Zur SoZ-Debatte* über die Möglichkeit sozialistischer Entwickung in der ehemaligen DDR

10.04.10
SozialismusdebatteSozialismusdebatte, Debatte, TopNews 

 

Von Anton Holberg                    

* In der "Sozialistischen Zeitung" wird seit der Nr.2/2010 eine durch einen Artikel der SoZ-Redakteurin Angela Klein in der SoZ Nr.11/2009  angestoßene Debatte über die Frage geführt, ob in der DDR eine sozialistische Entwicklung möglich gewesen wäre. Diese Debatte wurde bisher von Arno Klönne, der SoZ-Redakteurin Angela Klein, Heiko Bolldorf und Saral Sarkar bestritten. Nachfolgend ein Beitrag von Anton Holberg, der noch nicht in der SoZ erschienen ist.

Wenn die erste Voraussetzung des Sozialismus im Sinne Marxens die politische Herrschaft der Arbeiterklasse ist (“Diktatur des Proletariats”) und wenn Marxens Satz, dass die Arbeiteklasse sichnur selbst befreien kann, zutrifft – was wohl impliziert, dass ihre Fähigkeit, die herrschenden Klassen, insbesondere die Bourgeoisie, zu stürzen, die Voraussetzung dafür ist, dass sie auch ihren eigenen Staat lenken kann, der auf die eine oder andere Weise bis zur Erreichung kommunistischer, d.h. klassenloser Verhältnisse fortexistieren muss - , dann scheint es mir doch offensichtlich zu sein, dass keine Gesellschaft  im Marx’schen Sinn sozialistisch, d.h. auf dem Weg zum Kommunismus sein kann, deren Arbeiterklasse sich als nicht in der Lage erwiesen hat, die Bourgeoisie auch nur politisch zu stürzen.
Die einzige für gewisse Zeit erfolgreiche Revolution bislang, in derdie Arbeiterklasse diese Fähigkeit gezeigt hat, ist die russische Oktoberrevolution von 1917. Und auch diese ist durch eine Reihe von Faktoren gekennzeichnet, die für den Weg der proletarischen Revolution im Sinne Marxens eher untypisch sind, als da vorallem wären: 1. eine zwar hochkonzentrierte aber nur ca. 5% der Gesamtbevölkerung stellende Arbeiterklasse in einem ökonomisch, politisch und kulturell recht rückständigen Land, 2. eine Arbeiterklasse, die ihre Herrschaftnur durch die Unterstützung der Bauernschaft für recht kurze Zeit verteidigen konnte, einer durch den Ersten Weltkrieg bewaffneten Bauernschaft, deren Ziel Brot, Boden  und Frieden, aber wohl kaum ein Sozialismus im Marx’schen Sinn war. Bereits Lenin hatte darauf hingewiesen, dass die Arbeiterklasse ihre durch die Räte gegebene Herrschaft im Verlauf des Bürgerkrieges de facto weitestgehend eingebüßt habe, dass eher die bolschewistische Partei für sie herrsche, dass in Realität aber die Bürokratie die Kommunisten leite.
Bei dieser Herrschaft handelte es sich wohlbemerkt um eine politisch definierte – schon sehr bald bürokratisch deformierte – “Diktatur des Proletariats” und nicht etwa um eine “sozialistische” oder gar “kommunistische” sozioökonomische Formation. Für deren Erreichung sind zwar umfassende Verstaatlichung unabdingbar, aber Verstaatlichung ohne reale Herrschaft der Arbeiterklasse verträgt sich, wie die Klassikerdes Marxismus betonten, theoretisch durchaus mit dem Kapitalismus. Im Laufe der 20er Jahre, speziell unter der Führung von Josef Stalin als Repräsentant der nachrevolutionären und im Wesentlichen konservativen Bürokratie, entstand so schrittweise eine Gesellschaftsordnung, in der diese Bürokratie die Rolle der gestürzten und größtenteils emigrierten oder vertriebenen privaten Bourgeoisie – gewissermaßen als eine Regentenklasse – übernahm. Das war eine Gesellschaftsordnung, die m.E. ungeachtet aller Spezifika gegenüber der des klassischen Kapitalismus nur als kapitalistisch,“staatskapitalisch”, bezeichnet werden kann. Über die
