Der Kampf um die Worte - Wie die Nazi-Sprache sich breit macht


25.02.08
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Eine Rezension von Stefan Gleser

Wahrscheinlich wollte der neue Eigentümer der „Frankfurter Rundschau" nur mal ausprobieren, was man aus der ehemaligen Zeitung eines Karl Gerolds oder eines Karl-Hermann Flachs so alles machen kann.

Am 30. Januar dieses Jahres erschien in der „FR" ein Bild. Es zeigte Studenten in NS-Uniform bei der Bücherverbrennung 1933. Darunter stand:

»Schlechtes Vorbild? Studenten und andere Nationalsozialisten verbrennen am 10. Mai 1933 in Berlin verfemte Bücher. 1968 richtete sich die Wut der Studenten gegen die Springerpresse.«

Ein durchaus geistverwandter Artikel des Historikers Götz Aly rahmte das Foto ein. Trotz aller Anerkennung staatsfrommen Schweifwedelns; der ausrangierte Barrikadenkämpfer kam einige Wochen zu spät. Sonst hätte er sich einen Spitzenplatz bei den abwegigsten Vergleichen in dem in dem von Thorsten Eitz und Georg Stötzel herausgegebenen "Wörterbuch der `Vergangenheitsbewältigung`" verdient.

Die beiden Düsseldorfer Germanisten haben ein Lexikon von ca. 50 Wörtern des nationalsozialistischen Sprachgebrauchs aufgestellt, der öffentlich Verwendung findet.

Mit Beleg- und Stichwörter umfasst es mehr als 1 000 Vokabeln. Quellen waren vornehmlich angesehene bundesweite bürgerliche Blätter wie „FAZ" , „Spiegel" oder „Süddeutsche".

Dazu Gerichts- und Bundestagsprotokolle sowie als regional verankerte Zeitung die „Rheinische Post". Jedem Wort wurde die Duden-Definition vorangestellt.

Zahllose Zitate erzählen die Geschichte der einzelnen Wörter. Als Beispiele seien Anschluss, Befreiung (als Gegensatz zur Niederlage), Endlösung, Hitler-Vergleiche, Nazi-Vergleiche bis zu Widerstand und Wiedergutmachung genannt. Mischehe bzw. Landung / Invasion streiften ihre braune Vergangenheit allmählich ab. Anschluss schillert in vielen Facetten. Von der Ansage aus dem Bahnhofslautsprecher bis zur Rückkehr des Saarlandes und der Wiedervereinigung.

Bildung und Erfahrung filterten vorher selbst die „unsäglichste Entgleisung" wie es nach besonders groben Vergleichen stets heisst. Die Verfasser saßen nicht mit einem Tonband in der nächsten Kneipe und die Reklame wurde ausgespart. Trotzdem haben sich Bulthaup, das den Lebensraum vom Osten in die Küche verlagert, und Asbach mit seinem Edelfusel „Selection" eine Erwähnung verdient. Das zur Zeit leider nicht lieferbare „Aus dem Wörterbuch des Unmenschen" von Sternberger / Storz / Süskind und Viktor Klemperers

LTI (Lingua Tertii Imperii, Sprache des Dritten Reichs) regten die umfangreiche Spurensuche an.

Erst mal das Positive. Zwei Formulierungen der Linken konnten die politische Mitte erobern.

Befreiung tritt zumindest gleichberechtigt neben Niederlage, der Beginn der Vertreibung, oder Unterwerfung auf. Noch 1970 musste Willy Brandt auf die Nachbarstaaten ausweichen, um Befreiung erwähnen zu können. „Was in jenen Tagen vor 25 Jahren von unzähligen Deutschen neben der persönlichen als nationale Not empfunden wurde, war für andere Völker , die Befreiung von Fremdherrschaft, von Terror und Angst." Pogromnacht ersetzt immer häufiger die verhüllende Kristallnacht.

Sofort nach dem Krieg bezog der Westen seine Berechtigung aus der Gleichsetzung von links und rechts. Für den SPD-Pressedienst war die SBZ ein „Ostzonen-KZ". In seinen ehemaligen Leidensgefährten aus den Lagern sah Kurt Schuhmacher „rotlackierte Faschisten" und der Christdemokrat Heinrich von Brentano verglich Horst Wessel mit Bertolt Brecht.

Deutsche Intellektuelle erarbeiteten sich ihr Leidensmonopol auf Auschwitz. Jürgen Fuchs, den die Stasi, von Literatur hatte sie Ahnung, nicht als begnadeten Schriftsteller anerkannte, siechte unter dem „Auschwitz in den Seelen" dahin; Martin Walser konnte , obwohl von der „Moralkeule" schwerst verletzt, gerade noch den Friedenspreis des deutschen Buchhandels entgegen nehmen. Joschka Fischer hatte aus „Auschwitz gelernt" und liess den Balkan an seinem Erkenntnisprozess genesen. Gerade aus der „besonderen Verantwortung gegenüber der Geschichte" wurden Milosevic und Saddam Hussein mit Hitler gleich gesetzt und deutsche Soldaten in fremde Länder geschickt. Der ehemalige Brandstifter empfahl sich als Feuerwehrmann.

