Der Hergang des Doppelmordes


09.01.12
ArbeiterbewegungArbeiterbewegung 

 

von Die Rote Fahne - 12. Febr. 1919
Darstellung nach einmonatiger Recherche

abgedruckt in: Elisabeth Hannover-Drück und Heinrich Hannover (Hrsg.):
Der Mord an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Dokumentation eines politischen Verbrechens, Frankfurt 1967 (ed. suhrkamp, Bd. 233), S. 51 - 55


Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg sind am Abend des 15. Januar 1919 in das Eden-Hotel beim Stabe der Garde- Kavallerie-Schützen-Division eingeliefert worden. Sie waren von der Wilmersdorfer Bürgerwehr unter Führung zweier Mitglieder, Lindner und Mehring, festgenommen worden. Die Festnahme war ein Rechtsbruch. Es bestand kein Haftbefehl. Selbst wenn sie verhaftet wurden, mußten sie nach den gesetzlichen Vorschriften der Polizei übergeben werden. [...] Sie hatten auf dem Stabsquartier nichts zu suchen und das Stabsquartier kein Recht, sich mit ihnen zu befassen. Was hat die Wilmersdorfer Bürgerwehr veranlaßt, die Verhafteten nach dem Stabsquartier zu bringen?
Es besteht der dringende Verdacht, daß Lindner und Mehring Mitwisser des Mordplanes gewesen sind. Sind sie es nicht gewesen, hat das Stabsquartier sie veranlaßt, die Inhaftierten dorthin zu bringen, so ist das ein Beweis dafür, daß von Anfang an der Divisionsstab die Absicht hatte, Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg in die Hand zu bekommen, um sie [...] zu ermorden. Karl Liebknecht ist am selben Abend gegen 9 Uhr, Rosa Luxemburg etwa eine halbe Stunde später im Eden-Hotel [...] eingeliefert worden.

Rosa Luxemburg ist bereits beim Eintritt ins Hotel beschimpft worden. Ein Hauptmann hat sich besonders hervorgetan. Er war es, der zuerst die geplante Tat verkündete. Er erklärte in der Halle des Hotels: "Den beiden wird heute Abend das Maul gestopft." Karl Liebknecht wurde gegen halb elf vom Hotel weggebracht. Er sollte, wie man erklärte, nach Moabit gebracht werden. Er wurde begleitet von dem Kapitänleutnant Horst von Pflugk-Harttung, dem Leutnant Stiege, dem Leutnant Liepmann, dem Leutnant von Rittgen, dem Leutnant zur See Schulze, dem Leutnant Heinz von Pflugk-Harttung (einem Bruder des Kapitänleutnants) und dem Jäger Clemens Friedrich. Die sämtlichen waren schwer bewaffnet, trugen Handgranaten und entsicherte Pistolen, die Liebknecht gezeigt wurden. Zu derselben Zeit standen als Doppelposten vor dem Hotel die Jäger zu Pferde Runge und Träger. Gegenüber dem Hotel hielt ein Automobil, dessen Führer ein Chauffeur namens Göttinger war, nebst einem Beifahrer. Diese vier haben die Ausführung des Mordplanes besprochen. Sie besprachen, die zwei dürften nicht lebendig aus dem Hotel [...]. Man dürfe sie nicht erschießen, das mache zuviel Lärm [...], man müsse sie mit dem Kolben erledigen. [...] Sie haben den Mordplan ins Einzelne festgelegt. Bis auf Runge hat das Gericht noch gegen keinen eine Hand gerührt. Karl Liebknecht kam aus dem Hotel. Er wurde nicht aus dem Hauptausgang [...] geführt, sondern durch einen Nebenausgang. [...] Runge lief um das Hotel und schlug dem bereits im Auto sitzenden Liebknecht zweimal mit dem Kolben auf den Kopf. Liebknecht sank halb bewußtlos zusammen. Auf der Straße war kein Mensch! Nur ein paar Soldaten. Die Offiziere standen und saßen um Liebknecht herum.

