Buch und Veranstaltung - Das Erbe der Röchlings

14.11.18
SaarlandSaarland, News 

 

Dem Image des Saarlands würde eine solche Katharsis gut tun. Es will ja modern und hip sein, aber doch nicht mit den Röchling‘s und Röder‘s.

Von Josef Reindl

Vorwort

Bernd Rausch hat nachgelegt. Nach seiner Abrechnung mit der Röchling-Dynastie nimmt er sich jetzt zum einen das Erbe dieser unheilvollen Familienherrschaft vor, personifiziert im Chef des Weltkulturerbes Völklinger Hütte: Meinard Maria Grewenig. Zum anderen operiert er in eigener Sache, er beschreibt die (Nicht-)Rezeption und die Reaktion der saarländischen Öffentlichkeit auf seine Enthüllungen über die blutige Spur, die der Familienkonzern, im Saarland gezogen hat.
Bernd Rausch gehört zu den wenigen politisch wachen Menschen im Saarland, die bis heute an den unvorstellbaren Verbrechen, die im Namen und mit Billigung des deutschen Volkes verübt wurden, leiden. Er will keinen Schlussstrich ziehen, er stemmt sich vielmehr gegen das Verdrängungs-, Verniedlichungs- und Schweigekartell, das er hierzulande am Werk sieht. Gerade weil seine Einlassungen seit langem von der hegemonialen Öffentlichkeit bis hinein in die Linke ignoriert oder belächelt werden, schleicht sich ein bitterer und manchmal vielleicht zu dramatischer Ton in seine Schriften. Den in Kauf zu nehmen, fällt jemanden, der sein Anliegen für bitternotwendig hält, nicht schwer.
Im Zentrum seiner Ausführungen steht der Weltkulturerbeverwalter Meinard Maria Grewenig. Bernd Rausch charakterisiert ihn als Statthalter der Röchlings und als eine Figur aus dem Gruselkabinett des Postfaschismus, ist er doch Mitglied des ominösen „Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem“, der früher den Naziverbrechern half, über die Rattenlinie nach Südamerika zu flüchten. Der Verfasser dieses Vorworts sieht darin zwar symbolpolitisch ein Desaster, er würde die Kritik an diesem amoralischen Impresario, den in erster Linie Geld, Geld, Geld interessiert, aber anders formulieren. Grewenig ist eine Lachnummer, ein Blender, eine Fehlbesetzung nicht nur wegen seiner dubiosen Mitgliedschaft bei den ‚Grabrittern‘, sondern aufgrund all dessen, was er bisher getan hat. Er ist auch ein Fehlbesetzung, weil die Gelder, die angeblich seine deplatzierten Ausstellungen in der Hütte eingespielt haben, bei weitem nicht ausreichen, das Weltkulturerbe zu erhalten – da wird von vielen Stellen kräftig subventioniert, um u.a. das superbe Gehalt des Direktors weiterbezahlen zu können.
Vollkommen gerechtfertigt ist die Kritik, die Bernd Rausch an der Erinnerungspolitik von Grewenig übt: seiner Weigerung, die Zwangsarbeiterthematik ernsthaft zu behandeln, den Faschisten (und damit Antisemiten) Röchling als solchen zu thematisieren, die Verstrickung der Stahlmagnaten ins nationalsozialistische System herauszuarbeiten etc. etc. Aber man muss zu bedenken geben, dass Grewenig nur der Exekutor von etwas ist, was im Saarland tief verankert ist: die Umdeutung der eigenen Geschichte und das Festhalten an einem falschen Identitätskern.
Alle Welt fragt sich ja tatsächlich, warum das, was in der Republik normal geworden ist – nämlich sich mit den Wirtschaftsverbrechen und -verbrechern der Nazizeit auseinanderzusetzen – hierzulande auf so viel Widerstand stößt. Es gibt kaum mehr ein Großunternehmen, das die ‚dunklen Jahre‘ seiner Geschichte nicht von renommieren Wissenschaftlern erforschen lässt; und da passiert nicht, was im Saarland der Fall ist, nämlich dass die ehemalige Kommunistin Plettenberg als Firmenhistorikerin der Röchlings deren Lied singt. Aber vielleicht ist das gar nicht so abwegig, haben die Kommunisten doch in der Vergangenheit kräftig mitgeholfen, den saarländischen Identitätskern zu bauen. Und der dreht sich um die Schwerindustrie und den Bergbau, um die harte, gefährliche, heroische Arbeit am Hochofen und unter Tage, um die (nicht stattgefundenen) Klassenkämpfe, um die Solidarität unter den Arbeitern und um die großen Stahlfamilien Stumm und Röchling. Darüber kann man schnell vergessen, dass die Zwangsarbeiter einem ganz anderen Ausbeutungsregime unterworfen waren und dass dies nicht nur ein Nebenwiderspruch des Kapitalismus war.
Im Ernst: Das Saarland ist bis heute stolz auf seine Montanvergangenheit und damit auch auf die Ausbeuterfamilien Röchling und Stumm, deren Herrschaftsmethoden Max Weber veranlasst haben, von Saarabien zu sprechen. Dies ist so, obwohl die materielle Basis längst weggebrochen ist, die Industriestruktur sich diversifiziert hat, die Röchlings mitsamt ihrem Geld verschwunden sind, die Hütten sich ‚demokratisiert‘ haben (Montanmitbestimmung) und der Autoritarismus aus dem Land ausgezogen ist. Das Merkwürdige ist, dass das Saarland spätestens seit Oskar Lafontaine ein anderes Land ist - bunter, freier, offener -, aber der Überbau in Teilen noch den Muff der Vergangenheit, der Nazis im Ministerpräsidentenamt und der Verharmlosung der Großindustriellen atmet. Über Röchling ist von Bernd Rausch alles gesagt worden, aber das üble Treiben der Stummfamilie liegt noch weitgehend im Dunklen. Bekannt ist, dass Wilhelm von Stumm, ein Enkel Carl Friedrich Stumms, ein maßgebliche Rolle beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs spielte und Österreich zum Krieg gegen Serbien gedrängt hat.
Wie wäre es denn, wenn man diesen unzeitgemäßen Überbau reinigen und damit Basis und Überbau ein bisschen mehr in Einklang bringen würde? Voraussetzung hierfür wäre, das braune Erbe wirklich aufzuarbeiten und damit hinter sich zu lassen. Bernd Rausch hat in seinem Büchlein die Schritte benannt, die dafür nötig wären. Es ist gar nicht so schwer, sie zu gehen. Dem Image des Saarlands würde eine solche Katharsis gut tun. Es will ja modern und hip sein, aber doch nicht mit den Röchling‘s und Röder‘s.

Zur Veranstaltung und zum Buch http://www.ausstellung-rausch.de/0/D_Erbe_d_Roech/veranstaltung_22-11-2018.htm







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