widerspruch zur Programmatik darstellt. Weiterhin wird die eigenständige Kandidatur der WASG Berlin zu den Abgeordnetenhauswahlen 2006 als parteischädigend und Obstruktion des Vereinigungsprozesses bewertet und außerdem als Bruch demokratischer Entscheidungen der damaligen WASG, deren Bundesparteitag sich gegen konkurrierende Wahlantritte von WASG und Linkspartei.PDS ausgesprochen hatte."

MdB Klaus Ernst, zwischenzeitlich Stellvertretender Vorsitzender der Partei DIE LINKE und Stellvertretender Vorsitzender der Linksfraktion im Bundestag, offenbart mit dieser Begründung nicht nur wieder einmal sein obskures Rechts- und Demokratieverständnis, sondern knüpft zudem nahtlos an die von ihm bekannte antisozialistische Agitation gegen die SAV in der WASG an.

Wir erinnern uns: Im Februar 2005 setzten Klaus Ernst und seine Anhängerschaft in der ASG zu einem Feldzug gegen die SAV und andere Sozialisten und Kommunisten an. Der Bundesvorstand der ASG beschloss auf Antrag dieser Gruppe am 13.2.05 (1):

"FunktionsträgerInnen und KandidatInnen auf den Listen der ASG, die gleichzeitig der SAV angehören, werden aufgefordert, aus der SAV auszutreten." Klaus Ernst drohte am 18.2.08 in einem bundesweit über alle Medien verteilten Offenen Brief(2) an, er werde  die Partei verlassen, falls seinem Begehren, die Partei von "Sektenkriegern" und "politischen Randgruppen" zu säubern nicht stattgegeben werde. Seinerzeit wurde von Bayern aus nicht nur die SAV heftig angegriffen, sondern alle antikapitalistischen Linken. Leo Mayer, Doppelmitglied mit Parteibuch der DKP, wurde beispielsweise kurzerhand aus der Partei gedrängt, obwohl er zuvor in München zum Parteitagsdelegierten gewählt worden war. Erst der Bundesparteitag der WASG in Dortmund setzte am 7. Mai 2005 dieser Politik ein Ende. Ernst scheiterte mit seinem Begehren, die SAV aus der Partei auszuschließen. Bei den Wahlen zum Geschäftsführenden Vorstand dokumentierten die Delegierten, was sie von seiner Politik hielten: Mit 57% der Stimmen wurde er denkbar knapp im Amt bestätigt. Ebenso wenig wie damals, werden Ernst und Händel sich heute durchsetzen. Die Gremien der PdL  werden ihrem Ansinnen ziemlich sicher eine Absage erteilen. Bezeichnend ist aber, dass sie nichts gelernt haben.

Es wäre falsch, den Vorgang als Alleingang von Ernst und Händel nur gegen die SAV zu diskutieren. Gemeint sind alle Antikapitalisten in der PdL. Tatsache ist, dass antisozialistische und antikommunistische Agitation in der Partei DIE LINKE seit Monaten zunimmt. Passend zum Einspruch von Ernst und Händel gegen die Aufnahme der SAV-Spitze kursiert beim Jugendverband der PdL ein "aufklärerisches, antitrotzkistisches" Rundschreiben(3), in welchem den Mitgliedern von SAV, Marx 21 und DER FUNKE vorgeworfen wird die Partei und ihren Jugendverband zu unterwandern. Moniert wird u.a. dass Mitglieder der vorgenannten Gruppen unter Nennung ihrer Zugehörigkeit zu Sprecherräten oder Vorständen kandidieren.

Erinnert sei auch an die zunehmende Hetze gegen Mitglieder der Kommunistischen Plattform. In NRW wurde jüngst ein Sprecher der KPF bei seinem Arbeitgeber als Kommunist denunziert. Zum Landesparteitag des größten Landesverbandes der Partei im Westen lag ein Antrag des Standverbandes Haltern vor, der Kommunistischen Plattform das Führen des Logos DIE LINKE zu untersagen. Der Kreisverband Bottrop grenzte in einem an alle Delegierten verteilten Handzettel Mitglieder aus, die früher der DKP angehört hatten oder heute vor Ort mit dieser zusammen arbeiten wollen. Die Liste könnte fortgesetzt werden.