Gesetzmäßigkeiten dieses Staatskapitalismus gibt es in der Linken verschiedene Theorien, die hier nicht diskutiert werden brauchen (u.a. Tony Cliff: Russia – A Marxist Analysis. 1955; Walter Daum: The Life & Death Of Stalinism. New York 1990). Auch der Zeitpunkt der endgültigen Durchsetzung der stalinistischen Konterrevolution ist umstritten, aber die großen Säuberungen von 1937/38 dürfen als letzter Zeitpunkt akzeptabel sein.
Nach all dem wäre zu fragen, was ungeachtet aller persönlichen Vorstellungen und Ziele einer Vielzahl ehrlicher Marxisten und Kader der Arbeiterbewegung, die sich am Aufbau der “realsozialistischen” Staaten beteiligt haben, dazu berechtigen könnte, auch nur von der Möglichkeit einer sozialistischen Entwicklung in den Ländern “realen Sozialismus” zu sprechen. In diesen wurden als Folge des Zweiten Weltkrieges (oder später auch antikolonialer nationaler Befreiungskämpfe) zwar die
einheimische private Bourgeoisie und vorbürgerliche Klassen entmachtet. Das allerdings fand statt meist ohne die Existenz real proletarischer Avantgardeparteien, auf jeden Fall aber ohne eine Revolution durch die jeweilige nationale Arbeiterklasse. Stattdessen wurde der “Sozialismus”  durch das Vorrücken einer Armee eingeführt, die jene der zwar "antifaschistischen"oder genauer konjunkturell antideutschen ("Großer Vaterländischer Krieg")aber dennoch bereits konterrevolutionären stalinistischen UdSSR war. Immerhin wurde ehrlicherweise statt von der “Diktatur des Proletariats” meist von “Volksrepubliken” gesprochen, wobei aber meistens auch das “Volk” nicht gefragt wurde.
Dass der Kapitalismus nur durch die Arbeiterklasse (als Vorhut anderer von ihm unterdrückter und ausgebeuteter Klassen und Schichten)  – und auch nur international! – gestürzt und durch eine Gesellschaft ersetzt werden kann, die der Menschheit eine andere Perspektive als die der Barbarei eröffnet, scheint mit logisch und empirisch offensichtlich zu
sein. Ob die Arbeiterklasse dazu allerdings fähig sein kann oder wird, weiß ich nicht.
Wenn Saral Sarkar (SoZ 4/2010) den Sozialismus als eine Gesellschaft bezeichnet, die nichts mit dem Wohlstandsniveau des Volkes zu tun habe, sondern alleine eine Frage der Verhältnisse der Menschen untereinander sei, dann scheint er mir allerdings den Boden des marxistischen Materialismus, dessen Fehlen er bei Angela Kleins Analyse moniert, selbst zu verlassen. Marx hat schließlich deutlich gemacht, dass unter Bedingungen knapper Ressourcen der Kampf um diese notwendigerweise stattfindet und der Staat nicht absterben könne, da er als Regulatorin diesem Kampf unverzichtbar bleibe. In Hinblick auf das Verhältnis zwischen Sozialismus/Kommunismus und Ökologie stellen sich m.E. vorallem zwei Fragen:
1. wird eine von den Fesseln der bürgerlichen Klassengesellschaft befreite Wissenschaft schnell genug Ersatz für die
zu Ende gehenden bekannten natürlichen Ressourcen der Erde finden, und
2. wird die internationale Arbeiterklasse diese kapitalistische Klassengesellschaft, die zweifellos ein Hinderniss für die umfassende Umsetzung auch der in schon ihrem Schoß erreichten wissenschaftlichen Erkennisse in die Praxis ist, noch stürzen, bevor es einfach zu spät ist? Die bisherige geschichtliche Erfahrung kann diese Frage nicht beantworten, da die Arbeiterklasse die erste Klasse der Geschichte wäre, die als Unterklasse mit allen dazu gehörenden kulturellen Mängeln zur herrschenden Klasse einer Gesellschaft würde.

Anmerkung der Redaktion: Die bisherigen Beiträge der Debatte befinden sich unter www.soz-plus.de







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