@ ethnisch-kulturelle Spezifitäten sexueller / sexualisierter Gewalt


Bildmontage: HF

06.02.16
FeminismusFeminismus, Debatte 

 

Teil II meiner Antwort an Micha Schilwa

Von TaP

Teil I meiner Antwort auf den Text von Micha Schilwa vom 20.1. endete in der vergangenen Woche – nach einer Rekapitulation des linken Umgangs mit Vergewaltigungen, deren Täter weiße Männer sind – mit der Frage: „Was qualifiziert also die geschlechter-gemischte, weiße, deutsche Linke zu einer Hardliner-Position ausgerechnet gegenüber nicht-weißen, nicht-deutschen Tätern in Sachen sexueller/sexualisierter Gewalt?“

Ich gab darauf die Antwort „Nix!“. Auch die nächsten (letzten) vier Absätze seien – um wieder in den Lesefluß / Argumentationszusammenhang reinzukommen – noch einmal wiederholt, bevor es dann mit neuem Text weitergeht:

Micha Schilwa mag gegen meine „Nix!“-These einwenden, daß die von mir erörterten Vergewaltigungs-Fälle eine andere „Hausnummer“ als Kölner „Domplatte“ seien. Ja, das ist insofern zutreffend, als es sich bei den in Teil I. meines Textes aufgelisteten Fällen um Täten einzelner Männer und nicht um Gruppen-Taten handelt.

Auch dazu ist allerdings zu betonen – Micha Schilwa schreibt: „Allerdings kann jedenfalls ich mich nicht erinnern, dass sich beim Oktoberfest jemals 1000 Männer gleichzeitig zu räuberischer Erpressung[1] und sexueller Nötigung zusammengerottet bzw. sich hierfür vorher über soziale Netzwerke verabredet hätten.“

1. Nein, nicht „1000 Männer gleichzeitig [haben sich] zu räuberischer Erpressung und sexueller Nötigung zusammengerottet“. Vielmehr haben aus einer Menge von 1.000 Männern, die vielleicht weit überwiegend ausgesprochen raumgreifend war, zu einem erheblichen Anteil stark alkoholisiert war und Pyrotechnik in rücksichtsloser Weise verwendete, ein paar Dutzend oder vielleicht auch ein paar hundert Männer die fraglichen Straftaten verübt: einige Eigentumsdelikte, andere auch Sexualstraftaten.[2]

Und 2.: Da ja jedenfalls zwischen mir und Micha Schilwa unstrittig ist, daß die Kölner Taten politisch zu verurteilen und juristisch strafwürdig sind, ist die Frage nur, … [ab hier nun neuer Text]

•    ob der „Hausnummer“-Unterschied eine Ethnisierung von sexueller/sexualisierter Gewalt und Forderungen bzgl. Abschiebungen trägt

und

•    ob, falls überhaupt, die weiße, deutsche, geschlechter-gemischte Linke dafür, dies auszusprechen bzw. zu fordern, in einer geeigneten Sprechposition ist. – Und Letzteres wird durch die von mir in Teil I aufgelisteten szene-internen Fälle und den Umgang dieser Linken mit diesen Fällen negiert.

Slutwalks – Veranstaltungen zur Ehrenrettung der geschlechter-gemischten, weißen Linken?

Micha scheint dies anders zu sehen und beruft sich dafür auf die Slutwalks: „In Deutschland können sich Frauen anziehen wie sie wollen – entscheiden sie sich für ‚sexy outfit’, ist das kein Hinweis auf gar nichts. Die ‚Slutwalks’ werden von links begrüßt oder gar gefeiert. Aber was hat die ‚PC-Fraktion’ daraus gelernt? Hier zum Mitschreiben nochmal die zentrale Losung: This is a dress, not a Yes!“

Die Slutwalks fanden ja aber statt, weil das sowohl in Kanada (= Auslöser der Slutwalks) als auch hier durchaus nicht so klar und unumstritten ist. Auslöser der Slutwalks war, daß „ein Vertreter der Polizei in Toronto einen vermeintlichen Sicherheitshinweis in Bezug auf das Vermeiden sexualisierter Gewalt zum Besten [gab]: ‚women should avoid dressing like sluts in order not to be victimized’. Dies steht für ein Klima, in dem von sexualisierter Gewalt betroffene Frauen für Vergewaltigungen und sexuelle Übergriffe verantwortlich gemacht werden. Auch, dass angebliche Zusammenhänge zwischen Kleidung und sexualisierter Gewalt längst als Mythen entlarvt wurden, wird ignoriert.“ (http://slutwalkhamburg.blogsport.de/aufruf/)

Die These jedenfalls in dem Hamburger Slutwalk-Aufruf war nicht, daß sich hier in Deutschland ab und an mal einzelne Männer schlecht gegenüber einzelnen Frauen verhalten, sondern, daß wir „in einem System zu leben, das sexualisierte Gewalt, Übergriffe und Belästigungen verharmlost, legitimiert und den Betroffenen die Schuld gibt!“ Und als Ziel wurde formuliert: „Gemeinsam müssen wir gesellschaftliche Strukturen, die Sexismus hervorbringen überdenken, aufbrechen und uns auch mit anderen Herrschaftsmechanismen kritisch auseinandersetzen.“ Leider reichte der Impuls der Slutwalks nicht besonders weit...

Ich war damals mit einigen männlichen Genossen aus einer anderen Gruppe mit zwei Transpis beim Slutwalk „Vergewaltigen ist männlicher doing gender.“ und „Geschlechter abschaffen – Männer zuerst.“ Dazu hatten wir dieses Flugblatt verteilt: http://theoriealspraxis.blogsport.de/images/Vierte_WelleFINAL.pdf (vgl. als Antwort auf eine der Kritiken an unseren Transpis auch noch: http://theoriealspraxis.blogsport.de/2011/08/19/slutwalk-noch-eine-antwort-auf-kritik-an-unserem-transpi/). – Von der Sozialistischen Initiative Berlin-Schöneberg, in der ich damals unter anderem zusammen mit Micha Schilwa organisiert war, war außer mir keineR beim Slutwalk...

Nun mag ja sein, daß Parolen und Flugi den meisten (auch wohlmeinenden) Männern und auch vielen FrauenLesben, sogar einigen feministischen, ‚zu radikal’ waren – aber SIB-Mitglieder waren auch mit anderen Parolen nicht beim Slutwalk – soviel dazu, wie sehr die Slutwalks „von links begrüßt oder gar gefeiert“ wurden.

http://theoriealspraxis.blogsport.de/images/Transpi_in_Bew1.jpg

Quantitative mehr-wenig-Differenz oder sogar „Kulturbruch“ oder vielmehr Varianten von rape culture?

Micha Schilwa beruft sich außerdem auf Angela Klein (isl) und schreibt: „Angela Klein schreibt zurecht von ‚Massenangriffen auf Frauen, die eine neue Qualität haben und in gewisser Weise einen Kulturbruch darstellen’ (so viel Klartext hätte ich mir auch von anderen gewünscht).“

Nur nennt Micha leider keine Quelle für dieses Zitat, und ich konnte es auch nirgends im internet finden. Via systemcrash bin ich auf eine andere Formulierung von Angela Klein gestoßen, in der sie den Ausdruck „Kulturbruch“ zwar referiert, aber sich nicht zu eigen macht:

„Sind die Ereignisse in Köln vergleichbar mit sexuellen Übergriffen auf dem Oktoberfest oder beim Kölner Karneval? In zweierlei Hinsicht sind sie das nicht: Sie gingen vielfach mit Diebstahl einher und es war eine Massenaktion. Vor allem letzteres hat die Gemüter so aufgeschreckt, dass von einem ‚Kulturbruch’ die Rede war. […]. Sind die Übergriffe ein ‚Ausländer’-Problem? Eher nicht. […]. Sexismus manifestiert sich in Finnland anders als in Marokko, existieren tut er dennoch in beiden Gesellschaften. Was wir jedoch gerade erleben ist, dass Sexismus als Element nur einer spezifischen Religion und Kultur in den Blick gerückt wird und eben nicht als Teil männlicher Herrschaft. ‚Diese männliche Herrschaft gilt es überall in Frage zu stellen’, heißt es in einem sehr lesenswerten Interview von Zeit Online mit zwei Feministinnen.“ (http://www.sozonline.de/2016/02/das-nein-der-frau-muss-reichen/)

Ich möchte daher noch mal meine These aus dem ersten Teil meines Textes wiederholen: Die Etnisierung/Kulturalisierung[3] sexueller/sexualisierter Gewalt läuft „auf eine Selbst-Exkulpierung der – von antiimperialistisch bis antideutsch; von trotzkistisch über (post)autonom bis maoistisch und sogar queer – fast durchweg täterschützerischen geschlechter-gemischten, weißen, deutschen Linken hinaus“. Handelt es sich also bei der Kölner Silvesternacht tatsächlich um einen „Kulturbruch“ oder vielmehr um eine weitere Ausformung von herrschender rape culture[4] (so die These von Stefanie Lohaus und Anne Wizorek: „Die Rape Culture wurde nicht nach Deutschland importiert – sie war schon immer da“[5] / „Dass Frauen im öffentlichen Raum sexuell belästigt werden, ist nicht neu. Aber die Massivität, in der das offenbar in Köln geschehen ist, die ist neu.“[6])?

