Ohne die Arbeiterklasse hatten wir keine Chance

03.09.11
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von Dieter Braeg Buchbesprechung

„Frühschicht – Linke Fabrikinterventionen in den 70er Jahren“ - Jan Ole Arps

Das Buch beginnt mit den „Politfürsten“ und ihren abschreckenden Beispielen einer „Betriebsarbeit“ die Jan Ole Arps an Personen festmacht:
“Klaus Franz hat es getan, Berthold Huber hat es getan, Joschka Fischer hat es getan.“ Aber auch Eugen Eberle hat es getan. Eugen Eberle (Jahrgang 1908), gelernter Werkzeugmacher und seit 1928 Mitglied der KPD, war nach 1945 für sieben Jahre Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats der Fa. Robert Bosch und in dem leider heute vergessenen Buch „Kampf um Bosch“ (Wagenbach Verlag aus 1974) schildert er sieben Jahre offensiven Kampfes gegen das Kapital. Tilman Fichter analysiert im gleichen Buch die Betriebspolitik der KPD nach 1945 bei der Fa. Bosch.

Dieses Buch hätte Vorbild für die Arbeit von Jan Ole Arps sein müssen, denn die Geschichte der Betriebsinterventionen und der Betriebsarbeit der dogmatischen und undogmatischen Linken, vor allem in den 70er Jahren, hätte viel genauer untersucht und beschrieben werden müssen.

Die Betriebsarbeit der K-Gruppen nimmt einen weiten Raum in diesem Buch ein und dass im Quellenverzeichnis bei den Zeitschriften der „Rote Morgen“, „Autonomie“, „Arbeiterkampf" und „Wir wollen alles“ eine entscheidende Quellenrolle spielen, ist leider viel zu wenig. Von der Gewerkschaftspresse hat der Autor nur drei Ausgaben der IG Metall Mitgliederzeitung „Metall“ (Nr. 9/68;Nr.9/73 und Nr. 18/73) als Quelle angegeben.

Die vielen Betriebszeitungen der DKP (in Neuss erschienen zum Beispiel für die Firmen Havester und Pierburg der „Rote Traktor“ und „Die Spritpumpe“) in den 70er Jahren, die regelmäßig vor den Betrieben verteilt wurden, waren in Aufmachung und Sprache durchaus in der Lage bei den Belegschaften zu wirken. Die Betriebsarbeit der DKP und Ihrer Betriebsräte (samt der Kritik an deren oft ziemlich opportunistischem Verhalten gegen über der Gewerkschaftsbürokratie) fehlt fast völlig.

Der Kampf der Gewerkschaften gegen linke Vertrauensleute und Betriebsräte per Unvereinbarkeitsbeschluss, hätte sicher auch ausführlich Platz in diesem Buch finden müssen, denn auch er sorgte für jenen „sozialen Frieden“ und die „vertrauensvolle Zusammenarbeit“, die der Gewerkschaftsspitze und natürlich dem Kapital wichtig war.

Bei den vielen linken Vertrauensleuten und Betriebsräten war für ihre Arbeit aber vor allem das Bildungsangebot der Gewerkschaften wichtig, dass da der Grundwiderspruch zwischen Kapital und Arbeit, etwa bei dem Bildungskonzept der IG Metall eine entscheidende Rolle spielte, wäre sicher auch in diesem Buch wichtig gewesen.
Der „express“ (damals vom Sozialistischen Büro herausgegeben) – er erscheint auch noch heute mit dem Untertitel „Zeitung für sozialistische Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit“ - war wichtiges Informationsmittel und gleichzeitig auch Mittelpunkt und Organisator vieler Veranstaltungen und Tagungen – (zum Beispiel im Jahre 1978 „Großer Ratschlag – Alternative Ökonomie“).

Zur Arbeit der „plakat" –Gruppe bei Daimler Benz ist im Jahre 1979 im Rotbuch Verlag ein Taschenbuch erschienen, das wird leider in Ole Arps Buch kaum erwähnt und die Betriebsarbeit dokumentiert, an der zum Beispiel u.a. Willi Hoss, Hermann Mühleisen, Dieter Marcello und Mario d’Andrea beteiligt waren.

