Jura-Soyfer wäre heute 95


08.12.07
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Von Dieter Braeg

JURA SOYFERS (8. 12. 1912, Charkow, Ukraine - 16. 2. 1939, KZ Buchenwald), Schriftsteller, Dramatiker, Kabarettautor. - Sein Vater war Industrieller, seine Mutter führte ein dem gehobenen Bürgertum entsprechendes Haus. Jura und seine ältere Schwester Tamara hatten englische und französische Gouvernanten. 1920 verließ die Familie aufgrund der politischen Verhältnisse die Ukraine und kam über Konstantinopel im April 1921 nach Wien. Jura besuchte das Gymnasium in der Hagenmüllergasse im dritten Wiener Gemeindebezirk. 1927, nach dem Justizpalastbrand, trat er den Sozialistischen Mittelschülern bei, 1929 begann er für das "Politische Kabarett" der Sozialistischen Veranstaltungsgruppe zu schreiben, ab 1930 publizierte er regelmäßig in der "Arbeiter-Zeitung", unter anderem die ständige satirische Rubrik "Zwischenrufe links". 1931, nach der Matura, inskribierte er an der Universität Wien Germanistik und Geschichte. Nach dem Bürgerkrieg im Februar 1934, als Österreich zum faschistischen Ständestaat wurde,  wandte er sich der Kommunistischen Partei Österreichs zu, wurde aktiver Teil des Widerstands gegen den (Austro-)Faschismus und schrieb seinen Roman "So starb eine Partei".

In der Arbeiter Zeitung  erschien am 8. Mai 1932 das Gedicht:
 

Schaubude zum Dritten Reich

Hereinspaziert, hereinspaziert!
Hitlers Programm wird vorgeführt!
Hier gibt's ein Mordstheater!
Unser Programm schlägt das vom Renz,
Schlägt Starhembergs Schmutzkonkurrenz,
Und auch den den Wurstelprater!  Nur reingeschaut, nur reingeschaut
Mit Kegel, . Kind und Fräulein Braut!
Für arm und reich, für Faust und Stirn,
FGür groß und klein, für Mittelhirn,
Für's  Jüngste und für Opapa,
Für jeden ist das Richt'ge da!
Ob mit, ob ohne Rasse
Zur  Kasse, zur Kasse!

Es zieht sich vor dem Publikum
Die Neg'rin Baker zehnmal um -
Das  kann uns nicht imponieren!
Der Hitler wechselt sein Gewand
Viel öfter, fährt er über Land,
Für sich zu agitieren!
Sie seh'n wie Hitler als Prolet
In rund zwölf Zimmern schlafen geht,
seh'n ihn als  Trommler der Nation.
Lud sonst als musikalischen Clown.
Als Jungfrau und als Konkubin',
Als Andre Hofer, Mussolin',
Mal mit, mal ohne Rasse,
Für Kasse, für Kasse!

Nur rein! Das Gastspiel ist bald aus!
‚s gibt Hochsaison und volles Haus!
Wir zeigen Judenfresser,
Den kraftmenschen (nordischer /Haus/herrenschicht),
Der den Mietzinsm hebt und die Zinsknechtschaft bricht,
Die Riesendame vom Dritten reich,
Parole: Fünf Kinder auf einen Streich!
Jongleure mit langem messer!!
Nur merkt euch, Rothschild, Wilhelm zwo,
Strauß, Kreuger, Krupp und Thyssen,
Die zeigen wir nie dem Publiko,
Die steh'n hinter den Kulissen -
Doch füllt gra'd diese Klasse
Die Kasse, die Kasse...