Keiner hat nach dem ersten Schlag den zweiten zu verhindern versucht, keiner hat dem Mörder gewehrt, keiner auch nur ein Wort der Mahnung an ihn gerichtet. Das Automobil fuhr nicht den Weg nach Moabit. Es fuhr den Neuen See entlang in der Richtung nach der Charlottenburger Chaussee. Wir behaupten, daß vom ersten Augenblick an die Absicht bei den transportierenden Offizieren bestand, Liebknecht zu ermorden, und wir folgern das aus diesen Tatsachen: 1. Sie ließen das Automobil ohne wichtigen Grund diesen nahezu unbeleuchteten Umweg fahren. 2. Sie haben die Lüge erfunden, daß das Automobil unterwegs eine Panne erlitten habe. Daß das alles eine Lüge ist, ergibt sich daraus, daß das Automobil sofort nach der Erschießung Liebknechts wieder gebrauchsfertig war. 3. Diese erlogene Panne trat ein genau in dem Augenblick, in dem das Automobil sich an einem völlig unbeleuchteten Nebenweg befand, also gerade an dem Punkt, den die Mörder für ihre Tat brauchten. 4. Sie haben die Lüge erfunden, Liebknecht habe einen Fluchtversuch gemacht. Daß dieser Fluchtversuch erlogen ist, ergibt sich daraus:

a. daß Liebknecht nach dem erlittenen schweren Schlag auf den Kopf kaum mehr im Stande war zu gehen, er war so benommen, daß selbst die Mörder ihn fragten, ob er noch gehen könne,

b. daß auch nur der Gedanke an die Flucht eine Unmög- lichkeit war, in Anbetracht dessen, daß zwei Mann vor, zwei Mann neben und drei Mann hinter Lieb- knecht gingen, schwer bewaffnet, mit entsicherten Pistolen und Handgranaten, wie Liebknecht wußte,

c. daß jeder, der Liebknecht kannte, wußte, daß er noch nie sich einem Prozeß entzogen und an nichts auf der Welt weniger dachte als an Flucht.

d. Sie haben nach der Tat Liebknechts "unbekannte Lei- che" bei der Rettungsstation eingeliefert, sie haben also versucht, die Spuren der Tat zu verwischen. Der, wie hiernach festgestellt, geplante Mord vollzog sich in der Weise, daß das Automobil an der genannten Stelle, von der ein völlig unbeleuchteter Fußweg abging, hielt, daß Liebknecht in diesen Fußweg hineingeführt und nach etwa zwanzig Schritt aus allernächster Nähe erschossen wurde. Den ersten Schuß gab der Kapitänleutnant von Pflugk-Harttung ab. Das ist der Vorgang des einen Mordes. Dann sollte Rosa Luxemburg abtransportiert werden. Derselbe Soldat Runge, der soeben den Mordversuch an Karl Liebknecht begangen, kehrte wieder auf seinen Posten zurück. Niemand wehrte ihm. Er stand bereit zu neuem Werk. Rosa Luxemburg kam die Haupttreppe des Hotels herab und schritt durch den Hauptausgang. Dicht hinter ihr ging der Oberleutnant Vogel, der den Transport führen sollte. Vor der Drehtür standen Runge und Träger. Als sie durch die Drehtür schritt, drehte Runge das Gewehr um und schlug ihr auf den Kopf. Sie sank um. Runge schlug ein zweites Mal auf den Kopf. Von einem dritten Schlag sah er ab, weil er sie für tot hielt. Der Oberleutnant Vogel muß die Schläge bemerkt haben, denn sie wurden sogar im Innern des Hotels gehört. Er hat nichts dagegen getan. Es war ihm gleichgültig, daß Runge das Geschäft des Mordes ihm abnahm. Denn Runges Tat entsprach seinem, Vogels, Plan.