Erinnert sei auch an die Überreaktionen nach der umstrittenen Äußerungen des zunächst in Hessen zum Spitzenkandidaten gewählten Pit Metz und der in Niedersachsen in den Landtag gewählten, der DKP zugehörigen Christel Wegener. Die Führung der Linkspartei ließ unter Beschuss der bürgerlichen Medien jedes Mal die eigenen GenossInnen fallen, statt in kritischer Solidarität zu ihnen zu stehen. Dieses Verhalten ist Wasser auf die Mühlen der Antikommunisten in der Partei DIE LINKE. Auch dies ist sicher weder Zufall noch arglose Fahrlässigkeit. Es ist vielmehr die getreue Umsetzung der Devise von Lothar Bisky. Er sagte schon im Sommer 05: "Wir wollen keinesfalls alle Linken haben."

Edith Bartelmus-Scholich, 22.10.08

 

Anhang:

1) Beschluss des ASG Bundesvorstandes:

1.) Auf der Grundlage des Parteistatuts werden allen Anträgen auf Parteimitgliedschaft zugestimmt. Nichtaufnahme erfolgt ausschließlich aus persönlichen verhaltensbedingten Gründen. (Nicht Aufgenommen wurde vier Personen, weil aus den jeweiligen Ländern bezüglich dieser Personen große Bedenken angemeldet wurden, wie z.B. Nähe zur NPD oder anderen rechtsradikalen Gruppierungen).

2.) Doppelmitgliedschaften sind generell im Rahmen unseres Status bis zum 31.12.2005 zulässig. Die SAV ist laut ihrer gegenwärtigen Satzung eine Partei. Sollte dies bis Ende des Jahres so bleiben, greift das Statut der ASG.

3.) Der BuVo erarbeitet ein strategisches Grundsatzpapier zum Profil der ASG.

4.) FunktionsträgerInnen und KandidatInnen auf den Listen der ASG, die gleichzeitig der SAV angehören, werden aufgefordert, aus der SAV auszutreten.
aus einer Rundmail der ASG Hessen vom 13. Februar 2005


2) Wenn Du auf einem toten Pferd reitest, steig ab
Offener Brief von Klaus Ernst an seine Vorstandskollegen von der ASG

Welche Richtung bei der ASG


Liebe Kolleginnen und Kollegen des Vorstands der ASG,

ich bin mir nicht sicher, ob nach dem Verlauf unserer letzten Vorstandssitzung allen Beteiligten klar ist, wie gefährdet das Projekt ASG zur Zeit ist. Um mich vor meinen Freunden und auch vor mir selbst nicht dem Vorwurf auszusetzen, nicht alles versucht zu haben, ein Scheitern zu verhindern, einige Anmerkungen:

Die Debatte über unsere grundsätzliche Orientierung zeigt, wir sind uns in wesentlichen Punkten nicht einig. Schlimmer noch - wir sind nicht kompromißfähig. Während offensichtlich ein Teil des BV die ASG als linke Sammlungsbewegung sieht, in der es keine Klarstellungen geben darf und jeder willkommen ist, egal in welcher Organisation oder Partei er sonst noch mitarbeitet (faschistische ausgenommen) und welche Positionen diese GRuppe auch immer vertritt, haben Andere das neue oder die Chance des Projekts gerade darin gesehen, eben nicht als Sammelbecken von linken Splittergruppen aufzutreten, sondern eine "Sozialstaatspartei" aufzubauen, die von Menschen aus allen kritischen und demokratischen Wählerschichten getragen wird.

Insbesondere durch ihre klare Kritik an der aktuellen Politik der SPD nach langjähriger Mitgliedschaft und dadurch, daß eben Bevollmächtigte der IGM nicht so einfach dem linksradikalen Lager zuzuordnen sind, ist es der "Initiative Arbeit und soziale Gerechtigkeit" gelungen, mediale Aufmerksamkeit zu erlangen. Das Projekt wurde daudrch bekannt und es gelang, Menschen anzusprechen, die sich keinesfalls einer linken Sektierergruppe zuwenden würden. Eine Aufmerksamkeit übrigens, die der Zusammenschluß von marginalisierten linken Splittergruppen nie erreicht hätte. Für das Projekt einer Partei, die allein schon wegen der Herkunft und der Bindung ihrer Mitgliedschaft als eine Partei des linken Randes wahrgenommen wird und sich damit obendrein brüstet, gibt es in dieser Republik nicht die geringste Chance, in die Parlamente zu kommen.

