Kuba: Gleichberechtigung in Zeiten politischer, ideologischer, ökonomischer und ökologischer Strangulierung


Fidel Castro 2003; Bild: Wikipedia

07.12.08
InternationalesInternationales, Feminismus 

 

Ausführungen von Fidel Castro, zusammengestellt von Reinhold Schramm:

"Gegen die Diskriminierung der Frau zu kämpfen war eine schwierige Angelegenheit. Es wurde sogar ein Gesetz erlassen, eine Art Moralkodex, das Familiengesetz. Es regelt die Verpflichtung der Männer, mit ihren Frauen die Hausarbeit zu teilen. Sowohl die Küchenarbeit als auch die Betreuung der Kinder und andere Dinge. Wir haben auf diesem Gebiet große Fortschritte erzielt.
 Die große Mehrheit der Studenten, die sich für die Universität einschreiben, waren Frauen. In diesem Alter, wenn sie in der Mittelstufe und dann in der Oberstufe sind, sind die lerneifriger und haben die besseren Noten. So einfach ist das. Und da sie sich mit ihrem Zeugnis bewerben mussten ...
 Wir schickten unsere Ärzte in viele Länder der Welt. Es gibt viele Länder, deren Kultur es erschwert, dass es Frauen sind, die dort medizinische Dienste leisten, aber wir riefen Männer und Frauen zum Studium der Medizin auf, und von jeweils drei Abschlüssen waren die zwei besten immer von jungen Frauen.
 Manchmal brauchten sie in einem bestimmten Berufszweig dringend Leute, und in diesem Fall wurden dann sogar die jungen Männer vom Wehrdienst befreit, aber von jeweils dreien, die ausgewählt wurden, waren zwei Frauen. Wir mussten dann irgendwann eine Quote einführen, also sagen wir mal, fünfundvierzig Prozent Männer und fünfundfünfzig Prozent Frauen, denn es waren stets mehrheitlich Frauen, die die Anforderungen erfüllten. Diese Entwicklung hat dazu geführt, dass wir auch in den technischen Berufen mittlerweile fünfundsechzig Prozent Frauen haben.

Ignacio: Ein spektakulärer Fortschritt.

Fidel: Frauen sind ja auch diejenigen, die gebären, und wenn sie ihr Kind bekommen, dann geben wir ihnen ein Jahr fei, damit sie sich um ihr Kind kümmern können. Nicht weil wir damit die Geburtenrate steigern wollen, sondern weil es das Beste ist, was einem Kind passieren kann, wenn es gestillt und von seiner Mutter selbst betreut wird.
 Es gibt noch andere Möglichkeiten der Kindererziehung im Rahmen der so genannten informellen Wege. Aber wir müssen schon bei den Eltern dafür sorgen, dass sie ausgebildet sind. Es ist viel besser, wenn das Kind am Anfang bei der Mutter ist. Die Trennung der Familie hat einen großen Einfluss; das sieht man zum Beispiel bei denjenigen Kindern, die die Schule abbrechen, und auch bei jenen Jugendlichen, die im Gefängnis landen, kann man das beobachten. Wenn aber zumindest ein Elternteil eine gute Ausbildung hat, vor allem wenn es die Mutter ist und das Kind bei ihr bleibt, dann reduziert sich dieser Negativeffekt beträchtlich.

Ignacio: Sie meinen die Auswirkungen in Bezug auf die Marginalisierung und die Straftaten?

Fidel: Von einundsiebzig Prozent der straffälligen Jugendlichen sind neunzehn Prozent weder mit Mutter noch mit Vater aufgewachsen. Sobald also die Mutter oder der Vater des Kindes anwesend ist - meist ist es die Mutter - und dazu ein gewisses Bildungsniveau besitzt, spüren Sie den ungünstigen Effekt nicht, den eine Scheidung, eine Trennung der Familie bedeutet. Wenn ein Elternteil sich dann um das Kind kümmert oder sogar beide, dann wird es kaum einen Unterschied geben. Unser Ziel ist es, dass Frauen den höchstmöglichen Bildungsgrad, auch auf technischer Ebene, erreichen. Für das Wohl der Familie und für das Wohl der Gesellschaft. Früher wurden Frauen furchtbar diskriminiert und erhielten nur niedere Arbeiten. Heute bilden Frauen durch ihre eigene Willenskraft und harte Arbeit von sich aus ein bestimmendes und angesehenes Segment der Gesellschaft und stellen außerdem, wie ich schon sagte, fünfundsechzig Prozent der technischen und wissenschaftlichen Fachkräfte in unserem Land.
 Frauen ebnen sich selbst ihren Weg, sie verfügen über eine überwältigende Kraft. Was wir in der Zukunft vielleicht brauchen werden, ist ein 'Verband Kubanischer Männer'.