Aus der unübersehbaren Menge der Beiträge, was Auschwitz bedeute, heben sich Hans Magnus Enzensbergers und des Soziologen Alphons Silbermanns Beobachtungen ab. Es bekümmere, so Enzensberger, manchen mehr, dass Auschwitz von Deutschen begangen wurde, als dass es zeige, wozu der Mensch fähig sei. Für Silbermann ist allein das Wort Auschwitz eine Beschönigung, da es leichter über die Lippen komme, als „Totprügeln, Verhungern lassen, Exkremente fressen lassen oder auch `nur` Vergasung, Massenerschiessung und Erhängen".

Die Fernsehserie „Holocaust" schuf eine Inflation der Vergleiche. Militante Christen kreierten Babycaust und Embryocaust als Analogie zur Schwangerschaftsunterbrechung. Die Friedens- und Umweltbewegung witterte hinter Raketen und Atomkraftwerke, jedenfalls solange bis ein Teil von ihr vom routinierten Betroffenheitskitsch zur Regierungsbeteiligung mutierte, den atomaren Holocaust.

Was Heiner Geißler mit „Begriffe besetzen sei wichtiger als Bahnhöfe" meinte, nennen Eitz und Stötzl „Kampf um die Deutungshoheit". Dass es diese Auseinandersetzung gäbe, sei ein Zeichen für Demokratie. Allerdings schweigen beide darüber, dass es wenig nützt, Wörter im stillen Kämmerlein für sich zu reklamieren. Dafür braucht man Öffentlichkeit und das Wort Pressefreiheit steht auf dem Papier steht, das gewissen Leuten gehört.

Verlängert man die Arbeitsweise des Buches in die Gegenwart, wird es faszinierend. Der philologische Grabstein wandelt sich zur Waffe. Erwartungsgemäß wurde die Vorgehensweise der Staatsanwaltschaft im Fall des Verdachts der Steuerhinterziehung in Liechtenstein mit Gestapo-Methoden verglichen. Die anschliessende Steigerung: Ein Betroffener verkündet, mit Topmanager gehe man um wie mit den Juden während der Pogromnacht: Hausdurchsuchung, pauschale Vorurteile gegenüber Leistungsträger, öffentlicher Makel, Denunziantentum, er wisse jetzt was jüdische Mitbürger gefühlt hätten blieb bislang aus. Man will Dampf ablasen, ein Ventil öffnen, solange es nur die Manager und nicht die Kapitaleigner trifft, ist ein Hauch reaktionärer Antikapitalismus von rechts als Ablenkung willkommen.......

Unabhängig von den jeweiligen Begriffen schälen sich zwei rhetorische Figuren der Konservativen heraus. Diese lassen sich losgelöst von den Vorgaben der Autoren auch an anderen Vokabeln darstellen. Zum einen: Ein Wort, das bislang zum Sprachgebrauch der extremen Rechten gehört, wird unvermutet aufgegriffen. Begründung: Man dürfe ein Thema, das die Bevölkerung interessiere, nicht allein der NPD überlassen. Demokraten müssten es sozusagen zähmen. So rechtfertigte Roland Koch seine Kampagne, gegen jugendliche Ausländer. Es wird also ein Arsenal von Vorwänden aufgebaut, um rechtsextremes Vokabular salonfähig zu machen. Ich überzeichne nur ein wenig.

Wenn ich sage, Togo muss wieder deutsch werden, dann überlasse ich Togo nicht den radikalen Rechten, überführe Togo in die zivile Debattenkultur, befreie Togo aus tabuisierten Wortverliessen der Linken und ermögliche ein unverkrampftes, lockeres, geläutertes Verhältnis zu Togo. Man braucht bei der nächsten Gelegenheit Togo nur durch einen anderen Unfug auszutauschen und kann dann jede Sau durchs Dorf treiben.

Zum anderen sind die Konservativen erfindungsreiche und langfristig planende Wortschöpfer. Politische Verfolgte genießen Asyl? Da hatten sie erst mal Asylant stand politischer Verfolgter unters Volk gebracht. Asylant erinnerte an Spekulant und Querulant und das sollt es auch. Die Schreckgestalt wurde aufgepumpt: Wirtschaftsasylant, Wirtschaftsasylantenflut, eine Naturgewalt, die jeden bedroht.

Demokratisch-sozialer Rechtsstaat? Wenn jemand folgenlos behaupten kann, mit 4,25 Euro am Tag könne man bekömmlich speisen, dann beruht es auch darauf, dass vorher Sozialneid, Anspruchsmentalität und soziale Hängematte das Sozialstaatsgebot der Verfassung sturmreif schossen.

Thorsten Eitz/Georg Stötzel: "Wörterbuch der "Vergangenheitsbewältigung"

Die NS-Vergangenheit im öffentlichen Sprachgebrauch

Georg Olms Verlag, Hildesheim 2007, 786 S.

Subskriptionspreis bis zum 31.03.2008 : 29,80 EUR

Preis ab dem 01.04.2008 : 32,00 EUR

ISBN 978-3-487-13377-5







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