Man schob die Leblose in den Wagen, rechts und links ein Mann, darunter Vogel. Der Wagen fuhr an. Ein Mann sprang noch hinten auf und schlug die schon Leblose noch mit einem harten Gegenstand, etwa einer Pistole, auf den Kopf. Der Oberleutnant Vogel hat unterwegs der Leblosen alsdann die Pistole gegen die Schläfe gehalten, ihr noch einmal eine Kugel durch den Kopf gejagt. Man fuhr mit der Toten zwischen Landwehrkanal und Zoo- logischem Garten entlang. Auf der Straße war kein Mensch. Nur am Ausgang des Zoologischen Gartens gegen den Landwehrkanal stand eine Gruppe Soldaten. Das Auto hielt, die Soldaten nahmen die Leiche in Empfang, und wohin sie sie gebracht haben, das war bis heute nicht zu ermitteln. Es ist eine bewußte Lüge, wenn behauptet wird, die Leiche sei von der "Menge" oder von "Anhängern" aus dem Wagen ge- rissen worden. Das Auto fuhr ja einen Weg, auf dem [...] es kein Mensch erwarten konnte, es sei denn solche, die dahin bestellt waren. Es müssen die Leute, die dort waren, von denen, die den Mord planten, hinbestellt worden sein. Rosa Luxemburg hatte, als sie leblos ins Auto gezerrt wurde, einen Schuh verloren. Dieser Schuh wurde von Soldaten als Trophäe im Eden-Hotel herumgezeigt. Die Mordgesellschaft hat sich am Tage danach fotografieren lassen. Der Haupttäter, Runge, ist im Mittelpunkt der Pho- tographie [...].

2. Die "amtliche Darstellung" des Doppelmordes

(Berliner Tageszeitungen in ihren Mittag- und Abendausga- ben vom 16. Jan. 1919, abgedruckt bei Elisabeth Hannover- Drück und Heinrich Hannover, S. 36 - 39)

Über die Erschießung Liebknechts beim Fluchtversuch und über die Tötung der Frau Rosa Luxemburg auf der Fahrt zum Untersuchungsgefängnis erhalten wir vom Stabe der Garde- Kavallerie-Schützen-Division folgenden Bericht:

1. Am Mittwoch, den 15. Januar, gegen 9.30 abends, wurde durch Mannschaften der Wilmersdorfer Bürgerwehr der in Wilmersdorf, Mannheimer Straße 43 vorläufig festgenom- mene Dr. Karl Liebknecht und gegen 10 Uhr die gleichfalls dort vorläufig festgenommene Frau Rosa Luxemburg beim Stabe der Garde-Kavallerie-Schützen-Division eingeliefert. Nach kurzer Vernehmung der vorläufig Festgenommenen zur Feststellung ihrer Personen wurde zunächst Dr. Liebknecht eröffnet, daß er sich weiterhin als vorläufig festgenommen anzusehen habe und auf Anordnung der vorgesetzten Dienststelle (Abt. Lüttwitz) in das Moabiter Unter- suchungsgefängnis geschafft würde, wo die Weiterverfügung über ihn die Reichsregierung zu treffen habe. [...] Die Nachricht von der Verhaftung und dem Aufenthaltsort von Liebknecht und Rosa Luxemburg hatte sich schnell in der Umgebung des Hotels verbreitet. Die Folge davon war eine große Menschenansammlung vor dem Eden-Hotel. Teile des Publikums drangen bis in die Halle des Hotels ein. Von der G.K.S.D. erhielt der Führer der in Aussicht ge- nommenen Begleitmannschaft daher den ausdrücklichen Befehl, von der Menge unbemerkt Dr. Liebknecht durch einen Seitenausgang aus dem Haus zu schaffen, und ihn mit einem Dienstautomobil nach Moabit zu bringen. Der Führer machte Dr. Liebknecht ausdrücklich darauf aufmerksam, daß er bei einem Fluchtversuch von der Waffe Gebrauch machen werde. Inzwischen aber hatte sich bereits auch am Seitenausgang eine zahlreiche Menschenmenge versammelt, so daß es der Begleitmannschaft nur mühsam gelang, sich einen Weg zu bahnen. Als Liebknecht und die Begleitmannschaften gerade im Wagen Platz genommen hatten, und der Wagen im Begriff war, anzufahren, erhielt Liebknecht aus der den Wagen umdrängenden Menge von hinten von einem unbekannten Täter einen wuchtigen Schlag auf den Kopf, durch den er eine stark blutende Kopfverletzung davon trug. Der Führer der Begleitmannschaft ließ daraufhin das Automobil so schnell wie möglich anlaufen, um L. vor der Menge zu schützen. Zur Vermeidung von Aufsehen wählte der Führer der Be- gleitmannschaft einen Umweg durch den Tiergarten nach Moabit. Am Neuen See blieb der Kraftwagen stehen, der offenbar durch das schnelle Anfahren in Unordnung geraten war. Als auf Befragen der Kraftwagenführer angab, daß die Wiederherstellung der Maschine einige Zeit erfordern würde, fragte der Führer der Begleitmannschaft Dr. Liebknecht, ob er sich kräftig genug fühle, die Charlottenburger Chaussee zu Fuß zu erreichen. Hierbei leitete ihn die Absicht, sich eines Mietwagens zu bedienen, falls der Dienstwagen nicht bald wieder fahrbereit gemacht werden könne. Als sich die Begleitmannschaft etwa 50 m vom Wagen entfernt hatte, machte sich Liebknecht von ihnen los und rannte eiligst in gerader Richtung von ihnen fort. Der eine Begleitmann wollte ihn halten, erhielt aber von Liebknecht einen Messerstich in die rechte Hand. Da Liebknecht auf mehrfaches Anrufen nicht stehen blieb, schossen mehrere Leute der Begleitmannschaft hinter ihm her; einige Augenblicke später stürzte Liebknecht zusammen und war anscheinend sofort tot.

