Mal wieder: Queere Identitätspolitik contra revolutionär-dekonstruktivistischem Feminismus


Bildmontage: HF

06.10.11
FeminismusFeminismus, Kultur, Soziales, Debatte, TopNews 

 

von Detlef Georgia

In Nachbereitung zu einer Veranstaltung vom vergangenen Montag zum Thema „Perspektiven der feministischen Organisierung nach dem Slutwalk“ (1) sollte am morgigen Freitag im Berliner Lesbenarchiv „Spinnboden“ ein Nachbereitungs-Treffen stattfinden.
Nachdem bei Facebook (2) gegen die Veranstaltungsankündigung Transphobie-Vorwürfe erhoben wurden, weil dort die Frage aufgeworfen wurde, ob das Treffen mit oder ohne Beteiligung von Trans* stattfinden soll, entschloß sich der „Spinnboden“ die Raumzusage zurückzuziehen.
Darauf antwortete ich mit unten stehendem Offener Brief.

Das Treffen wird nun statt dessen im Hinterzimmer des Restaurants Nepal-Mandal (Brunnenstr. 164, 10119 Berlin) stattfinden.
Das Treffen wird nun u.a. der Vorbereitung einer Veranstaltung zum Thema „Ist Cis-FrauenLesben-Separatismus transphob?“ dienen. Personen, die eine Veranstaltung mit diesem Thema für illegitim halten, sind zu dem Treffen genauso wenig eingeladen, wie Leute, deren politischer Horizont bis zum – bei Facebook gepflegten – um das Wort „Kackscheisse“ kreisenden Fäckaljargon reicht.

Aus Anlaß der Veranstaltung vom vergangenen Montag wurde im übrigen diese Broschüre, die die hier bei scharf-links und an anderen Stellen – im Kontext unserer Programm- und Organisierungsdebatte – geführte Diskussion zum Geschlechterverhältnis dokumentiert, zusammengestellt:

arschhoch.blogsport.de/2011/10/06/broschuere-feminismus-und-antikapitalistische-organisierung/
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Liebe Gabriele,
liebe Spinnboden-Geschäftsführung,

wenn dies meine Ebene der politischen Auseinandersetzung wäre, würde ich als erstes den Transphobie-Vorwurf an Euch zurückgeben.
Nach den in der Berliner queer-Szene etablierten Maßstäben ist, mich als Trans- oder Indergender-Wesen, das einen weiblichen und einen männlichen Vornamen führt, ausschließlich mit meinem männlichen Vornamen anzureden, „transphob“, weil eine derartige Adressierung angeblich in mein Recht auf Selbstbezeichnung eingreift.
Da ich aber nicht zu denen gehöre, denen der Unterschied zwischen Selbstverständnis und Fremdwahrnehmung unbekannt ist, könnt Ihr mich gerne weiterhin so anreden, wie es Euch beliebt.

Was den Transphobie-Vorwurf wegen der Ankündigung des Treffens und der zugehörigen Facebook-Diskussion betrifft, so weise ich ihn zurück:

1. Das Treffen ist nicht einmal als Cis-FrauenLesben-Treffen angekündigt (wäre ja auch absurd, wenn ich selbst zu den Einladenden gehöre…).
Was wir allein machen, ist: Bekannt geben, daß wir für zulässig halten, daß Cis-FrauenLesben ihren etwaigen Wunsch, sich ohne Trans*-Beteiligung zu treffen, bekunden, und ich selbst mich diesem Wunsch beugen würde.
Daß allein das Zulassen des Bekundens eines solchen Wunsches zu Transphobie-Vorwürfen führt und Euch zur Rückname der Raumzusage veranlaßt, zeigt allein, welch undemokratische Diskussionsstruktur zu Lasten von (bestimmten) Cis-FrauenLesben in der Berliner queer-Szene mittlerweile Standard geworden ist.
Queer wirkt hier alles anderes als eine Abschwächung des Patriarchats, sondern als eine Verstärkung des Patriarchats – als Hinderung für Cis-FrauenLesben, ihre ggf. bestehenden Bedürfnisse und politischen Ansichten auszusprechen.

2. Für jeden und jeder, der/die nicht völlig von individualistisch-idealistischer, queerer Ideologie verbohrt ist, liegt auf der Hand, daß

der Umstand, daß in dieser Gesellschaft eine Person eine weibliche Position zugewiesen bekommt (= Cis-FrauenLesben), zu anderen Erfahrungen, Gefühlen, Bedürfnissen usw. führt,
als sich in dieser Position zu fühlen, sie haben zu wollen (oder wie auch immer), aber sie von der Gesellschaft verweigert zu bekommen oder sie jedenfalls nur gegen erhebliche Widerstände zu bekommen (= Trans-Frauen-Lesben).