Micha macht geltend:

„Der durchschnittliche Mann aus muslimisch geprägten Ländern hat eine andere, nämlich patriarchalischere Einstellung gegenüber Frauen als der durchschnittliche europäische Mann. Das hat verschiedene soziale, politische und ökonomische Gründe (Wohlstands-/Bildungsgefälle, unterschiedliche Wirkung von ‚68’ und ‚Neuer Frauenbewegung’ u.v.m.), [...]. Für die große Mehrheit der muslimischen Männer steht der Mann über der Frau, Sie hat Ihm zu gehorchen und auch sexuell zu Verfügung zu stehen. Sie hat ihr Haar zu bedecken oder auch den ganzen Körper oder auch das Gesicht, wenn er es wünscht. Das alles kann von der Mehrheit der europäischen Männer nicht behauptet werden. Um es polemisch mit Samuel Schirmbeck (auf den ich gleich noch zu sprechen komme) auf den Punkt zu bringen: Im Maghreb, im Nahen und mittleren Osten und in Arabien ist für die dortigen Frauen jeden Tag ‚Oktoberfest’.

Ein bestimmter Blick auf die ‚eigenen’ Frauen generiert fast zwangsläufig einen sozusagen komplementären Blick auf die ‚fremden’ Frauen. Wenn die ihr Haar nicht bedecken, sind sie zumindest ‚ehrlos’, gehen sie im Minirock in die Öffentlichkeit, sind sie ‚Schlampen’ oder ‚Nutten’, also Freiwild. Wer das für übertrieben, rechtspopulistisch oder gar rassistisch hält, mache den Praxistest und besuche am Wochenende eine beliebige Disco z.B. in Berlin – wie sich v.a. arabische junge Männer dort gegenüber deutschen Frauen und Mädchen benehmen, spottet teilweise jeder Beschreibung.“

Ich möchte meine Gegen-These wie folgt formulieren: Ja, es gibt regionale (und historische) Unterschiede in der konkreten Ausgestaltung des Patriarchats, die aber ihrerseits ohne Berücksichtigung von 500 Jahren der kolonialen und neokolonialen Beherrschung und Beeinflußung des Trikonts durch weiße EuropäerInnen[7], nicht adäquat analysiert werden können.[8] Aber die „begrenzte Vielfalt und eintönige Ähnlichkeit“[9] des Patriarchats läßt sich nicht auf ein quantitatives „durchschnittlich […] patriarchalischere Einstellung“ herunterbrechen. Vielmehr handelt es sich um unterschiedliche Formen von „hegemionaler Männlichkeit“[10] und unterschiedliche Formen von Verhaltenserwartungen an und Verhaltensmöglichkeiten für Frauen.

Gehen wir die einzelnen Behauptungen von Micha durch:

•    „Der durchschnittliche Mann aus muslimisch geprägten Ländern hat eine andere, nämlich patriarchalischere Einstellung gegenüber Frauen als der durchschnittliche europäische Mann.“

Woher weiß Micha das? Wie werden solche Einstellungen gemessen? (Wie) wirken sich solche Einstellungen auf das Handeln, insb. die Ausübung sexueller/sexualisierter Gewalt aus?[11]

•    „Das hat verschiedene soziale, politische und ökonomische Gründe (Wohlstands-/Bildungsgefälle, unterschiedliche Wirkung von ‚68’ und ‚Neuer Frauenbewegung’ u.v.m.), [...].“

a)aa) „37 Prozent aller Männer, die ihre Partnerin quälen, sind Akademiker.“ (http://www.brigitte.de/frauen/gesellschaft/gewalt-gegen-frauen-fakten-1031214/)

bb) Auch die meisten Leute der in Teil I meines Textes erwähnten linken Gruppen dürften im formellen Sinne oder jedenfalls im informellen Sinne (Selbststudium) überdurchschnittlich gebildet sein, insb. was gesellschaftliche Verhältnisse, Fragen von Herrschaft, Gewalt und Ausbeutung betrifft. Hat diese ‚Bildung’ signifikante Auswirkungen auf deren patriarchale oder weniger patriarchale Einstellungen, zumal deren tatsächliches Verhalten? Jedenfalls Angelika Wetterer spricht spezifisch für den Bereich der Hausarbeitsverteilung von einer bloß „Rhetorischen Modernisierung“ bei denjenigen, die sie vertreten.

b) Die „sexueller Revolution“ der 68er-Männer war keine feministische Revolution; die Neue Frauenbewegung konstituierte sich u.a. auch dagegen:

„Auf der 24. Delegiertenkonferenz des SDS in Hannover treten die Weiberräte formiert und selbstbewusst auf. Der Frankfurter Weiberrat verteilt ein Flugblatt mit dem Titel ‚Rechenschaftsbericht’ und der provokativen und legendären Forderung: ‚Befreit die sozialistischen Eminenzen von ihren bürgerlichen Schwänzen!’ Die Genossen, die im Zuge der Sexuellen Revolution den Slogan lanciert hatten: ‚Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment’, reagierten pikiert. Geschlechterstreit lag in der Luft.“

(www.frauenmediaturm.de/themen-portraets/chronik-der-neuen-frauenbewegung/vorfruehling-1968-1970/)

In dem Flugblatt hieß es:

‚Wir machen das Maul nicht auf’; wenn wir es doch aufmachen, ‚kommt nichts raus’; wenn wir es auflassen, wird es uns gestopft: mit kleinbürgerlichen schwänzen, sozialistischem bumszwang, sozialistischen kindern, liebe, sozialistischer geworfenheit, schwulst, sozialistischer potenter geilheit, sozialistischem intellektuellem pathos, sozialistischen lebenshilfen, revolutionärem gefummel, sexualrevolutionären argumenten, gesamtgesellschaftlichem orgasmus, sozialistischem emanzipationsgeseich GELABER! […] kotzen wir’s aus: sind wir penisneidisch, frustriert, hysterisch, verklemmt, asexuell, lesbisch, frigid, zukurzgekommen, irrational, penisneidisch […].“

Flugblatt des Frankfurter Weiberrates, das 1968 bei der SDS Delegierten-Konferenz verteilt wurde

http://www.uni-klu.ac.at/gender/downloads/Politisierung.pdf, S. 18 /

http://queerhistory.de/unterricht/lesbische-emanzipation-im-historischen-wandel

•    „Für die große Mehrheit der muslimischen Männer steht der Mann über der Frau, Sie hat Ihm zu gehorchen und auch sexuell zu Verfügung zu stehen.“

Und was wird in der Ablehnung von Quotierungsforderungen, was wird in verbaler sexueller Belästigung auf der Straße[12], was wird in sexueller/sexualisierter Gewalt von weißen, deutschen Männern artikuliert, wenn nicht der Anspruch, daß Männer über Frauen und Letztere Ersteren sexuell zur Verfügung zu stehen haben?! Was artikulierte der Umstand, daß der deutsche Straftatbestand der Vergewaltigung bis 1997 auf den außerehelichen Bereich begrenzt war, wenn nicht den Umstand, daß diese Vorschrift in einer Tradition stand, in der sie eher den Monopolanspruch des Ehemanns auf ‚seine’ Frau als die FrauenLesben zu schützen suchte?[13] Und welche Kultur- oder Religions-Differenz machen die 18 Jahre zwischen 1997 und heute fett – zumal auch die 1990er und 2000er Jahre alles anderes als eine lineare Erfolgsgeschichte für den Feminismus in Deutschland waren[14]?