2. Auf Befehl der G.K.S.D. wurde etwa um 10 Uhr abends einer zweiten Begleitmannschaft befohlen, Frau Rosa Luxemburg in das Untersuchungsgefängnis zu überführen. Da sich wegen des Abtransportes von Karl Liebknecht durch den Seitenausgang gerade dort eine große Menschenmenge angesammelt hatte, versuchte der Führer der Begleitmann- schaften die Menge dadurch zu zerstreuen, daß er mit lauter Stimme vor dem Seitenausgang rief, der Abtransport der Rosa Luxemburg sei bereits erfolgt. Der Führer ließ dann das Automobil abfahren und erteilte dem Wagenführer zur weiteren Irreführung der Menge mit lauter Stimme den Be- fehl, nach Hause zu fahren. Der Wagen fuhr dann in einem Bogen an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche vorbei und wieder zurück vor den Haupteingang des Hotels. Zur Zeit des Vorfahrens war der Haupteingang menschenleer. Der Führer der Begleitmannschaften forderte die in einem Zimmer des ersten Stockes befindliche Frau Rosa Luxemburg auf, ihm schnell nach dem Wagen zu folgen und ging selbst zu ihrem Schutze vor ihr her, während die Begleit- mannschaften sie umringten. Innerhalb der wenigen Minuten zwischen der Vorfahrt des Wagens und der Abholung der Frau Luxemburg hatte sich aber eine zahlreiche Menschenmenge vor dem Hotel und in der Halle des Hotels angesammelt. Die Menge nahm eine drohende Haltung gegen Frau Luxemburg ein, es fielen Verwünschungen und es wurde mehrfach der Versuch gemacht, gegen Frau Luxemburg tätlich zu werden. Den Begleitmannschaften gelang es, Frau Luxemburg zum Wagen zu bringen und den Eingang des Wagens freizuhalten. Da sich aber auch an der Straßenseite eine erregte Menschenmenge angesammelt hatte, welche gleichfalls dem Wagen zudrängte, so befand sich die Begleitmannschaft vorübergehend in einem erregten Menschenknäuel und wurde auseinandergerissen. In diesem Augenblick schlug die Menschenmenge auf Frau Luxemburg ein. Diese wurde von dem Führer der Transportmannschaften aufgefangen und bewußtlos von ihm und seinen Leuten in den Wagen gebracht. Frau Luxemburg lag halb zurückgelehnt auf dem Vordersitz des Wagens. Als sich dieser der Menge wegen langsam in Bewegung setzte, sprang plötzlich ein Mann aus der Menge auf das Trittbrett und gab auf Frau Luxemburg einen Pistolenschuß ab.