Sicherlich ist es möglich, über diese unterschiedlichen Erfahrungen, politischen Konsequenzen usw. auch gemeinsam zu diskutieren.
Aber bisher ist niemals begründet worden, warum eine derartige gemeinsame Diskussion immer und überall geboten ist, und getrennte Treffen von Cis-FrauenLesben illegitim und „transphob“ sein sollen. Dieser Glaubenssatz der Berliner queer-Szene ist nichts anderes ein argumentlos gesetztes Dogma, das alldie schönen Reden über „Vervielfalt“, „Intersektionalität“ und „Anerkennung von Unterschieden“ als Lügen offenbart.
Gerade, daß wir es nicht mit monolithischen oder totalitären Verhältnissen, sondern mit einer unheimlich komplizierten Überlagerung und Verflechtung unterschiedlicher Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse sowie ‚Betroffenheiten’ zu tun haben, macht es berechtigt, daß sich Leute gemäß ihren jeweiligen Betroffenheiten und Bedürfnissen treffen und politisch organisieren.

3. Dagegen führt die in der Berliner queer-Szene übliche abstrakte Rede über und Kritik an „Ausschlüssen“ im allgemeinen dazu, daß jedes konkretes Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnis entnannt und damit die Entwicklung adäquater politischer Widerstandsstrategien erheblich erschwert, wenn nicht unmöglich gemacht wird.

4. Um ein Beispiel zu nehmen, das vielleicht weniger emotional belastet ist, als diese leidige Trans*-Debatte:
Wenn sich über 60-jährige FrauenLesben unter sich treffen wollen, um über ihre spezifischen Probleme und Bedürfnisse zu reden, wäre es sicherlich kein Drama, wenn da eine 50-Jährige unerkannt dabei wäre.
Und es wäre sicherlich auch kein Drama, wenn die über 60 Jahre alten FrauenLesben als Reaktion darauf, daß sich die 50-Jährige mit ihrem wahren Alter outet und eine Diskussion gerade über die Probleme von 50-jährigen FrauenLesben zu erzwingen versucht, sagen wir: ‚Wir können auch gerne mal eine Veranstaltung über die Probleme und Bedürfnisse von FrauenLesben in den 50ern machen. Aber dieses Treffen ist für uns über 60-Jährigen, und wir wollen hier und heute über unsere Probleme und Bedürfnisse reden. Wenn Du das nicht hinnehmen möchtest, müssen wir Dich leider bitten zu gehen.“
Auch nach den absurden Maßstäben der Berliner queer-Szene würde vermutlich niemandE auf die Idee kommen, daß eine derartiger „Ausschluß“ der 50-Jährigen ein Fall von ageism wäre und damit beantwortet wurden muß, die Raumzusage für das Treffen zurückzuziehen.

Was ich sehr verstehe, ist, daß Ihr schreibt: „Wir möchten […] nicht in eine Transphobe Ecke gestellt werden und auch nicht damit in Verbindung gebracht werden.“
Ein adäquater Umgang damit, in eine bestimmte „Ecke gestellt [zu] werden“ bzw. mit dieser Ecke „in Verbindung gebracht [zu] werden“, wäre m.E. sich nicht dem Druck bestimmter Szene-Fraktionen zu beugen, sondern zunächst einmal eigenständig zu prüfen, ob denn dieses in-die-Ecke-stellen und in-Verbindung-bringen zurecht erfolgt. Dazu schreibt Ihr aber leider nichts. –

Ich darf daher zur näheren Begründung meiner Position auf meinen Beitrag „De-konstruktiv oder doch nur destruktiv? Eine politische Zwischenbilanz nach 15 Jahren queer Lesbianismus“ in dem – bei Euch sicherlich vorhandenen – Buch von Gabriele Dennert, Christiane Leidinger und Franziska Rauchut:
In Bewegungen bleiben. 100 Jahre Politik, Kultur und Geschichte von Lesben, Querverlag: Berlin, 2007, S. 322 – 325 und meinen beigefügten, noch unveröffentlicht Text verweisen.