In einem Gedicht am 2. Feburar 1933, drei Tage nach Hitlers verbrecherischer Machtübernahme,  schrieb Soyfer  "Herrlichen Zeiten wird tüchtig/Jetzt entgegenmarschiert" - das hatte der Kaiser Wilhelm den Deutschen auch 1914 versprochen.
Im Mai 1936 führte das Theater "ABC", sein erstes Stück, "Weltuntergang", auf. Das "ABC" im Café City, in Wien in der Porzellangasse 1, war das politisch schärfste Kabarett der 30er Jahre. 1937 wurden dort die Stücke "Die Botschaft von Astoria", "Vineta - die versunkene Stadt" und "Broadway-Melodie 1492" aufgeführt; Jura Soyfer war Hausautor geworden. Die "Literatur am Naschmarkt" brachte im Oktober 1936 das Stück "Der Lechner Edi schaut ins Paradies" heraus. Beide Kleinkunstbühnen spielten in der Folge Szenen von Soyfer, oftmals unter seinen Pseudonymen "Walter West" oder "Norbert Noll".
In den Jahren 1937/38 war Soyfer Häftling, sein Verbrechen war "kommunistischer Betätigung" - ein immer wieder kehrender Grund, Menschen die für eine gerechtere gesellschaft sind, hinter Gitter zu bringen. Auch in Deutschland nach 1945!. Am 13. März 1938 wurde Soyfer an der schweizerischen Grenze von österreichischen Beamten verhaftet, er wollte sich nach der "Machtergreifung durch das III.Reich" vor dem sicheren Tod retten über die Gefängnisse Bludenz, Feldkirch und Innsbruck wurde er ins KZ Dachau gebracht. Dort entstand unter anderem das berühmte "Dachau-Lied", das Herbert Zipper vertonte. Im September wurde Soyfer ins KZ Buchenwald transportiert, wo er am 16. Februar 1939 an Typhus verstarb. Eltern und Schwester konnten 1939 nach New York emigrieren.

Die Zeitzeugen, die noch berichten können, wie das Leben in Deutschland war, kurz bevor Hitler zur Macht kam, werden bald nicht mehr leben. Deswegen hier

"EIN SONNTAG IN DEUTSCHLAND

Was in Deutschland jetzt vorgeht, liegt außerhalb aller menschlichen Begriffe, die bisher Geltung hatten. Totschlag, Mord, das Hinschlachten von friedlichen Passanten. von Frauen und Kindern - es bildet unter Kulturvölkern schaurigste Sensation als vereinzelte Erscheinung eines atavistischen IJntermenschentums.
In Deutschland ist das alles alltäglich geworden. Seitdem das deutsche Volk in großen Massen der ]Trommel Hitlers unterlegen ist, gibt es in Deutschlands Gauen und Städten täglich Totschlag, täglich Mord und Überfall. Das Volk der Dichter und Denker droht dem Faustrecht roher Mordgesellen zu unterliegen, wenn es sich nicht aufrafft in energischer Abwehr.
Eisern muß diese Abwehr sein, eisern im Willen und eisern in der Tat. Eiserne Front heißt darum auch die Organisation, in der sich die Republikaner Deutschlands Zusammengeschlosscn haben. Den Kern der Eisernen Front bilden die Arbeiter Deutschlands. Die deutsche Arbeiterschaft - sie wäre ja unbesiegbar, wenn sie in einer Front stünde. Aber unglückseliger Starrsinn hält an der Spaltung der Arbeiterklasse fest - in der Stunde, da die apokalyptischen Reiter des Dritten Reiches durch Deutschlands Lande rasen.

Feuerüberfall

Apokalypse des Dritten Reiches: Im Kreis Neumarkt in Schlesien veranstaltete die Eiserne Front ein Reichsbannertreffen, an dem gegen tausend Arbeiter teilnahmen. Als der Demonstrationszug in die engen Gassen des Städtchens Kanth einmarschierte, fielen plötzlich Schüsse. Hitler-Leute, die sich in den Häusern postiert hatten, eröffneten aus Fenstern und Türen ein regelrechtes Pistolenschnellfeuer. Drei Reichsbannerleute brachen schwer-
verletzt zusammen, in den Straßen entstand eine wildePanik. Frauen und Kinder erlitten Schußverletzungen: unter den Verletzten befindet sich eine gänzlich unbeteiligte siebzigjährige Frau. Da die Hakenkreuzler das Feuer nicht einstellten, kam es zu einer regelrechten Straßenschlacht, bei der es auf beiden Seiten zahlreiche Verletzte gab. An der Säuberung der Häuser und der Straßen von den Hitler-Banden beteiligten sich auch die Bürger der Stadt: auch sie haben es satt, sich länger von den faschistischen Horden terrorisieren zu lassen.