Was mich nach der letzten BV-Sitzung wirklich bestürzt, ist die Tatsache, daß offensichtlich genau das von vielen anders eingeschätzt wird. Oder wollte man von Anfang an ein anderes Konzept? Hat man aneinander vorbei geredet oder schien es wirkungsvoller, sich an die Aufmerksamkeit anzuhängen, die die Funktionsträger der IG MEtall bei der Presse ausgelöst hatten?

Wie sonst ist es zu erklären, wenn man billigend in Kauf nimmt, durch die Einbeziehung des äußerst linken Spektrums nicht nur den Zugang zu neuen Mitgliedern und Wählerschichten zu verbauen, die für Mehrheiten unerläßlich sind. Trotz eindeutiger Hinweise riskeirt man sogar, daß sich ausgerechnet die Aktiven von der ASG abwenden, die für genau diese Wähler der Zugang sind!

Wollen einige möglicherweise tatsächlich lieber eine Partei, in der zwar jeder linke Sektenkrieger gerne Mitglied wird, die aber durch mangelnde Akzeptanz derer, die diese Partei dann repräsentieren, weil die anderen schon geflüchtet sind, selbst wieder zur Splitterpartei wird? Was die eigene Erfahrung und politische Vergangenheit angeht, könnten sich zumindest einige wieder ganz wie früher fühlen. Sie wollen dieselben Fehler wiederholen.

Wird denn allen erstes geglaubt, eine wählbare Partei entsteht auch ohne jene, welche genau diese Alternative zu einer Splitterpartei durch ihre Persönlichkeit und ihre politische Vergangenheit verköprern? Oder glaubt man, die werden schon weiter mitmachen, die doofen Metaller, Betriebsräte und ehemaligen Sozialdemokraten, egal wer da sonst noch im Boot ist, Gewerkschaftshasser oder politische Irrläufer? Spielt man etwa mit dem Gedanken, ein Ausstieg aus dem Projekt käme nicht in Frage, weil jene die Häme vermeiden wollen, die innerhalb der Gewerkschaften und in der Öffentlichkeit dann kübelweise über sie ausgeschüttet würden, wenn das Projekt scheitert?

Das, was in der letzten Sitzung deutlich wurde, ist die Sanktionierung einer Entwicklung der ASG, in der viele, die wir bräuchten, als Mitstreiter, aber auch als Wähler nicht mehr mitmachen werden. Damit sich niemand täuscht: Wenn das Projekt gegen die Wand gefahren wird, dann werde ich selbst und viele andere vorher dieses Projekt verlassen. Denn wer will sich schon gerne wegen einer falschen Weichenstellung (als Folge der gegenwärtig schwankenden Mehrheiten im Bundesvorstand der ASG) in der politischen Nähe von Leuten wiederfinden, die den dritten Schritt vor dem ersten tun wollen, statt zu überlegen, daß wir angetreten sind, um der Arbeitslosigkeit Herr zu werden und den Sozialstaat wieder flott zu machen. Das geht nur in diesem System und das läßt sich nicht mit politischen Randgruppen ins Werks etzen. Genau deswegen ist unsere Sammlungsbewegung da. Als Sammlungsbewegung hat die ASG aber dann ihr Ende, wenn ihr viele, und besonders viele Gewerkschafter, nicht beitreten wollen, weil sie sehen, daß sich bei der ASG Splitter- und politische Randgruppen breit machen. Diese stehen nicht immer in gutem Ansehen: Sie werden nicht selten angesehen als Leute, die die Gewerkschaften undifferenziert bekämpfen, sinnlose oder nicht annehmbare Forderungen aufstellen oder ganz a der Wirklichkeit vorbei die Auffassung vertreten, es ließe sich jetzt, hier und heute eine Mehrhheit mit dem Aufbau einer revolutionären Massenpartei erreichen.
Das kann nicht zum Ziel führen, nämlich dazu, genug politische Bedeutung zu erreichen, um wirksam für Vollbeschäftigung und Sozialstaat zu kämpfen. Lassen wir dagegen einfach alles im Namen der Sammlungsbewegung geschehen, dann werden wir uns nur bei unseren Kolleginnen und Kollegen und in der Öffentlichkeit lächerlich machen. Dieses Ergebnis lohnt nicht die Arbeit und Mühe, die die Gründung einer neuen partei nun einmal erfordert. Nur geborene Sektierer haben daran Freude. Ich für meinen Teil will mich dabei nicht einspannen lassen.