•    „Im Maghreb, im Nahen und mittleren Osten und in Arabien ist für die dortigen Frauen jeden Tag ‚Oktoberfest’.“

Genauso gut ließe sich sagen, daß der Umstand, daß in Kuwait 72 % der Mathematik oder Informatik Studierenden Frauen sind (S. 6)[15], in Deutschland dieser Anteil aber – je nach Hochschultyp/Studiengang – nur 14 bzw. 23 % beträgt (S. 3), zeige, daß auf dem deutschen Arbeitsmarkt quasi die Verhältnisse herrschen, die in Saudi-Arabien beim Autofahren gelten.

•    „Wenn die ihr Haar nicht bedecken, sind sie zumindest ‚ehrlos’, gehen sie im Minirock in die Öffentlichkeit, sind sie ‚Schlampen’ oder ‚Nutten’, also Freiwild. Wer das für übertrieben, rechtspopulistisch oder gar rassistisch hält, mache den Praxistest und besuche am Wochenende eine beliebige Disco z.B. in Berlin – wie sich v.a. arabische junge Männer dort gegenüber deutschen Frauen und Mädchen benehmen, spottet teilweise jeder Beschreibung.“

a) Satz 1 bleibt noch (jedenfalls für westliche Gesellschaften; ob sich die Untersuchungen für westliche Länder auf andere Länder verallgemeinern lassen, weiß ich nicht, erscheint mir aber wahrscheinlich) in der Logik der rape culture. Denn der von Micha zitierte Satz, „This is a dress, not a Yes!“, soll nicht nur zum Ausdruck bringen, daß es das gute Recht von FrauenLesben ist, sich zu kleiden, wie sie wollen, ohne vergewaltigt zu werden. Zugleich geht es um Kritik an der falschen Erklärung von Vergewaltigungen – wie schon zitiert: „Auch, dass angebliche Zusammenhänge zwischen Kleidung und sexualisierter Gewalt längst als Mythen entlarvt wurden, wird ignoriert.“ (http://slutwalkhamburg.blogsport.de/aufruf/) Die männliche Machtdemonstration, die in Vergewaltigungen liegt, findet unabhängig von vorherigem (Kleidungs-)Regelverstoß von FrauenLesben statt.

b) Mache den Praxistest und richte einen feministischen Blog ein und lese die Kommentare, die dort Männer, die muttersprachliches Deutsch schreiben und ohne positive religiöse Bezüge auf den Islam auskommen, für Kommentare posten… (vgl. http://hatr.org/)

c) Wieviel „arabische junge Männer“ kommen denn – angesichts rassistischer Einlaßpraktiken[16] – überhaupt in Berliner Diskotheken rein?

Die tatsächlichen Spezifika der Kölner Silvesternacht

Sowohl die Zahl der Anzeigen pro Zeiteinheit und demgemäß auch die Zahl der Täter scheint höher zu sein, als bei organisierten Massenveranstaltungen mit überwiegend weißen, deutschen Tätern/Teilnehmern. Allerdings bin ich allein auf Zahlen zum Münchener Oktoberfest gestoßen. Ob es beispielsweise in den Karnevalshochburgen Erhebung zur Karnevalszeit gibt, weiß ich nicht.

•    Die Zahlen für das Münchener Oktoberfest lauten: „2015 gab es 20 Anzeigen aufgrund von Sexualdelikten[17], darunter eine versuchte Vergewaltigung.“ (Kristina Gottlöber von „Sichere Wiesn“ im taz-Interview). „2008 kam es den Behörden zufolge zu vier Vergewaltigungen, 2009 zu sechs, vorletztes Jahr zu zwei und dieses Jahr zum Glück nur zu einer versuchten Tat.“ (FAZ unter Berufung auf die Pressestelle des Münchener Polizeipräsidiums).

•    Wo die – z.B. von Susanne Kühn von der GAM und Suphi Toprak von RIO genannte – höhere Zahlen von 10 angezeigten Vergewaltigungen und einer Dunkelziffer von 200 in letzter Instanz herkommt, scheint unklar zu sein. Sie stammt wohl aus einem taz-Artikel von 2009, der seinerseits keine Quelle nennt: „Rund 10 Vergewaltigungen pro Oktoberfest gehen in die Statistik ein – die Dunkelziffer wird auf 200 geschätzt“. Von dort wurde sie von der #Aufschrei-Autorin Anne Wizorek und  Stefanie Lohaus in einen Vice-Artikel und verschiedene Interviews übernommen.

•    Trotz des Fehlens einer präzisen Quellenangabe scheint es mir allerdings übertrieben zu sein, wenn die höheren Zahlen von der FAZ schlicht zu einer „Lügenzahl“ erklärt werden. Wahrscheinlich erscheint mir vielmehr Folgendes: Die Zahl „10“ bezieht sich nicht ausschließlich auf Vergewaltigungen, sondern auch auf sexuelle Nötigungen oder alle Sexualdelikte und die Dunkelziffer von 200 ergibt sich aus allgemeinen (nicht oktoberfest-spezifischen) Untersuchungen: „Grundsätzlich lässt sich sagen, dass bei Vergewaltigungen das Dunkelfeld zehn bis zwanzig[18] mal so groß ist ist wie die tatsächlich angezeigten Straftaten.“ (Kristina Gottlöber von „Sichere Wiesn“ im taz-Interview)

•    Kristina Gottlöber lehnt es allerdings ab, diese allgemeinen Zahlen direkt auf das Okoberfest zu übertragen: „wir haben keine wissenschaftliche Grundlage dafür, halten das somit für unprofessionell. […]. Mir als feministische Frau und Pädagogin reicht es jedoch aus, zu sagen, dass es ein großes Dunkelfeld gibt. Wir als Einrichtung müssen den Frauen vor Ort zur Seite stehen und auf das gesellschaftliche Problem allgemein aufmerksam machen. Jeder Übergriff ist einer zu viel.“ Zusätzlich zu diesen grundsätzlichen Überlegungen ist zu berücksichtigen, daß manche Umstände, die FrauenLesben bei Taten im sozialen Nahbereich davon abhalten, Vergewaltigungen anzuzeigen, bei Taten durch Unbekannte im öffentlichen Raum nicht vorliegen. Allerdings sind beim Oktoberfest sicherlich auch Gruppen von Bekannten, Verwandten oder KollegInnen unterwegs, unter denen es zu Sexualstraftaten kommt.

Trotzdem bewegen sich die Zahlen für die Kölner Silvesternacht in einem anderen Bereich (allein schon absolut und erst recht, wenn wir berücksichtigen, daß das Münchener Oktoberfest eine mehrtägige Veranstaltung ist, während die Kölner Straftaten in einem Zeitraum von nur 11 Stunden von 20 Uhr am Silvesterabend bis 7 Uhr am Neujahrsmorgen stattfanden[19]):

 

Für diejenigen, die’s ganz genau wissen wollen...

 

(der Rest kann nach dem Kasten weiterlesen)

 

    Laut Bericht des Kölner Polizeipräsidiums wurden bis zum 8.1. 170 Taten mit 210 Geschädigten und 19 Tatverdächtige erfaßt.[20] Von den zuletzt genannten 19 sind 7 Marokkaner, 2 unbekannter Staatsangehörigkeit; je eine Person ist albanischer, tunesischer, syrischer, libyscher, iranischer, türkischer bzw. somalischer Staatsangehörigkeit; drei sind algerischer Staatsangehörigkeit. Die meisten sind Asylbewerber; 5 halten sich illegal in der BRD auf; der Aufenthaltsstatus eines Verdächtigen wird als „unbekannt“ klassifiziert. Der Verdächtige türkischer Staatsangehörigkeit hat anscheinend einen Aufenthaltstitel und ist bereits 2011 einmal wegen eines Sexualdelikt polizeilich auffällig geworden. Welcher Straftaten (Eigentums- und/oder Sexualdelikte?) die Verdächtigen verdächtigt werden, geht aus dem Bericht nicht hervor.

