Zur Erinnerung an Yessie Macchi: „Ich werde immer eine Tupamara bleiben“

02.03.09
ArbeiterbewegungArbeiterbewegung, Feminismus, Internationales, TopNews 

 

Von Theo Bruns und Angela Habersetzer, www.assoziation-a.de

„Eine Operation im CIM durchführen heißt, sich in die Höhle des Löwen zu begeben“ (Actas Tupamaras). 30. Mai 1970. Ein Kommando der uruguayischen Stadtguerilla MLN-Tupamaros überfällt kurz nach Mitternacht das Ausbildungszentrum der Marine (CIM) im Hafenviertel von Montevideo. Ohne dass ein einziger Schuss fällt, gelingt es ihnen, die Kaserne einzunehmen und die anwesenden Soldaten zu überwältigen. Die halbe Nacht über verladen sie die Beute – mehrere hundert Gewehre und eine große Anzahl weiterer Waffen – in Lastwagen. Zum Abschluss der Aktion hissen sie am frühen Morgen am Fahnenmast der Kaserne die Flagge der MLN. An der Aktion sind zwanzig Männer und zwei Frauen beteiligt. Eine von ihnen ist Yessie Macchi, Kampfname „Cecilia“.

Jugend und Revolte

Am 14. Juli 1946 wird Yessie Macchi in Montevideo geboren. Die Mutter, eine äußerst energische Frau und vielleicht die einzige Person, die ihr zeit Lebens wirklich Respekt einflößte. Der Vater ein Oberstleutnant des uruguayischen Heeres. So wächst die spätere Tupamara im Schoße einer Offiziersfamilie auf. Als Yessie vier Jahre alt ist, zieht sie mit den Eltern und der älteren Schwester in die Vereinigten Staaten um, wo der Vater einen Posten bei der Junta Interamericana de Defensa in Washington D.C. antritt. Als die Familie nach dreieinhalb Jahren an den Rio de la Plata zurückkehrt, spricht Yessie fließend Englisch.
Nach einer kurzen religiösen Phase, in der sie davon träumt, nach Indien oder Bolivien zu gehen, um „den Armen zu helfen“, wendet sie sich vom Glauben ab und zieht mit 14 Jahren von zu Hause aus. Sie führt nun ein unabhängiges Leben unter prekären Bedingungen. Und stürzt sich voll ins Leben. Die ersten Liebschaften, in denen sie versucht, der bestimmende Part zu sein; die ersten Erfahrungen mit männlicher Gewalt. Sie betreibt einen Kult des Risikos, rast über rote Ampeln. „Die Angst kam erst danach.“ Ihr selbstbewusstes, offensives Auftreten als Frau ist in der konservativen uruguayischen Gesellschaft eine Provokation. Als geschminkte und modisch gekleidete Sekretärin verstößt sie aber auch gegen den Kleidungskodex der Linken. „Ich werde die Revolution nicht in Jeans, sondern im Minirock machen“, verkündet sie. Die individuelle Revolte ging der politischen Revolte voraus. Die spätere Presseberichterstattung über sie wird eine stark sensationalistische, sexistische Note haben, in der das Bild der schönen und verführerischen, aber gefährlichen Guerillera dominiert.
Yessie Macchi politisiert sich nun rasch. Sie liest Camus, Sartre, Merleau-Ponty, Marx. Verfolgt den Befreiungskrieg in Algerien. Auf der Abendschule bekommt sie Kontakt zu linken Schülern und Studenten. Innerhalb kurzer Zeit durchläuft sie mehrere politische Organisationen, von der Kommunistischen Jugend bis zum maoistischen MIR. Schon bald langweilen sie die sterilen ideologischen Grabenkämpfe. Sie sucht eine praktische Antwort. Über einen Genossen bekommt sie Kontakt zur MLN, der entstehenden Stadtguerilla, die unter dem Einfluss des kubanischen Beispiels die sozialistische Revolution im krisengeschüttelten Uruguay machen will. Der Eintritt wird ihr nicht leicht gemacht, noch verfolgt die Organisation eine zurückhaltende Rekrutierungspolitik. „Armate y espera“ (Bewaffne dich und warte ab) lautet die Parole. Um eine Waffe zu erwerben, stiehlt die kleine dreiköpfige Gruppe, der Yessie angehört, nachts Blumen aus Gewächshäusern, um sie am nächsten Tag zu verkaufen. Aus dem Erlös wird ein Revolver 38 gekauft. Endlich können sie der MLN beitreten.

