War es ein Volksaufstand, der 17. Juni 1953?


Bildmontage: HF

16.06.13
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von Günter Ackermann

Dieses Jahr jähren sich zum 60. Mal die Ereig- nisse in der DDR um den 17. Juni 1953. Der Westen behauptet, das sei das Zeichen dafür, dass das Volk der DDR sich gegen die kommu- nistischen Machthaber erhoben habe und nur die Panzer der sowjetischen Besatzungsmacht den Zusammenbruch der DDR verhinderten.

Die antikommunistischen Sonntagsredner erleben mal wieder Hochkonjunktur. Was sich wirklich ereignete und warum, interessiert dabei wenig.

Die offizielle DDR behauptete, das sei durch Agenten aus Westberlin inszeniert worden. Ich fürchte aber, da machten es sich die Führer der SED doch zu leicht.

Es stimmt, Westberlin war ein Agentennest sonder Gleichen. Eine sehr wichtige – wenn auch nur eine von vielen Agentenorganisationen- war das Ostbüro der SPD. Die Grenzen zur DDR waren offen. Natürlich wirkten diese Agenten in die DDR hinein. eine zur SPD gehörende Spionage- und Diversantenorganisation. Das Ostbüro der SPD rekrutierte sich aus SPD-Mitgliedern, die bei der Vereinigung mit der KPD zur SED gegen den Zusammen- schluss waren.

Waren die Ostbüro-Mitarbeiter in der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR geblie- ben, und gut getarnt gewesen, waren sie nach außen Mitglieder und Funktionäre der SED. Dass die SED-Funktionäre in allen Bereichen des Staates DDR Schlüsselstellungen inne hatten, sei nur am Rande erwähnt. Also waren oft genug auch Mitarbeiter des SPD-Ostbüros in dienen Funktionen.

In meiner Verwandtschaft gab es eine Frau, die Sekretärin der Gewerkschaft Gesund- heitswesen im FDGB war, sie war auch Vorsitzende der Sozialversicherungskasse Thüringen. In ihrem Bereich war es zu Unregelmäßigkeiten gekommen, gegen sie wurde – noch inoffiziell – von der Staatssicherheit ermittelt. Diese traf 1951 in Bad Liebenstein den damaligen Justizminister der DDR, Max Fechner.

Der warnte sie und fügte hinzu, dass es nun bald „andersrum“ kommen würde (eine damals allgemein bekannte Metapher für Konterrevolution). Das war etwa 18 Monate vor den Ereignissen des 17. Juni 1953. Und Max Fechner war es auch, der anordnete, nach dem 17. Juni 1953, alle Inhaftierten frei zu lassen. Die Betroffenen nutzten das und schleunigst in den Westen zu verschwinden.

Man muss sich fragen, woher wusste Fechner bereits 1951, dass es demnächst „andersrum“ kommen würde. War also der 17. Juni eine lange vorbereitete Aktion der westlichen Geheimdienste? Anzunehmen!

Aber es musste hier noch eine andere Komponente hinzu kommen: Die Menschen der DDR. Nur, wenn die es 'andersrum' wollten, war das möglich, Der Westen und seine Geheildienste, auch das Ostbüro der SPD, arbeiteten daran, die Wirtschaft der DDR zu schwächen und vor allem die Nahrungsmittelversorgung zu schädigen.

Nur ein Beispiel: Ein – wie damals üblich – nur mit Eis gekühlter Eisenbahntransport mit Heringen wurde kreuz und quer durch die DDR geschickt. Die Frachtpapiere waren falsch ausgestellt. Als er dann nach Wochen sein Ziel erreichte, stanken die Fische bereits und konnten nicht mehr verwendet werden. Der 'RIAS' aber meldete, dass man daran sehen könne, dass die Kommunisten noch nicht einmal so was auf die Reihe brächten.

Aber natürlich reichte auch so was nicht aus. Das Volk der DDR musste den Umsturz weitgehend wollen.

Die SED hatte in der SBZ eine Reihe notwendiger und richtiger Entscheidungen getrof- fen, die der Arbeiterklasse und den anderen Werktätigen nutzten. So die Demokratische Bodenreform 1945, bei der die Rittergüter Ostelbiens enteignet und an die Bauern verteilt wurden. Dass die betroffenen Junker, die ausnahmslos in den Westen gegangen waren, davon nicht erfreut waren, sei nur am Rande vermerkt.

Oder die Schulreform. Man entfernte alle Lehrer mit mehr oder weniger Nazi-Vergangenheit aus dem Schuldienst und ersetzte sie durch unbelastete. Letztere mussten im Eilverfahren heran gebildet werden. Und das gelang. Auch wurden die Bildungsprivilegien der Bourgeoisie abgeschafft, also das Schulsystem aus Volksschule und Gymnasium beseitigt.

Auch gelang es, durch richtige Maßnahmen den Schwarzmarkt zu beseitigen. Einerseits mussten die Bauern eine bestimmte Menge Nahrungsmittel produzieren und zu niedrigen Preisen an den Staat verkaufen. Wurde dieses Soll übererfüllt – und war fast immer so – wurden die Überschüsse als „freie Spitzen“ aufgekauft und in den 'HO'-Läden zu höheren Preisen ohne Lebensmittelmarken verkauft.

So wurden die schlimmsten Nahrungsmittelengpässe vermieden. In der SBZ gab es zwar, wie damals in ganz Deutschland üblich, ein geringes Nahrungsmittelangebot, aber im Gegensatz zu den Westzonen, keine Hungersnot.

