448. Saarbrücker Montagademo am 04.06.2018

04.06.18
SaarlandSaarland, Bewegungen, News 

 

Von S. Fricker

Einmal mehr brachte die heutige Montagsdemo auf der Bahnhofstrasse in Saarbrücken zutage, was in keiner Nachrichtensendung, in keiner Tageszeitung bisher veröffentlicht wurde – und was doch von grossem Interesse für die Öffentlichkeit ist. Gemeint ist die Öffentlichkeit derer, die sich nicht zur Manövriermasse beliebiger Seehofer-Droh-und-Spaltungs-Kampagnen machen lassen wollen, sondern die sich ein eigenes Bild machen möchten.

Ein Grund, dabei zu sein am offenen Mikro!

Aber erst einmal der Redebeitrag des Christian R., 21 Jahre, der dringend einen Ausbildungsplatz braucht, weil er einen Beruf lernen will, die Fähigkeiten dazu hat und weil er nicht auf Dauer Aufstocker bleiben will, wozu er derzeit verurteilt ist. Und – weil er nicht abgeschoben werden darf nach Meinung der MontagsdemonstriererInnen und Passsanten auf der Bahnhofstrasse – diese Abschiebung blüht ihm im Herbst, falls er nichts findet.

Christian R. am offenen Mikro:

„Ich bin hier in Deutschland geboren und die ersten Jahre verlief unser Leben ganz normal: Schule, Zeugnisse, alles ok. Nur ein Haken: Ich bin Roma, von denen gibt‘s gute und schlechte – aber wir sind eine Bevölkerungsgruppe ohne eigenes Land, folglich ohne eigene Staatsangehörigkeit, mein Vater ist deshalb anerkannter Staatenloser. So steht‘s im Pass. Meine Vorfahren kamen vor etlichen Generationen aus dem heutigen Serbien. Ich selbst war nie dort, spreche die Sprache nicht – in meinem grauen Ausländer-Pass stand jahrelang: ‚ungeklärte Staatsangehörigkeit‘. 2015, im März begann die Katastrophe, nachdem 2012 eine Aufenthalts-Duldung erteilt worden war: morgens um 4:00 Polizeieinsatz in unserer Wohnung, Abschiebung von Mutter und Kindern nach Serbien, hiess es, dann in Baden-Baden in letzter Sekunde Erwirkung eines Abschiebe-Stops – meine beiden jüngeren Geschwister hatten hervorragende Noten, sind ‚Einser-Kinder‘, das gab den Ausschlag.

Aber ich habe keinen Pass, nur einen Titel bis Ende September 2018, kann kein Konto eröffnen, bekomme Ablehnungen auf meine Bewerbungen nach einem Ausbildungsplatz, weil die Firmen eine Perspektive von 3 Jahren mindestens brauchen. Ich kann keinen Vertrag abschließen – nichts. In meiner neuen Aufenthaltsbescheinigung steht allerdings plötzlich, ich sei serbischer Staatsangehörigkeit. Jedoch habe ich ein Schreiben der serbischen Behörde, die genau dies abstreitet. Ich bin nicht registriert als serbischer Staatsbürger, im Schreiben steht es klar. Ich bin ein ganz normaler junger Mensch, lebe seit 21 Jahren in Deutschland, arbeite für mickrigen Lohn für meinen Lebensunterhalt, – aber ohne Pass existiere ich gar nicht, – und genau das scheinen die Behörden hier in Lebach wie dort in Belgrad zu wollen.

Ich habe mich entschlossen, hier all dies offen zu sagen, nachdem wir Euch eine Weile zugehört haben und merkten, hier ist eine Bewegung aktiv, die das tatsächliche Leben von Politiker-Sprech zu unterscheiden weiss und die zusammenhält – und mir vielleicht helfen kann.“

Es war klar, dass wir mit Christian R., seiner Freundin und deren Vater noch nach der Montagsdemo weiterdiskutierten, wir konnten diese absurde Vorgehensweise kaum fassen, schauten uns die Dokumente an – und beschlossen, dranzubleiben und zu kämpfen!

Auch sonst war die Montagsdemo heute streitbar und überzeugend. Die Kluft zwischen sozialem und demokratischen Schein und kapitalistischen Sein in dieser Gesellschaft wurde in vielen Beiträgen präzise aufgedeckt. Dabei wird es nicht bleiben – es wird Zeit, sie zu schließen.

 

Die nächste, 449. Montagsdemo ist am Montag, den 02.Juli, 18:00, Europa-Galerie.

Die Vorbereitungsgruppe trifft sich hoffentlich zahlreich am 25.06. um 16:00 im Jederman.

 

s.fricker







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