Ob die Betriebsbesetzung der Zementfabrik Seibel&Söhne, (Rainer Duhm/Erhard Maus „Wir halten den Betrieb besetzt“), der Kampf der Arbeiterinnen bei Hella (Automobil-zulieferindustrie), die Auseinander-setzungen bei Volvo in Dietzenbach, oder der Kampf einer ganzen Stadt um Arbeitsplätze (VFW Speyer), es gäbe viele Kapitel mehr zu schreiben in diesem Buch, das sicherlich eine zweite Auflage verdient hätte, wenn man das Thema ausführlicher behandeln möchte und sollte.

In einem Vorwort zum kritischen Jahrbuch 1974 „Gewerkschaften und Klassenkampf“ (Fischer TB Verlag) – Herausgegeben von Otto Jacobi, Walther Müller-Jentsch und Eberhard Schmidt konnte man lesen:
“Die spontane Streikbewegung 1973 – breiter und militanter als die im September 1969 – hat unsere frühere Erkenntnis, dass die westdeutschen Gewerkschaften von dem Widerspruch zwischen offizieller Tarifpolitik und den Interessen der Mitglieder gekennzeichnet sind, in eklatanter Weise bestätigt."

Die Vermutung, dass gewerkschaftliche Politik, wie sie bisher betrieben wurde, in eine Krise geraten ist, war niemals berechtigter als heute. So haben die spontanen Streiks nicht nur den Gewerkschaften ihr Vertretungsmonopol streitig gemacht, sie haben zugleich eine massenhafte Unzufriedenheit unter den ausländischen Arbeitern mit der gewerkschaftlichen Vertretungspolitik zum Ausdruck gebracht und auf Forderungsbereiche aufmerksam gemacht, die bislang sträflich vernachlässigt wurden.“

Dieses Jahrbuch von 1974 enthält Streikberichte bei Mannesmann/ Duisburg, Pierburg/ Neuss, Küppersbusch/Gelsenkirchen, Rheinstahl/ Brackwede und dazu noch Berichte zum Streik der Bergleute im Saarland. Gerade diese spontanen Kämpfe, die im heutigen Sprachgebrauch mit der Bezeichnung „wild“ sprachlich und inhaltlich diskreditiert werden, sind Ergebnisse linker Betriebs & Gewerkschaftsarbeit die weit über jene Erkenntnisse hinausgehen, die Jan Ole Arps in seinem Buch berichtet und beschreibt.

Sträflich wird auch die Wirkung des Werkkreises Literatur der Arbeitswelt verschwiegen, der in den 70er Jahren sehr viel zu den Auseinandersetzungen betrug. Dazu gibt es etwa das Buch, erschienen 1977, mit dem Titel „Betriebsräte berichten“. Nicht nur Arbeitskämpfe, auch Betriebsratswahlen spielen da eine Rolle und der Alltag der Arbeit von Vertrauensleuten und Betriebsräten.

Noch leben viele die damals gekämpft haben und sie sind nicht, wie der Herr Franz von Opel, zum „Betriebsratschef“ geworden. Es wäre schön, wenn es bald eine erweiterte zweite Auflage von „Frühschicht“ geben würde, die die 70er Jahre genauer untersuchen und auch berichten könnte, wie damals der Kampf in den Betrieben geführt wurde.

Dieter Braeg

Arps, Jan Ole:
Frühschicht. Linke Fabrikinterventionen in den 70er Jahren.
ISBN 978-3-935936-83-5, 240 Seiten.
Verlag - Assoziation A - Berlin/Hamburg 2011. 16,00 €

www.assoziation-a.de/rezension/Fruehschicht.htm
www.akweb.de/ak_s/ak560/15.htm
hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/type=rezbuecher&id=16742
www.wildcat-www.de/wildcat/90/w90_bb_fruehschicht.html

 

 


VON: DIETER BRAEG






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