100 Jahre Frauenwahlrecht und kaum ein Schrittchen weiter


Bildmontage: HF

05.03.18
FeminismusFeminismus, Soziales, Debatte, TopNews 

 

Von Britta Littke-Skiera

Vor knapp 100 Jahren erstritten Frauen das Wahlrecht für Frauen, welches im November 1918 in Kraft trat. Sicher hat sich seitdem einiges in Sachen Gleichberechtigung für Frauen zum Positiven verändert, die Fortschritte innerhalb einer hundertjährigen Zeitspanne sind jedoch verschwindend gering.

Frauen tragen inzwischen (auch Hosen), sie „dürfen“ ohne die Erlaubnis ihres Ehegatten einer Erwerbsarbeit nachgehen, sie dürfen sich gesellschaftlich und politisch engagieren und sie haben die gleichen Rechte und Pflichten wie Männer. Theoretisch jedenfalls.

Praktisch kommen sie noch nicht einmal in unserer Sprache zu ihrem Recht auf Gleichheit. Sprache ist männerdominiert, Frauen kommen sprachlich faktisch kaum oder gar nicht vor. Während die Überhäufung unserer Sprache mit für vielen unverständlichen Anglizismen kein Problem darstellt, gibt es um die weibliche Form „innen“ endlose Diskussionen oder sie wird ganz weggelassen. Wer aber sprachlich nicht vorkommt, kommt auch im alltäglichen Leben nicht oder nur am Rande vor.

Frauen werden viele für Männer alltägliche Rechte einfach abgesprochen. Das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung wird noch immer vielfach ignoriert, wie die „Me too“-Debatte sehr drastisch offenbart hat. Frauen, die keine sexistischen Sprüche hören wollen, die sich nicht angrabschen lassen wollen, die sich nicht zum Objekt degradieren lassen wollen, die sexistische Fotos in den sozialen Netzwerken anprangern, werden im harmlosesten Fall als „Zicke“, im schlimmsten Fall als „frigide, verklemmte, unrasierte Emanze“ beleidigt- wobei auch hier der Herrschaftsanspruch von Männern über Frauen deutlich zutage tritt. Ob und wo sich eine Frau rasiert oder auch nicht rasiert, ist ganz alleine ihre Entscheidung. Das hat man(n) nicht öffentlich zu bewerten und schon gar nicht zu bestimmen.

Frauen haben es in Diskussionen schwerer als Männer zu Wort zu kommen, selbst in linken Kreisen ist die Quotierung noch längst keine Selbstverständlichkeit – auch wenn 80% der Anwesenden Männer sind. Fordern Frauen dieses Recht ein, werden sie oftmals müde belächelt, auch  Themenschwerpunkte von Genossinnen haben zum Teil noch immer nicht dasselbe Gewicht wie die Themen von Genossen.

Vergewaltigte Frauen werden in unserer patriarchalischen Rechtssprechung doppelt traumatisiert. Zuerst durch die eigentliche Tat, dann durch eine die Täter bevorzugende Rechtssprechung. Zwar ist das „Nein“ einer Frau tatsächlich inzwischen ein „Nein.“ Auf dem Papier jedenfalls. Denn für ein derartiges Verbrechen gibt es in der Regel keine Zeug/innen. Hier steht Aussage gegen Aussage, weil posttraumatische Reaktionen und Symptome der betroffenen Frauen nicht (ausreichend) in die Beweisführung eingebracht werden. Selbst hier soll die Unterwerfung der Frau unter den Mann erfolgen. Die schockierte, gedemütigte, geschundene Frau, die zuerst einmal unter die Dusche geht und es nicht fertigbringt, sich der demütigenden Untersuchung und polizeilichen Aussage zu stellen, hat im männerdominierten Kapitalismus Pech gehabt.  Im Zweifel heißt es „für den Angeklagten“.

Erleiden Frauen in ihrer Ehe/Partnerschaft männliche Gewalt und wollen in ein Frauenhaus fliehen, müssen sie immer häufiger erleben, dass noch es nicht einmal einen Platz für sie gibt. Plätze in Frauenhäusern sind zur Mangelware geworden, der ausreichende Schutz von Frauen wird vom Patriarchat nicht angestrebt.

Werden Frauen ungewollt schwanger, müssen sie sich einer Zwangsberatung unterziehen, da ihnen ihre Entscheidungsfähigkeit abgesprochen wird. Sie können sich angesichts des § 219a, der Frauenärzt/innen verbietet, Werbung für Abtreibungen zu machen, noch nicht einmal ausreichend über die entsprechenden Praxen informieren. Nichts gegen ein Beratungsangebot für eine so schwerwiegende Entscheidung. Aber hier geht es um eine enorme Bevormundung gegenüber Frauen. Im Vergleich zum früheren § 218, der Schwangerschaftsabbrüche in den ersten 12 Wochen unter bestimmten Voraussetzungen straffrei ließ, haben wir hier einen enormen Rückschritt zu verzeichnen. Von der Straffreiheit der Abtreibungen in der DDR während des gleichen Zeitraums ganz zu schweigen.

Mussten Frauen bis 1977 ihren Ehemann um Erlaubnis bitten, eine Arbeit annehmen zu dürfen, werden sie jetzt innerhalb eines frauenverachtenden Angst- und Repressionssystems namens „Hartz IV“ dazu gezwungen, fast jede Arbeit anzunehmen. Zwar trifft dieses System auch Männer, aber es sind Frauen, an denen in der Regel immer noch die Betreuung der Kinder hängt. Bekommen sie keinen Betreuungsplatz für ihr Kind, können sie gnadenlos sanktioniert werden. 
Es sind Frauen, die mehrheitlich die Pflege von Angehörigen übernehmen. Auch diese Tatsache interessiert in den Jobcentern teilweise herzlich wenig. So sind es wieder überwiegend Frauen, die nicht nur durch Teilzeitarbeit und eine geringe Bezahlung gegenüber Männern deutlich benachteiligt sind, sie tragen auch das größte Risiko, unverschuldet sanktioniert zu werden und noch weiter die Armutsspirale herabzurutschen. Im Alter beziehen sie deutlich geringere Renten und landen erneut in Armut.

Derweil lachen sich die herrschenden Eliten des Kapitals ins Fäustchen, denn die Spaltung der Gesellschaft verläuft nicht allein zwischen arm und reich, sie verläuft auch zwischen den Geschlechtern. Dem herrschenden Kapital sind alle Kämpfe und Kriege recht, die nicht seine Macht, seine Besitztümer oder seine Stabilität bedrohen. Somit dient, wer sich direkt oder indirekt gegen die gelebte Gleichberechtigung von Männern und Frauen wendet, denjenigen, die die breite Masse ausbeuten. Wer so handelt, schadet dadurch nicht selten indirekt sich selbst. Wer Frauen in unserer Gesellschaft auf ihre „unteren“ Plätze verweisen möchte, verrät außerdem den Klassenkampf der Linken. Denn dieser kann und darf aus linker Sicht nur gegen die „Oberen 10.000“ geführt werden, aber niemals nach unten. Ansonsten sind wir auch in den nächsten 100 Jahren noch kaum ein Schrittchen weiter.

 







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