Welchen Sozialismus brauchen wir?


Bildmontage: HF

01.09.13
SozialismusdebatteSozialismusdebatte, Debatte 

 

von Karl Wild

Ein knapper Beitrag zu den Anforderungen an einen Sozialismus der Zukunft aus der Sicht hochentwickelter bürgerlicher Staaten.

Die Anforderungen an eine Übergangs- gesellschaft zum Kommunismus

Heute von einer Gesellschaft des Übergangs zum Kommunismus zu "träumen", mag denjeni- gen abwegig erscheinen, die entweder vor der Realität des kapitalistischen Systems kapituliert haben oder dieses als einzig rationales in der Menschheitsgeschichte betrachten. Doch der Ruf nach einer "anderen, besseren Welt" jenseits des Kapitalismus mag zu Beginn des 21. Jahrhunderts lauter in den Ohren klingen als es den "Herren der Welt" lieb sein kann.

Die Frage nach dem Charakter des Sozialismus impliziert bereits, dass die bisherigen Mo- delle nur sehr begrenzten Vorbildcharakter für zukünftige "Anläufe" zur Überwindung des Kapitalismus haben dürften. Über den "realexistierenden Sozialismus" ist an anderer Stelle viel Kritisches gesagt. Dass der Kapitalismus in der Gegenwart Milliarden Mensch- en ein menschenwürdiges Leben verwehrt, kann nicht oft genug betont werden.

Doch nicht die moralische Kritik am Kapitalismus allein – die Einklagung der Utopie – be- gründet seine denkbare Überwindung, nach Marx reifen "mit den materiellen Bedingung- en und der gesellschaftlichen Kombination des Produktionsprozesses ... die Widersprü- che und Antagonismen seiner kapitalistischen Form" und "gleichzeitig ... die Umwälz- ungselemente der alten Gesellschaft". (KI, S. 526)*

Im Kapitalismus wachsen also selbst die "Umwälzungselemente" der höheren Gesell- schaft heran. Im Zeitalter der forcierten Globalisierung - nicht zuletzt des Produktions- prozesses – und der dynamischen Entfaltung der gesamtgesellschaftlichen Produktiv- kräfte reproduzieren sich die Widersprüche und damit die Möglichkeiten der Transfor- mation der kapitalistischen Ordnung auf höherem Niveau.
Welche materiellen Bedingungen sind nun gegeben?

Mit der Dritten industriellen Revolution (oder dem Fortgang der wissenschaftlich-techni- schen Revolution) erleben vor allem Kommunikation, Informationsverarbeitung und per- sönliche Kreativitätsentfaltung einen enormen Schub. PC und Internet revolutionieren nicht nur die persönlichen oder produktiven Möglichkeiten, sie bilden auch die Basis einer Demokratisierung politischer Prozesse wie der der gesellschaftlichen Planung in der Zukunft. Primäre Anforderung aus den Bedingungen der fortgeschrittensten Staaten an eine Übergangsgesellschaft ist die unmittelbare Partizipation der Gesellschaftsmitglieder an politischen Entscheidungen und den gesamtgesellschaftlichen Planungsprozessen.

Nicht das Absterben des Staates an sich wird erstes Ziel sein, sondern die unmittelbare Einflussnahme der Gesellschaftsmitglieder auf öffentliche Entscheidungsprozesse. Ferner kennzeichnet nicht mehr die reale Unmöglichkeit der materiellen Bedürfnisbefriedigung die globalisierte Welt zu Beginn des 21. Jahrhunderts, sondern die produktionstechni- sche Möglichkeit der weitgehenden Bedürfnisbefriedigung aller Erdenbürger ungeachtet ihrer Herkunft. So entfällt für den zukünftigen Sozialismus der Zwang zur "nachholenden industriellen Entwicklung" um jeden Preis und seine Vernünftigkeit wird sich eher daran messen, die Bedürfnisbefriedigung dort vorrangig zu leisten, wo der größte Mangel herrscht. Internationale Umverteilung steht so über nationaler Entwicklung.

Als dritter systematischer Punkt wäre die Ablösung von Ware-Geld-Beziehungen und die Ersetzung von (weitgefasster) Bedürfnisbefriedigung nach dem Prinzip "Jeder nach sei- ner Fähigkeit, jedem nach seinem Bedürfnis" zu nennen.

Ein Modell hierfür ist z.B. das Prinzip der solidarischen Krankenversicherung, wo jeder nach seinen Möglichkeiten einzahlt und nach seinen individuellen Bedürfnissen Leistung- en erhält. Ein anderes Beispiel wäre ein Steuersystem, dass sich nach den Möglichkeiten des Einzelnen richtet und dafür z.B. umfassend Leistungen nach dem individuellen Be- darf, z.B. nach Bildung oder Wohnraum, gewährt oder versagt. Ferner wird diese Über- gangsgesellschaft zum Kommunismus sukzessive immer weitere Bereiche definieren, die ohne Gegenleistung in Anspruch genommen werden können, wie z.B. der Öffentliche Personennahverkehr, oder Freizeiteinrichtungen.
Als vierter Bereich sei die radikale Neuausrichtung der Arbeitswelt genannt.

Um die historisch so wirksame und gerade im bisherigen Sozialismus so gepflegte Onto- logie der verdinglichten und entfremdeten (Lohn-)Arbeit aufzubrechen, ist eine Ange- botsverknappung der (Ware) Arbeitskraft durch Verlängerung der Ausbildungszeiten und der Verkürzung der Arbeitszeitvolumen gesellschaftlich durchzusetzen bei gleichzeitiger Nachfrageerhöhung nach Arbeit vor allem in öffentlichen Bereichen der sozialen Dienste, der Bildung, Forschung, im Kultursektor und im Umweltschutz.

Die Anforderungen an eine zukünftige Gesellschaft sind somit nicht mehr abstrakt zu formulieren, wie z.B. Abschaffung der Ausbeutung und des Privateigentums, sondern müssen sich daran messen lassen, wie sie die Partizipation an der Gesellschaft und ihrem Reichtum konkret befördern. Und dies darf nicht länger im begrenzten national- staatlichen Rahmen der am weitest entwickelten Länder gesehen werden, sondern muss diesen partiell und strukturell aufheben und das "Streben nach Glück" aller Menschen dieser einen Welt als Ausgangspunkt haben.
Wem dies zu idealistisch (moralisch oder opportunistisch) erscheint, ist herzlich zur Diskussion eingeladen!

*(KI: Karl Marx, Das Kapital, Band 1, MEW 23)

Karl Wild


VON: KARL WILD






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