Auf Befehl des Führers der Begleitmannschaften versuchte der Wagen daraufhin in schneller Fahrt den Kurfürstendamm in Richtung Berlin hinunterzufahren, wurde aber in der Nähe des Kanals plötzlich durch Haltrufe zum Anhalten aufgefordert. In der Annahme, daß es sich um eine kontrol- lierende Patrouille handle, hielt der Wagenführer. In diesem Augenblick drängte sich eine zahlreiche Menschenmenge an den Wagen heran, sprang auf die Trittbretter und zerrte unter den Rufen: Das ist die Rosa! den Körper der Frau Luxemburg aus dem Wagen heraus. Die Menge verschwand mit ihr in der Dunkelheit. Es ist an- zunehmen, daß die Leute, die das Automobil zum Anhalten brachten, aus der vor dem Eden-Hotel versammelten Men- schenmenge waren. Da sich der Kraftwagen vom Hotel aus nur langsam hatte in Bewegung setzen können, war es den Leuten möglich geworden, dem Wagen vorzueilen und ihm den Weg zu verlegen.

3. Rosa Luxemburgs letzter Artikel "Die Ordnung herrscht in Berlin"
Die Rote Fahne, Nr. 14, 14. Januar 1919 = Gesammelte Werke, hg. vom Institut für Marxismus-Leninismus bei ZK der SED, Bd. 4, Berlin-DDR 1987, S. 531 - 536;

"Ordnung herrscht in Warschau!" teilte der Minister Sebastiani im Jahre 1831 in der Pariser Kammer mit, als Suworows Soldateska nach dem furchtbaren Sturm auf die Vorstadt Praga in der polnischen Hauptstadt eingerückt war und ihre Henkerarbeit an den Aufständischen begonnen hatte.

"Ordnung herrscht in Berlin!" verkündet triumphierend die bürgerliche Presse, verkünden Ebert und Noske,verkünden die Offiziere der "siegreichen Truppen", denen der Berliner kleinbürgerliche Mob in den Straßen mit Tüchern winkt, mit Hurra zujubelt. Der Ruhm und die Ehre der deutschen Waffen sind vor der Weltgeschichte gerettet. Die jämmerlich Geschlagenen von Flandern und den Argonnen haben ihren Ruf wiederhergestellt durch den glänzenden Sieg - über die 300 "Spartakisten" im "Vorwärts". Die Zeiten des ersten ruhmreichen Eindringens deutscher Truppen in Belgien, die Zeiten Generals von Emmich, des Bezwingers von Lüttich, erblassen vor den Taten der Reinhardt und Gen. in den Straßen Berlins. Niedergemetzelte Parlamentäre, die über die Übergabe des "Vorwärts" verhandeln wollten und von der Regierungs-Soldateska mit Kolben bis zur Unkenntlichkeit zugerichtet wurden, so daß die Rekognoszierung ihrer Leichen unmöglich ist, Gefangene, die an die Wand gestellt und in einer Weise hingemordet werden, daß Schädel und Hirn herumspritzen: Wer denkt da noch angesichts so glorreicher Taten an die schmählichen Niederlagen vor den Franzosen, Engländern und Amerikanern? "Spartakus" heißt der Feind und Berlin der Ort, wo unsere Offiziere zu siegen verstehen, Noske, der "Arbeiter", heißt der General, der Siege zu organisieren weiß, wo Ludendorff versagt hat. Wer denkt da nicht an den Siegesrausch der "Ordnungs"meute in Paris, an das Bacchanal der Bourgeoisie auf den Leichen der Kommunekämpfer, derselben Bourgoisie, die eben erst vor den Preußen erbärmlich kapituliert und die Hauptstadt des Landes dem äußeren Feinde preisgegeben hatte, um selbst, wie die letzten Feiglinge, Fersengeld zu geben! Aber gegen die schlechtbewaffneten, ausgehungerten Pariser Proletarier, gegen ihre wehrlosen Weiber und Kinder - wie flammte da wieder der Mannesmut der Bourgeoissöhnchen, der "goldenen Jugend", der Offiziere auf! Wie tobte sich da die Tapferkeit der vor dem äußeren Feind zusammengeknickten Marssöhne in bestialischen Grausamkeiten an Wehrlosen, an Gefangenen, an Gefallenen aus! "Ordnung herrscht in Warschau!" "Ordnung herrscht in Paris!" "Ordnung herrscht in Berlin!" So laufen die Meldungen der Hüter der "Ordnung" jedes halbe Jahrhundert von einem Zentrum des weltgeschichtlichen Kampfes zum anderen. Und die frohlockenden "Sieger" merken nicht, daß eine "Ordnung", die periodisch durch blutige Metzeleien aufrechterhalten werden muß, unaufhaltsam ihrem historischen Geschick, ihrem Untergang entgegengeht. Was war diese letzte "Spartakuswoche" in Berlin, was hat sie gebracht, was lehrt sie uns? Noch mitten im Kampf, mitten im Siegesgeheul der Gegenrevolution müssen sich die revolutionären Proletarier über das Geschehene Rechenschaft ablegen, die Vorgänge und ihre Ergebnisse am großen historischen Maßstab messen. Die Revolution hat keine Zeit zu verlieren, sie stürmt weiter - über noch offene Gräber, über "Siege" und "Niederlagen" hinweg - ihren großen Zielen entgegen. Ihren Richtlinien, ihren Wegen mit Bewußtsein zu folgen ist die erste Aufgabe der Kämpfer für den internationalen Sozialismus.