    Bis zum 10. Januar wurden es laut Bericht des nordrhein-westfälischen Innenministeriums 516 Strafanzeigen. Von diesen betrafen 237 (= 46 %)  Sexualstraftaten, unter diesen wiederum 107 (= 21 % von 516 bzw. 45 % von 237) zugleich Diebstahldelikte. Die anderen 279 Anzeigen betrafen Eigentums- und Körperverletzungsdelikte.[21]

    Bis zum 18. Januar 2016 erhöhte sich die Zahl der Anzeigen auf 821 Anzeigen, davon 359 (= 44 %) wegen Sexualdelikten (von diesen wiederum zugleich 207 [= 25 % von 821 bzw. 58 % von 359] wegen Diebstahl) und 462 wegen „Eigentums-, Raub- und Körperverletzungsdelikten“. Die Anzeigen betreffen 1.049 Geschädigte, davon 482 Geschädigte wegen Sexualdelikten.[22]

    Die Zahl der angezeigten Vergewaltigungen unter den angezeigten Sexualdelikten ist unklar (auf dem Stand vom 08.01. handelte es sich um 2 bis 4 Situationen mit sieben oder mehrere Geschädigten);[23] in dem Bericht des Nordrhein-Westfälischen Innenministeriums, der sich auf dem Stand vom 18.1. befindet, wird anscheinend durchgängig nicht zwischen einfacher sexueller Nötigung (§ 177 Abs. 1) und sexueller Nötigung durch Gruppen (§ 177 Abs. 2, 2. Alt.) einerseits und Vergewaltigung (§ 177 Abs. 2, 1. Alt.) andererseits unterschieden; allein minder schwere Fälle nach Abs. 5 sind extra klassifiziert[24].

    Zu den Vergewaltigungen kommen auf dem Stand vom 8.1. eine ganze Reihe von sexuellen Nötigungen hinzu; die weitaus meisten der Taten, die in der Berichterstattung als „Sexualdelikte“ bezeichnet werden, sind auf dem Stand vom 8.1. aber nicht als Straftaten im Sinne des Abschnittes „Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung“ des StGB klassifiziert, sondern als „Beleidigung sex.“. Dies kann zum einen verbale Beleidigungen umfassen; zum anderen ist die Klassifizierung aber auch eine Notlösung, um zumindest manche körperlichen Handlungen, die mangels Überschreitung der Erheblichkeitsgrenze des § 184h StGB nicht als sexuelle Nötigung verfolgt werden können, als Beleidigungen verfolgen zu können. (Dies durchaus – Hinblick auf den implizierten Ehr-Begriff[25] – durchaus nicht unproblematische Notlösung kann immerhin darauf gestützt werden, daß § 185 StGB von Beleidigungen, die „mittels einer Tätlichkeit begangen“ werden, gesprochen wird.) Anzumerken ist noch, daß ich ohne zu zählen, den Eindruck habe, daß der Anteil der sexuellen Nötigungen an der Gesamtzahl der angezeigten Taten auf dem Stand vom 18.1. deutlich größer ist als noch am 8.1. (Dies könnte daran liegen, daß es schwieriger ist, sich als Opfer einer sexuellen Nötigung zu outen, als sich als Opfer eines Eigentumsdelikt oder einer sog. „Beleidigung sex.“ zu outen, ggf. auch erst Unterstützung durch eine Beratungsstelle oder Anwältin gesucht wird. Außerdem dürfte die öffentliche Aufmerksamkeit erleichtert haben Anzeige zu erstatten, da im vorliegenden Fall jedenfalls nicht damit zu rechnen ist, daß die Anzeigen einfach als ausgedachte Geschichten abgetan werden.)

    Die Zahl der ermittelten Verdächtigen erhöhte sich zum 18. Januar 2016 auf 30, davon nunmehr 13 Marokkaner, 12 Algerier, zwei Afghanen, je ein Verdächtiger hat tunesische, libysche bzw. iranische Staatsangehörigkeit. Ob die vormals Verdächtigen anderer Staatsangehörigkeit (s. oben) entlastet wurden, ergibt sich aus der Tabelle nicht. Nur sechs der 30 Verdächtigen werden Sexualdelikten verdächtigt (darunter ein minderjähriger und zwei erwachsene Asylbewerber, zwei Männer mit Aufenthaltserlaubnis seit 2014 bzw. 2015 und ein im Ausländerzentralregister nicht erfaßter Mann).[26]

    Von den 30 Verdächtigen sind 15 Asylbewerber (davon elf, die erstmals nach Anfang September 2015 in Deutschland registriert wurden) und 11 Personen, die sich vermutlich illegal in Deutschland aufhalten, 2 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge und 2 Personen mit Aufenthaltsgenehmigung.[27]

 

Erklärt nun der hohe Anteil marokkanischer und algerischer Staatsangehöriger sowie deren mutmaßlich islamischer religiöse Glauben die sexuelle Komponente der Taten? Meines Erachtens nicht

•    Erstens: Bloße statistische Korrelation beweist keine Kausalität[28], sondern kann allenfalls eine Hypothese, die dann genauer untersucht werden müßte, nahelegen.

•    Zweitens ist die Datenlage sehr dünn: sechs Verdächtige bei fast 500 – durch Sexualdelikte der unterschiedlichen Art – Geschädigten... Aber nehmen wir ruhig an, die Augenschein-Klassifizierung der Menschenmenge in der Kölner Silvesternacht zwischen Hauptbahnhof und Dom durch die Geschädigten und die Polizei als ‚nordafrikanisch/arabisch’ ist zutreffend.

•    Drittens: Im juristischen Sinne (also außerhalb des feministischen Anspruchs auf weibliche Definitionsmacht in Bezug auf Sexualdelikte[29]) haben wir es mit bloß Verdächtigen und (noch) nicht mit erwiesenen Täter zu tun.

•    Viertens, wenn wir uns trotzdem an die vorliegenden Zahlen halten, so sprechen sie m.E. deutlich stärker gegen als für die Religionshypothese. Denn der Anteil der marokkanischen und algerischen Staatsangehörigen unter den Tatverdächtigen liegt weitaus höher als deren Anteil unter allen in der BRD lebenden Männern islamischen Glaubens (unter denen der Anteil türkischer und inzwischen vielleicht auch deutscher Staatsangehöriger hoch ist) und sicherlich auch höher als deren Anteil unter allen seit Sommer 2015 in die BRD Zugewanderten (unter denen wiederum der Anteil der Syrier hoch ist). Wenn Religion der ausschlaggebende Faktor wäre, wäre innerhalb der jeweiligen Glaubensrichtung (hier: islamisch) eine in etwa repräsentative Verteilung der verschiedenen in Betracht kommenden Staatsangehörigkeiten zu erwarten. Dies ist aber eindeutig nicht der Fall, bzw. es wäre zu erwarten, daß Taten des Kölner Typs zu früherer Zeit schon von seinerzeit neu Zugewanderten Türken oder Kurden muslimischen Glauben begannen worden sind; aber auch dies ist nicht der Fall.

•    Wir sollten uns also auch im vorliegenden Fall – wie in fast allen Fällen von sexueller/sexualisierter Gewalt gegen Frauen – an den ganz eindeutigen Umstand halten, daß die Täter Täter (und keine Täterinnen) – also Männer sind! „Sexualisierte Gewalt ist ein Hauptsymptom für die Ungleichheit zwischen Männern und Frauen. [...]. Aber wir sehen schon lange bei unserer Arbeit [...], dass es weniger um Religion als um den Machterhalt der Männer geht.“ (http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/frauenrechtlerin-monika-hauser-im-interview-ueber-sexualisierte-gewalt-14027180-p2.html)

 

Ich würde daher vorschlagen wollen, die Fragestellung von einer ethnisierenden bzw. kulturalisierenden Betrachtungsweise zu der Frage zu verschieben:

Warum sind gerade diese Männer an diesem Tag in dieser Art und Weise zu Tätern geworden, und warum gibt es so viele angezeigte Taten?

Um dieser Frage nachgehen zu können (wir werden sie bei unserem gegenwärtigen Erkenntnisstand eh nicht abschließend beantworten können), müssen wir zunächst noch klären, was denn diese spezifischer Kölner Silvester-Art und Weise ausmachte.

Wie schon in Teil I gesagt:

•    Sexuelle/sexualisierte Gewalt ist nichts Ungewöhnliches in Deutschland.