Unter dem Zeichen Che Guevaras

Tagsüber Sekretärin einer multinationalen Firma, verwandelt sie sich nachts in eine Militante der MLN. Es ist 1966, das Jahr des Amtsantritts des neuen Präsidenten Oscar Gestido. Die Tupamaros agieren zunächst noch abwartend. Als Gestido stirbt, übernimmt Ende 1967 Jorge Pacheco die Präsidentschaft, der das Land zunehmend militarisiert und beginnt mit Notstandsdekreten zu regieren. Die Auseinandersetzungen eskalieren. Eine Studentenbewegung geht in Konfrontation zum Regime. Für Yessie Macchi wird das Doppelleben immer schwieriger, sie beschließt, für einige Zeit aus dem Land zu verschwinden. So „verliert sie“ – wie sie später halb im Scherz sagen wird – das Jahr 1968 in Uruguay.
Sie behauptet, sie ginge nach Paris. In Wirklichkeit ist ihr Ziel Kuba. Das sozialistische Land in der Karibik verfolgt zu dieser Zeit, kurz nach dem Tod Che Guevaras in Bolivien, noch die Strategie der kontinentalen Revolution, operativ umgesetzt vom Departamento América unter Leitung des legendären Manuel Piñeiro „Barbarroja“. Auf der Insel geben sich Revolutionäre aus allen Ländern Lateinamerikas ein Stelldichein. Yessie Macchi erhält als Repräsentantin der MLN ein militärisches Training, nimmt aber auch an Ernteeinsätzen teil. Und zum ersten Mal in ihrem Leben verliebt sie sich ernsthaft: in einen venezolanischen Revolutionär mit dem Spitznamen „El Chino“. Nach kaum einem Jahr folgt die unvermeidliche Trennung, ihr Geliebter geht nach Venezuela, um sich der Guerilla Douglas Bravos anzuschließen, Yessie reist mit falschem Pass über Buenos Aires nach Uruguay zurück. Auf klandestinem Weg tauschen beide weiter Briefe aus. Nach einigen Monaten dann die Nachricht – Yessie ist g
erade zum ersten Mal verhaftet –, dass El Chino im Kampf gefallen ist.