Auf dem Kindererspielplatz

Niemand ist mehr seines Lebens sicher, wo die braune Mordpest einbricht. Da spielen in Biskupitz bei Fundenburg in Schlesien auf dem städtischen Spielplatz mehrere Kinder. Die Mütter sind froh, ihre Lieblinge munter und fröhlich zu wissen. Plötzlich füllen sich die Straßen mit wild ratternden Lastautos, auf denen sich SA -Leute befinden. Ohne Grund und Ziel beginnen die  Nazibuhen zu schießen, und mit angstvollem Aufschrei stürzen auf dem Spielplatz zwei Kinder' nieder; sie haben schwere Bauchschüsse erhalten und schweben in Lebensgefahr.
Wo die Hitler-Banden mit der Todesbeute nicht zufrieden sind, dort suchen sie am Eigentum der Überfallenen Entschädigung. Eine Gruppe Reichsbannerleute fuhr mit Fahrrädern von einem republikanischen Feste nach Hause. Als sie durch Ziebigk, einen Vorort von Dessau, kamen, wurden sie von Nationalsozialisten, die dort ein Konzert veranstalteten, überfallen. Mit dem Rufe "SA, heraus!" stürmten sie auf die Straße, riegelten den Nachtrupp des Reichsbanners ab und begannen die Nachzügler mit Revolvern zu beschießen. Der Reichsbannerführer Feuerherdt, ein Ingenieur der Junkers-Werke, lag als erster in seinem Blute; er ist tags darauf im Spital gestorben. Die ganze Polizeibesatzung des Ortes mußte aufgeboten werden, um dem Feuergefecht ein Ende zu bereiten. Die Polizei konnte aber nicht verhindern, daß die Hakenkreuzler sich zahlreiche Fahrräder zur Beute machten, die sie in ihrem Gasthausgarten demolierten.

SA -Schlächter

Überallhin dringt die braune Mordpest, sie macht nicht einmal halt vor dem häuslichen Herd, jenem heiligen deutschen Herd, den 1-hitler geradezu als die Lebensbestimmung der deutschen Frau bezeichnet hat. Deutsche Frauen müssen es erleben, daß ihnen der Mann im Hause selbst gemordet wird. So haben in Halle SA-Leute, die im selben Hlause wohnen, einen Reichsbannermann im Hausgang vor seiner Wohnung überfallen und ihm mit einem Schlächterbeil den Kop[gespalten.
Vierzig gegen acht

Sie nennen sich "Arbeiter"-Partei, die Leute mir dem Hakenkreuz, und das sieht in der Praxis so aus: In Eckernförder hielten die Landarbeiter des Kieler Kreises eine Konferenz ah. "Die schwere Lage des Landproletariats" stand auf der Tagesordnung, und wie dem antisozialen Starrsinn der Junker beizukommen wäre, berieten sie. Da brachen bewaffnete SA-Banden in das Gewerkschaftshaus ein und stürzten sich mit Revolvern und Messern auf die Vertrauensmänner der Landarbeiterschaft. Zwei Delegierte wurden mit schweren Stichen ins Krankenhaus eingeliefert; beide sind ihren Verletzungen erlegen.
Kein Ehrbegriff hat hei den braunen Mordbuben mehr Geltung, auch der primitive nicht, daß nicht vierzig gegen acht gehen dürfen. So überfielen in Wriezen vierzig bewaffnete Hakenkreuzler acht Reichsbannerleute, die auf Motorrädern eine Propagandafahrt absolviert hatten. Zuerst stürzten sich die vierzig Hakenkreuzler auf den letzten Motorradfahrer und schlugen ihn mit Totschlägern nieder. Auf die Hilferufe des Üerfallenen machten die andern sieben kehrt und kamen dem verletzten Genossen zu Hilfe. Trotz der zahlenmäßigen Überlegenheit der Nationalsozialisten wehrten sich die Reichsbannerleute so lange erfolgreich, bis Polizei zur Stelle war. Das Wüten der vierzig Hakenkreuzler gegen den einen Reichsbannermann wirkte derart auf den Arzt, der den verwundeten Motorradfahrer verband und der selbst ein Mitglied der NSDAP ist, daß er beschloß, aus dem Geschehnis die Konsequenzen zu ziehen und aus der Hitler-Partei auszutreten.