•    Auch wenn Vergewaltigungen überwiegend im sozialen Nahbereich stattfinden, so sind verbale und körperliche sexuelle Belästigungen auf der Straße, in öffentlichen Verkehrsmitteln, im Club usw. eine alltägliche Erfahrung von FrauenLesben in Deutschland. Und die meisten auch dieser ‚Öffentlichkeits-Täter’ (und nicht nur der Vergewaltiger aus dem sozialen Nahbereich) sind weiße, christliche oder atheistische Männer. Selbst bei linken Camps und Parties bedarf es spezieller Awarness-Strukturen[30], wenn diese Veranstaltungen verantwortungsbewußt durchgeführt werden sollen, weil es auch seitens der dort teilnehmenden, sich für herrschafts- und ausbeutungskritisch haltenden Männer immer wieder zu sexuellen Belästigungen und mehr kommt – und die linke Szene in der BRD ist weit überwiegend weiß-atheistisch geprägt.

•    Auch Kontrollverlust bei Alkoholkonsum ist nichts Ungewöhnliches: Die Grenzen des patriarchalen Normalzustandes werden unter Alkoholkonsum schnell in Richtung patriarchaler Exzess überschritten.

•    An speziell dieser Stelle, mag nun ‚Religion’ und ‚neu in der BRD zu sein’, in der Tat eine Rolle spielen. Zunächst einmal ist, was den Alkohol anbelangt, das zutreffend, was die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz, sagt: „Was in Köln und anderen Städten geschah, ist kein Ausleben einer Religion. Wenn das alle fromme Muslime gewesen wären, wäre das nicht passiert. Dann hätten sie weder Alkohol getrunken noch Frauen angegrapscht. Ich weiß, dass einfache Antworten verführerisch sind. Aber frauenverachtendes Verhalten und sexualisierte Gewalt kommen auch in nichtmuslimischen Ländern vor.“ (http://www.faz.net/aktuell/politik/fluechtlingskrise/interview-mit-der-integrationsbeauftragten-aydan-oezoguz-spd-14029100.html)

Daß fromme Muslime keine FrauenLesben angrapschen, halte ich allerdings genauso für ein Gerücht, wie, daß fromme Christen keine FrauenLesben angrapschen.  Aydan Özoguz fehlt ein Begriff von Patriarchat als umfassender – marxistisch gesprochen: Basis und Überbau (u.a. Religion) prägender – gesellschaftlicher Struktur, was aber für eine Integrationbeauftragte der Bundesregierung auch nicht überraschend ist.[31]

Wenn wir nun

•  auf den Alkohol

und

•  den Umstand, daß elf der 30 Verdächtigen erst seit Sept. in der BRD sind und sich auch vier weitere noch im Anerkennungsverfahren befinden und vielleicht auch die sich illegal hier Aufhaltenden noch nicht sehr lange da sind (und dies für repräsentativ für die Gesamtgruppe von rund 1.000 Männern halten),

zurückkommen, mag für die aggressive Grundstimmung zwischen Dom und Bahnhof und das Durchbrechen der zivilen Fassade des Patriarchats durch einen Teil dieser Männer vielleicht eine Rolle spielen, daß sie in ihren Herkunftsländern Alkoholkonsum nicht gewohnt waren, die Silvesternacht in Köln vielleicht ihre erste Nacht war, in der sie größere Mengen Alkohol konsumierten, was dann vielleicht dessen Wirkungen besonders ausgeprägt sein ließ.

Allerdings bin ich mir alles andere als sicher, daß solches alkohol-mitbedingtes raumgreifendes, rücksichtsloses und aggressives Verhalten nicht auch bei weißen, deutschen Männer-Horden (Sport-Fans; Rocker-Clubs; Randale-Kids, die von linker Militanz angezogen werden; auch Militanz-Gehabe ohne inhaltliche Bestimmung von manchen aus der linken Szene selbst;  …) Gang und Gäbe ist. Und, wie schon in Teil I. gesagt, es scheint mir nur Glück zu sein, daß es bei derartigen weiß-deutschen Anlässen noch nicht zu einer ähnlich hohen Zahl von Sexualdelikten gekommen ist oder daß sie jedenfalls noch nicht angezeigt/bekannt geworden sind.

Sollte es also unter dem Gesichtspunkt von Alkohol und Aggressivität überhaupt eine Kölner Silvester-Spezifität vorliegen, so ist sie jedenfalls nicht spezifisch islamisch, sondern handelt es sich auch hier wiederum um eine Überdeterminierung[32] – in dem Fall von islamischem Alkohol-Tabu und westlichem Alkoholkonsum.

•    Daß auch die deutsche Gesellschaft nicht nur in ihrer Geschichte (Kolonialismus, NS), sondern auch heutzutage ein erhebliches Potential für vermeintlich ‚archaische’ Gewalt enthält, zeigen die Pogrome vor Unterkünften von/für Geflüchtete deutlich. Auch darin, daß sich diese Gewalt (jedenfalls bisher) eher – mehr oder minder geschlechter-indifferent – gegen Schwarze[33] als gegen weiße FrauenLesben richtet, liegt kein Beweis, daß weiße Männer weniger patriarchal als Schwarze seien, sondern erklärt sich aus dem Umstand, daß Patriarchate über die unterordnende Einschließung[34] von FrauenLesben in die jeweilige nationale Gemeinschaft funktionieren, während Rassismus vorwiegend über die unterordnende Ausschließung von ‚Fremden’ funktioniert[35].

Fassen wir also zusammen: Das Spezifische an der Kölner Silvesternacht sind nicht deren einzelnen Elemente – alkohol-mitbedingte, raumgreifende Allgemeinaggressivität; sexuelle/sexualisierte Gewalt von Männern gegen FrauenLesben, Diebstähle –, sondern deren kombiniertes Auftreten an einem Ort zu einer Uhrzeit. Alle drei Elemente sind nicht ethnisch oder religiös bedingt[36], sondern allgemein verbreitet; auch darauf, daß gerade ihr kombiniertes Auftreten ethnisch oder religiös bedingt ist, deutet nichts hin (und dafür habe ich auch nirgends ein Argument vorgebracht gesehen).

Folglich muß auch die Korrelation zwischen Kölner Taten und gerade zwei Staatsangehörigkeiten (Marokko und Algerien) als Zufall angesehen werden: a) Daß die Konzentration der Tatverdächtigen auf zwei Staatsangehörigkeiten – angesichts der Vielzahl von islamisch geprägten Staaten – die Religions-Hypothese nicht trägt, hatte ich oben schon erwähnt; b) dafür, daß ausgerechnet marokkanische und algerische Männer zu mehr Gewalt gegen FrauenLesben neigen sollen als andere Männer, ist erst recht kein Argument ersichtlich.

Sehr wohl mögen die Faktoren Religion bzw. Staatsangehörigkeit – ihrerseits (mit)bedingt von anderen und zwar hiesigen (deutsch-weißen) Faktoren – eine gewisse, sekundäre Verstärkungsrolle gespielt haben: Für den Alkohol hatte ich dies oben schon gesagt; warum es für schwarze Männer näherliegt, weiße FrauenLesben als weiße Männer anzugreifen, hatte ich im Teil I. schon gesagt: weil sie im patriarchalen Geschlechterverhältnis eine Machtposition haben, die sie im rassistischen Verhältnis zwischen Weißen und Schwarzen nicht haben; ebenso, daß Armut Diebstahl zu einer erwägenswerten Option macht.

Warum nun diese Kombination an diesem Tag zu dieser Uhrzeit? Ich beschränke mich auf einige Stichwörter:

•    Silvester = viele Leute unterwegs = gut für Diebstahldelikte und sexuelle Übergriffe. 

•    Silvester = starker Alkoholkonsum und Feuerwerkskörper-Einsatz; entspricht voll und ganz der deutschen „Leitkultur“

•    diejenigen, die Silvester mögen und Geld haben, feiern mit FreundInnen in einer großen Wohnung; nehmen in einem teuren Restaurant ein fünf-gängiges Silvestermenü ein oder gehen in einen Club. / Diejenigen, die wenig Geld haben, kaufen sich Alk und Feuerwerk im Supermarkt und feiern auf der Straße und öffentlichen Plätzen.[37]

•    Daß sich im Bereich zwischen Kölner Dom und Kölner Hauptbahnhof – nach der Staatsangehörigkeit der ermittelten Verdächtigen zu urteilen – vor allem Marokkaner und Algerier und nicht deutsche arbeitslose Alkis versammelt haben, muß daher als Zufall betrachtet werden oder liegt daran, daß sie eh in einem benachbarten Viertel leben (die Polizei führte an den Abenden des 20.1. und 21.1 im – rund vier Kilometer vom Hauptbahnhof entfernten – Stadtteil Gremberg  Razzien durch, die sich gegen „nordafrikanische [Täter-]Gruppen“ und „Personen, die unerlaubt in die Bundesrepublik eingereist sind“; die Razzia wurde auch „mit Hinblick auf die Silvester“ durchgeführt. Daß überhaupt eine Gruppenbildung nach Nationalität bzw. gemeinsamer Sprache erfolgt ist, ist in rassifizierten Gesellschaften jedenfalls kein Wunder.