Als Tupamara im Untergrund

Nach ihrer Ankunft in Montevideo wird Yessie sofort in den militärischen Sektor der MLN integriert. Die Tupamaros gehen von Propagandaaktionen zu einer neuen Etappe des Kampfes über, schrauben das Aktionsniveau hoch. Um einen Streik der Bankangestellten zu unterstützen, entführt ein Kommando der MLN im September 1969 den Bankier Gaetano Pellegrini Giampetro. Einen Monat später folgt am zweiten Jahrestag der Ermordung Che Guevaras die bisher spektakulärste Aktion der Tupas, die als Trauerzug getarnt die Stadt Pando besetzen. Obwohl die Aktion militärisch in einem Fiasko endet – auf dem Rückzug werden drei Compañeros erschossen und weitere verhaftet – macht sie die Tupamaros mit einem Schlag weltweit bekannt.
Yessie Macchi war an der Vorbereitung der Aktion beteiligt, wird aber wenige Tage vor ihrer Durchführung verhaftet. Im damaligen Frauengefängnis Cabildo wird sie von Nonnen bewacht. Doch schon bald wird ihr Gefängnisaufenthalt durch eine symbolträchtige Aktion vorzeitig beendet: Am 8. März 1970, dem Internationalen Tag der Frau, gelingt ihr mit zwölf weiteren Tupamaras während der Messe die durch ein Kommando von außen unterstützte Flucht aus der Gefängniskapelle. „Vater unser, erlöse uns von unseren Feinden“, überschreibt die Tupamara-Genossin Graciela Jorge ironisch ein Kapitel ihres den Fluchten der Frauen gewidmeten Buches „Historia de 13 Palomas y 38 Estrellas“ (Geschichte von 13 Tauben und 38 Sternen).
Yessie Macchi schließt sich nun der Kolonne des Landesinnern an, die vom Gründer der Tupamaros, Raúl Sendic, geleitet wird. Im Mai nimmt sie an der erwähnten Waffenbeschaffungsaktion im Ausbildungszentrum der Marine teil. Die Tupamaros haben einen Strategiewechsel vollzogen und sich von den anfänglichen Robin-Hood-Aktionen verabschiedet. Ihr Ziel ist nun der bewaffnete Volksaufstand. „Die Leute schauten vom Balkon aus zu und applaudierten. Wir wollten aber, dass sie sich am Kampf beteiligen“, erläuterte Yessie Macchi später. Am 31. Juli 1970 wird Dan Mitrione, ein Experte der CIA für „wissenschaftliche“ Folter und Counterinsurgency, in Montevideo entführt und – als der geplante Gefangenenaustausch scheitert – erschossen. Es ist der einzige Fall einer Geiseltötung durch die Tupamaros. Der Film "Der unsichtbare Aufstand" von Constantin Costa-Gavras mit Yves Montand in der Hauptrolle wird diese Aktion eindrücklich darstellen.
Am 31. Januar 1971 wird Yessie Macchi zum zweiten Mal verhaftet, wieder kommt sie in das Gefängnis Cabildo, wo die Nonnen mittlerweile von weniger gottesfürchtigen Gefängniswärterinnen abgelöst worden sind. Und erneut gelingt Yessie die Flucht. Am 30. Juli 1971 entkommt sie zusammen mit 37 weiteren gefangenen Frauen durch einen Tunnel und weiter durch die Kloaken der Stadt. Stundenlang muss sie sich duschen, um den Gestank wieder loszuwerden.
Nach ihrem erneuten Gefängnisausbruch ist Yessie endgültig zu einer der meistgesuchten Frauen Uruguays geworden. Ihr Foto prangt auf den Titelseiten der Tageszeitungen. Nachdem am 5. September auch den Männern eine Massenflucht aus dem Gefängnis Punta Carretas gelingt, sind die Tupamaros auf dem Höhepunkt ihrer Macht angelangt. Sie scheinen unbesiegbar. Auf politischer Ebene unterstützen sie bei den Wahlen im November 1971 die Frente Amplio mit ihrem Spitzenkandidaten, dem Ex-General Líber Seregni. Das Linksbündnis erringt mit 17 Prozent der Stimmen nur einen Achtungserfolg. Zum neuen Präsidenten wird der erzreaktionäre Juan María Bordaberry gewählt, der wenige Monate später die Bürgerrechte außer Kraft setzen und den inneren Kriegszustand verhängen wird.
Yessie Macchi ist währenddessen erneut im Umland von Montevideo aktiv. Es ist eine Zeit atemloser Aktivitäten und ständig eskalierender Auseinandersetzungen. Die Todesschwadronen beginnen zu agieren. Die MLN schlägt zurück. Die Zahl der Toten und Verhafteten steigt. Während der Vorbereitung der erneuten Besetzung einer Stadt – es geht um die Einnahme von Soca im Februar 1972 – lernt Yessie den Mann kennen, den sie als die „Liebe ihres Lebens“ bezeichnet: Leonel Martínez Platero. Trotz aller Widrigkeiten des Lebens in der Illegalität beschließen sie, ein Kind zu zeugen. Auch im Rückblick wird Yessie Macchi – einige Kommentatoren haben diese Aussage voller Unverständnis und Entrüstung skandalisiert – diese Phase der Klandestinität und des bewaffneten Kampfes als die glücklichste Zeit ihres Lebens bezeichnen, in der sie genau das tat, was sie für richtig hielt, kollektiv lebend und kämpfend, im Rahmen einer Organisation, der sie rückhaltlos vertraute.
Doch die Tupamaros haben den Gegner unterschätzt. Das Militär, dem die Bekämpfung der Guerilla übertragen worden ist – und dem die MLN ihrerseits den Krieg erklärt hat –, zerschlägt die Bewegung innerhalb weniger Monate, nicht zuletzt durch den systematischen Einsatz der Folter. Am 13. Juni 1972 gerät die Gruppe um Yessie Macchi in der Kleinstadt Parque del Plata östlich von Montevideo in eine Konfrontation mit der Polizei. Es kommt zu einem langen Feuergefecht. Leonel und Yessie werden voneinander getrennt. Statt zu fliehen, durchstreifen sie die Stadt auf der Suche nach einander. Leonel wird schließlich durch Schüsse in den Rücken ermordet, als er sich ergibt, um einen Compañero zu schützen. Yessie wird – nachdem sie die letzte Patrone verschossen hat – schwer verletzt festgenommen. Zum Zeitpunkt der Verhaftung schwanger, verliert sie ihr Kind aufgrund von gezielten Tritten in den Unterleib.