Strafexpedition

Herr v. Gad, der deutsche Reichsinnenminister, sieht zwischen der furchtbaren Häufung der hakenkreuzlerischen Bluttaten und der Aufhebung des SA-Verbotes keinen Zusammenhang; ihm erscheint das nur als Folge überhitzten Wahlkampfes. Der Fall von Ob/au, einer Kreisstadt in Schlesien, zeigt mehr als deutlich, daß die hakenkreuzlerischen Gewalttaten bereits zu richtigen faschistischen "Strafexpeditionen" nach italienischem Muster ausarten.
In den Abendstunden besetzten etwa dreitausend bewaffnete Nationalsozialisten alle Plätze und Straßen der Stadt und durchsuchten alle Passanten nach Waffen. Dann begannen sie, wild herumzuschießen; wie die Oblauer Polizei amtlich berichtet, sind gegen sechshundert Schüsse abgefeuert worden. Nachdem die SA-Horden die Straßen gesäubert hatten, brachen sie in Häuser und Wohnungen ein und setzten dort ihre Gewalttaten fort. In einem Hause der Oderstraße feuerten Hakenkreuzler durch die geschlossene Küchentür fünf Schüsse in eine Wohnung und verwundeten die Frau eines Arbeiters schwer. Auf die gleiche Weise erhielt eine andere Frau einen Brustschuß.
Die Überfälle der Nationalsozialisten auf Wohnungen vollzogen sich nach einem fertigen Plan, der von ortskundigen Hakenkreuzlern verfertigt worden ist; die Banden wurden zu den Häusern der Gegner hingeführt. Schon mehrere Wochen vor dem hakenkreuzlerischen Einfall in die Arbeiterstadt rühmten sich die ortsansässigen Nationalsozialisten, daß es bald eine "Strafexpedition" nach Oblau geben werde. Die Drohung ist wahr geworden.
Bestialisch hausten die SA-Horden in der Wohnung des Gewerkschaftsführers Manche. Mehrere hundert bewaffnete SA-Leute waren in die Wohnung gedrungen und zerschlugen die ganze Einrichtung. Manche wurde furchtbar verstümmelt. Er erhielt mehrere Stiche in Brust und Leber, und ein hakenkreuzlerischer Rohling führte gegen den bereits auf dem Boden Liegenden einen so wuchtigen Stich, daß ihm der Mund bis zu den Ohren aufgeschnitten wurde.

Das ist ein Sonntag in Deutschland...

Jura Soyfer
Arbeiter Zeitung, 14. Juli 1932

Jura Soyfer gehört zu den wenigen österreichischen Autoren die in mehr als 30 Sprachen übersetzt wurden. Das Anliegen Jura Soyfers war es, im Theater keine vollständigen Lösungen oder Ergebnisse zu präsentieren; für ihn konnten die dargestellten Probleme nur im wirklichen Leben, also im real existierenden Protest, gelöst werden. Seine Stücke zerstören Illusionen und rufen dazu auf, die Gesellschaft, wie sie ist, zu verändern. Seine Texte  betrachtete er als Mittel zur Propaganda, direkt bezogen auf die Zeit, in der er lebte. Sie waren Aufforderung zu kämpfen um die Welt zu verändern.  Erst lange nach Ende des zweiten Weltkriegs  im Jahre  1974 wurden Soyfers Stücke gesammelt veröffentlicht.
Trotz der Zerstörung der Solidargesellschaft durch das Kapital, trotz der immer größeren Arbeitslosigkeit in dieser Gesellschaft die weder vor der Zerstörung der Zukunftsaussichten für die Jugend und der Verarmung der alten Menschen zurückschreckt, werden seine Stück nicht oft aufgeführt. Dabei bräuchte diese Zeit viele Jury Soyfer und vor allem Aufführungsorte für seine Stücke. Erst im Jahre 1988 wurde in Wien die Jura Soyfer-Gesellschaft gegründet.

 

 


VON: DIETER BRAEG

db@scharf-links.de




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