Ford Streik 1973


Fotos: H. Hilse*


29.09.13
ArbeiterbewegungArbeiterbewegung, Wirtschaft, Köln, NRW 

 

Zwei alte Bilder

Von Kai aus der Kiste

Am Wochenende fand im  Naturfreundehaus Köln Kalk eine zweitägige Veranstaltung  zum 40 jährigen Jahrestag des Ford Streiks statt. Insbesondere der Teil am Freitagabend mit über einhundert Teilnehmern beidruckte durch die Filmbeiträge, vor allem aber durch die Berichte deutscher und türkischer Zeitzeugen vom Kampf der Werker aus der Y - Halle.

Teil der Veranstaltung war eine Fotoausstellung mit großen reproduzierten Bildern des Kölner Fotografen Gernot Huber von diesem Streik, davon viele noch unveröffentlicht und vor allem mit vielen, die auf dem Werksgelände aufgenommen wurden. Leider gibt es bis dato diese Bilder nicht im Netz und sie sind leider bis dato auch nicht zur weiteren Veröffentlichung freigegeben.

Zwei Bilder haben bei mir nachhaltigen Eindruck hinterlassen:

Auf dem einen ist eine Beratung der aktiv Streikenden zu sehen, ca 100 bis 130 Leute. Sie sitzen in konzentrischen Kreisen, außen stehen die Männer in weiteren Reihen. Die Versammlung wirkt wie ein kleines Stadion. Etwas außerhalb der Mitte spricht ein Arbeiter, sein emotionales Engagement ist in einer ausholenden Geste zu spüren. Sieht man in die Gesichter der Umsitzenden, ist absolute Aufmerksamkeit zu sehen. Alle blicken auf den redenden Kollegen. Niemand ist desinteressiert, niemand schaut weg, niemand schwätzt mit seinem Nachbarn.

Das ist echte Kommunikation, das ist echte Demokratie, hier blitzt die Zukunft, die wir erhoffen, für einen kurzen Moment auf.

Zum zweiten Bild muß man wissen, daß die türkischen Männer (1) auch nachts das Werk besetzt hielten. In der Mitte des ansonsten relativ dunklen Bildes ein tanzender Mann in weißem Hemd, den Kopf leicht geneigt. Er hat sich einen alten Farbeimer aus der Lackiererei umgehängt, den er unter dem linken Arm in typischer Trommlermanier geklemmt hat, in beiden Händen Pinselstiele als Trommelstöcke. Dahinter im Halbkreis eine Reihe Männer sitzend, dahinter mehrere Reihen stehend. Sie klatschen mit.

Dieses Bild ist es wert, genauer betrachtet zu werden. Fast alle Männer freuen sich, lächeln, strahlen geradezu. Auch der trommelnde Tänzer schmunzelt fröhlich. Das Bild strahlt eine Atmosphäre des Glücks aus. Eigentlich für einen Streik undenkbar. Und doch, im Bild dokumentiert.

Die türkischen Arbeiter bei Ford hatten die härteste Arbeit, den schlechtesten Lohn und unmögliche Bedingungen in den Wohnheimen. Ihr Streik wurde von deutschen Kollegen unter Führung von Meistern und Vorarbeitern (2) unter Billigung der damaligen Betriebsratsspitze brutal zerschlagen, der Streiksprecher Baha Targün wurde fast gelyncht. Das war das dunkelste Kapitel der deutschen Nachkriegs – Gewerkschaftsgeschichte.

Für die türkischen Männer war dieser Streik trotz der Niederlage ein Akt der Befreiung. Das drücken beide Bilder aus. Darüber hinaus hat der Streik bewirkt, daß in den Folgejahren die migrantischen Kolleginnen und Kollegen in die Gewerkschaftsarbeit in den Betrieben integriert und die gröbsten Benachteiligungen abgestellt werden mußten.

In der aktuellen Krise und der neoliberalen Offensive einer auf Kostensenkung beruhenden Kapitalverwertung entsteht die Y – Halle neu. Sie steht nicht auf einem Firmengelände. Sie steht überall, wo Osteuropäische Eimermenschen (3) in den Schlachthöfen ausgebeutet werden, wo osteuropäische oder asiatische Altenpflegerinnen, oft schwarz beschäftigt, rund um die Uhr zur Verfügung stehen müssen oder litauische Trucker im Werkvertrag für unter 6 € schuften, wo nachts die Reinigungskräfte auf dem Frankfurter Flughafen die Abflughallen auf Hochglanz polieren.

Suchen wir einen Weg, dazu beizutragen, daß auch in diesen Y – Hallen getanzt wird …..

 

(2) In der schwerpunktmäßig bestreikten Y – Halle waren keine Frauen beschäftigt

(2) Jeder, der einmal in einem Betrieb gearbeitet hat, weiß, welche Lachnummer es in der Regel ist, wenn ein Vorarbeiter ein Schild in den Händen hält, auf dem steht: „ich will arbeiten“

(3) Die osteuropäischen Fleischzerleger werden in den nordwestniedersächsischen Orten Eimermenschen genannt, weil sie ihre Messer und Schutzhandschuhe in Eimern in die Großschlachtereien tragen.

 

* Die Fotos sind auf der Veranstaltung gemacht worden. Wir veröffentlichen sie mit der freundlichen Genehmigung des Fotografen von 1973.



EINDRÜCKE – AUSBLICKE! 40 Jahre FORD - Streik Köln - 29-09-13 20:55




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