Ich möchte diesen Abschnitt daher wie folgt resümieren: Das Patriarchat im allgemeinen erklärt, warum es überhaupt eine Disposition für Männergewalt gegen FrauenLesben gibt; warum sich dieses Potential im vorliegenden Fall in der vorliegenden Form realisierte, erklärt sich m.E. in aller erster aus „Gruppendynamik“ vor Ort; da gehe ich insoweit mit dem nordrhein-westfälischen Innenministerium konform:

Es „gibt […] keine Hinweise dafür, dass das Auftreten der Gesamtgruppe oder von Teilgruppen organisiert bzw. gesteuert war. […] Das[s] kriminelle gruppendynamische Prozesse und Abstimmungen die jeweiligen Einzel- und Folgetaten in der Silvesternacht beeinflussten[,] bleibt hingegen sehr wahrscheinlich.“[38]

‚Maoistisch’ gesprochen[39]: Der Hauptwiderspruch der Kölner Silvesternacht war der Geschlechterwiderspruch; Nebenwidersprüche waren a) der Rassismus der deutschen Mehrheitsgesellschaft und, wie dieser sich auf die Lebenssituation von Geflüchteten auswirken (1.: wenig Geld und 2.: weiße Männer als fast unerreichbare potentielle Angriffsobjekte) sowie b) das islamische Alkoholverbot, das aber gerade nicht eingehalten wurde.

In den Reaktionen auf Köln wendete sich dann das Verhältnis von Haupt- und Nebenwiderspruch/-sprüchen: Der Rassismus der deutschen Mehrheitsgesellschaft wurde zum Hauptwiderspruch und der Geschlechterwiderspruch zum Nebenwiderspruch; was in Wirklichkeit vor allem ein Geschlechterwiderspruch war, wurde vom mainstream und auch Teilen der Linken ethnisiert; andere Linke ordneten den Geschlechterwiderspruch in Reaktion (auf die Reaktionen) auf Köln dem Antirassismus unter[40]. (Fast) ausschließlich Feministinnen positionierten sich zu dem Hauptwiderspruch der Kölner Silvesternacht antipatriarchal und zu dem Hauptwiderspruch der Rezeption dieser Nacht antirassistisch.

[Teil III. folgt vielleicht schon am Wochenende oder wiederum erst in der kommenden Woche]

 


[1] Ergänzung gegenüber Teil I.: Bzgl. „räuberischer Erpressung“ (§ 255 StGB) ist mir im übrigen in den beiden von mir gesichteten und weiter unten noch zitierten Berichten des nordrhein-westfälischen Innenministeriums nichts aufgefallen. (Räuberische Erpressung ist ein schwerer Fall von Erpressung [§ 253 StGB]; er wird wird wie Raub bestraft; ist also keine ‚Steigerung’ von Raub [§ 249 StGB]; Raub ist seinerseits eine Steigerung von Diebstahl [§ 242 StGB]).

[2] „Einige Medien berichteten zunächst fälschlich, die Taten seien von 1000 Männern begangen worden. Tatsächlich wurden die Taten aus einer mehr als 1000-köpfigen, fast ausschließlich aus jungen Männern bestehenden Menge heraus begangen. Die Zahl der Täter ist jedoch kleiner.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Sexuelle_%C3%9Cbergriffe_in_der_Silvesternacht_2015/16) / „In der Silvesternacht hatten sich der Polizei zufolge rund 1000 Männer auf dem Bahnhofsvorplatz versammelt, viele davon aggressiv und betrunken. Aus kleineren Gruppen heraus seien dann Frauen sexuell angegriffen, bedroht und bestohlen worden. Zeugen zufolge sahen Verdächtige nordafrikanisch oder arabisch aus.“ (FAZ vom 08.01.)

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Ethnisierung#Ethnisierung_und_Kulturalisierung mit einer, wie mir scheint, sehr lohnenden Literaturliste.

[7] Und diese Herrschaft und Beeinflußung wurde zuvorderst von weißen, europäischen Männern (unter diesen wiederum zuvorderst von Männern aus Bourgeoisie, Klerus und Adel) ausgeübt.

[8] Vgl. dazu die mir zumindest erwägenswert erscheinende These von Reinhard Schulze: „Zu Beginn seines letztgenannten Aufsatzes verweist Reinhard Schulze auf die im Bewusstsein der Öffentlichkeit weit verankerte These, der Islam kenne keine Aufklärung. Durch diese Negativabgrenzung des Islam von der Moderne erscheint die Aufklärung im Kontext aktueller Diskussionen ‚wie ein Sammelbegriff für eine kulturelle Identität, die im Rahmen eines evolutionär gedachten Kulturverständnisses den höchsten Entwicklungspunkt markiert’, woran der Islam aber keinen Anteil habe. Dieser These will Schulze entgegentreten, nicht indem er das Gegenteil behauptet, der Islam kenne sehr wohl eine Aufklärung, sondern indem er mithilfe von Strukturanalogien zwischen dem islamischen und dem europäischen 18. Jahrhundert aufzeigen möchte, dass zu jener Zeit in der islamischen Welt im 18. Jh. autochthone historiographische Traditionen vorhanden gewesen seien, die eine Aufklärung auch in der islamischen Welt möglich gemacht hätten. Doch Napoleons Ägyptenfeldzug 1798 und die folgende Kolonialisierung der islamischen Welt markierten einen ‚Bruch’ dieser autochthonen Traditionen, die nun keine Durchschlagskraft mehr in der islamischen Welt entwickeln konnten.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Reinhard_Schulze#Islamische_Aufkl.C3.A4rung – meine Hv.)

[9]  Überschrift von Teil I meines Textes.

[10]Hegemoniale Männlichkeit ist ein Begriff aus der Geschlechterforschung, der eine gesellschaftliche Praxis beschreibt, die die dominante soziale Position von Männern und eine untergeordnete Position von Nicht-Männern garantieren soll. Mit dem Konzept soll erklärt werden, wie und warum Männer ihre soziale Dominanz gegenüber Frauen und anderen Geschlechtsidentitäten (beispielsweise Transsexuellen), aber auch gegenüber als ‚schwächer’ wahrgenommenen Männern (beispielsweise Homosexuellen) erreichen und aufrechterhalten. Der Begriff ist auf Antonio Gramscis Konzept der kulturellen Hegemonie zurückzuführen, mit dem die Machtbeziehungen zwischen sozialen Klassen innerhalb einer Gesellschaft analysiert werden. Der Begriff ‚hegemoniale Männlichkeit’ wurde von der australischen Soziologin Raewyn Connell in die Gender- und Männerforschung eingeführt. Seit dem Erscheinen ihres Buchs Masculinities 1995 wurde der Begriff besonders in den Gender Studies rezipiert, diskutiert und kritisiert.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Hegemoniale_M%C3%A4nnlichkeit)

[11] Vgl. ergänzend dazu auch die Fragen, die ich bei linksunten.indymedia.org gestellt hatte:

    „Falls es signifikane Einstellungsunterschiede gibt, setzen die sich dann auch in eine unterschiedliche Häufigkeit von Vergewaltigungsfällen und/oder bestimmten Arten von sexueller Gewalt / Belästigung um?

Falls es überhaupt signifikante Unterschiede gibt: Welche Rolle spielen z.B. Stadt-Land- oder Alters-Unterschiede im Vergleich mit Unterschieden hinsichtlich der religiösen Zugehörigkeit?

Falls sich alldiese Fragen im Sinne von Micha beantworten lassen: Was ist dann die Ursache dieser Umstände? Sind das dann religiös-kulturelle Eigenheiten des Islams? Oder spielen – angesichts Kolonialismus, Neokolonialismus und Imperialismus – auch Wechselwirkungen zwischen mehr oder minder christlich geprägten Ländern der imperialistischen Zentren und mehr oder minder islamisch geprägten Ländern der Peripherie eine Rolle?

