Lerserbrief von A. Holberg

13.08.17
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Kein Klassenkampf in Israel? - oder die „ewige“ Frage nach dem „revolutionären Bewusstsein“

Dem Autor ist voll und ganz zuzustimen, wenn er darauf hinweist, dass revolutionäres Bewußtsein kein rein ökonomisches sein kann. Er schreibt deshalb richtigerweise: "überhaupt stellt sich die frage, ob revolutionen alleine ihre motivation im „materiellen“ finden. sicherlich wird die ‚basis‘ von revolutionen materielle bedürfnisse sein. aber dass verelendung zu revolutionen führt, ist ja alleine schon durch die existenz der dritten und vierten welt widerlegt...die begründung für die notwendigkeit von revolutionen muss also eine andere quelle haben. meines erachtens ist diese quelle eine moralische oder ethische einsicht [2], dass die eigene „befreiung“ nicht möglich ist, solange andere noch „unfrei“ sind."

Bereits die Tatsache, dass die historischen Führer der bekannten Revolutionen dem "Mittelstand" entstammten und zweifellos nicht durch die Erfahrung eigener ökonomischer Not zu ihrem Bewußtsein gelangt sind, macht das deutlich. Und ungeachtet möglicher späterer Entwicklungen kann auch nicht davon ausgegangen werden, dass pures Machtstreben ihr ursprünglich ausschlaggebender Beweggrund war. Trotzki bezeichnete die Arbeiterklasse ohne politisches Klassenbewusstsein als "Ausbeutungsmaterial". In der Tat ist der reine Ökonomismus - oder das "tradeunionistische/gewerkschaftlische" Bewusstsein auf die Verbesserung der eigenen Stellung innerhalb des Ausbeutungsvorgangs gerichtet, wobei der Begriff "Ausbeutung" im Allgemeinen nur mit ihren eher extremen Formen gleichgesetzt wird. Das politische Klassenbewusstsein aber richtet sich (Im Kapitalismus) auf die Abschaffung jedwelcher Ausbeutung und also auf den Sturz jeder ökonomisch herrschenden Klasse.

Was nun die Situation in Israel anbelangt, so kann natürlich kein Zweifel daran bestehen, dass die jüdische Arbeiterklasse dort ausgebeutet wird und über ein mehr oder weniger starkes Klassenbewusstsein verfügt, aber eben über ein "tradeunionistisches". Es ist zweifellos auch nicht so, dass alle jüdischen ArbeiterInnen als Teile einer "Arbeiterarstorkratie" bezeichnet werden können, selbst wenn es einen Großteil der arabisch-israelischen ArbeiterInnen vergleichsweise schlechter geht. Der Anteil der jüdischen ArbeiterInnen, die unter ökonomisch prekären Bedingungen leben (vornehmlich solche aus arabischen Ländern oder äthiopische Falasha) wächst offenbar ständig. Dennoch bleibt es, weil eben der "wirtschaftliche" Aspekt für das Klassenbewusstsein zwar prägend aber nicht alleine maßgebend ist, die Tatsache bestehen, dass es neben den vom Kapitalismus überall sozusagen automatisch erzeugten (und zwar, wenn auch in unterschiedlicher Form, sowohl bei der herrschenden Klasse als auch bei den beherrschten Klassen) Bewußtseinsformen auch spezielle Eigenschaften des proletarischen Bewußtsein gibt, die eben das Ergebnis der Stellung der jüdischen Arbeiterklasse im siedlerkolonialistischen zionistischen Staat sind. Diese sind es, die das Erlangen eines politischen Klassenbewusstseins noch schwerer machen, als das ohnehin schon der Fall ist.

So ist m.E. der Schlussfolgerung des Autors voll und ganz zuzustimmen:

Klassenkämpfe (und überhaupt „soziale kämpfe“) sind eine form „sozialer bewegung“ und das problem der bewegung kann wohl nur beim gehen selbst gelöst werden. Und „bewegung“ ist auch keine rein „intellektuelle“ angelegenheit.

„Der Intellekt gleicht Gliedmaßen ohne die Fähigkeit der Bewegung. Erst wenn Gefühl hinzukommt und sie beweglich macht, können sie sich rühren und andere beeinflussen.“– Swami Vivekananda [5]

 vielleicht könnte das einen möglichen hinweis geben, in welche richtung dieses problem der „vermittlung“ angegangen werden könnte. [6] die „(radikale) linke“ sollte keine angst davor haben, „herz“ und „gefühle“ zu zeigen. Aber was noch wichtiger wäre: sie müsste (auch in kultureller hinsicht; und mit „kultur“ sind auch die allgemeinen verkehrsformen gemeint) unbedingt attraktiver werden. [7]



Kein Klassenkampf in Israel? - oder die „ewige“ Frage nach dem „revolutionären Bewusstsein“ - 11-08-17 20:53




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