Ein Scheitern der ASG an einem solchen falschen Ansatz würde ich zutiefst bedauern. Aber es macht keinen Sinn, für ein Projekt Zeit und Geld zu investieren, das dann nichts wird, wenn wir unsere Sympathisanten bei linken Splittergruppen suchen. Da werden nicht viele Leute zusammen kommen. Wenn in der Folge unserer Entscheidungen führende Gewerkschafter ihre Mitarbeit aufgeben, wäre auch für mich eine solche Entscheidung unausweichlich. Es würde der alte Indianerspruch gelten: "Wenn Du auf einem toten Pferd reitest, steig ab". Ich käme wohl nicht umhin, das Ende meiner Mitarbeit bei der ASG auch öffentlich zu erklären.

Ich habe in der Sitzung erklärt und wiederholge es: Man kann einen Teil unserer Mitglieder auch dadurch ausschließen, daß es ihnen unmöglich gemacht wird, Mitglied zu werden oder zu bleiben. Da braucht es keinen formalen Beschluß; konkrete Verhaltensweisen genügen vollauf. Das aber scheint für einige offensichtlich nicht von Bedeutung zu sein: Hauptsache, wir grenzen formal niemand aus, informelle Ausgrenzungen werden akzeptiert, Wahlergebnisse sind ja nicht so wichtig.

Unerträglich, aber auch bezeichnend für unseren Zustand ist das Folgende: Einige unserer Funktionäre und Kandidaten auf unserer Liste in NRW sind Mitglieder der SAV. In unserer BV-Sitzung konnte nicht einstimmig beschlossen werden, daß diese Leute aus ihrer eigentlichen Partei, der SAV, austreten müssen, um bei uns an exponierter Stelle mit zu machen.
Was heißt denn das? Offensichtlich akzeptieren wir, wenn "unsere" Kandidaten nach wie vor Ziele der SAV vertreten. Der Wähler in NRW soll also Leute wählen, die durch ihre weitere Mitgliedschaft in der SAV deutlich machen, daß sie weiter, wenn auch unter unserer Fahne, Positionen vertreten wollen, die das ASG-Projekt aus den genannten Gründen zum Scheitern bringen. wir sind nicht in der Lage sie im Konsens aufzufordern, das zu beenden. Ob eine Liste, auf der sich solche Kandidaten finden, wirklich als wählbare Alternative angesehen wird?

Die ASG entwickelt sich in eine Richtung, die ich nicht, aber auch viele andere nicht wollten. Es ist eine Richtung weit weg von der ursprünglichen Idee. Ich werde nach wie vor für das eintreten, was bei der Gründung der alten ASG das Ziel war: Eine wählbare Alternative! Nicht verschleißen will ich mich dagegen in einer Bewegung von politisch Chancenlosen. Ich kann als Gewerkschafter meine Aufgabe nicht darauf reduzieren, das auszugleichen versuchen, was an anderer STelle an Unsinn angestellt wird.

Da es, wie die Praxis der letzten Monate zeigt, Mails an einen eigentlich eingeschränkten Personenkreis sowieso munter weitergeleitet werden, stelle ich euch frei, den Brief beliebig zu verwenden. Dieses Recht nehme ich mir gegebenenfalls auch selbst.

In großer Sorge um unsere gute Idee von einer dringend nötigen, wählbaren Alternative.


3) Rundmail von Julian Plenefisch und Marco Heinig, Linksjugend [`solid] Berlin: "Der Jugendverband und trotzkistische Sekten

Immer mal wieder flammen Diskussionen über so genannte trotzkistische Gruppen auf, die im Jugendverband aktiv sind oder versuchen es zu werden. Gepaart sind solche Diskussionen oft mit Gerüchten und Aufregung. Beispielsweise bei Wahlen kommen nun häufig Fragen auf, ob jemand bei "Linksruck" oder "SAV" sei. Warum wird das aber überhaupt gefragt? Und was sind trotzkistische Gruppen eigentlich?

Was ist eigentlich Trotzkismus?