Ignacio: Um sich zu verteidigen!

Fidel: Genau! Denn wo immer Sie hinschauen, sehen Sie die Frauen immer weiter nach oben steigen, und sie sind noch nicht an der Spitze angelangt, aber die sechsundvierzig Jahre der Revolution sind nicht spurlos an ihnen vorübergegangen.

Ignacio: Viele Frauen haben sich am Kampf gegen Batista beteiligt. Sie haben selbst von Haydée Santamaría und Melba Hernández gesprochen, die bereits beim Angriff auf die Moncada-Kaserne beteiligt waren, und wir könnten andere berühmte revolutionäre Frauen nennen wie Celia Sánchez oder Vilma Espín. Was ich fragen wollte: Gab es Frauen, die in der Sierra gekämpft haben?

Fidel: Ja. Ich habe eine Fraueneinheit in der Sierra gegründet, die wir die 'Marianas' [*] nannten. Wir bewiesen, dass Frauen genauso gute Soldaten sein können wie Männer. Natürlich musste ich einen harten Kampf gegen den Machismoführen, denn wir hatten eine gewisse Menge leichter Waffen für sie reserviert, und die Männer sagten: 'Wir können doch einer Frau keine M-I geben - das war nach der letzten Offensive Batistas -, warum bekomme ich die nicht?'  Ich hatte für einige von ihnen eine bestimmte Antwort parat. Ich sagte ihnen: 'Sieh mal, weißt du, warum? Ich werde es dir erklären: Sie sind bessere Soldaten als du.'
 Ich selbst habe die ersten Fraueneinheiten trainiert, und sie waren exzellent. Besser als der Durchschnitt der Männer, warum sollte ich das leugnen. Und sie haben gekämpft. Sie waren nicht in irgendwelchen Büros oder so was. Das ist keine Rechtfertigung, sondern Realität.

Ignacio: Glauben Sie, dass Kuba kein Land des Machismo mehr ist!

Fidel: Heute können wir sicherlich behaupten, dass wir das Land sind, das am wenigsten vom Machismo geprägt ist. Ich würde nicht sagen, in der Welt, aber zumindest in dieser Hemisphäre. Wir haben eine Kultur der Gleichheit und des Respekts aufgebaut, und Sie wissen, dass das in unseren Gesellschaften nicht selbstverständlich ist.
 Ich habe nie Vergleiche angestellt, denn den Machismo haben wir geerbt, und wir wissen sehr gut, wie das alles vererbt und von der kapitalistischen Gesellschaft gepflegt wurde. Es ist ein Erbe, und wir waren ziemlich unwissend in dieser Hinsicht. Ich hatte da eine andere Ansicht; von der Frauentruppe in der Sierra habe ich Ihnen gerade erzählt. Ich hatte eine andere Auffassung, ich war solidarisch mit ihnen, denn ich sah, wie die Frauen in dieser Gesellschaft diskriminiert wurden, und ich litt darunter.
 Aber gut, wir sind bereit, alles anzuhören, was mit diesem Thema zu tun hat. Ich würde nicht sagen, dass wir den Machismo völlig überwunden haben, aber es gibt einen großen Unterschied zu dem, was in den ersten Jahren passiert ist, auf die Sie sich beziehen, und ich habe Ihnen ehrlich erzählt, wie es war. Wir übernehmen die Verantwortung dafür, und ich wünsche, wir hätten genügend Bildung und Kultur gehabt oder die Umstände hätten verhindert, dass es ungerechte oder verletzende Diskriminierungen gab. So viel kann ich in wenigen Worten zu diesem Thema sagen."


(*) Die Truppe "Mariana Grajales" - benannt zu Ehren der Mutter Maceos, die in Kuba das Symbol der kämpfenden Frau darstellt - wurde von Fidel Castro im September 1958 nach der letzten großen, feindlichen Offensive gegen die Rebellenarmee ins Leben gerufen, gegen den Widerstand zahlreicher Rebellenoffiziere. Die "Marianas" hatten eine herausragende Rolle in zahlreichen Kämpfen und Aktionen. Siehe Sara Mas: "Mujeres en la linea de fuego: Las Marianas". In: Granma, Havanna, 4. September 2003. (Anmerkungen des kubanischen Verlages)


Quellenauszug:
Aus: Fidel Castro, Mein Leben. Fidel Castro mit Ignacio Ramonet. Rotbuch Verlag, Berlin 2008. ISBN 978-3-86789-038-0.

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Mit solidarischen Grüßen
Reinhold Schramm







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