Dürfen Kommunisten den Sozialismus kritisierten?

08.02.10
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Von Robert Steigerwald

Dies fragte mich ein Philosophie-Professor aus Aachen. Das war um 1970/72 in Warna, während des Weltkongresses der Philosophie. Er hatte moderat Sozialismus-Kritik geübt. Moderat, denn er befand sich ja nicht im wilden Westen, wo unflätigste Hetze gegen den Sozialismus Staatsdoktrin ist, sondern auf dem Boden eines sozialistischen Landes. Ich widersprach ihm mit Argumenten, darauf hin stellte er die obige Frage.
Ich habe ihm geantwortet: Natürlich dürften Kommunisten den Sozialismus kritisieren, sie hätten dazu sogar eine Handreichung von Marx und Engels und die befände sich im „Manifest der Kommunistischen Partei.“ Ich spürte, dass die einigen Hundert Anwesenden wissen wollten, wie der Kommunist ich hatte mich ja vorgestellt – sich aus der Affäre ziehen werde.
Nun, ich machte sie mit dem Thema Kapitalismus-Kritik in eben jenem Manifest bekannt. Die eigene, die Marx-Engels-Kritik am Kapitalismus folgte nach dem höchsten Hohelied, das zu Beginn des Manifestes je auf den Kapitalismus angestimmt. Dies ergänzten sie zunächst durch den Hinweis auf die utopisch-sozialistische Kapitalismus-Kritik. Die brachten ihre Einwände vor, aber hoben zugleich deren positive Seiten deutlich heraus. Über einige Etappen weiterer Kapitalismus-Diskussion kamen sie dann auf die feudale Kapitalismus-Kritik zu sprechen und dies so: Diese Kritik am Kapitalismus erfolgt vom Boden der Vergangenheit aus, vom Boden jener Gesellschaftsordnung, die der Kapitalismus definitiv aus den Angeln hob, Marx und Engels kennzeichneten diese Kritik als reaktionär.
Aber was hat das nun mit kommunistischer Sozialismus-Kritik zu tun?
Nun, Sozialismus-Kritik vom Boden der bürgerlichen Gesellschaft – wie sie auch der eine oder andere „linke“ Sozialimsus-Kritker übt, also vom Boden der unter dem Gesichtspunkt der Zukunft der Gattung schon längst zum Untergang verurteilten Gesellschaftsordnung des Kapitalismus, des Imperialismus , ist reaktionär. Jawohl, reaktionär. Aber erfolgt eine solche Kritik, auf der Grundlage dessen, was der Sozialismus an Freiheitsorientierungen und Freiheitsversprechungen anbietet, die er- wo er es sie hätte umsetzen aber nicht umgesetzt hat, dies eben wäre, ist namens des Sozialismus zu kritisieren. Da geht es um Fehlentwicklungen, bisweilen auch um schlimmere Dinge. Die darf man als Sozialist, als Kommunist nicht tolerieren, man muss sie entschieden kritisierten! Den Versuch zu wagen, sich damit auseinander zu setzen, ist eine der Bedingungen, die wir erfüllen müssen, wenn wir Vertrauen bei jenen Menschen gewinnen wollen, die für den Kampf um den Sozialismus gebraucht werden. Man könnte sogar zuspitzen und sagen: Diese Art von Sozialismus-Kritik sei offensive Sozialismus-Propagierung.

Robert Steigerwald

 







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