War ein endgültiger Sieg des revolutionären Proletariats in dieser Auseinandersetzung, war der Sturz der Ebert-Scheidemann und eine Aufrichtung der sozialistischen Diktatur zu erwarten? Gewiß nicht, wenn man alle Momente reiflich in Betracht zieht, die über die Frage entscheiden. Die wunde Stelle der revolutionären Sache in diesem Augenblick, die politische Unreife der Soldatenmasse, die sich immer noch von ihren Offizieren zu volksfeindlichen gegenrevolutionären Zwecken mißbrauchen läßt, ist allein schon ein Beweis dafür, daß ein dauernder Sieg der Revolution in diesem Zusammenstoß nicht möglich war. Andererseits ist diese Unreife des Militärs selbst nur ein Symptom der allgemeinen Unreife der deutschen Revolution. Das platte Land, aus dem ein großer Prozentsatz der Soldatenmasse stammt, ist nach wie vor noch von der Revolution kaum berührt. Berlin ist bislang noch vom Reich so gut wie isoliert. Zwar stehen in der Provinz die revolutionären Zentren - im Rheinland, an der Wasserkante, in Braunschweig, in Sachsen, in Württemberg - mit Leib und Seele auf seiten des Berliner Proletariats. Doch fehlt vorerst noch der unmittelbare Gleichschritt des Vormarsches, die direkte Gemeinschaft der Aktion, die den Vorstoß und die Schlagfertigkeit der Berliner Arbeiterschaft unvergleichlich wirksamer gestalten würde. Sodann sind - was nur der tiefere Zusammenhang jener politischen Unfertigkeiten der Revolution - die wirtschaftlichen Kämpfe, die eigentliche vulkanische Quelle, die den revolutionären Klassenkampf fortlaufend speist, erst im Anfangsstadium begriffen. Aus alledem ergibt sich, daß auf einen endgültigen, dauernden Sieg in diesem Augenblick noch nicht gerechnet werden konnte. War deshalb der Kampf der letzten Woche ein "Fehler"? Ja, wenn es sich überhaupt um einen absichtlichen "Vorstoß", um einen sogenannten "Putsch" handeln würde! Was war aber der Ausgangspunkt der letzten Kampfwoche? Wie in allen bisherigen Fällen, wie am 6. Dezember, wie am 24. Dezember - eine brutale Provokation der Regierung! Wie früher das Blutbad gegen wehrlose Demonstranten in der Chausseestraße, wie die Metzelei gegen die Matrosen, so war diesmal der Anschlag gegen das Berliner Polizeipräsidium die Ursache aller weiteren Ereignisse. Die Revolution operiert eben nicht aus freien Stücken, in einem offenen Blachfeld, nach einem schlau von "Strategen" zurechtgelegten Plan. Ihre Gegner haben auch die Initiative, ja, sie üben sie in der Regel viel mehr als die Revolution selbst aus. Vor die Tatsache der frechen Provokation seitens der Ebert-Scheidemann gestellt, war die revolutionäre Arbeiterschaft gezwungen, zu den Waffen zu greifen. Ja, es war Ehrensache der Revolution, sofort den Angriff mit aller Energie abzuschlagen, sollten nicht die Gegenrevolution zu weiterem Vordringen ermuntert, die revolutionären Reihen des Proletariats, der moralische Kredit der deutschen Revolution in der Internationale erschüttert werden. Der sofortige Widerstand kam auch spontan mit einer so