Geisel des Staates

Yessie Macchi wird ins Militärhospital gebracht, in Gips gelegt und wie eine Beute zur Schau gestellt. Offiziere aller Waffengattungen defilieren an ihr vorbei, um sich am Anblick der gefangenen legendären Guerillera zu weiden. Sobald es ihr Zustand erlaubt, wird sie aus dem Krankenhaus in eine Militärkaserne verschleppt. Es beginnt eine Zeit der Rotation durch verschiedene Kasernen des Landes – und der Folter, über die Yessie nie im Detail sprechen wird.
Sie wird von einem Militärgericht zu über 40 Jahren Haft verurteilt und schließlich in das Frauengefängnis Punta de Rieles gebracht, wo sie ein stürmisches Wiedersehen mit ihren Genossinnen erlebt. Doch auch dies ist nur ein kurzes Zwischenspiel. Ein Woche vor dem Putsch der Militärs am 27. Juni 1973 werden neun Frauen – kurz darauf auch neun Männer – zu Geiseln des Staates erklärt, denen für den Fall einer weiteren Aktion der Tupamaros mit Erschießung gedroht wird. Erneut werden die Geiseln in Militärkasernen verschleppt, wo sie die nächsten drei Jahre unter barbarischen Bedingungen in winzigen Verliesen dahinvegetieren. „Keine Woche verging ohne zwei bis vier Folterverhöre.“
Beim Bataillon Florida wird Yessie Macchi in eine Zelle mit Elisa Michelini gesperrrt, der Tochter des wenig später im Mai 1976 von den Militärs in Buenos Aires ermordeten Senators der Frente Amplio, Zelmar Michelini. Kurz darauf werden sie in die Kaserne „La Paloma“ im Stadtteil Cerro von Montevideo verlegt. In den Nachbarzellen befinden sich auch andere Gefangene. Die Schreie der Gefolterten dringen durch die Wände. Hier im härtesten aller Kerker lernt Yessie einen Mitgefangenen, Mario Soto, kennen, mit dem sie sich durch ein in die Zellenwand gebohrtes Loch verständigen kann. Mit der Zeit entwickelt sich unter schwierigsten Verhältnissen eine „klandestine Romanze“. Dank der Solidarität eines Wachsoldaten gelingt es ihnen, zwei oder drei Mal zusammen zu sein, und Yessie schlägt ihm vor, hier, am unwirtlichsten aller Orte, ein Kind zu zeugen. Mario willigt trotz der unabsehbaren Folgen ein.
Ihre Entscheidung ist für Yessie ein Akt der Rebellion, eine Entscheidung für das Leben inmitten einer Atmosphäre des Todes. Um zu verhindern, dass ihre Schwangerschaft als Ergebnis einer Beziehung zu einem Soldaten oder einer Vergewaltigung ausgegeben werden kann, geben die beiden ihre Liebe bekannt und offenbaren ihren Wunsch zu heiraten. Die zu erwartende Reaktion der Militärs ist ihre sofortige Trennung.
Als ihre Schwangerschaft wenig später offenkundig wird, kommt es zu einem Gipfeltreffen der Militärs. Sie fällen die Entscheidung, die beiden Frauen – und alle anderen weiblichen Geiseln – in das Frauengefängnis Punta de Rieles zurückzuverlegen. „Für mich war die Schwangerschaft also glimpflich ausgegangen. Für meinen Compañero Mario traf das keineswegs zu. Er wurde drei Monate lang gefoltert, nur um den Namen dessen zu erfahren, der unsere Zusammenkunft ermöglicht hatte. Danach war er völlig traumatisiert, was schließlich in einer Krebserkrankung mündete, an der er am 27. Juni 1980 starb.“
Ihre gemeinsame Tochter Paloma wird im Gefängnis geboren, aber nach wenigen Monaten von der Mutter getrennt und fortan von den Großeltern großgezogen.

