* Rosso: Das folgende Interview mit Michael Warschawski erschien in der unabhängigen, linken, italienischen Tageszeitung "il manifesto" vom 7.3.2008.
Warschawski, der 1949 als Sohn eines Oberrabbiners in Straßburg geboren wurde und mit 16 Jahren nach Jerusalem zog, um den Talmud zu studieren, entwickelte sich dort jedoch, im Rahmen der weltweiten "68er"-Bewegung, rasch in eine ganz andere Richtung: 1967 schloss er sich der revolutionär-marxistischen und antizionistischen Organisation Matzpen ("Kompass") an, deren gleichnamige Zeitung er von 1971 - 1984 herausgab. 1982 war er Mitbegründer der Organisation Yesh Gvul ("Es gibt eine Grenze") und 1984 gehörte er zu den Gründern des binationalen Jerusalemer Alternative Information Center (AIC; www.alternativenews.org), dessen Leiter er bis 1999 war.
Darüber hinaus ist Michael Warschawski seit langem als bedeutender israelischer, antizionistischer Marxist international bekannt und fraglos einer der besten und nüchternsten Analytiker der Entwicklung in Palästina. Er wurde Anfang 1987 vom israelischen Inlandsgeheimdienst Shin Beth wegen "Unterstützung illegaler palästinensischer Organisationen" (vor allem der PFLP) verhaftet und 1989 zu 30 Monaten Gefängnis verurteilt. Eine Strafe, die später auf 8 Monate reduziert wurde. Aus seiner politischen Nähe zur marxistischen Volksfront für die Befreiung Palästinas (PFLP) und insbesondere zu den Positionen von PFLP-Gründer George Habash hat er nie einen Hehl gemacht.
Interview:
Warschawski: Kriegsverbrechen im Gaza-Streifen. Die Palästinenser werden als "minderwertige Menschen" betrachtet, weil sie Hamas gewählt haben.
Der einzige Weg zum Frieden: Die Welt muss Israel stoppen
Von Michelangelo Cocco
Michael Warschwaski, der zu sich einer Veranstaltungsreihe in Italien aufhält, verweist auf die israelische Eskalation in Gaza, die in den vergangenen Tagen 120 Palästinensern das Leben gekostet hat. Mit dem Gründer des Jerusalemer Alternative Information Center (AIC) diskutierten wir über die Lage in Israel und Palästina.
Die Menschenrechtsorganisationen sagen, dass die Lage in Gaza schlimmer sei als in den letzten 40 Jahren. Glauben Sie, dass Israel irgendetwas tun wird, um die Situation zu verbessern?
"Das wird vom internationalen Druck abhängen. Wenn es von Europa und den Vereinigten Staaten keinen Druck in diese Richtung gibt, wird Israel seine Politik gegenüber der palästinensischen Bevölkerung im Gaza-Streifen fortsetzen."
Das militärische Establishment diskutiert bereits über die Möglichkeit die Artillerie gegen dicht bevölkerte Gebiete einzusetzen, wenn von dort aus weiter "Kassam"-Raketen nach Israel abgefeuert werden.
"Diese Idee, die Artillerie gegen Gebiete einzusetzen, in denen viele Zivilisten leben, ist eine Obsession von <Kriegsminister und Arbeitspartei-Chef> Ehud Barak, der seine politischen Berater gefragt hat, ob ein solcher Schritt durch das Völkerrecht untersagt sei. Es handelt sich um eine Option, die sowohl von der Armee wie von der Regierung sehr ernsthaft geprüft wird. Wobei die Armee diese Taktik zum Teil bereits anwendet. Die Frage ist, ob sie sie in größerem Umfang anwenden."
Nach den letzten israelischen Massakern sprach man von "Schoah" und von Genozid. Kann das Vorgehen der israelischen Armee gegen den Gaza-Streifen vom Standpunkt des internationalen Rechts aus als solche beurteilt werden?
