Dreißig Jahre nach Aldo Moro

28.03.08
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Von Valentino Parlato, übersetzt und eingeleitet von Rossso*

Dieses und das letzte Jahr bescheren und bescherten (nicht nur) der europäischen Linken zahlreiche bedeutende Jahrestage und Gedenkjahre: den Beginn der Studentenrevolte in Deutschland mit der Erschießung von Benno Ohnesorg durch den dafür nie zur Verantwortung gezogenen Polizisten Kurras bei der Anti-Schah-Demonstration am 2.Juni 1967, die "Off(ensive) 77" der Roten Armee Fraktion bzw. den "Deutschen Herbst" des Jahres 1977 mit der Erschießung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback, der Schleyer-Entführung, den mehr als fragwürdigen "Selbstmorden" der RAF-Gefangenen in Stuttgart-Stammheim etc. Dieses Jahr gibt es neben dem 40.Jahrestag der 68er-Bewegung, des berühmten Mai 68 in Paris und vielem anderen auch den 30.Jahrestag der Entführung des christdemokratischen Parteichefs und ehemaligen Ministerpräsidenten Aldo Moro (DC), mit dem die Brigate Rosse (BR) den "Angriff auf das Herz des Staates" vollführen wollten.

Der Ende der 60er Jahre zusammen mit Anderen wegen "Linksabweichung" aus dem Partito Comunista Italiano (PCI) ausgeschlossene Mitbegründer, ehemalige Chefredakteur und jetzige Verwaltungsratsdirektor der unabhängigen linken italienischen Tageszeitung "il manifesto", Valentino Parlato, setzte sich am 16.3.2008 in einem Leitartikel mit diesem Thema auseinander, der sicherlich auch für die deutschsprachige Linke interessant ist:

Editorial:

Dreißig Jahre nach Aldo Moro


Von Valentino Parlato, übersetzt und eingeleitet von Rossso*

Vor dreißig Jahren, am 16. März 1978, fand die Entführung von Aldo Moro und die Erschießung von fünf Beamten seiner Eskorte in der Via Fani statt. Seitdem sind dreißig Jahre vergangen, doch die Sache ist durchaus nicht abgeschlossen. Ich entschuldige mich für mögliche Auslassungen, aber auf meinem Tisch liegen allein vier Bücher, die in den letzten Tagen erschienen sind: "Un affare di Stato" (Eine Staatsangelegenheit) von Andrea Colombo, "Lettere dalla prigione" (Briefe aus dem Gefängnis), herausgegeben von Miguel Gator, "Il caso Moro" (Der Fall Moro) von Agostino Giovagnoli sowie "Abbiamo ucciso Aldo Moro" (Wir haben Aldo Moro getötet) von Emmanuel Amara.

In diesem Zusammenhang wurden viele Vermutungen über ein Manöver der CIA oder von irgendjemand anderem geäußert (diesen Punkt behandelt das Buch von Emmanuel Amara), um den Zugang der Italienischen Kommunistischen Partei (PCI) zu den Regierungsstuben zu verhindern. Das scheint mir eine ziemlich phantasievolle Hypothese zu sein. Ich traue den Roten Brigaden (BR) einen solch macchiavellistischen Scharfsinn nicht zu. Wenn sie unter den damaligen politischen Kräften Zwist und Verwirrung hätten stiften wollen, dann hätten sie ihn wieder freigelassen. Mir wurde gesagt, dass Moro, Andreotti zufolge, als Lebender mehr Schaden angerichtet hätte, denn als Toter. Auch deshalb und nicht nur aus Humanismus, war "il manifesto" damals für Verhandlungen, was zu einem schweren und schmerzhaften Bruch mit den Genossen der Partei der Proletarischen Einheit (PdUP) führte. Wir waren nicht nur aus menschlichen Erwägungen heraus für Verhandlungen, sondern auch weil wir überzeugt waren, dass derjenige, der stark ist, verhandelt und wir dachten, dass die politischen Kräfte und der Staat stärker seien als die Roten Brigaden. Ich halte die These von der Infiltration durch den CIA nicht für sehr glaubwürdig, auch wenn die Moro-Angelegenheit für alle Geheimdienste ein Festmahl war, auch für die eigene Karriere. In jedem Fall war die Standfestigkeit - seitens der Regierung - das Eingeständnis der Unsicherheit und Schwäche.

Ich glaube nicht, dass Moro den PCI wirklich ins Regierungslager aufnehmen wollte. Aber mit Sicherheit versuchte er die Linke mit einzubeziehen. Sicher ist, dass es nach der Entführung und Ermordung von Aldo Moro einen starken Rechtsruck und die Einbeziehung von Craxis Italienischer Sozialistischer Partei (PSI) in diese Operation gab. Auch wenn ich einige Skepsis gegenüber der Öffnung nach links hege, die Aldo Moro zugeschrieben wird (ohne das sie offen erklärt wurde), bin ich davon überzeugt, dass die Linie der Verhandlungen sehr viel produktiver gewesen wäre als die Linie der unfruchtbaren Standfestigkeit. Deshalb sprach sich "il manifesto" damals für Verhandlungen aus und hielt die Linie der Standhaftigkeit für Selbstverstümmelung.

Heute gibt es die vom Parteispendenskandal "Tangentopoli" <von 1992 - 94> überwältigte Democrazia Cristiana (DC) und auch den unter den Trümmern der Berliner Mauer begrabenen PCI nicht mehr. Heute gehört das, was vor 30 Jahren zwar nicht uns, aber vielen Anderen als der Königsweg des Historischen Kompromisses erschien, der vollendeten Vergangenheit an. Und ich möchte hinzufügen: Die gegenwärtige Demokratische Partei ist nur die schwache Union der Besiegten des PCI und der Besiegten der DC, nachdem auch das große Ungeheuer der BR seinen Mangel an Verwurzelung und politischer Intelligenz unter Beweis gestellt hat.

Dreißig Jahre sind vergangen. Die Roten Brigaden gibt es nicht mehr. Aber auch die DC und der PCI existieren nicht mehr. Was wir erleben, ist ein gefährlicher Verfall der Politik.



Vorbemerkung, Übersetzung und Einfügungen in eckigen Klammern:   * Rosso

Der Name * Rosso steht für ein Mitglied des Gewerkschaftsforums Hannover und der ehemaligen Antifa-AG der Uni Hannover, die sich nach mehr als 17jähriger Arbeit Ende Oktober 2006 aufgelöst hat (siehe: www.freewebtown.com/antifauni/ Rubrik "Aktuelles" bzw. die regelmäßig erneuerten Artikel, Übersetzungen und Interviews dort).
Hinweise, Kritik, Lob oder Anfragen per Mail an: negroamaro@mymail.ch

 







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