Im Frauengefängnis Punta de Rieles

Das Ende der Geiselhaft brachte zunächst keine Erleichterung. Die Bedingungen im Frauengefängnis Punta de Rieles, in dem zeitweise fast mehrere Hundert weibliche politische Gefangene inhaftiert waren, waren äußerst hart. Das Regime verzieh es den Frauen nie, dass sie sich aufgelehnt hatten und aus ihrer traditionellen Rolle ausgebrochen waren. Zudem gab es eine Gruppe von Gefangenen, die Yessies Entscheidung, im Knast ein Kind zu bekommen, nicht akzeptierten und sie mit harter Kritik und bösartigen Unterstellungen konfrontierten. Genau mit dieser Gruppe Frauen wurde sie anfangs in einem Sektor untergebracht. „Es war ein sehr einsames Jahr. Die Genossinnen bestraften mich mit Schweigen. Es ist sehr hart, ein doppeltes Gefängnis, einen Knast im Knast, zu erleben.“
Erst langsam begann sich die Situation zu bessern. Die Erfahrung der Solidarität unter den Frauen, die Yessie später so oft beschrieben hat, war das Ergebnis eines langen und harten Kampfes. Anders als die Männer setzten die Frauen im Gefängnis eine horizontale Organisation durch und hoben die Trennung nach politischen Organisationen weitgehend auf. Im Zentrum stand der gemeinsame Kampf gegen das Knastregime. „Wir kämpften um jede Genossin, gaben keine auf. Und so sind wir immer ein großes Kollektiv geblieben.“ Die Frauen verteidigten die Autonomie des Gefangenenkampfes, gaben aber auch keine Ratschläge in Bezug auf die außerhalb des Knasts zu befolgende politische Linie.
Ab 1980 zeichnet sich das Ende der Militärdiktatur ab. Die Militärs verlieren das Referendum zu einer Verfassungsreform. Am 1. März 1985 tritt schließlich eine neu gewählte Zivilregierung ihr Amt an, begleitet von der größten Demonstration, die Uruguay bis dahin erlebt hatte. Die Freiheit der Gefangenen ist nun das oberste Ziel. Am 10. März kommt das Gros der Gefangenen, denen kein Delikt „gegen Leib und Leben“ zur Last gelegt wurde, frei. Wieder sind Hunderttausende auf den Beinen, um sie zu empfangen. Es ist ein Volksfest, eine Sternfahrt führt zum Platz der Freiheit. „Und alle diese Leute, zusammen mit den Compañeros und Compañeras, die rausgekomen sind, gingen einfach nicht nach Hause, sondern umringten weiter die Knäste, um auf die anderen Compañeros und Compañeras, die noch im Gefängnis waren, zu warten.“ Am 14. März 1985 öffnen sich endlich auch für die letzten 63 politischen Gefangenen – unter ihnen Yessie Macchi – die Gefängnistore.
Die ersten Tage und Wochen der Freiheit sind wie ein Rausch. „Wenn ich durch die Straßen in unserem Viertel spazierte, haben die Leute mich umarmt, haben geweint und immer wieder gesagt, verzeih mir, wir haben nicht gewusst, was sie mit euch gemacht haben.“
„Dann kam die Zeit, die wir die Depression nach der Freilassung nennen.“