Trotzkisten sind Anhänger der Lehre Leo Trotzkis, einer der russischen Oktoberrevolutionäre von 1917, Anhänger Lenins und in der Anfangsphase der Sowjetunion einer ihrer wichtigsten Politiker. Nach Lenins Tod musste Trotzki vor den Säuberungen Stalins aus Russland fliehen und wurde im mexikanischen Exil 1940 ermordet.
Trotzki kritisierte die Entwicklung der Sowjetunion als "degenerierten Arbeiterstaat", der von einer militärisch-bürokratischen Elite geführt würde. Nicht beachtet wird dabei oft, dass Trotzki den Grundstein für diese Entwicklung selbst mit gelegt hatte - beispielsweise mit der Zerschlagung der Machno-Bewegung. Durch die internationale Ausweitung des Kapitalismus könne, so Trotzki, nur eine internationalistische Revolution zum Sozialismus führen; die UdSSR agiere aber nur national, daher wäre in ihr die proletarische Revolution zum Scheitern verurteilt.
Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die meisten kommunistischen Parteien im Westen auf KPdSU-Kurs und damit für Trotzkisten nicht offen. Die Hoffnung, die kommunistischen Parteien würden sich nach dem Zweiten Weltkrieg vom Stalinismus distanzieren, erfüllte sich nicht. Die Vierte Internationale, als internationaler Zusammenschluss trotzkistischer Gruppen, kam - außer wenigen Ausnahmen - nirgendwo über den Status von Splitterparteien hinaus. Um dennoch Einfluss auf sozialdemokratische oder kommunistische Arbeiterparteien ausüben zu können, entwickelten Trotzkisten Entrismusstrategien. Das sind Unterwanderungsstrategien, mit denen die eigenen politischen Inhalte in eine andere größere Organisation hinein getragen und möglichst viele Mitglieder abgeworben werden sollen. In diesem Sinne engagierten sich Trotzkisten in den 50er Jahren im Westen in den vorhandenen Arbeiterparteien, weil angenommen wurde, dass sich die Radikalisierung der Arbeiterklasse zukünftig in diesen Parteien abspielen würde. Bei der britischen Labour-Partei war diese Strategie besonders in Liverpool teilweise erfolgreich. Im Zuge der Studentenbewegungen 1968 ließen aber die meisten Trotzkisten in Italien und Frankreich diese Strategie fallen und schlossen sich den außerparlamentarischen Bewegungen an.
Möglicherweise aufgrund des kurzen Erfolgs in Großbritannien bleiben bis heute in den internationalen trotzkistischen Vereinigungen britische Ideologen führend. Die 1974 gegründeten und von Ted Grant inspirierten Organisationen des Committee for a Worker's International (CWI) betreiben bis heute diese Strategie, obwohl es 1991 zur Spaltung kam und die Mehrheit der CWI-Organisationen versuchten, eigene Parteien aufzubauen. Die Anhänger Grants gründeten dagegen die International Marxist Tendency. Aber auch andere trotzkistische Gruppen wie beispielsweise die International Socialist Tendency, die sich auf den in den 50er Jahren aus der Vierten Internationalen ausgeschlossenen Tony Cliff bezieht, betreiben weiterhin Unterwanderungsstrategien.

Wie wirken sich die Strategien und Politik trotzkistischer Gruppen aus?
Aktuell sind die Strategien trotzkistischer Gruppen immer noch davon gekennzeichnet, dass sie versuchen, Ressourcen und Mitglieder von bereits bestehenden Organisationen zu gewinnen. Dazu wird von einigen der von Ted Grant entwickelte "Dauerentrismus" angewandt, der ein langwieriges Wirken in einer anderen Struktur vorsieht, um dort die Mehrheit von den eigenen politischen Zielen zu überzeugen.
Ihre Mitglieder treten dazu häufig dynamisch auf und pflegen eine revolutionäre Rhetorik. In trotzkistischen Organisationen herrscht allerdings oft ein harter Führungsstil, der schon vielen trotzkistischen Gruppen den Vorwurf einbrachte, intransparent und undemokratisch zu sein.
Dieser Führungsstil wird mit hohem Gruppendruck gepaart. Von den Mitgliedern wird große Opferbereitschaft in Form von hohen Mitgliedsbeiträgen und Arbeitsaufwand gefordert. Dies führt in kurzer Zeit bei vielen jüngeren Mitgliedern zum "burnout".
Trotzkistische Organisationen neigen dazu, einen konkreten Plan mit dem Ziel "proletarische Weltrevolution" zu verfassen.