Nicht nachvollziehen kann ich dagegen Euren Eindruck: „Außerdem sieht es auf Facebook so aus als hätten wir die Veranstaltung organisiert.“
Dort steht (explizit) gar nichts dazu, welche das Treffen organisiert haben und über Euch steht da ausschließlich, daß das Treffen bei Euch stattfindet. – Da Ihr auch nicht zu den OrganisatorInnen und Referentinnen der Veranstaltung vom Montag, die am Freitag nachbereitet werden soll, gehört, liegt auch alles andere als nahe, daß ausgerechnet Ihr das Nachbereitungstreffen organisiert hättet.
Des weiteren wird aus der Facebook-Seite deutlich, daß ich den Termin erstellt habe und aus der dortigen Diskussion geht hervor, daß ich am Montag auf dem Podium saß. Also liegt ja wohl die (zutreffende) Schlußfolgerung nahe, daß ich zu den Organisatorinnen des Treffens gehöre. –

Da mit Eurer Entscheidung zur Rücknahme der Raumzusage auf der Facebook-Seite bereits von interessierter Seite Politik gemacht wird, nehme ich meine Freiheit in Anspruch, Euch diesen Brief als Offenen Brief zu schicken. Ich werde ihn also veröffentlichen.

Außerdem werde ich den Gruppen, die an der Konzeptionierung und Durchführung der Veranstaltung am Montag beteiligt waren, vorschlagen, zu einer öffentlichen Diskussion zum Thema „Ist Cis-FrauenLesben-Separatismus transphob?“ einzuladen. Ich würde mich sehr freuen, wenn bei einer solchen Veranstaltung eine Vertreterin von Euch Eure Auffassung zu dieser Frage darlegen würde und

verbleibe mit feministischen Grüßen
Detlef Georgia

Weiterführende Texte:

1. Zur Alternative von linksliberaler und revolutionärer feministischer Politik
a) theoriealspraxis.blogsport.de/1997/12/31/kuschelsex-oder-kuschelpolitik-lesbisch-kommunistische-de-konstruktion-oder-ex-autonom-postmoderner-liberalismus/
b) theoriealspraxis.blogsport.de/2011/06/29/seven-simple-basic-and-political-questions-which-all-queer-comrades-should-answer/
c) www.akweb.de/ak_s/ak563/11.htm
d) theoriealspraxis.blogsport.de/2011/06/27/themenuebersicht-kritik-an-der-linksliberal-antifeministischen-politischen-linie-des-transgenialen-csd-tcsd-in-berlin-und-des-queeren-mainstreams-in-der-brd-ueberhaupt/

2. Zu Trans*
www.freie-radios.net/41775

3. Zur Kritik queer Identitätspolitik
a) theoriealspraxis.blogsport.de/2011/06/25/selektive-wahrheiten/
b) theoriealspraxis.blogsport.de/2011/08/12/geschlechter-abschaffen/
c) maedchenblog.blogsport.de/2010/06/20/ent-identifizierung-jenseits-von-frauenfeindlichkeit-und-weiblichkeitskult/

4. Zur Kritik des queeren Totalitätsanspruches gegenüber dem Feminismus:
theoriealspraxis.blogsport.de/images/2_Anmerkungen_zur_VAAnkuendigung.pdf, Abschnitte „single-issue sexual politics und queer als vermeintliche Alternative dazu“ und „Und wo bleibt das Positive?“
sowie
theoriealspraxis.blogsport.de/2011/05/05/heute-5-5-11-17-h-queere-globalisierung-imperialen-begehrens/

5. Zur alternative von (methodologischem) Individualismus und Gesellschaftstheorie
theoriealspraxis.blogsport.de/2010/07/03/intersektionalitaet-und-gesellschaftstheorie/
und
theoriealspraxis.blogsport.de/2011/08/05/aus-gegebenen-anlass-gegen-queere-politische-und-gesellschaftsanalytische-indifferenz/

6. Doku-Serie "Als es noch einen revolutionären Feminismus gab..."
theoriealspraxis.blogsport.de/tag/rev.-fem

(1) Vgl.
arschhoch.blogsport.de/2011/10/06/veranstaltungsbericht-feministische-organisierung/,
arschhoch.blogsport.de/2011/10/04/feministische-organisierung-gut-dass-wir-nur-mal-drueber-geredet-haben/
undhttp://arschhoch.blogsport.de/2011/09/14/va-3-10-perspektiven-feministischer-organisierung-nach-dem-slutwalk/

(2) https://www.facebook.com/event.php?eid=227823233942722


VON: DETLEF GEORGIA






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