Das „Trauma der Freiheit“

Die Wiedereingliederung in das Alltagsleben nach so vielen Jahren Gefängnis war für die freigekommenen Frauen extrem schwer. „Freiheit heißt nicht, dass sie dir die Türen vom Knast aufmachen. Die Freiheit zu erlangen dauert viel länger.“ Die familiären Beziehungen waren zum Teil sehr belastet, viele Partnerschaften gingen nach so vielen Jahren der Trennung in die Brüche. Eine neue Liebe zu finden war schwer. „Ein Mann, der 15 Jahre gefangen gewesen ist und mit 40 rauskommt, ist ein Held. Eine Frau, die 15 Jahre gefangen gewesen ist und mit 40 rauskommt, ist eine Alte.“ Die Verantwortung für die Kinder oblag zumeist den Frauen, und die ökonomische Situation war sehr angespannt. Es war nicht leicht, einen neuen Job zu finden. Die erste Zeit war „wie ein Taumeln“.
Die Doppelbelastung der Frauen brachte es mit sich, dass sie auch in ihrer politischen Präsenz zurückgedrängt wurden. Hinzu kam die erneute Konfrontation mit den vertikalistischen Strukturen der politischen Linken, die zum Rückzug, zur Privatisierung vieler Frauen führten. In einem ak-Interview beschreibt Yessie Macchi, dass die Frauen sich angesichts der männlichen Machtstrukturen buchstäblich „entwaffnet“ gefühlt hätten. „Plötzlich hingen wir in etwas drin, was für uns schon ein Anachronismus war. … Wir mussten uns einfügen in eine Welt, die wir weitgehend hinter uns gelassen hatten.“
Auch ihre Verarbeitung des bewaffneten Kampfes unterschied sich in spezifischer Weise von der der Männer. Yessie Macchi hat dessen historische Legitimität vehement verteidigt und sich gegen seine Umdeutung zu einer Art „bewaffneten Patriotismus“, wie sie im Rahmen der Integration der Tupamaros in das parlamentarische System von einigen führenden Ex-Guerilleros vorgenommen wurde, kritisch abgegrenzt. Genauso wenig war sie allerdings für Verklärung und Mythenbildung zu haben. So kritisierte sie den Waffenkult der Männer und verwies darauf, dass der Ausübung von Gewalt die Gefahr der Pervertierung immer inhärent ist. „Ich glaube nicht, dass der bewaffnete Kampf läutert (Fanon). Er hat im Gegenteil hohe soziale und persönliche Kosten. Und es muss klar sein, dass es nicht einen einzigen überflüssigen Schuss geben darf. Nicht einen einzigen. Und das sagt dir eine, die wahrhaftig viel geschossen hat und Schießlehrerin der MLN war.“ Der gemeinsame Nenner beider Positionen ist ein kritisches Verhältnis zur Macht.
Im gleichen Gespräch redet Yessie Macchi über die Notwendigkeit des Auftauens eingefrorener Gefühle, der Aufgabe der Selbstschutzmechanismen nach den Jahren des Knastes. „Diese Destrukturierung kann Jahre dauern, kann sein, dass sie nie gelingt oder nur auf furchtbare Weise, wie das bei vielen von uns der Fall war. Denn in dem Moment, wo du deine Verteidigungsmechanismen aufgibst, kommt all das hoch, was du im Knast weggesteckt hast, der Schmerz, das Leiden, die Angst.“ Sie betont den Widerspruch zwischen der Legende, dem Mythos und dem eigenen Ich mit seinen Stärken und Schwächen – und kritisiert den sozialen Druck, „der dich auffordert, die eigene Legende zu sein“.
Zeitweise konnte Yessie die Gespenster der Vergangenheit und die Zumutungen der Gegenwart nur mit Medikamenten und Alkohol ertragen. „Es war ein beständiger Kampf gegen die Selbstzerstörung.“