Andererseits: Die SED entwickelte schon recht früh einen Hang zum Dekretismus. Es ist scheinbar einfacher etwas oben zu bestimmen und dann durchzusetzen, als es mühselig diskutieren zu lassen und ggf. dann auch noch nicht durchsetzen zu können. Manchmal ist solcher Dekretismus sicher unvermeidlich, aber in der Regel falsch.

Am Beispiel der Schulreform. Dass es ein Ding der Unmöglichkeit ist, in einer antifaschistisch- demokratischen Ordnung die Schulen von alten Nazi-Lehrern beherrschen zu lassen, versteht sich. Also musste schnell gehandelt werden. Dennoch trauten viele Bewohner der SBZ den „Neulehrern“ nichts zu. Es dauerte eine ganze Weile, bis sich das änderte.

Dieser Dekretismus der SED-Führung ist vielleicht menschlich verständlich. Sie, die alten Genossen, waren in Zuchthäusern und KZs gewesen, hatten in Spanien gegen den Faschismus gekämpft und jetzt waren sie an der Macht.

Was sie nicht bedachten war, dass es in der SBZ/DDR nie eine proletarische Revolution gab, die Revolution war dem Volk der DDR von der Besatzungsmacht geschenkt worden, ein Umstand, der bis zum Schluss in der DDR das Staatsbewusstsein der Menschen beeinträchtigte.

Da auch die führenden Funktionäre in der UdSSR vor 1945 im Exil waren, empfanden das manche als Diktat der Russen und hinterfragten nicht, was gut und richtig ist. Der RIAS nutzte diesen Umstand und behauptete, Walter Ulbricht sei gar kein Deutscher, sondern Russe.

Jedenfalls all diese Umstände schaukelten sich hoch und kumulierten sich zu einem gefährlich explosiven Gemisch, nur ein Funke konnte das alles zu Explosion bringen. Die Normerhöhungen und andere unpopulären Maßnahmen in der DDR war dann dieser Funken.

Diese Unruhen waren nicht überall in der DDR. Ich komme aus Erfurt. Hie gab es nur größere Arbeitsniederlegung im SAG-Betrieb[1] Henry Pels. In den traditionellen Hochburgen der Arbeiterbewegung gab es weniger und auch keine gewalttätigen Ausschreitungen. Nur in Jena gab es größere Unruhen, dort waren die Verhältnisse durch die Arbeiteraristokraten von Zeiss und Schott und die Intellektuellen der Uni anders gelagert.

Dass die Streiks von den Bauarbeitern der Stalinallee ausgehen würden, verwunderte damals die SED-Führung sehr. Die Arbeiter der Stalinallee waren die am höchsten bezahlten Bauarbeiter der DDR. Nicht nur gute Löhne, Bevorzugung bei der Wohnraumbeschaffung, bessere Versorgung in Sonderläden, auch mit Mangelwaren usw. wurden ihnen geboten Kurz: Sie waren privilegiert.

Ich kann es mir auch nicht schlüssig erklären. Aber ein Umstand scheint mir wichtig zu sein: Die Partei- und Staatsführung der DDR hatte die Bodenhaftung verloren und sich soweit von der Arbeiterklasse entfernt, dass diese die Partei der Arbeiterklasse nicht mehr als solche verstand und andererseits die Parteiführung sich nicht mehr als integraler Bestandteil der Arbeiterklasse sah, sondern über der stehend.

Selbst gut gemeinte und gut gemachte Maßnahmen wurden falsch verstanden. Beispiel Stalinallee in Berlin. Hier sollten, nach Vorstellung der Partei- und Staatsführen gute und gesunde Wohnungen für die Arbeiter entstehen. Aktivisten, sagte man, bekämen bevorzugt diese Wohnung. Aktivisten das waren Arbeiter, die die Arbeitsnorm übererfüllten. Man könnte sagen: Gut. Das Volk aber verstand das ganz anders: In der Stalinallee entstehen Wohnungen für die „Bonzen“, also Partei- und Staatsfunktionäre.

Wenn also Kurt Barthels (KUBA), der damalige Sekretär des DDR-Schriftstellerverbandes voll Entsetzen schrieb:

„Schämt ihr euch auch so, wie ich mich schäme? Da werdet ihr sehr viel und sehr gut mauern und künftig auch sehr klug handeln müssen, ehe euch diese Schmach vergessen wird. Zerstörte Häuser reparieren, das ist leicht. Zerstörtes Vertrauen wieder aufrichten ist sehr, sehr schwer.“[2]

so stellte er zwar alles auf dem Kopf, denn die Partei musste das Vertrauen des Volkes zurück gewinnen, nicht das Volk das der Partei, recht aber hat er, wenn er schreibt: Zerstörte Häuser reparieren, das ist leicht. Zerstörtes Vertrauen wieder auf- richten ist sehr, sehr schwer.“

Die SED gewann dieses zerstörte Vertrauen nur unzureichend zurück – das galt bis 1990. Bei vielen ehemaligen DDR-Bürgern kam erst dann zu Bewusstsein, was sie einst hatten, als es die DDR nicht mehr gab.

Brechts Antwort auf Kuba:

Die Lösung

Nach dem Aufstand des 17. Juni
Ließ der Sekretär des Schriftstellerverbands[3]
In der Stalinallee Flugblätter verteilen
Auf denen zu lesen war, daß das Volk
Das Vertrauen der Regierung verscherzt habe
Und es nur durch verdoppelte Arbeit
zurückerobern könne. Wäre es da
Nicht doch einfacher, die Regierung
Löste das Volk auf und
Wählte ein anderes?
Bertolt Brecht - 1953

kommunisten-online.de/war-es-ein-volksaufstand-der-17-juni-1953


VON: GÜNTER ACKERMANN






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