selbstverständlichen Energie aus den Berliner Massen heraus, daß gleich im ersten Anlauf der moralische Sieg auf seiten der "Straße" blieb. Nun ist es inneres Lebensgesetz der Revolution, nie beim erreichten Schritt in Untätigkeit, in Passivität stehenzubleiben. Die beste Parade ist ein kräftiger Hieb. Diese elementare Regel jeden Kampfes beherrscht erst recht alle Schritte der Revolution. Es versteht sich von selbst und zeugt von dem gesunden Instinkt, von der inneren frischen Kraft des Berliner Proletariats, daß es sich nicht bei der Wiedereinsetzung Eichhorns in sein Amt beruhigte, daß es spontan zur Besetzung anderer Machtposten der Gegenrevolution: der bürgerlichen Presse, des offiziösen Nachrichtenbüros, des "Vorwärts", schritt. Alle diese Maßnahmen ergaben sich bei der Masse aus der instinktiven Erkenntnis, daß sich die Gegenrevolution ihrerseits bei der davongetragenen Niederlage nicht beruhigen, sondern auf eine allgemeine Kraftprobe ausgehen wird. Auch hier stehen wir vor einem der großen historischen Gesetze der Revolution, gegen die alle Klügeleien und Besserwissereien jener kleinen "Revolutionäre" vom Schlage der USP zerschellen, die in jedem Kampfe nur nach Vorwänden zum Rückzug haschen. Sobald das Grundproblem der Revolution klar aufgestellt worden ist - und das ist in dieser Revolution der Sturz der Regierung Ebert-Scheidemann als des ersten Hindernisses für den Sieg des Sozialismus -, dann taucht dieses Grundproblem immer wieder in seiner ganzen Aktualität auf, und jede einzelne Episode des Kampfes rollt mit der Fatalität eines Naturgesetzes das Problem in seinem vollen Umfang auf, mag die Revolution zu seiner Lösung noch so unvorbereitet, mag die Situation noch so unreif sein. "Nieder mit Ebert-Scheidemann!" - diese Losung taucht unausweichlich in jeder Revolutionskrise auf als die einzig erschöpfende Formel aller partiellen Konflikte und treibt dadurch von selbst, durch ihre innere objektive Logik, ob man es will oder nicht, jede Kampfepisode auf die Spitze. Aus diesem Widerspruch zwischen der Zuspitzung der Aufgabe und den mangelnden Vorbedingungen zu ihrer Lösung in einer anfänglichen Phase der revolutionären Entwicklung ergibt sich, daß die Einzelkämpfe der Revolution formal mit einer Niederlage enden. Aber die Revolution ist die einzige Form des "Krieges" - auch dies ihr besonderes Lebensgesetz -, wo der Endsieg nur durch eine Reihe von "Niederlagen" vorbereitet werden kann! Was zeigt uns die ganze Geschichte der modernen Revolutionen und des Sozialismus? Das erste Aufflammen des Klassenkampfes in Europa, der Aufruhr der Lyoner Seidenweber 1831, endete mit einer schweren Niederlage; die Chartistenbewegung in England - mit einer Niederlage. Die Erhebung des Pariser Proletariats in den Junitagen 1848 endete mit einer niederschmetternden Niederlage. Die Pariser Kommune endete mit einer furchtbaren Niederlage. Der ganze Weg des Sozialismus ist - soweit revolutionäre Kämpfe in Betracht kommen - mit lauter Niederlagen besät.