Die Mühen der Legalität

Nach ihrer Haftentlassung engagiert sich Yessie Macchi in verschiedenen sozialen und politischen Projekten. Ihr Interesse an der Frauenbewegung erwacht, in der MLN versucht sie eine Frauenkommission zu etablieren und zu stärken. Es geht ihr um die Organisierung eines feministischen Raums. Sie thematisiert die Diskriminierung der lohnarbeitenden Frau, den Sexismus, die Gewalt in der Familie, das Recht auf Abtreibung.
Einen ersten Job findet sie bei einem Hilfswerk, das sich um entlassene Gefangene und Rückkehrer aus dem Exil kümmert. Danach arbeitet sie als Hörfunkjournalistin für das Radio CX 44 Panamericana, das 1988 von den Tupamaros, die sich mittlerweile als legale politische Bewegung neu konstituiert haben, übernommen worden war. Das „Radio de la gente“ ist bald eines der meist gehörten des Landes. Yessie ist u.a. für das Programm „Vamos Mujer“ zuständig, in das sich die Hörerinnen direkt einschalten können. Ihre Arbeit findet ein abruptes Ende, als das Radio 1994 nach militanten Protesten gegen die Auslieferung baskischer Flüchtlinge nach Spanien, bei denen das Radio eine mobilisierende Rolle spielt, geschlossen wird.
Yessie Macchi ist Gründungsmitglied von ACA (Amigas de la Comunicación Alternativa) und der linken Nachrichtenagentur COMCOSUR (Comunicación Participativa desde el Cono Sur), für die sie bis zu ihrem Tod das Programm Comcosur Mujer betreut. Von der Heinrich Böll Stiftung zur Unterstützung des Projekts bewilligte Gelder wurden – nebenbei bemerkt – von der Bundesregierung drei Jahre lang mit dem Argument blockiert, dass mit Yessie Macchi eine ehemalige Guerillera im Projekt tätig sei.
Später arbeitete sie eine Zeitlang in einem Projekt, welches in den marginalisierten Vierteln Montevideos Mädchen und junge Frauen betreute, um unerwünschte Schwangerschaften durch Aufklärung über Verhütung und reproduktive Rechte möglichst zu vermeiden.
Mit den Jahren wuchs ihre politische Distanz zur MLN-Tupamaros, die ab 2004 als stärkste Fraktion innerhalb der Frente Amplio an der Regierung beteiligt war. Die leider so typischen Anpassungsprozesse einer Befreiungsbewegung, die in den Regierungssesseln angekommen ist, hat sie kritisiert, ohne die Rolle einer Dauerkommentatorin einzunehmen. Ihr Weg war die Rückbesinnung auf die sozialen Kämpfe und Probleme, insbesondere die der Frauen.
In den 1990er Jahren war Yessie Macchi mehrere Male in Deutschland zu Besuch, um Projekte vorzustellen, die Erfahrungen der Tupamaros zu vermitteln und einen politischen Austausch über die Kontinente hinweg zu etablieren. In dieser Zeit sind zahlreiche Freundschaften entstanden, die über die Jahre Bestand hatten.
Es ist ein Austausch, der Spuren hinterlassen hat. Im Jahr 1992 erschien in dem damals „berühmten“ PIZZA-Buch „Odranoel. Die Linke zwischen den Welten“, einem ambitionierten Versuch, die internationalistische Linke in Deutschland und Lateinamerika in einen direkten Kontakt miteinander zu bringen, ein Interview mit ihr.
1993 besuchte Yessie Macchi die RAF-Gefangene Irmgard Möller im Knast in Lübeck. Es war wie ein Blick in den Spiegel. Beide sind fast gleichaltrig und wurden im selben Jahr verhaftet. In einem außergewöhnlichen Radio-Beitrag berichtete sie in Uruguay von ihrem Besuch, den sie als „einzigartige Symbiose zweier Frauen, die 15.000 km voneinander entfernt leben“, erfahren hat. Und sie spricht – zu sich, zu Irmgard – in dem Versuch, ihre eigenen Erfahrungen zu vermitteln: „Aber ich fühle mich verpflichtet, ihr zu sagen, sie solle die Freiheit nicht idealisieren. Und langsam, damit sie jedes meiner Worte versteht, erkläre ich ihr, wie schwierig es ist, sich an das Leben zu gewöhnen, alles neu zu lernen. Vom Zünden der Lichter, wenn es Nacht wird, der Gewöhnung an tiefgreifende Veränderungen unserer geliebten Mitgeschöpfe und unserer eigenen Genossen und Genossinnen. Die anfängliche Hast, alles zu sagen, was man jahrelang nicht gesagt hat, und alle Lücken zu schließen, die sich in j
enen Jahren geöffnet haben. Und dann die so häufige Depression, bis man das Gleichgewicht wiedererlangt hat.“ Zurück in Uruguay organisierte Yessie Macchi eine Kampagne zur Freilassung von Irmgard Möller, der sich die gesamte Leitung der MPP, der Bündnisorganisation der Tupamaros, anschloss.
Aus ihren vielfältigen Kontakten entstand eine Filmidee: Ein Kollektiv von Frauen interviewt ehemalige Gefangenen und soziale Kämpferinnen in Uruguay und Deutschland. Yessie Macchi ist an dem Projekt als Interviewte und Interviewerin beteiligt. Aus Deutschland werden Monika Berberich und Margit Czenki, ehemalige politische Gefangene aus zwei unterschiedlichen bewaffneten Gruppen, und Gisela Wiese von Pax Christi, eine langjährige Antifaschistin, interviewt. Auf uruguayischer Seite kommt neben Yessie Macchi ihre Tupamara-Genossin Graciela Jorge zu Wort. Der außergewöhnliche Film wird 1997 unter dem Titel „Und plötzlich sahen wir den Himmel“ uraufgeführt und bei den Filmfestspielen in Havanna vorgestellt. Bei den 5. Internationalen Videotagen in Dortmund gewinnt er den Publikumspreis.
Kontakte und Ideen, die Ideen gebären. Vom Filmprojekt inspiriert interviewen Monika Berberich und Irene Rosenkötter – unterstützt von Yessie Macchi – ehemalige gefangene Frauen aus allen Gruppierungen des Widerstands und der bewaffneten Revolte in Uruguay. Die bearbeiteten Interviews erscheinen 1998 in dem Buch „Aber wir haben immer auf das Leben gesetzt“ auf Deutsch. So ist die Frucht eines langjährigen internationalen Austausches das Paradox, dass das erste Buch über die Hafterfahrungen gefangener uruguayischer Frauen in der Bundesrepublik und nicht in Uruguay erscheint. Um das Buch auf einer Lesereise vorzustellen, ist Yessie Macchi das letzte Mal nach Deutschland gekommen.
Zwischenzeitlich trafen wir Yessie auf Kuba, um ein turbulentes Wiedersehen zu feiern. Yessie war auf Einladung der Universität von Havanna für einen einjährigen Forschungsaufenthalt eingeladen worden, der eine für sie typische Wendung nahm. Als man ihr vorschlug, über „Basisdemokratie auf Kuba“ zu arbeiten, war ihre sarkastische Antwort: „Welche Basisdemokratie?“ Sie wolle lieber über neue Formen der Prostitution und die Beweggründe der Frauen, sich auf sie einzulassen, forschen. Davon wollten die Funktionäre des mittlerweile nur noch „realsozialistischen“ Inselstaats nun ihrerseits nichts wissen. Ein Vorschlag, der ins Leere lief. Dennoch war ihr Kubaaufenthalt ein „Glücksfall“. Sie verliebt sich in Rolando, der ihr später nach Uruguay folgt und mit dem sie bis zu ihrem Tod zusammenleben wird.