"To-Do-Listen" mit diesem sehr ehrgeizigen Ziel führen bei den Mitgliedern zu einem Gefühl, unter direkten Handlungsdruck zu stehen und alle vagen soziale Erfolge in der Welt als nahende sozialistische Revolution überzuinterpretieren.
In ihren Theorien neigen sie dazu, bestimmte Sphäre des Kapitalismus (beispielweise Finanzmärkte, Handelsmonopole etc.) als "Hauptproblem" zu identifizieren oder bei den kapitalistischen Kategorien "Kapital und Arbeit" den einen Teil "Arbeit" (Befreiung der Arbeit) zu idealisieren und gegen den anderen Teil "Kapital" (Konzerne enteignen) auszuspielen und der Illusion zu verfallen, damit das Problem schon gelöst zu haben. Sie unterziehen sich somit auch der theoretischen Kritik den "vulgären Marx-Interpretationen" anzuhängen die durch Kautzky, Lenin und andere vorangetrieben wurden und Kapitalismuskritik zu einer geschlossenen (und somit dogmatischen) Weltanschauung verarbeitet zu haben, die ähnlich einem Glauben gegen jede Kritik erhaben ist und scheinbar auf alle Fragen eine einfache Antwort und für alle Probleme eine Lösung hat.
Durch ihre Organisationsform und politische Strategie wirken trotzkistische Gruppen als "Durchlauferhitzer" für junge Menschen. Sie verheizen Jugendliche und wirken nicht nachhaltig für eine breite linke Bewegung.

Bekannte trotzkistische Gruppen im Umfeld des Jugendverbandes

Sozialistische Alternative (SAV)

Die SAV ist die deutsche Sektion des Committee for a Worker's International (CWI) und hieß bis 1994 VORAN, benannt nach der gleichnamigen Zeitung. Der VORAN wurde 1973 gegründet und versuchte Entrismusstrategien bis 1991 in der SPD. 1994 trat VORAN mehrheitlich aus der SPD aus, gründete eine eigene Partei und nannte sich SAV. Ab 2004 näherte sich die SAV der WASG an.

Seit September 2008 ruft die SAV auch zum Eintritt in die ostdeutschen Landesverbände der Linkspartei und des Jugendverbandes auf.
Im Jugendverband ist die SAV in NRW und BaWü im LSPR vertreten. Im Frühjahr 2008 versuchten SAV-Mitglieder für den BSPR zu kandidieren.

Der Funke

Die unterschiedliche Einschätzung der politischen Lage nach dem Fall der Mauer führte 1991 zum Bruch zwischen den CWI-Chefideologen Ted Grant und Peter Taaffe. 1992 vollzog sich diese Spaltung auch auf internationaler Ebene. Es gründete sich um Grant die International Marxist Tendency. Ihre deutsche Sektion ist der aus dem VORAN hervorgegangene und nach der gleichnamigen Zeitung benannte "Funke".
Im Jugendverband ist der Funke im BSPR und in Berlin im LSPR vertreten.

Linksruck

Linksruck ging aus der in den 70er Jahren gegründeten Sozialistischen Arbeiter Gruppe (SAG) hervor und war die deutsche Sektion der International Socialist Tendency. 1993 ordnete Tony Cliff den Eintritt in die Jusos an. Diese Unterwanderung blieb aber erfolglos. Seit 2001 engagierte sich Linksruck in der globalisierungskritischen Bewegung und wurde Mitglied bei attac. Nach der Invasion im Irak 2003 wurde Linksruck in der Friedensbewegung aktiv. Seit der Verschärfung der Krise in der SPD richtete sich das Interesse von Linksruck 2004 auf die WASG und schließlich seit 2005 auf die Linkspartei. Im September 2007 löste sich Linksruck offiziell auf. An dessen Stelle ist marx21 getreten, das personell und politisch mit Linksruck weitgehend deckungsgleich ist. In der Linkspartei organisiert sich marx21 in der Sozialistischen Linken und im Jugendverband in DIE LINKE.SDS."

 



Leserbrief von Steffen Capser - 16-03-09 22:26




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