Und doch führt diese selbe Geschichte Schritt um Schritt unaufhaltsam zum endgültigen Siege! Wo wären wir heute ohne jene "Niederlagen", aus denen wir historische Erfahrung, Erkenntnis, Macht, Idealismus geschöpft haben! Wir fußen heute, wo wir unmittelbar bis vor die Endschlacht des proletarischen Klassenkampfes herangetreten sind, geradezu auf jenen Niederlagen, deren keine wir missen dürften, deren jede einTeil unserer Kraft und Zielklarheit ist. Es ist da mit Revolutionskämpfen das direkte Gegenteil der parlamentarischen Kämpfe. Wir hatten in Deutschland binnen vier Jahrzehnten lauter parlamentarische "Siege", wir schritten geradezu von Sieg zu Sieg. Und das Ergebnis war bei der großen geschichtlichen Probe am 4. August 1914 eine vernichtende politische und moralische Niederlage, ein unerhörter Zusammenbruch, ein beispielloser Bankerott. Die Revolutionen haben uns bis jetzt lauter Niederlagen gebracht, aber diese unvermeidlichen Niederlagen häufen gerade Bürgschaft auf Bürgschaft des künftigen Endsieges. Allerdings unter einer Bedingung! Es fragt sich, unter welchen Umständen die jeweilige Niederlage davongetragen wurde, ob sie sich dadurch ergab, daß die vorwärtsstürmende Kampfenergie der Massen an die Schranke der mangelnden Reife der historischen Voraussetzungen geprallt, oder aber dadurch, daß die revolutionäre Aktion selbst durch Halbheit, Unentschlossenheit, innere Schwächen gelähmt war. Klassische Beispiele für beide Fälle sind einerseits die französische Februarrevolution, andererseits die deutsche Märzrevolution. Die heldenmütige Aktion des Pariser Proletariats im Jahre 1848 ist der lebendige Quell der Klassenenergie für das ganze internationale Proletariat geworden. Die Jämmerlichkeiten der deutschen Märzrevolution hingen der ganzen modernen deutschen Entwicklung wie eine Fußkugel an. Sie wirkten durch die besondere Geschichte der offiziellen deutschen Sozialdemokratie bis in die jüngsten Vorgänge der deutschen Revolution, bis in die eben erlebte dramatische Krise nach. Wie erscheint die Niederlage dieser sogenannten "Spartakuswoche" im Lichte der obigen historischen Frage? War sie eine Niederlage aus stürmender Revolutionsenergie und unzulänglicher Reife der Situation oder aber aus Schwächlichkeit und Halbheit der Aktion? Beides! Der zwiespältige Charakter dieser Krise, der Widerspruch zwischen dem kraftvollen, entschlossenen, offensiven Auftreten der Berliner Massen und der Unentschlossenheit, Zaghaftigkeit, Halbheit der Berliner Führung ist das besondere Kennzeichen dieser jüngsten Episode. Die Führung hat versagt. Aber die Führung kann und muß von den Massen und aus den Massen heraus neugeschaffen werden. Die Massen sind das Entscheidende, sie sind der Fels, auf dem der Endsieg der Revolution errichtet wird. Die Massen waren auf der Höhe, sie haben diese "Niederlage" zu einem Glied jener historischen Niederlagen gestaltet, die der Stolz und die Kraft des internationalen Sozialismus sind. Und darum wird aus dieser "Niederlage" der künftige Sieg erblühen. "Ordnung herrscht in Berlin!" Ihr stumpfen Schergen! Eure "Ordnung" ist auf Sand gebaut. Die Revolution wird sich morgen schon "rasselnd wieder in die Höh' richten" und zu eurem Schrecken mit Posaunenklang verkünden: Ich war, ich bin, ich werde sein!







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