Den Mund halten wollte und konnte Yessie Macchi nie. Sie war in jeder Hinsicht eine Antiautoritäre, eine durch und durch rebellische Frau. Von einer Unabhängigkeit des Denkens, wie sie in politischen Organisationen – illegalen zumal – nicht gerade häufig anzutreffen ist. Sie verkörperte die „andere“ Geschichte der Tupamaros, die der Frauen, die unabgegoltene, mit der „kein Staat zu machen“ ist. Als Freundin war sie solidarisch, humorvoll und zugewandt, aber auch aufbrausend, manchmal sarkastisch und für ihre Temperamentsausbrüche gefürchtet. Oft ging mehr als Porzellan in die Brüche.
Wir haben sie 1992 bei ihrer ersten Deutschlandreise kennengelernt und seitdem regelmäßig in Hamburg, Montevideo oder Havanna getroffen. Gemeinsam planten wir, was wir scherzhaft eine „Wanderkommune“ nannten – international und an mehreren Orten des Planeten beheimatet.
Weite Strecken ihres Lebens hat Yessie Macchi in der „Höhle des Löwen“ zugebracht. „Rote Ampeln“ zu ignorieren war einer ihrer Wesenszüge. Am 3. Februar 2009 hörte ihr Herz in der Folge einer Krebserkrankung auf zu schlagen.







<< Zurck
Diese Webseite verwendet keine Cookies. Hier erfahrt ihr alles zum Datenschutz