Leserbrief von Marion Oberender und Gilla Schillo zur Tafelproblematik

13.05.10
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Die Idee, nicht mehr gebrauchte Dinge und übrig gebliebene Lebensmittel an Menschen weiterzugeben, die damit etwas anfangen können, hat auf den ersten Blick etwas sehr Vernünftiges und Begeisterndes. Man kann nicht wirklich dagegen sein. Und auch den Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren, kann man nur mit Achtung begegnen.
So kommt kaum einer auf die Idee, mal nach den Hintergründen von so viel Mildtätigkeit zu fragen.

Supermärkte z.B. verteilen übrig gebliebene Lebensmittel, anstatt sie zu entsorgen. Ohne die Tafeln würden sie dafür hohe Kosten aufwenden müssen. So können sie aber die Spenden auch noch steuerlich absetzen. Und gleichzeitig kommen sie zu einer äußerst preiswerten Werbekampagne, denn für die Bevölkerung stehen sie auf der Seite der Guten und Hilfsbe-reiten. Die wirtschaftlichen Vorteile für größere Unternehmen, insbesondere Ladenketten, von denen die Tafeln zunehmend ihr Angebot beziehen, sind beachtlich.

Solange man der Bevölkerung einreden kann, dass ja etwas "Gutes" mit den übrig gebliebenen Lebensmitteln geschieht, wird weiter Überfluss produziert werden. Und wir werden wei-ter in den Märkten Nahrung sehen, von der schon ein Großteil für das Wegwerfen produziert worden ist. Weit sinnvoller wäre es, wenn die damit verbundenen  Aufwendungen zur Schaffung von Arbeitsplätzen eingesetzt würden.

Besonders erschreckend ist, wie unkritisch diese Art des "sozialen Engagements" selbst von Leuten aufgenommen wird, die sonst den gesellschaftlichen Veränderungen der letzten Jahre in keiner Weise vorbehaltlos gegenüber stehen.
Es wird überhaupt nicht erkannt, dass die  Tafelbewegung ein Teil des direkten Weges aus dem sozialen Staat ist, in dem Menschen Rechte und Forderungen haben, hinein in den Almosenstaat nach dem Muster amerikanischen "Charity-Denkens": Die "Bedürftigen" bekommen Brocken vom Tisch der Reichen zugeworfen, dürfen aber keine Forderungen stellen.

Gesellschaftlich bedeutet das einen Rückschritt von mindestens zweihundert Jahren.

Den Kunden solcher Einrichtungen tut man keinen wirklichen Gefallen. Genauso wenig wie denen, die in ihrer freien Zeit etwas sozial Wertvolles leisten wollen und dabei, ohne es zu wissen, in ein hochpolitisches Spiel geraten. In dem ziehen Unternehmensberatungen wie McKinsey und Roland Berger die Fäden. Gutes soziales Engagement hat das Ziel, überflüssig zu werden. Die Tafeln wollen, wie in Brunsbüttel,  "außerordentlich erfolgreich arbeiten und sich entwickeln".

In einem der reichsten Länder der Erde müsste niemand hungern.
Arbeitnehmer, die angemessen entlohnt werden, brauchen keine Tafeln. Die Tafelbewegung fördert und zementiert die Armut in diesem Land.



Antwort von Dirk Weber auf den Leserbrief von Marion Oberender und Gilla Schillo zur Tafelproblematik. - 15-05-10 01:04
Ausgegrenzt und vertafelt. Suppenküche statt soziale Gerechtigkeit?  - 07-05-10 21:43




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