Wieviele der Kölner Täter sind neu Zugewanderte und wieviel leben schon seit Jahren in der deutschen patriarchalen Kultur und sind hier vielleicht sogar schon aufgewachsen?

Und falls sich alle diese Fragen im Sinne von Micha Schilwa beanworten ließen, dann würde sich schließlich noch die Frage stellen: Was ist eine effektive und angemessene Reaktionsstrategie (und zwar im Interesse von Frauen weltweit)? Schützen 'Abschiebungen und Grenzen zu' Frauen weltweit?“

(https://linksunten.indymedia.org/de/comment/view/175360)

[12] Vgl. „Umarmungen von wildfremden, besoffenen Männern, [...] Klapse auf den Hintern, […]. Erlebnisse wie diese, die Beschimpfung als ‚Schlampe’, das Angrabschen in der vollen U-Bahn, die Verfolgung bis vor die Haustür, [...]: Das alles sind Erfahrungen, die unter #aufschrei geteilt wurden.“ (http://www.vice.com/de/read/die-rape-culture-wurde-nicht-nach-deutschland-importiert-sie-war-schon-immer-da-aufschrei-118).

[13] Bis 1977 lautete § 1356 I BGB: „Die Frau führt den Haushalt in eigener Verantwortung. Sie ist berechtigt, erwerbstätig zu sein, soweit dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar ist.“ Der Bundesgerichtshof vertrat noch in den 1950er Jahren die Auffassung: „Was die Menschen- und Personalwürde angeht, so sind Mann und Frau völlig gleich … Streng verschieden sind sie […] in ihrer seinsmäßigen, schöpfungsmäßigen Zueinanderordnung zu sich und dem Kind in der Ordnung der Familie, die von Gott gestiftet und daher für den menschlichen Gesetzgeber undurchbrechbar ist. […] Der Mann sichert, vorwiegend nach außen gewandt, Bestand, Entwicklung und Zukunft der Familie; er vertritt sie nach außen; in diesem Sinne ist er ihr Haupt. Die Frau widmet sich, vorwiegend nach innen gewandt, der inneren Ordnung und dem inneren Aufbau der Familie. An dieser fundamentalen Verschiedenheit kann das Recht nicht doktrinär vorübergehen, wenn es nach der Gleichberechtigung der Geschlechter in der Ordnung der Familie fragt. Dem gemäß bezeugen die christlichen Kirchen, unter sich völlig übereinstimmend und in völliger Übereinstimmung mit der klaren Aussage der Heiligen Schrift alten und neuen Testamentes und mit der uralten Ehe- und Familienordnung der Völker, nach der von Gott gestifteten Ordnung der Familie sei der Mann ihr Haupt.“ (BGHZ 11, Anhang, S. 34 [65]; vgl. auch dort [S. 25], dort und dort)

[14] Die Erwerbsquote von Frauen in der BRD ist in den letzten Jahren zwar gestiegen, aber in Form von schlecht bezahlter Teilzeiterwerbsarbeit und zu Lasten der Vollzeiterwerbsquote von Frauen. Die wenigen emanzipatorischen Elemente des Geschlechterverhältnisses in der DDR (das liberalere Abtreibungsrecht und die besser ausgebaute kollektive Kinderbetreuung) wurden nach 1990 nicht beibehalten bzw. nicht auf die gesamte Groß-BRD ausgedehnt.

Einerseits ist zwar ein neuer ‚internet-Feminismus’ entstanden, andererseits sind aber die kämpferischen (separatistischen) FrauenLesben-Strukturen der 1970er und 1980er Jahre weitgehend zusammengebrochen; der Begriff „Feminismus“ ist weitgehend durch softere Ausdrücke wie „Geschlechterdemokratie“, „Geschlechtergerechtigkeit“, „gender mainstreaming“ und „queer“ ersetzt worden.

[15] In Saudi-Arabien liegt der Frauenanteil unter allen Studierenden bei 50 % (Die Zeit); fach-spezifische Angaben konnte ich mit dem bisherigen Zeitaufwand nicht finden. In den technisch orientierten höheren Schulen stellen Frauen in Saudi-Arabien die Majorität (S. 5). – Zu berücksichtigen ist bei den Zahlen zu arabischen Ländern, daß die „Religion als höchster Prestigeträger [...] entsprechende Berufe als rein männliche Angelegenheit“ definiert, was den dortigen hohen Frauenanteil im naturwissenschaftlich-technischen Bereich gegenüber den hiesigen Verhältnissen etwas relativiert.

[17] Aus dem Interview geht nicht hervor, ob damit ausschließlich Straftaten i.S.d. Abschnittes „Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung“ des StGB gemeint sind, oder auch solche, die die Kölner Polizei als „Beleidigungen sex.“ klassifizierte (s. dazu unten S. 11).

[18] Die (höhere) Dunkelzifferschätzung scheint aus Folgendem zu resultieren: „Die Studie Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland, bei der 2004 10.000 Frauen zu Gewalterlebnissen befragt wurden, ergab, dass 13 Prozent aller Frauen in Deutschland strafrechtlich relevante Formen sexualisierter Gewalt erfahren haben. Der Skandal: Nur acht Prozent dieser Frauen haben überhaupt eine Anzeige bei der Polizei erstattet. Rechnet man Mehrfachanzeigen raus, verringert sich die Quote noch weiter, auf fünf Prozent. Das heißt, unfassbare 95 Prozent aller Frauen, die in Deutschland sexuelle Gewalt erleben, bringen diese nicht zur Anzeige.“ (http://www.vice.com/de/read/die-rape-culture-wurde-nicht-nach-deutschland-importiert-sie-war-schon-immer-da-aufschrei-118 – meine Hv.)

[23] Die Wikipedia nennt die Zahl „zwei“, macht dafür aber keine Quellenangaben. In einer der Quellen, die sie nennt, hieß es am Di., den 5.1.: „Bis Dienstag seien 90 Anzeigen eingegangen, sagte ein Polizeisprecher. Zum Teil gehe es um Taschendiebstähle, zum Teil um sexuelle Übergriffe. Polizeipräsident Albers bestätigte, dass es auch eine Vergewaltigung gegeben habe. Die Polizei vermutet, dass sich noch mehr Opfer melden könnten.“ (Der Spiegel) Eine andere von der Wikipedia genannte Quelle (Die Welt) v. 20.1. nennt weiterhin ausschließlich eine [bereits Neujahr gemeldete] Vergewaltigung: „Die zweite [polizeiliche Meldung über ein „wichtiges Ereignis“ an das Innenministerium vom 1. Januar] um 14.36 Uhr nannte sexuelle Übergriffe, sprach von elf bekannten Fällen, darunter einer Vergewaltigung. Die außerdem erwähnten Spiegel- (1 und 2) und SZ-Berichte vom 5. und 10.1. sprechen weder von Vergewaltigungen noch von sexuellen Nötigungen.

Die Anlage 2 (S. 45 - 57 der .pdf-Datei) zum Bericht des nordrhein-westfälischen Innenministeriums vom 10.1. an den Landtag dieses Bundeslandes nennt (wenn ich nichts übersehen habe) zwei Situationen, die als (z.T. ausschließlich versuchte) Vergewaltigungen klassifiziert werden, und zwei weitere Situatonen, die als „Vergewaltigung / sexuelle Nötigung“ bezeichnet werden. Diese Situationen werden dort wie folgt geschildert:

    S. 45: Mehrere Geschädigte; anscheinend auch mehrere Täter; versuchte, in einem Fall vollendete vaginale Penetration mit Fingern; Klassifikation als „sexuelle Nötigung / Vergewaltigung“ (+ Handtaschenraub).

    S. 47: Zwei Geschädigte; gleiche Tathandlung wie vorstehend (in beiden Fällen vollendet); klassifiziert als „Vergewaltigung durch Gruppe“.

    S. 54: Zwei Geschädigte; der Einen wurde in den Intimbereich gefaßt (ober- oder unterhalb der Bekleidung wird nicht erwähnt); der Anderen die Handtasche geraubt; Klassifikation als „überfallartige [?!, TaP] Vergewaltigung / Raub“ (ob die Klassifikation als Vergewaltigung juristisch überlebt ist, ist angesichts unzureichender Sachverhaltsbeschreibung und unzureichender Rechtslage fraglich)

    S. 54: Eine Geschädigte; mehrere Täter; Berührung von Po und Intimbereich (wiederum ohne nähere Angaben); Klassifikation als „sexuelle Nötigung / Vergewaltigung“.

