Leserbrief von A. Holberg

30.03.16
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Betr.: Kindermagazin des Spiegel-Verlags verharmlost den mädchen- und frauenfeindlichen Islam

Man kann Religion - alle Religionen - als falsches Bewusstsein kritisieren und zurückweisen. Zweifellos ist sie das Opium des Volkes und nicht selten auch das Opium für das Volk. Aber eine bestimmte Religion - hier "den" Islam - diesbezüglich hervorzuheben, ist völlig unangebracht. Das kann man ernsthaft nur, wenn man eine fundamentalistische Sichtweise verfolgt, wenn man nicht unterscheiden will zwischen den allgemein menschlichen Anliegen zumindest der monotheistischen Hochreligionen einerseits und ihren jeweils wechselnden historischen Ausprägungen. Dass es Menschen wie Frau Ahadi offensichtlich besonders schwerfällt, solche Unterschiede zu machen, ist bei ihren anzunehmenden praktischen Erfahrungen mit sich auf den Islam berufenden patriarchalischen Gesellschaften sehr verständlich. Richtiger wird es dadurch aber nicht.
Ohne jetzt in  alle Einzelheiten zu gehen: Im Koran wird beispielsweise die Verschleierung wie sie heute bekannt ist nicht erwähnt. Dass der Prophet Muhammad, nachdem er in Medina eine organisierte Gemeinde führte, Kriege gegen die Feinde dieser Gemeinde führte, ist wahr. Dass er damit aber ein Vorläufer des IS war, ist eine geschichtsvergessene Interpretation. Er war das vielleicht in dem Maße wie möglicherweise Jesus, hätte er denn dazu die militärische Macht gehabt, zu einem Vorläufer der  marodierenden Kreuzritter geworden wäre. Aber sind die Kreuzritter und diejenigen, die z.B. die Katharer in Südfrankreich ausgerottet haben, "das" Christentum? Man kann nicht die kulturellen Maßstäbe des Mittelalters auf jede andere Zeit übertragen, und dementsprechend ebenso wenig die der durch Stammeswesen gekennzeichneten arabischen Gesellschaft des 7. Jahrhunderts. Dass es in der in vieler Hinsicht kulturell überaus vielfältigen  Welt der heutigen Muslime - von China über Indonesien bis zum Atlantik und den Ballungsgebieten Westeuropas, der USA und Lateinamerikas - dennoch eine - leider - wachsende Zahl von Muslimen gibt, die  eben das glauben, ist Ergebnis der kombinierten Wirkung des historisch bedingten sozio-ökonomischen Rückstandes gegenüber der industrialisierten Welt und des Kolonialismus/Imperialismus sowie des damit zusammenhängenden Scheiterns (im sozio-öonomischen Sinn) revolutionärer Perspektiven. Über das Thema sind neben massenweisen Polemiken von Seiten der Propagandisten konkurrierender Religionen oder des Attheismus ganze Bibliotheken aus der Feder von Wissenschaftlern entstanden. Offensichtlich mussten die jeweiligen Propheten (die man ja als historsche Persönlichkeiten wie die des Alten Testaments, aber letztlich auch wie Jesus, gar nicht kennt oder wie Muhammad nur ungenau aus zunächst mündlichen Überlieferungn (die "Sunna") ihre Botschaften in einer Fom verküden, die von deren Adressten auch verstanden werden konnte - und da auch  diese individuell verschiedenartig waren, stets verschieden verstanden wurde, was schon aus den Zeiten unmittelbar nach dem Tod der jeweilien Propheten zu mannigfachen Glubensspaltungen geführt hat. Als Einführung mag es hier genügen, auf die Arbeiten des französichen Marxisten Maxime Rodinson und auf das kleine Reklam-Büchlein "Der Islam - eine Einführung" aus der Feder der Bonner Orientalistin Annemarie Schimmel hinzuweisen, die ein ausgeprägtes Einfühlungsvermögen für islamische Mystik und jede Art von Kunst auszeichnete. Dass die Mehrzahl der Muslime keine Jellaledin Rumi, keine Ibn Sina und Ibn Rushd waren und sind, ist offensichtlich - ebensowenig wie die Mehrzahl der Christen der Hl. Franziskus, Hildegard von Bingen oder andere Kulturgrößen des "christlichen Abendlandes" waren und sind. Aber weder die Einen noch die Anderen sind oder waren "der" Islam oder "das" Christentum. Und ich würde hinzufügen wollen, dass all jene, die es für notwendig halten, von der einen zu einer anderen Religion zu konvertieren, weder den tieferen Sinn ihrer alten noch den ihrer neuen begriffen haben.



Kindermagazin des Spiegel-Verlags verharmlost den mädchen- und frauenfeindlichen Islam - 29-03-16 20:52




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