"Der Begriff ‚Schoah' wurde von einem israelischen Minister <dem stellvertretenden Kriegsminister Matan Vilnai> heraufbeschworen. Ich halte nicht viel davon, diese Superlative zu benutzen. Meiner Ansicht nach ist die Situation so gravierend, dass sie die Verwendung angemessener Begriffe erfordert. Wir stehen vor einer systematischen Verletzung des Völkerrechts und vor Kriegsverbrechen, die von der israelischen Armee begangen werden. Bewohnte Gebiete anzugreifen und dabei unverhältnismäßige Gewalt anzuwenden, stellt ein Kriegsverbrechen dar. Das besagt das Völkerrecht. Und die israelische Armee hat diese Methoden systematisch praktiziert, insbesondere in der letzten Woche."
Wie reagieren die israelischen Pazifisten und die öffentliche Meinung auf diese Eskalation?
"Die öffentliche Meinung unterstützt die Angriffe auf Gaza einerseits, weil sie sie als Vergeltung für das Abfeuern von Kassam-Rakteten auf die israelischen Städte Sderot und Aschkelon betrachtet. Andererseits ist die Mehrheit derselben öffentlichen Meinung, laut der letzten durchgeführten Umfrage, dafür Verhandlungen mit der Hamas aufzunehmen. Was das Friedenslager angeht, befinden wir uns immer noch in derselben Situation, die sich nach <Beginn der 2.Intifada im Jahr> 2000 entwickelt hat. Es gibt eine Minderheit, die immer aktiv ist (in den letzten Tagen haben wir Demonstrationen in Jerusalem und Tel Aviv veranstaltet), aber in jedem Fall eine Minderheit darstellt. Wir sind in der Lage 5.000 bis 6.000 Leute zu mobilisieren. Dabei haben wir es nicht mehr mit der großen, von Peace Now geführten Friedensbewegung zu tun, die bis vor zehn Jahren existierte."
Als Reaktion auf die Belagerung Gazas gab es in den letzten Tagen palästinensische Mobilisierungen nicht nur im Westjordanland, sondern auch innerhalb Israels. Glauben Sie, dass da etwas Neues entsteht?
"Ich war erfreut, von der Basis getragene Massendemonstrationen in den Besetzten Gebieten zu sehen. Das gab es in den letzten Jahren nur selten. Es ist aber noch zu früh, um sagen zu können, ob wir hier den Beginn dessen erleben, was die israelischen Medien bereits die ‚dritte Intifada' genannt haben, das heißt eine neue Massenerhebung, die dauerhaft und nicht nur eine wütende Reaktion auf die israelischen Massaker ist."
Nach dem Wahlsieg der Hamas 2006 hat Israel den Krieg gegen den Gaza-Streifen und die Besiedlung / Kolonisierung des Westjordanlandes intensiviert. Welchen Effekt kann das für Israels Ansehen in der Welt haben?
"Trotz der Verbrechen, die es begeht, besitzt Israel heute ein sehr viel besseres Image als noch vor ein paar Jahren. Weder die internationale Gemeinschaft noch die öffentliche Weltmeinung hat Israel so kritisiert wie zu Sharons Zeiten. Weil die weltweite Wahrnehmung des Islam als einer Bedrohung für den Westen überwiegt. In diesem Kontext werden Millionen Männer und Frauen, die die Hamas demokratisch gewählt haben, betrachtet und behandelt als seien sie keine menschlichen Wesen."
Vorbemerkung, Übersetzung und Einfügungen in eckigen Klammern: * Rosso
Der Name * Rosso steht für ein Mitglied des Gewerkschaftsforums Hannover und der ehemaligen Antifa-AG der Uni Hannover, die sich nach mehr als 17jähriger Arbeit Ende Oktober 2006 aufgelöst hat (siehe: http://www.freewebtown.com/antifauni/ Rubrik "Aktuelles" bzw. die regelmäßig erneuerten Artikel, Übersetzungen und Interviews dort).
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