[25] Die Anwendung dieser Notlösung setzt nach neuerer Rechtsprechung voraus, daß die sexuelle Handlung die Behauptung des Täters ausdrückt, die andere Person „weise einen [… ihre] Ehre mindernden Mangel auf. Eine solche Kundgabe ist in der sexuellen Handlung allein regelmäßig nicht zu sehen und erfüllt deshalb auch nicht den Tatbestand des § 185 StGB.“ (BGHSt 36, 145 [150]; online bei jurion.de, Textziffer 20).

[26] https://www.landtag.nrw.de/portal/WWW/dokumentenarchiv/Dokument?typ=P&Id=MMV16/3642&quelle=alle&wm=1&action=anzeigen, S. 54 der Datei. Die Hamburger Zeitschrift Sozialismus nennt dagegen am 25.01. (ohne Quellenangabe) folgende Zahlen: „Im Zusammenhang mit den Gewaltakten wurden von der Bundespolizei bislang 32 Tatverdächtige identifiziert, darunter sind zehn algerische, zehn marokkanische, vier syrische, fünf iranische, ein irakischer, ein serbischer und ein amerikanischer sowie zwei deutsche Staatsangehörige. 22 von ihnen sind Asylbewerber.“ Die Zahlen scheinen aus der FAZ vom 08.01. zu stammen.

[29] Und ich bin unschlüssig, ob ich Definitionsmacht von weißen FrauenLesben gegenüber schwarzen Männern befürworte, da ich unschlüssig bin, welche Sprechposition (Frau gegenüber Mann oder schwarz gegenüber weiß?) eine egalitäre Sprechposition stärker beeinträchtigt.

[30] „Awareness bedeutet so viel wie Aufmerksamkeit und stellt auf einer Party das Bemühen dar, den Feiernden einen Raum zu bieten, in dem aktiv gegen diskriminierendes Verhalten vorgegangen wird und Personen Unterstützung finden, wenn diese vonnöten ist.“ (http://afk.blogsport.de/images/Leitfaden.pdf – wie sich schon aus dem, was ich in Teil I. zu Definitionsmacht geschrieben habe, ergibt, bin ich nicht mit allem, was in diesem Text steht, einverstanden).

[31] Und weil ihr ein Begriff von Patriarchat als umfassender gesellschaftlicher Struktur fehlt und sie auch keine Rassistin ist, landet sie bei einer sozialdemokratischen Variante des ökonomistischen Nebenwiderspruchs-Denkens: „der Islam wird mir zu schnell vorgeschoben, wenn es in Wahrheit um soziale oder andere Probleme geht.“ (meine Hv.).

[32] Vgl. als ein anderes Beispiel für Überdeterminierung oben schon in und bei FN 8 (zur islamischen Aufklärung). - Der strukturale Marxismus Louis Althusser übernahm die Kategorie der Überdeterminierung in den 1960er Jahren u.a. aus der Psychoanalyse (vgl. L.A., Über materialistische Dialektik, in: ders., Für Marx, Suhrkamp: Frankfurt am Main, 1968, 100 - 167 [152 mit FN 45; engl.: 206 mit FN 46] = Berlin, 2011, 105 - 160 [122 mit FN 45]). Dort bezeichnet er die „Tatsache, daß eine Bildung des Unbewußten – Symptom, Traum etc. – auf eine Vielzahl von determinierenden Faktoren verweist“ (Jean Laplanche / J.B. Pontalis, Das Vokabular der Psychoanalyse, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 12. Aufl.: 1994, 544). So wenig wie der Begriff der Überdeterminierung in der Psychoanalyse bedeutet, daß ein Symptom oder Traum einer unbestimmten Zahl von Deutungen zugänglich ist (ebd., 545), so wenig bedeutet Althussers (a.a.O., 100 f. mit FN 2; 117 f., 147 f., 156; engl.: 163 f. mit FN 2, 177 f., 201 f., 209] = Berlin, 2011, 200 - # [200 f. mit FN 2, 220 f., 266]) Begriff eine Auflösung des Historischen Materialismus in einen ‚Pluralismus der Faktoren’. Vielmehr ermöglicht er gerade - durch eine genaue Analyse der Bedingungsfaktoren eines Phänomens – die genauere Bestimmung dieses Objektes.

[33] Ich verwende hier und im Folgenden „Schwarze“ als politischen Begriff für alle rassistisch Beherrschten und Ausgebeuteten  (andere ziehen in dem Zusammenhang den Begriff People of Colour vor).

[34] Cornelia Eichhorn, „Frauen sind die Neger aller Völker". Überlegungen zu Feminismus, Sexismus und Rassismus, in: Redaktion diskus (Hg.), Die freundliche Zivilgesellschaft. Rassismus und Nationalismus in Deutschland, Edition ID-Archiv: Berlin/Amsterdam, 1992, 95 - 104 (102): „Vom Frauenraub und Frauenhandel bis hin zu den verschiedenen Formen der Patrilokalität und Patrilinearität ist die Unterordnung der Frau nicht die Geschichte ihrer Ausschließung, sondern vor allem die ihrer Einschließung. Formen des Ausschlusses von Frauen, die sich zum Beispiel im nationalstaatlichen Rahmen historisch in zivil- und strafrechtlichen Bestimmungen wie dem Ausschluß vom Wahlrecht, dem Verbot der Mitgliedschaft in politischen Organisationen, dem Ausschluß vom Hochschulstudium niederschlugen und sich heute etwa in der sozio-strukturellen Benachteiligung der Frauen auf dem Arbeitsmarkt, ihrer geringeren Präsenz in den Führungspositionen der staatlichen Institutionen ausdrücken, sind Effekt ihrer Unterordnung im Einschluß, das heißt ihrer Unterwerfung innerhalb der ‚rassischen Gemeinschaften’. Trotz der Analogien in der polymorphen Struktur von Rassismus und Sexismus ist die Verschiedenheit hinsichtlich ihrer sozialen Konfigurationen und Wirkungsweisen im Auge zu behalten; nur dann kann das Zusammenwirken und die wechselseitige Verstärkung von Rassismus und Sexismus thematisiert werden.“

[35] ebd.: „Die Ausgrenzung ist folglich das dominante Prinzip des Rassismus, auch wenn er Elemente der unterordnenden Einschließung (Assimilation) beinhalten kann.“

[36] Allerdings sind jedenfalls sowohl Christentum als auch Islam Instanzen der ideologischen Legitimation von Patriarchat.

[37] 15 der 30 ermittelten Verdächtigen sind ohne festen Wohnsitz; von fünf weiteren ist der Polizei der Wohnsitz unbekannt. Zwei weitere stammen aus Kerpen, das mit öffentlichen Verkehrsmitteln eine knappe halbe Stunde von Köln entfernt ist, die anderen acht haben ihren Wohnsitz in anderen Städten. (https://www.landtag.nrw.de/portal/WWW/dokumentenarchiv/Dokument?typ=P&Id=MMV16/3642&quelle=alle&wm=1&action=anzeigen, S. 54 der .pdf-Datei)

[39]Im Gegensatz zum Grundwiderspruch bezieht sich also der Hauptwiderspruch nur auf eine einzelne Etappe im gesamten Prozess.“ (http://www.trend.infopartisan.net/trd1215/t031215.html – unter Hinweis auf MAW 1, 390: „Jedenfalls steht es ganz außer Zweifel, daß es in jeder Etappe eines Entwicklungsprozesses nur einen einzigen Hauptwiderspruch gibt, der die führende Rolle spielt.“) – Vgl. dazu von mir: http://www.trend.infopartisan.net/trd0116/Spezifitaet_Historizitaet_Materialitaet_VORTR-ENTW.pdf, S. 8, FN 19.

[40] Das extremste Beispiel dafür dürfte die NAO Berlin sein. Bisher gab es auf der NaO-Seite zwei kontroverse Stellungnahmen: eben die von von Micha Schilwa und eine Susanne Kühn. Nun ist noch eine offizielle Distanzierung von dem Schilwa-Text durch das Berliner NAO-Plenum hinzugekommen. In der offiziellen Stellungnahme gibt es eine Verurteilung der Kölner Taten nicht; statt dessen heißt es dort allgemein: „Anti-Sexismus darf nicht als Vorwand für ein Nachgeben gegenüber staatlichem Rassismus und Sozialchauvinismus missbraucht werden.“







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